Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 22 Epilog zur bosnischen Landtagswahl. Der Optimismus, der mich leitete, als ich den Artikel: „Das jüdische Mandat in Bosnien“ schrieb, war unberechtigt. Ich gestehe es mit tiefer Beschämung: Wir haben alle Ursache unzufrieden zu sein. Von allen Seiten ist gesündigt worden. Kein einheitlicher Zug, kein großer leitender Gedanke, keine Liebe zur großen Sache, keine Brüderlichkeit. Kein Versuch wurde unternommen, die Vergebung des jüdischen Mandates als eine feierliche einmütige Manifestation des jüdischen Volkes in Bosnien zu gestalten. Im Einvernehmen mit der gesamten Judenschaft des Landes hätte der Kandidat aufgestellt und gewählt werden müssen, kraft seiner geistigen und moralischen Fähigkeiten, seiner Güte, Liebe und Treue zum jüdischen Volke. Es kam leider anders. Statt der Einmütigkeit trat ein häßlicher Gegensatz zwischen Sepharden und Askenasen zutage. Es wurden zwei Kandidaten aufgestellt, ein Wahlkampf inszeniert, der von Haus aus für die Askenasen aussichtslos war. Die Aufstellung der askenasischen Kandidaten war ein Protest gegen das unkluge Verhalten der Sepharden. Weil sie die Macht in der Hand hatten, ihren Kandidaten mit überwiegender Majorität durchzubringen, hatten sie die Pflicht, jeden Anschein zu meiden, als ob sie auf die Stimmen und die Stimmung deT Askenasen nicht Rücksicht zu nehmen braudien. Sie waren verpflichtet ein Einvernehmen zu pflegen, da im Einvernehmen mit den askenasischen Juden der Kampf für die Erlangung des Mandates geführt wurde. Die Aufstellung des askenasischen Kandidaten war gewiß nur als Protest gedacht, denn es ist nicht anzunehmen, daß die Askenasen so unklug waren, nur an die Möglichkeit des Durchbringens ihres Kandidaten zu denken. In der Form des Protestes haben sie jedoch gefehlt, er wäre eindringlicher gewesen, wenn sie keinen Gegenkandidaten aufgestellt, wenn sie Wahlenthaltung empfohlen und geübt, wenn sie den häßlichen Wahlkampf vermieden hätten. Wir Jüdisch-Nationale müssen hier ganz entschieden betonen, daß beide Kandidaten nicht u n s e r e Kandidaten wpren. Weder -Herr Josua D. Salom, noch Herr Dr. Rothkopf können als Jüdisch-Nationale betrachtet werden, trotzdem beide in ihren Wahlaufrufen wiederholt von der Vertretung der Interessen des jüdischen Volkes reden. Die Stimmen, die Dr. Rothkopf erhielt, sind ihm im Sinne eines Protestes gegeben worden, nicht aber in Anerkennung seiner politischen, nationalen und religiösen Gesinnung, und Herr Salom wurde nicht gewählt, weil er der beste, der hervorragendste Jude unter den Sepharden ist, sondern, weil er der Reichste, Vermögendste und Einflußreichste unter ihnen ist. Die Juden von Bosnien haben die von Als er seine Bitte vorgetragen hatte, lachte ihn sein ehemaliger Freund aus, gab ihm die Belehrung, daß er sich einer ganz gewöhnlichen Bettelei wegen, die, übrigens nicht übel erfundene Geschichte, hätte ersparen können und wies mit nicht mißzuverstehender Geste nach der Türe. Der Kluge erfaßte Hut und Stock, und ging. An der Tür aber wandte er sich noch einmal um, sah seinen reichen Freund mit trauriger Miene an, und sagte in wehmütigem Tone: „Du tust mir leid, aber ich kann dir nicht helfen. In zwölf Stunden wirst du sterben!“ Und weg war er. Der Dumme, der natürlich seinen Freund sofort erkannte und sich durch seine Verstellung lediglich den sonst unausbleiblichen Folgen eines solchen Besuches entziehen wollte, lachte über die letzte Bemerkung seines ehemaligen Freundes laut auf und wandte sich dann seinen unterbrochenen Arbeiten zu. Aber die Arbeit ging ihm heute nicht wie sonst von statten. Immer wieder mußte er an die letzte Bemerkung des Klugen denken. Das Gabelfrühstück wollte ihm durchaus nicht munden. Er suchte sich die Sache auf alle mögliche Weise auszureden. Doch was halfs? Als er mit seinen Ueberlegungen eben fertig war, schlug die Wanduhr und eisiger Schauer überlief ihn bei dem Gedanken, daß er die Uhr vielleicht nur mehr eii'mal werde schlagen hören. Zu Mittag hatte seine Aufregung den Höhe- Sarajewo ausgegebene Parole ohne Ueberlegung be- . folgt, allein nicht Liebe, sondern Trotz leitete sie. Warum wurde der Sieg, der doch kein Sieg war, höhnisch triumphierend publiziert? Warum wurde der bedauerliche Bruderkampf nach berühmtem Muster zum Kampfe der Domaci mit den Kuferasen gestempelt? Warum wurde der Kampf um das Mandat zur Machtfrage? Warum verschwand die sympathische Kandidatur des Sepharden Dr. Vita A1 k a 1 a y, der auch yon den Askenasen warm begrüßt wurde? Eine Serie von Unterlassungssünden müssen festgestellt werden — ein bitterer Nachgeschmack liegt dem, Epilog zu Grunde, den ich schreibe. Auch einige Richtigstellungen sind vorzunehmen, zu denen mich die „Zidovska Smotra“ vom 25. Mai d. J. veranlaßt. Die „Smotra“ ist unser Parteiorgan, nicht das Organ der Sepharden allein, sondern das der Jüdisch-Nationalen, woran sie in der letzten Nummer vergessen zu haben scheint. Herr Salom ist nicht von unserer Partei. Die Jüdisch- Nationalen haben in der wichtigen Wahlangelegenheit völlig versagt. Es wurde gar nichts unternommen, keine Direktiven gegeben, nicht einmal der schüchterne Versuch gemacht, einen Einfluß auszuüben, zur Geltung zu kommen, trotzdem eigentlich wir prädestiniert waren und sind, in einer das ganze Land betreffenden jüdischen Angelegenheit zu Worte zu kommen. Wir haben in allen Orten des Landes Vertrauensmänner und Gesinnungsgenossen, wir haben unser Preßorgan, wir allein sind in Bosnien als Juden organisiert. In Anbetracht dieser Umstände, hätten wir zumindestens verlangen können, daß der Kandidat im Einvernehmen mit uns aufgestellt werde, daß der Kandidat unser Parteiprogramm, welches ja für jeden jüdischen Abgeordneten akzeptabel ist, annimmt oder unterstützt. Ueber dieses Programm habe ich in der Nummer 7 der „Smotra“ geschrieben und keinen Widerspruch gefunden. Wir treten ja in dieser Sache nicht als Zionisten, sondern als Jüdisch-Nationale auf und als ausgesprochener Jüdisch-Nationaler hätte der Abgeordnete auftreten müssen, wie auch die anderen Wähler in Bosnien nur nationale Kandidaten gewählt haben, während die religiösen Kandidaten nicht gewählt wurden. Unsere Leitung in Sarajevo, hat die Gesinnungsgeonssen in der Provinz völlig desorientiert gelassen. Wir haben von Tag zu Tag auf ein Lebenszeichen von Sarajevo gewartet. Und nach der Wahl schreibt unser Blatt, die „Smotra“, so, als ob wir einen Sieg errungen hätten .. . Nebstbei scheint sie der Ansicht zu sein, als ob die Sepharden in Bosnien bessere Jüdisch-Nationale sind als die Askenasen. Ich gebe zu, daß die Askenasen als Juden in nationaler Hinsicht viel zu wünschen übrig lassen, wenn es aber gilt für jüdische Brüder zu geben, jüdische Zwecke zu unterstützen, das goldene jüdische Herz zu betätigen, stehen sie den Sepharden ——BB——«1 punk erreicht Er beschloß, sich um jeden Preis Gewißheit zu verschaffen, versah sich mit einer beträchtlichen Geldsumme und ging den unheimlichen Freund suchen. Lange Zeit waren seine Bemühungen vergeblich. Endlich fand er ihn in einer ärmlichen Herberge bei einem frugalen Mittag. Er bat den Klugen um Verzeihung für den Scherz, den er sich mit ihm am Vormittag erlaubt, er habe ihn natürlich sogleich erkannt, er freue sich, ihm eine kleine Gefälligkeit erweisen zu können, und übergab ihm die gewünschte Summe. Der Kluge steckte das Geld mit gleichgültiger Miene ein und begann vom Wetter zu sprechen. Doch der Dumme fand an diesem Thema kein Gefallen. Er unterbrach seinen Freund und sagte: „Wenn ich mir mit dir heute einen Spaß erlaubte, indem ich mich stellte, als ob ich dich nicht kennen würde, so hast du dich gut revanchiert, indem du mir witzig prophezeitest, daß ich in zwölf Stunden sterben würde.“ „Warum sollte das ein Witz gewesen sein?“ versetzte der Kluge trocken. „Du wärest innerhalb zwölf Stunden gestorben!“ „Also werde ich es jetzt nicht mehr?“ fragte der reiche Freund sichtlich erfreut. Erkläre mir doch, bitte, den Sinn deiner Worte!“ „Warum nicht?“ antwortete der Kluge bereitwillig. „Du weißt, daß ich nach Auflösung unsrer gar nicht nach, wenn sie nicht noch mehr als diese leisten. Ich lese die Spendenausweise des Nationalfonds und da finde ich verhältnismäßig mehr Spenden von Askenasen, als von Sepharden. Herr Jesua D. Salom, der allein einen ganzen Oelbaumwald pflanzen, der Großaktionär aller jüdisch-nationalen Institute sein könnte, ist unter den Spendern nicht zu finden. Wie müßten unsere Spendenausweise aussehen, wenn die Sepharden ihre Pflicht nur so lässig erfüllen würden, wie die Askenasen? Es tut mir leid, daß ich zu dieser Auseinandersetzung gezwungen bin. Ich hatte gehofft, daß die bosnische Wahl eine einmütige Kundgebung der bosnischen Juden bringen werde. Es wurde viel gesündigt, von allen Seiten gesündigt. Möge aus den Fehlern gelernt werden, was in Zukunft zu tun, was zu unterlassen ist. Herr Jesua D. Salom zieht als jüdischer Abgeordneter in den bosnischen Landtag ein. Eine große Aufgabe hat er zu erfüllen, eine große Verantwortung ruht auf ihm. Im Interesse unseres Volkes wünsche ich aufrichtigst, daß er sich völlig bewähre, daß er bei der nächsten Wahl freudig begrüßt, von allen Juden einstimmig wieder gewählt werden könne. Söhne eines Volkes sind wir, mit einer gemeinschaftlichen Vergangenheit und was wesentlich ist, mit einer gemeinschaftlichen Zukunft. In uns, in unseren Händen liegt es, diese gemeinschaftliche Zukunft gut zu gestalten. Prijedor, 29. Mai 1910. Gustav Seidemann. Von der Woche. Aus der „Neuen Freien Presse“. Um sich die Stimmen der Italiener zu sichern, hatte die Regierung unter Zustimmung aller Deutschen vor ca. zwei Jahren das feierliche Versprechen abgegeben, die Errichtung der italienischen Rechtsfakultät, etc. — die in Innsbruck früher bestehende ist bekanntlich von deutschen Radaubrüdern demoliert worden — „energisch“ zu betreiben. Die Italiener haben angebissen und getreulich und blindlings in allen Fragen für die Regierung, resp. die Deutschen gestimmt. Nun werden die Italiener ungeduldig und dringen auf Erfüllung der Zusage. Die Deutschen, die es wohl mit ihrem Versprechen nie ernst gemeint haben, sind in großer Verlegenheit und wissen nicht recht, wie sie sich um die Sache herumdrücken könnten. Aber der Nothelfer aller politischen Gauner und Fälscher, die „Neue Freie Presse“ weiß trefflichen Rat. In diesem unfehlbaren Nachschlagewerk für Intriganten und Rechtsverdreher wird folgende Parole ausgegeben: Die Deutschen müssen ihr Versprechen einlösen und für die italienische Rechtsfakultät stimmen. Um aber zu verhindern, daß sie tat- Kompagnie nach Dingsda gieng, wo ich vom Unglück verfolgt, bald mein ganzes Geld verlor und schließlich um mein Leben zu fristen, eine Dieneistelle bei der Chevra-Kadischa annahm-.“ „Aber Du schweifst ja ganz von meiner Frage ab“ wandte der Dumme nervös ein. „Im Gegenteil, ich bin ganz bei der Sache; gedulde Dich nur. Die Chevra-Kadischa wird, wie Du weist, gewöhnlich dann alarmiert, wenn jemandes letztes Stündlein geschlagen hat. Manchmal aber auch vorzeitig, ohne daß dem Kranken eine unmittelbare Gefahr droht. Nun haben aber die Mitglieder meines Vereines ein durch langjährige Erfahrung bewährtes Kennzeichen, ob eine Gefahr vorliegt oder nicht. Erkennt nämlich der Kranke noch seine Freunde und Bekannten, dann stehts noch nicht so schlimm um ihn; erkennt er sie aber nicht, dann pflegt er, wie eine alte Erfahrung lehrt, die nächsten zwölf Stunden nicht mehr zu überleben. Und an diesen alten bewährten Erfahrungsatz dachte ich, als ich Dir heute vormittags Deinen Tod voransagte, denn auch Du hast mich nicht erkannt. Jelzt aber kannst Du völlig beruhigt sein. Du hast ja Deinen Freund wieder erkannt und nicht hart von Dir gewiesen, wie heute Vormittag. Der Kranke hat also wieder das Bewußtsein erlangt und der Engel des Todes weicht von ihm-.“