Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 sächlich geschaffen werde, mögen die Deutschen für die Errichtung derselben in Triest stimmen, weil ja die Regierung nie und nimmer die Errichtung einer italienischen Hochschule in Triest genehmigen werde. Es ist wirklich schwer, einen zynischeren Lumpenstreich auszudenken. Das ist die Moral des Blattes, das von vielen Juden noch heute leidenschaftlich gelesen wird, auf welches, sie schwören wie auf die Bibel, welches ihnen als geistiger Berater und Führer gilt. * , * Der Kaiser in Bosnien. Anläßlich seines Besuches in Bosnien empfing der Kaiser neben den Vertretern aller Konfessionen auch die Repräsentanten der spaniolischen und österreichischen Kultusgemeinden der annektierten Provinzen. Der Sprecher der sephardischen Kultusgemeinde, Landtagsabgeordneter Salom, hielt eine Huldigungsansprache, in welcher er dem Kaiser im Namen seiner Kultusgemeinde „die Gefühle unbegrenzter kindlicher Liebe und unwandelbarer Untertanentreue“ unterbreitete. Der Kaiser antwortete: „Ich danke Ihnen für den Mir kundgegebenen Beweis Ihrer Treue uni( Anhänglichkeit an Mich und Mein Haus und versichere Sie Meiner steten Gnade und Huld. Ich danke Ihnen für die zum Ausdrucke gebrachten Gefühle und bin überzeugt, daß Ihre Gemeinde, die so viel Treue und Anhänglichkeit für ihre angestammte Sitte erwiesen hat, auch für Land und Herrscher stets Treue und Liebe bewahren wird.“ Dem Führer der Deputation der österreichischungarischen Israeliten, Oberrabiner Dr. Weszel, antwortete der Kaiser auf seine Ansprache: „Empfangen Sie Meinen Dank für Ihre Huldigung und und seien Sie überzeugt, daß Ich auf Ihre Mitwirkung an der Hebung des Wohlstandes dieser Länder zähle. Ihre Mir bekannte Anhänglichkeit an Mich und Mein Haus sichert Ihnen Mein dauerndes Wohlwollen.“ * * * Die polnischen Judenknechte. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die polnische national-demokratische Partei in .Ga-, lizien sich auf derselben antisemitischen Bahn bewegt, auf der diese Partei in Russisch-Polen schreitet, so ist dieser Beweis anläßlich der am 22. und 23. Mai d. J. in Lemberg stattgefundenen Konferenz obengenannter Partei erbracht worden. Wir wollen davon absehen, daß die Wortführer dieser Konferenz Pater Stojalowski und Dobia waren, beide ausgesprochene Judenfeinde ärgster Sorte. Wir möchten nur hervorheben, daß an dieser Konferenz keiner der jüdischen Delegierten, auch nicht die jüdischen Abgeordneten Gold und Gail, welche auf das polnische national-demokratische Programm ins Parlament zogen, teilgenommen haben, weil sie seitens der Konferenz — nicht zugelassen wurden. Diese Tatsache spricht Bände. Sie beweist, daß das mit den Klerikalen und prononzierten Antisemiten geschlossene Bündnis kein zufälliges war, daß die scheußlichen Hetzartikel des nationaldemokratischen Organs „Slowo Polskie“ nur vorwandsweise gegen Zionismus und Zionisten, tatsächlich aber gegen alle Juden, ohne Rücksicht auf Parteischattierung, losgehen, und schließlich beweist dieses Faktum klipp und klar, daß es die Tendenz dieser Partei ist — „judenrein“ zu werden! Ob dies die Judenknechte begreifen und daraus die Konsequenzen ziehen werden? * * * Eliza Orzeszko gestorben. In Grodno verschied am 18. Mai d. J. die berühmte polnische Schriftstellerin Eliza Orzeszko im Alter von 68 Jahren. Sie war eine der fruchtbarsten und beliebtesten Romandichterinnen der Gegenwart. Einen bedeutenden Platz in ihrer literarischen Produktion nehmen ihre Romane aus dem jüdischen Leben ein, namentlich „Meir Ezofowicz“ (1877), „Eli Makower“ (1875), „Gedalie“ u. a., in denen sie jüdische Typen aus Polen und Litauen mit gioßem Verständnis für die Regungen der jüdischen Seele schildert. Als sie im Jahre 1907 das Jubiläum ihrer 40jährigen literarischen Tätigkeit beging, da war ihr Ehrentag ein Festtag für die gesamte polnische Gesellschaft, und auch die Juden nahmen an der Feier lebhaften Anteil. Eliza Orzeszko sah übrigens die Juden nicht nur mit dem Auge der Künstlerin an, sondern sie nahm auch menschlichen Anteil an ihren Leiden und Hoffnungen und bekundete insbesondere Interesse für die national-kulturellen Bestrebungen im modernen Judentum. Bereits im Jahre 1882, zur Zeit der ersten Pogrome in Rußland, schrieb sie eine Broschüre „Ueber Juden und Judenfrage“, in der sie die Rechte der Juden in sehr entschiedener Weise verfocht und ihrem tiefen Schmerz und Abscheu über die menschenunwürdige Behandlung Ausdruck gab, die man dem jüdischen Volk zuteil werden lasse. Ihr Tod rief in der russisch-jüdischen Intelligenz tiefempfundene Trauer hervor. Mehrere jüdische Gemeinden und Vereine entsandten Vertreter nach Grodno, um der polnischen Judenfreundin die letzten Ehren zu erweisen. Die polnischen Chauvinisten begingen nun die unglaubliche Taktlosigkeit, am Grabe dieser edlen Frau ihren zoologischen Nationalismus an den Tag zu legen. Das Begräbniskomitee, das sich aus polnischen Hyperpatrioten zusammensetzte, lehnte eine hebräische Ansprache des Vertreters der Grodnoer Juden ab und ließ auch L. Jaffe, den Vertreter des zionistischen „Rasswjet“, nicht zu Worte kommen. Talmi-Jäger. (Zur Jagdausstellung in Wien.) Nein, mein Herr, ich müßte lügen! Ich empfinde, wie gesagt, An der Jagd gar kein Vergnügen, Denn ich hab’ noch nie gejagt; Meinetwegen können eben Alle Viecher weiterleben, In dem Wald, am Felsengrat Oder im Gemeinderat . . . Aber — dessen ungeachtet Liebe ich das grüne Wams, Von dem Schießgewehr befrachtet, Und am Hut den Bart der Gams; Allerdings wird mir malade, Wenn ich auf der Esplanade, Oder auf der Hauptallee Solcherlei Gestalten seh’! Denn ich habe eine Stimme, Welche innerlich besagt, Daß solch’ Jüngeling im Grimme Bestenfalles Flöhe jagt; Und zu diesem edlen Waidwerk Braucht man absolut kein Kleidwerk Und der Büchs’ ist vorzuziehen, Eine Büchse Z a c h e r 1 i n! Doch in allen Lebensrollen Finden sich die Mimen ein, Welche etwas scheinen wollen Ohne jemals es zu sein! Deutsche, Engländer, Norweger, Sportmen, Künstler oder Jäger Die für die Erkenntnis blind, Daß sie doch nur Affen sind! Beda. Maxim Anin: „Die Nationalitätenprobleme der Gegenwart.“ Bis vor einigen Jahren gab es keine geeignete Literatur über das österreichische Problem. Das im Jahre 1869 erschienene Werk Adolf Fischhofs: „Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes“, war das einzige, welches die österreichische Nationalitätenfrage von einer höheren Warte aus behandelte. Bei aller Würdigung der historischen Bedeutung dieser Schrift, muß doch betont werden, daß sie in mehreren Punkten durch die Entwicklung überholt ist. Den von Adolf F i s c h h o f aufgenommenen Gedanken der nationalen Föderalisierung des Reiches haben erst in der jüngsten Vergangenheit Rudolf Springer und AurelPopovici — jeder nach seiner Art — weitergesponnen und zum Gegenstände grundlegender Betrachtungen gemacht. Auf den Grundprinzipien dieser beiden Autoren fußt die vor kurzem erschienene staatsrechtlichpolitische Studie von Maxim Anin: „Die Nationalitätenprobleme der Gegenwart.“ Nach einer kurzen Betrachtung über Nation und Staat im allgemeinen, behandelt der Verfasser dieser Schrift die Nationalitätenfrage in der Schweiz, Oesterreich, Rußland, in der Türkei und schließch auch die Judenfrage. Die Anschauungen des Autors über die österreichische Nationalitätenfrage, über die geschichtlichen Aufgaben des Donaureiches und über die ihm allein entsprechende Reichsverfassung decken sich vollkommen mit den so oft in der „Jüdischen Zeitung“ darüber geäußerten Ansichten. Maxim A n i n wendet sich gegen die unrichtige Behauptung, daß Oesterreich ein Produkt historischer Zufälligkeiten und dynastischer Vereinigungen sei und weist deren Oberflächlichkeit folgendermaßen zurück: „Wie verschiedenartig die historischen Schicksale der heutigen Bestandteile der Monarchie auch sein mögen, verbindet sie doch alle seit Jahrhunderten ein mächtiger politischer Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch ihre ganze Geschichte zieht und die dauernd-historische raison d’etre des Reiches ausmacht. Dieser Gedanke ist — die Vermittlung zwischen dem kulturellen Okzident und dem halbzivilisierten Orient und die Schaffung menschenwürdiger politischer Daseinsbedingungen auf diesem polyethnischen Grenzgebiete. Das bildet die historische Reichsidee der österreichisch-ungarischen Monarchie. Hat sie die erste Hälfte diesei Mission mit mehr oder weniger gutem Erfolge erfüllt, so kann dies vorläufig von der zweiten Hafte nicht gesagt werden. Dies bildet nun ihre nächste Aufgabe; denn nur das einheitliche Reich ist imstande, dem verderblichen nationalen Hader ein Ende zu machen und jeder der Nationen, die allein unmöglich politisch selbständig fortbestehen können, die Möglichkeit freier Entwicklung zu gewähren.“ „Daß der heutige staatsrechtliche Zustand für die Dauer nicht haltbar ist, wird von niemand mehr bezweifelt. Das Reich muß vom Grund aus umgebaut werden, soll es überhaupt welche Zukunft haben. Wo soll nun aber diese gründliche Umgestaltung beginnen? Selbstverständlich dort, woran das Reich am stärksten krankt. Der gefährlichste Feind der Reichsidee ist aber bekanntlich der Dualismus. Deshalb muß seine Ueberwindung den ersten Schritt zur Wiedergeburt der Monarchie bilden.“ „Der Bundesstaat ist die einzig mögliche Staatsform für Oesterreich-Ungarn.“ „Neben der Ueberwindung des unheilvollen Dualismus“ erblickt auch Maxim A n i n in der Beteiligung der noch heute bestehenden „Kronländer und Königreiche“, dieser ständigen Quelle der zentrii fugalen, irredentistischen Bestrebungen und der rücksichtslosen Majorisierung zahlreicher nationaler Minderheiten die notwendige Voraussetzung einer positiven Lösung des österreichisch-ungarischen Problems.“ Wie diese Ausführungen zeigen, ist also Maxim An in ein entschiedener Vertreter der nationalautonomistischen Reichsidee. Er tritt für eine zweckmäßige Kombination des Personal- und Territorialprinzipes ein: In ersterem sieht er die notwendige Ergänzung und Korrektur des letzteren in Gebieten stärkerer Mischung. Das Personalitätsprinzip ist für ihn ferner ein Mittel zur Konstituierung der Minoritäten, insbesondere der Juden. Die Lösung des Problems erblickt aber der Autor in der territorialen Abgrenzung der Nationen und ihrer Konstituierung als autonome mehr oder weniger national-homogene Gliedstaaten. Hie und da aber blieben noch stark gemischte Sprachgebiete, sowie eine bedeutende Anzahl von Sprachinseln. Für diese kommt nun das Personalitätsprinzip als einziges Mittel der nationalen Abgrenzung in Anwendung. Diese soll geschehen im Wege der Konstituierung dieser Nationsfragmente auf Grundlage von nationalen Matrikeln, als juristische Personenverbände, denen der österreichische Staat volle Autonomie in der Regelung der spezifisch-nationalen Angelegenheiten gewährt. Maxim An in warnt vor einer „vorbehaltslosen Uebertragung der Forderung national-personeller Autonomie, wie sie für die Nationalen Oesterreich-Ungarns vorgeschlagen worden ist, auf die Juden, gleichwol gehören seiner Anschauung nach der Kampf für die bürgerlich-politische Voll- und