Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JinGCHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige *****«***•»**•»*•» Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ***•*•*■»-»**■»* ■»*•** Nr. 22. Wien, Freitag den 3. Juni 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Arbeiterzeitungsjuden. Epilog zu den bosnischen Wahlen. Die polnischen Judenknechte. Die Nationalitätenprobleme der Gegenwart. Talmi-Jäger. Gedicht von Beda. Oppenheimer über die Siedlungsgenossenschaft. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. SporL Arbeiterzeitungsjuden. Obwohl den Juden Oesterreich-Ungarns schon seit geraumer Zeit volle Freizügigkeit gewährleistet ist, wagen sich viele von ihnen nur in dichter Vermummung an das Licht der Oeffentlichkeit. So begegnen wir diesseits der Leitha seltsamen Gestalten, Heil rufend, mit Bärenfellen geschmückt. Es sind Israeliten, die sich zur germanischen Abstammung „bekennen“. Andere wieder haben sich jenseits der Leitha freiwillig und begeistert einem ständigen Kostümzwang unterworfen. In goldverschnürter Attila stolzieren sie umher. Der zu diesem Kostüm passende Name ist dort gegen Erlag der skalamäßigen Stempelgebühr erhältlich. Und dies,- und . jenseits . der Leitha ist noch manch anderer' Narr'enhaufe anzutreffen. Am drolligsten geberdet sich eine Gruppe im Kostüm der roten Internationale. Sie ist gleichzeitig die frechste, weil sie sich am sichersten fühlt. Sie glaubt die beste Verkleidung gewählt, ihr Judentum am sichersten versteckt zu haben. Ueberall treiben Narren aus diesen verschiedenen Gruppen ihr Unwesen. Am tollsten treiben sie es in der Presse. Die in Oesterreich-Ungarn so grandios geübte Fälschung der öffentlichen Meinung ist zum großen Teile solcher Narren Werk. Bei all dem ist der bürgerliche, der „liberale“ Zeitungsschmock infolge einer gewissen Naivität und Gutmütigkeit noch halbwegs erträglich. Unsagbar widerlich bleibt aber Wann die Erinnerung erwacht. Eine kleine Geschichte von Rosa Nehmer. Irgendwo wuchsen zwei Judenbuben als Nachbarskinder heran. Tagsüber spielten sie miteinander im Freien oder in der Stube. Als sie in die Schule kamen, setzten sie sich in eine Bank und hielten treue Kameradschaft. Wußte der eine auf Frage keine Antwort, so wußte sie der andere auch nicht. Beim ersten Aepfeldiebstahl wurden beide ertappt. Sie waren wirklich homogene Seelen. Nach Absolvierung der Schulen gingen sie in ein Geschäft in die Lehre. Sie eigneten sich dieselben Geschäftstriks an und eröffneten nach Beendigung ihrer Lehrzeit ein ähnliches Geschäft — selbstverständlich in Kompagnie. Redlich ward Arbeit und Verdienst geteilt. So lebten sie in Frieden und Harmonie. Solange sie ledig waren. Denn sofort, nachdem sie geheiratet hatten, war die Ruhe und Einigkeit beim Teufel. Die Frauen, aufeinander eifersüchtig, hetzten ihre Männer. Es gab Zank und Streit, Zwist und Hader. der rot vermummte Haus- und Redaktionsjude der Sozialdemokratie, denn er ist durchaus bösartig. Sonst weisen die beiden, der bürgerliche und der rot livrierte Redaktionslakai, sehr viele gleiche Züge auf. Nebst der ständigen Furcht erkannt zu werden (welche schließlich jedem Maskierten eigen ist) beherrscht die beiden noch eine gemeinsame Furcht. Der Zionismus ist ihnen ein Greuel, ein Schreckgespenst. Ihn hassen sie aus tiefster Seele, denn in ihm wittern sie die größte Gefahr für die eigene, jämmerlich verlogene Existenz. Und dieser Haß ist echt. Er ist vielleicht das einzige ehrliche Gefühl, dessen die beiden Schmöcke fähig sind. Während aber der liberale scheu um den Zionismus schleicht, ihm, wo er nur kann, ausweicht, wird der internationale bei jeder Gelegenheit aggressiv. Er nimmt den Kampf auf. Aber wie. Ihm genügt eine einzige Waffe: die freche, nackte, schamlose Lüge. Ihr könnt tausendmal behaupten und beweisen, daß der Zionismus eine nationale und keine religiöse Bewegung ist. Der Arbeiterzeitungsjude wird ebenso oft wiederholen: Ihr seTd^dfr-atleTreaktionärsten, religiösen Fanatiker. Man gestatte einen Vergleich. Ihr habt beispielsweise einen Gegner, der Euch nicht nahe kann, weil Ihr makellos dasteht. Des Gegners Position ist aber durch Euch gefährdet. Darum müßt Ihr unbedingt bekämpft, verleumdet, herabgesetzt werden. Um jeden Preis. Also geht der Gegner her und behauptet schlankweg: Ihr seid Diebe. Das Stehlen ist Euer Handwerk, i Was nützt Euch der Nachweis Eurer Ehrlichkeit? Er hat ja Euch nicht des Diebstahls bezichtigt, weil er an Eure Schuld glaubt, sondern weil er Eure Ehrlichkeit nicht brauchen kann, weil sie ihm gegen den Strich geht. Schließlich entschloß sich der Klügere von beiden, nachzugeben. Er löste das Gesellschaftsverhältnis und, um seinem alten, treuen Freund keine Konkurrenz zu machen, zog er von Irgendwo nach Dingsda. Den Dümmeren, der in Irgendwo zurückblieb, begünstigte natürlich das Glück. Er behielt das alte, gut eingeführte Geschäft, während sein kluger Freund in Dingsda von neuem anfangen mußte und sein Geld zwar langsam, aber konsequent anbaute. Er versuchte alles mögliche, aber alles ging fehl. Schließlich kam er so herab, daß er glücklich war, als er bei der Chevra-Kadischa als Diener angestellt wurde. Das war sehr traurig für ihn, doch hatte er ja den Trost, daß er der Klügere gewesen. Um das Unglück voll zu machen, hatte unser Kluge eine Tochter, die in dem Alter stand, in dem jeder ordentliche Vater seine Tochter verheiraten will. Und das wollte auch unser Kluge, aber er wußte gleichzeitig, daß zum Heiraten nach einem berühmten Muster drei Sachen gehören, nämlich: Geld, wiederum Geld und nochmals Geld. Von diesen drei Sachen hatte er aber nicht einmal eine. Er beschloß also seinen reichen Freund in Irgendwo aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. Der Entschluß kostete ihm nicht wenig Ueberwindung, denn er schämte sieb, vor seinem einstigen Kompagnon als Und mit solchen Leuten wollt Ihr rechten? Das wäre ebenso aussichtslos als eine Debatte mit irgend einem Gassenjungen, der Euch durch Grimassen hinter Eurem Rücken zu verhöhnen sucht. Würdig der Waffen, deren sich der Arbeiterzeitungsjude im Kampfe gegen den Zionismus bedient, ist die Taktik unserer rotgeschminkten Helden im Verteidigungskriege. Es wird z. B. heute irgendwo an maßgebender Stelle behauptet, die Arbeiterzeitung sei verjudet. Als Gegenbeweis erscheint morgen ganz sicher ein antisemitelnder Artikel. Man gestatte nochmals einen Vergleich. Einem Australneger wird der Vorwurf gemacht, er sei ein Neger. Er kann diesen Schimpf nicht auf sich sitzen lassen und rehabilitiert sich, indem er einem zweiten arglos und zufällig vorbeigehenden Neger einen Fußtritt hinterrücks versetzt. Eine solche Szene, von zwei geschulten Clowns ausgeführt, müßte doch in jedem Zirkus stürmische Lacherfolge erzielen. Der Arbeiterzeitungsjude ist aber durchaus kein harmloser Clown. Es ist kein freiwilliger Humor, mit welchem er so bedeutende Heiterkeit erregt, wenn er den Vorwurf der Verjudung von der „Arbeiterzeitung“ abzuwälzen sucht. Ihm ist es bitter ernst. Reißt man ihm die rote Larve vom Gesicht, so entdeckt man kein harmloses Lächeln, sondern ein boshaft-tückisches Grinsen. Arbeiter Oesterreichs! Laßt Euch nicht Wahrheit und Mut predigen von Heuchlern, die ihre Abstammung und ihr Volk feige verleugnen, laßt Euch nicht mißbrauchen als Deckung und Hinterhalt, aus welchem diese Volksvertreter ihre giftigen Pfeile schießen, gewährt keinen Unterschlupf der — politischen Vagabundage! Bittsteller zu erscheinen; aber, mein lieber Gott, was tut man nicht, um eine Tochter zu verheiraten? Er fuhr also nach Irgendwo zu seinem alten Freund. Den hatte das Glück geradezu verfolgt, er war ein schwer reicher Mann geworden. Der Kluge ließ sich melden; indessen dauerte es lange, bis er in dem einst gemeinsamen Comptoir seinen Freund, den Dummen, in wirklich herzlicher Weise begrüßen konnte. Doch dieser sah ihn erstaunt an und fragte ihn, wer er sei. Der Kluge war ganz bestürzt darüber, daß er sich so verändert habe, und nannte seinen Namen. Doch der Dumme erklärte, er erinnere sich auch dieses Namens nicht. „Wie“, rief der Kluge, „du erkennst mich nicht? Haben wir nicht von Jugend auf mit einander gelebt, auf der Straße gespielt und-“, und er begann ihm nun hastig einige Abenteuer aus ihrer Jugendzeit zu erzählen, ihm einige Details aus ihren Schul- und Geschäftsjahren ins Gedächtnis zurückzurufen; doch der Reiche schüttelte den Kopf, er wüßte von nichts, der Fremde müsse sich irren und schließlich fragte er ihn nach dem eigentlichen Zweck seines Besuches. Zögernd, und an seinen Erfolg zweifelnd, brachte der Kluge sein Begehren vor.