Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 21 Erzherzog Franz Ferdinand über die rumänische Industrie und die rumänischen Juden. Dem Bukarester „Universul“ zufolge soll sich Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichische Thronfolger, einem „hohen Funktionär“ gegenüber folgendermaßen geäußert haben: „Rumänien verfügt über viele Mittel in ausreichendem Maße, um durch eine große Industrie das wirkliche Belgien des Orients zu werden, und ist bereits auf dem Sprunge, dieses Ziel zu erreichen. Meines Erachtens — fügte der Thronfolger hinzu — wird die rumänische Industrie, ohne Konkurrenz befürchten zu müssen, sogar bis nach China Vordringen können, und nichts wird Rumänien zu hindern vermögen, schließlich der Beherrscher des levantinischen Handels zu werden.“ Der „hohe Funktionär“ sprach hierauf von der Möglichkeit, daß die rumänischelndustrie durch die Behandlung der Juden geschädigt werden könnte. Darauf soll Erzherzog Franz Ferdinand erwidert haben: „Dem ist nicht so. Nach den mir gewordenen Informationen spielt die Judenfrage speziell in der Industrie eine unwesentliche Rolle. Die rumänische Industrie befindet sich, wie ich erfahren habe, in den Händen der Rumänen, Deutschen und Franzosen.“ Bleibt folgende Ueberlegung: Wenn es auch wahr sein sollte, daß die Unterdrückung der rumänischen Juden der Industrie Rumäniens keinen Schaden zufügt, so ist es doch gewiß, daß eine bessere Behandlung der Juden der Industrie nützen könnte. Bedauerlich ist es, daß der Thronfolger, sofern die ihm in den Mund gelegten Aeußerungen authentisch sind, über die Verhältnisse in Rumänien von seiner Umgebung derart falsch informiert wird. Parteinachrichten. Westgalizischer Distriktstag. Am 15. Mai 1910 fand in Rzeszow die Konferenz des westgalizischen Distriktskomitees unter dem Vorsitze des Adv. Dr. Goldberg aus Oswiecim statt. Die Konferenz wurde vom Vorsitzenden des Distriktskomitees Adv. Dr. Wahrhaftig aus Krakau eröffnet, wonach Dr. Feldblum den Bericht über die Tätigkeit des Komitees im verlaufenen Jahre erstattete. Dem Berichte entnehmen wir folgendes: Die westgalizische Organisation umfaßt 53 Ortschaften und besteht aus 1500 organisierten Mitgliedern, die regelmäßig die Parteisteuem abführen. Für rein zionistische Zwecke wurden in der Berichtsperiode über 20.000 K gesammelt, wovon dem Nationalfonds allein 14.980 K zugeflossen sind. Das Komitee veranstaltete sehr viele Agitationsversammlungen und Vorträge. Der Bericht hebt hervor, daß sich die Institutionen zur Förderung der Kenntnis der jüdischen Sprache stark entwickelt haben, es mehren sich von Tag zu Tag hebräische Schulen, Zirkel und literarische Vereine. Vor allem zeigt die Jugend einen großen Fleiß in der Erlernung der hebräischen Sprache, worin allen anderen die Stadt Tamow voranschreitet, in welcher mehr als 400 Personen an dem hebräischen Unterricht teilnehmen. Es wird jedoch auch die allgemeine Kulturarbeit nicht vernachlässigt, in welcher Richtung wissenschaftliche und Hochschulvereine, Toynbee-Hallen, Analphabetenkurse eine sehr erfreuliche Tätigkeit entfaltet haben. Auch auf dem ökonomischen Gebiete hat das Distriktskomitee mehrere wirksame Aktionen unternommen; so hat es Organisationen von kleinen jüdischen Kaufleuten geschaffen und in Kürze wird es in Krakau eine jüdische Kreditbank als Filiale der jüdischen Kreditunion in Lemberg errichten. Nachdem dem abtretenden Distriktskomitee das Vertrauensvotum erteilt wurde, referierten die Gesinnungsgenossen Leser über die Organisation und Fett aus Rzeszow über unsere nächsten Aufgaben. Es wurde beschlossen, eine rege Agitation zu Gunsten des Projektes der Siedlungsgenossenschaft Oppenheimers zu entfalten und den jüdischen Schulverein in Lemberg nach Kräften zu fördern. Die Konferenz wurde mit den Wahlen des neuen Distriktskomitees geschlossen, in welchen die Gg. Leistner, Dr. Feldblum, Leser, Dr. Brenner, Pitzele, Dr. Thon, Unger, Dr. Zimmermann aus Krakau, ferner Dr. Salz und Ing. Leuchter aus Tarnow, Dr. Syrop aus Neu-Sandez, Dr. Hopfen und Wang aus Rzeszow gewählt wurden. Am Abende desselben Tages fand in Rzeszow eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt, in welcher die Gg. Blitz über „Reiseeindrücke aus Palästina“ und Dr. Feldblum über »Die Lage der Juden in Galizien“ referierten. * * * Das zionistische Distriktskomitee für Westgalizien in Krakau ersucht uns um Veröffentlichung folgender Erklärung: Die gefertigten zionistischen Organisationen erklären hiermit: 1. das in Krakau in jüdischer Sprache erscheinende Tagblatt „Der Tag“ war niemals ein Organ der Krakauer Zionisten. 2. weder die Krakauer noch eine andere zionistische Organisation in Westgalizien hat oder hatte mit diesem Blatte etwas Gemeinsames. 3. wir übernehmen keine Verantwortung für Veröffentlichungen dieses Blattes, welches ein Privatunternehmen des .Herrn Jona Kreppei in Krakau ist und Privatäußerungen dieses Letzteren zum Ausdruck bringt. 4. die von der polnischen Presse auf Grund der Verlautbarungen dieses Blattes gebrachte Nachricht von einem Zwiespalt zwischen uns einerseits und den ostgalizischen und bukowinaischen Zionisten anderseits ist völlig erdichtet: Für den Bürgerverein „Zion“ in Krakau: Ch. F. Leistner, Dr. Dawid B u 1 w a, Vorsitzender. Sekretär. Für den Parteirat der Krakauer Zionisten: Samuel S p i r a,; Moritz Bloch, Vorsitzender. Sekretär. Für das zionistische Distriktskomitee in Westgalizien: Dr. W a h r h a f t i g. Dr. B r e n n e r, Vorsitzender. Sekretär. Aus dem jüdischen Leben. Ein antisemitischer Gymnasialprofessor. Aus Pilsen wird uns geschrieben: Am hiesigen k. k. Staatsgymnasium sind die Lehrkräfte fast ausschließlich Prämonstratenser aus dem Stift Tegl. Einer dieser Herren, Pater Dr. Benedikt Brandt, leistete sich vor wenigen Tagen in der achten Klasse des oben genannten Gymnasiums vor sämtlichen Oktavanern, deren Klassenvorstand er ist, folgenden wörtlich zitierten Ausspruch: „Die Frechheit ist eine Eigenschaft, die das jüdische Volk besonders kennzeichnet, das sich über alles Hohe und Heilige mit seinem Spott hinwegsetzt!“ Es ist charakteristisch, daß der seltene Fall eines Prozesses zwischen Schüler und Lehrer diesem Herrn widerfahren war. Wegen einer schweren Ehrenbeleidigung verklagte ihn ein Schüler, der Sohn eines stadtbekannten jüdischen Arztes in Pilsen, und führte gegen den Lehrer ungefähr ein Jahr lang Prozeß. Der Lehrer ward schließlich freigesprochen, da er „nur ein Disziplinarvergehen begangen habe“. Deutlicher war das Vorgehen des Herrn Dr. Brandl bei anderer Gelegenheit Als ein Schüler bei einem Schulvortrage, dessen Thema „Das Tragische im Geschicke der Völker“ lautete u. a. auch das Schicksal des jüdischen Volkes berührte, da ergriff der ehrwüdige Herr das Wort, um seine „Wissenschaft“ leuchten zu lassen. Er begann nämlich ai# dieser öffentlichen staatlichen Anstslt den Ritualmord zu diskutieren und stellte sich auf den Standpunkt, daß das Ritualmordmärchen begründet sei. Er disputierte vier Stunden lang mit den jüdischen Schülern über dieses Thema, und als ihm die jüdischen Schüler Belege von Päpsten und anderen Antoritäten brachten, da erklärte der Priester, er bleibe dabei, es besiehe dennoch eine mündliche Tradition, welche den Juden den Ritualmord gestatte oder sogar gebiete. Der Höhepunkt ward jedoch in den jüngsten Tagen erreicht. Ein Oktavaner ward in den letzten Tagen von einem antisemitischen Mitschüler vor allen anderen Kollegen während des Unterrichtes bei einem anderen Lehrer „Saujud“ geschimpft Der beleidigte Jude wandte sich an seinen Klassenvorstand, Herrn Dr. Brandl, und ersuchte ihn, er möchte ihn als Schüler vor derartigen rohen Beschimpfungen schützen. Da war wieder eine Gelegenheit geboten, über „Judentum“ zu sprechen! Die Blutmärchen-Saison. Seit einigen Jahren ist das Blutmärchen in Rußland sehr in Mode, und es vergeht kein Pessachfest, ohne daß hier und da die jüdische Bevölkerung in Todesangst schwebte. Diesmal waren es die Städte Mohilew und Selwa (Gouvernement Grodno), die das Pessachfest nach mittelalterlicher Art feiern sollte. In Mohilew geschah es wegen eines 13jährigen christlichen Dienstmädchens, das den Dienst bei ihrem jüdischen Herrn einige Tage vor den Feiertagen verlassen und aus Furcht sich nicht nach dem Elternhause, sondern zu einer bekannten Familie begeben hatte. Als dann die Mutter des Mädchens ihre Tochter besuchen wollte, sie aber bei dem Juden nicht fand, schrie sie Zeter und Mordio, daß der Jude ihre Tochter umgebracht hätte, um christliches Blut für das Passahbrot zu bekommen. Es kam zu einer Zusammenrottung der christlichen Bevölkerung, die eine recht unbedrohliche Haltung gegen die Juden eingenommen hat. Glücklicherweise wurde das Mädchen recht bald heil und unversehrt aufgefunden. Ernster war die Lage in Selwa. Hier verirrte sich ein sechsjähriges Kind,, das sich von seinem Vater in der Kirche weggestohlen hatte, und war trotz eifrigen Suchens im Laufe von einigen Tagen nicht zu finden. Es fanden sich natürlich Agitatoren, die das probate Blutmärchen sofort auszuspielen verstanden. Am ersten Tage des Pessachfestes rottete sich die bäuerliche Bevölkerung der ganzen Umgegend in hellen Haufen in der Stadt zusammen, und waren daran, einen regelrechten Pogrom zu veranstalten. Glücklicherweise geschah auch diesmal das Wunder noch rechtzeitig und das halb verhungerte und verschmachtete Kind wurde in einem benachbarten Hain aufgefunden. Aus Mosir wird der „N. J. K.“ mitgeteilt: In einem benachbartem Dorfe ereignete sich folgender Vorfall: Der russische Geistliche dieses Dorfes ermordete seinen Diener, um ihn seiner Barschaft von 200 Rubel zu berauben. Er verbarg den Leichnam in ejnem benachbarten Stall, . dejr. einem Juden gehörte. Ein jüdischer Fuhrmann, der bei diesem Juden übernachtete, ging des Nachts in den Stall und fand nun den ermordeten Diener. Er meldete es sofort der Polizei, die ihn und den jüdischen Hausbesitzer sofort verhaften ließ. Am nächsten Morgen meldeten sich zwei Bauern bei der Polizei mit der Erklärung, sie würden die Wahrheit erzählen, wenn sie von der ihnen wegen Diebstahls auferlegten Strafe dispensiert würden. Der Polizeikommissär ging darauf ein, und nun erzählten die Bauern ausführlich, daß sie selbst gesehen haben, wie der Geistliche nachts einen ermordeten Mann auf den Schultern trug und in den Stall brachte. Eine Hausuntersuchung förderte die Wahrheit zutage. Man fand bei dem Geistlichen die von Blut befleckten Kleider des Ermordeten. Erst dann beruhigte sich die Bevölkerung. Auch aus Sdolbulnowo (Gouvern. Wolynen) wird über „Blutmärchen“ während der jüdischen Ostertage berichtet. Zeitschriften und Bücherschau. Unser Zentralorgan „Die Welt“ bespricht die Täuflingsniederlage bei den Wiener Gemeinderatswahlen und knüpft an den stattgehabten Kampf gegen den Mugdanismus folgende zutreffende Betrachtungen: „Die Wiener Juden aber haben allen Grund, aus ihrem Tun und Handeln die Konsequenzen zu ziehen. War ihre Stellungnahme gegen die Taufe wirklich nur eine Aufwallung religiöser Gefühle, eine Kundgebung pfäffischen Eifers? Wer die konfessionelle Indifferenz der jüdischen Wähler der Wiener City kennt, muß die Frage verneinen. Es war ein Zurückschrecken vor der letzten Konsequenz der Assimilationsideologie, die sie Jahrzehnte hindurch gepredigt hatten. Wären die Wiener Juden nichts als Deutsche mosaischer Konfession, dann hätten sie kein Recht, Deutsche anderer Konfession, auch wenn es Abtrünnige ihrer Religionsgemeinschaft wären, politisch zu bekämpfen. Das währe wahrhafter- Klerikalismus, eine Rechtfertigung religiöser Ausnahmegesetze. Wenn Dr. Stern Leute politisch bekämpft, die das Judentum wie ein Nachthemd behandeln, und das Judentum als einen bloß religiösen Begriff auffaßt, dann ist er klerikal. Das waren aber nicht die Beweggründe der jüdischen Wähler in ihrer großen Mehrheit. Die Taufe ist