Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 JÜDISCHE. ZEITUNG. Wie „freisinnig“ doch diese Deutschen sind! Dr. Eppinger fand cs in der Prager Deutschen Konferenz angemessen, auch der Juden zu gedenken. In seiner Rede, die selbstverständlich dem unerbittlichen Kampfe gegen die Czechen galt, präsentierte er sich in zweifacher Gestalt: als Freisinniger, der die Mitarbeiterschaft der Juden bei den verschiedentlichen Wahlgängen gerne dulden will, dann aber auch als Reaktionär, den diese jüdischen Mitarbeiter nicht hindern dürfen, mit den „andersdenkenden“ deutschnationalen und christlichsozialen Gruppen gemeinsam vorzugehen. Die „Neue Freie Presse“ war so schamhaft, die letztere Wendung nicht zu reproduzieren, ihre jüdischen Leser müssen doch nicht Alles wissen, oder sie fürchtet — und wir glauben mit, Recht — daß die Judenschaft, auch in Böhmen, in den letzten Zeitläufen genug der Erfahrungen gesammelt haben dürfte, um aus dem Bekenntnisse des Führers der Deutschen in Böhmen die Jesuitenmoral herauslesen zu können, mit welcher die Juden von den sogenannten Deutschfortschrittlichen genarrt worden sind und auch fortab genarrt werden sollen. Herr Dr. Eppinger hat unvorsichtigerweise aus der Schule geschwätzt. Und das hätte er nach den Vorgängen bei den letzten Wiener Gemeinderatswahlen nicht tun sollen. Die Juden in Böhmen und die Juden in Wien waren in der Nationalitätenhetze immer eines Sinnes. Von Wien aus sandte die deutschtümelnde „Oest. israel. Union“ ihre Missionäre nach Böhmen und Mähren, um die dortigen „Glaubensgenossen“ dahin zu informieren, daß es den Juden nur zur Ehre gereichen könne, sich von den Deutschen ins Gesicht speien zu lassen. Jeder Jude, der Ehre im Leibe hat, müßte sich gegen die famose Einladung des Dr. Eppinger aufbäumen. Unverfroren sagt er es den Juden Böhmens ins Gesicht — daß ihnen die Ehre eines Fußtrittes auch weiterhin gesichert bleiben soll. Da, denken wir, sollte der jüdische Nation.alverein energisch eingreif en und sich nicht scheuen, in das Wespennest einzugreifen, nach Böhmen ihre Propaganda zu tragen, um den dortigen Stammesbrüdern zu sagen, daß die jüdische Interessensphäre, in. welche die Judenschaft durch die Niedertracht der deutschen Politiker gedrängt wurde, und die das gesamte geistige, soziale und materielle Leben der gesamten österreichischen Judenschaft umfaßt, eine spezifisch jüdische Ehre geschaffen hat, die jeder Jude verletzt, der sich zum Handlangerdienst der deutschen Mandatsjäger erniedrigt. Das die Ehre der böhmischen .Juden verletzende Geständnis des Dr. Eppinger besitzt allerdings den bei den „freisinnigen“ Deutschen so selten wahrnehmbaren Vorzug der — Aufrichtigkeit. Erteilen wir ihm in öffentlicher Versammlung eine aufrichtige Antwort! E. Singer. Von der Woche. Die Volkszählung. Anläßlich der Ende dieses Jahres stattfindenden Volkszählung hat sich der Budgetausschuß mit einer Reihe von Fragen befaßt, die für die nationale Entwicklung der österreichischen Judenschaft von Bedeutung sind. Bekanntlich hat bisher im Volkszählungsbogen die Rubrik „Nationalität“ gefehlt. Die „Umgangssprache“ gab aber ein falsches Bild von dem Vorhandensein und der Stärke der Nationalitäten, da die ruthenische, tschechische und vor allem die jüdische Minorität infolge der Abhängigkeit von den anders nationalen Machthabern vielfach als Angehörige der deutschen, respektive polnischen Nationen erschienen. Die Frage der Volkszählung beschäftigte daher die zionistische und nationaljüdische Partei seit geraumer Zeit. So hat der letzte westösterreichische Zionistentag in Wien eine diesbezügliche Resolution angenommen. Auch die letzte Krakauer Reichskonferenz hat sich eigehend mit dieser Frage befaßt. Es wurden eine Reihe wichtiger Beschlüsse gefaßt, deren Durchführung nun der Reichsexekutive obliegt. Nun kommt aus dem Budgetausschuß eine erfreuliche Nachricht. Folgender Antrag des Abgeordneten Kramarz wurde angenommen: „Die Regierung wird aufgefordert, bei der bevorstehenden Volkszählung neben der Umgangssprache die Nationalität feststellen zu lassen und alle Vorkehrungen zu treffen, damit bei der Volkszählung jede unberechtigte Beeinflussung namentlich der nationalen Minoritäten verhindert werde. Der Antrag wurde mit 27 gegen 15 Stimmen der Deutschfreiheitlichen und Christlichsozialen beschlossen, dafür sämtliche Slawen, die Italiener und Sozialdemokraten.“ Das jungtschechische Organ „Närodni Listy“, bemerken dazu, daß nach der Parteigruppierung im Ausschuse die Annahme des Antrages auch im Plenum gesichert sei, und fügen hinzu, die Beschlüsse über sie seien der Ausdruck des Willens von mehr zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung und man werde dazusehen, daß bei dieser Volkszählung dieser Wille seitens des Ministers des Innern Freiherrn v. Härdtl und der politischen Behörden respektiert und durchgeführt werde. * * * Die Union auf Reisen. Will heißen: Fleischer auf Reisen. Denn die „Oesterreichisch-israelitische Union“ besteht bekanntlich nur aus diesem wohldotierten Sekretär — wenn man von den zahlreichen Leuten absieht, die jährlich ihre Beiträge bluten. Jüngst trat Fleischer, Jahresbeiträge werbend, in Trautenau auf. Wissen die Trautenauer Juden nicht, daß die Union dem Hausjunden des Polenklubs Dr. Gold seinerzeit zum Siege über den bewußtjüdischen Kandidaten“; und jetzigen hochverdienten Abgeordneten Stand verholten hat? Wissen sie nicht, daß die Intervention des Unionspräsidenten des Herrn kais. Rates A n n i n g e r, die Wahl des Meschumed Dr. Redlich zu verdanken ist? Blieb es in den Gauen Böhmens völlig unbekannt, daß kais. Rat A n n i n g e r beim Minister des Innern vorsprach, um die jüdische Kurie in der Bukowina, die sämtliche Volksstämme des Landes im Interesse des Friedens und einer gesunden Entwicklung herbeisehnten - in infamster Weise zu hintertreiben wußte? Freilich hat es der wohldotiert Sekretär einige Tage später zustande gebracht, in Berlin von dem natio nal-jüdischen Geiste zu erzählen .... Geradeso, wie er jüngst in Trautenau das Verhalten seines Herrn und Präsidenten, des Herrn A n n i n g e r während der Wiener Gemeinderatswahlen zu rechtfertigen suchte und die „Jüdische Zeitung“ der Unwahrheit zieh. Dem gegenüber erklären wir nochmals: Der Präsident der „Union“ verblieb in dem famosen Wahlkomitee der inneren Stadt, das jüdische Renegaten aufstellte, solange, als es mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung nur möglich war. Nur ein einziger Jude hat rechtzeitig seine Konsequenzen gezogen und das Wahlkomitee verlassen: Herr Hof bau er. Erst als der Sturm losging, sah Anninger, daß er sich und die „Union“ gründlich die Finger verbrennen würden und daß die Zeiten lvorüber sind, da man für Renegaten ä la Dr. R e dich als Unionspräsident Wahlen machen kann — und zog sich zurück. Ein schäbiger Rückzug! Dies den neugekapperten Trautenauer „Mitgliedsbeiträgern“ zur Kenntnis. * . ' * Ein Zionist bei der „Auferstehung“. Unter diesem Titel erschien in der „Arbeiterzeitung“ unter „Gerichtsaal“ folgender Bericht: „Als am Karfreitag in Hernals unter freiem Himmel die „Auferstehungs“-Feier vor sich ging, war unter den Zuschauern auch der fünfundzwanzig Jahre alte Abraham Bock, ein Jude, der vor einem Jahre aus einem kleinen galizischen Orte in Wien eingewandert ist. Als alle Zuschauer. den Hut abnahmen, behielt ihn Bock auf dem Kopfe. Ein Wach¬ Selte 3 mann forderte ihn auf, ebenfalls sein Haupt zu entblößen, doch Bock blieb bei seiner Weigerung und wurde darum arretiert. Der Gedankengang, aus dem heraus der junge Mann aus Galizien die Taktlosigkeit beging, ist leicht verständlich. Er ist in dem sogenannten Glaubenseifer der frommen östlichen Juden aufgezogen, die die „Wundertaten“, die ihre Religionsbücher erzählen, für lauterste Wahrheit halten und bloß die „Wunder“ der anderen Religionen als nicht geschehen und darum die Bekenner der anderen Religionen als Götzendiener ansehen. Der Zionismus hat nun diesen allerreaktionärsten Fanatismus zu einer „modernen“ Sache gemacht, und da die zionistische Betätigung nicht zum letzten von Arroganz diktiert ist, die sich besonders darin äußert, daß die zionistischen Symbole auch bei festlichen Veranstaltungen Andersdenkender aufgepflanzt werden, wollte der junge Mensch auch bei der „Auferstehung“ mit seinem zionistischen Mute paradieren. Daß der Staat mit Unrecht zwingt, religiöse Veranstaltungen, die auf der Straße vollzogen werden, Referenz zu erweisen, ändert natürlich nichts an der Manierlosigkeit, die sich darin kundgibt, eine solche Veranstaltung in einer taktlosen Art anzustarren, zumal wenn die Möglichkeit gegeben ist, sich zurückzuziehen. Gestern war nun Bock wegen unanständigen Benehmens während einer Religionsübung angeklagt. Er war geständig, brachte aber eine „Erklärung“ für sein Verhalten vor. Er erzählte nämlich dem Erkenntnissenat, er sei ein sehr frommer Jude und könne darum religiöser Verehrung nur dadurch Ausdruck verleihen, daß er während eines religiösen Aktes, sei es welcher Kirche immer, den Hut auf dem Kopfe behalte. Nach seiner religiösen Auffassung wäre es Sünde gewesen, ihn abzunehmen. Er erzählte weiter, er sei nicht absichtlich die Prozession anschauen gegangen, sondern sei durch sie auf seisem Wege aufgehalten worden. Der Gerichtshof unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrates Dr. Kurzweil hielt den jüdischtheologischen Teil der Verantwortung für eine Ausrede; er nahm an, daß sich Bock in einem gewissen Trotze geweigert habe, den Hut abzunehmen, und er verurteilte den Angeklagten zu vierzehn Tagen Stengen Arrest.“ Wir haben schon oft auf die Perfidie der verschiedenen getauften und konfessionslosen Mauschel, welche in der „Arbeiterzeitung“ Redaktionsdienste leisten, hingewiesen. Hundertfach zeigte es sich, daß der rotgeschminkte Assimilant in punkto innerer Wahrheit ebenso miserabel ist wie seine gleichgesinnten Vettern aus den deutschliberalen Zeitungen. Ebenso wie sein bürgerlicher Genosse schändet er die Gesellschaft, in die er sich hineingeschmuggelt, verunglimpft er das Volk, dem er entsprossen und diskreditiert die Sache, der er dient. Mit Abscheu wenden wir uns von ihnen, die wider besseres Wissen und Gewissen die zionistische Idee, die ihre menschliche Erbärmlichkeit aufdeckt, mit der Etikette „reaktionärer, orthodoxer Fanatismus“ versehen. Liebe getaufte und assimilierte Herren aus der „Arbeiterzeitung“, lasset Euch gesagt sein: Es ist uns ganz einerlei, ob Ihr gläubig seid oder nicht; um Eure Religion ist es uns nicht zu tun. Aber wir werden auch fürderhin Euch wie allen, die hinter „Fortschritt“ oder „intematoinalem Sozialismus“ ihre Rückgratlosigkeit und seelische Verlogenheit verbergen, die Maske der sogenannten „Vorurteilslosigkeit“ vom Gesicht reißen. * * Landtagswahlen in Bosnien. Zum Vertreter der bosnischen Juden für den ersten bosnischen Landtag wurde am 23. d. M. der Präsident der sephardischen Gemeinde in Sarajewo Herr Josua S a 1 o m gewählt. Sein Gegenkandidat, der Präsident der österreichisch-ungarischen Gemeinde, Dr. R o t k o p f, erhielt im ganzen 53 Stimmen. Die Gegnerschaft der sephardischen Juden richtete sich gegen die Person des Dr. Rotkopf nicht, weil er aschkenasischer Jude, sondern weil er vor allem ein eifriger ungarischer Patriot ist. Und für ungarischen oder deutschen Patriotismus haben die nur-jüdischen Spaniolen keinen Sinn. Die Wahl S a 1 o m s muß daher nicht nur als Aeußerung separatistischer Gefühle, sondern auch als Aeußerung des latenten jüdischen Nationalismus der Sephardim betrachtet werden. * * *