Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5. ihnen keine Privatsache, weil es nicht der gleichgültige Glaubenswechsel eines Deutschen ist, der etwa vom Protestantismus zum Katholizismus oder Brahmanismus übergeht, sondern sie ist der sichtbare Abfall vom jüdischen Volkstum, ein Akt der Assimilation, der mit einem Opfer der Ueberzeugung, mit reinster Heuchelei und Streberei verbunden ist. Aber die Taufe ist die logische Konsequenz des Bestrebens, restlos aufzugehen. Denn die jüdische Religion ist eine der nationalsten, ein ehrliches Festhalten an ihr ist mit einem völligen Anschluß an die nichtjüdische Umgebung unvereinbar. Die Wiener Juden haben mit erdrückender Mehrheit den Abfall vom Judentum, der mit einem Glaubenswechsel verknüpft ist, verdammt. Die Schlußfolgerung ist verworfen, nun ist es die Pflicht der Selbsterkenntnis, auch die Voraussetzungen — die Assimilationsideologie — auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Hat dieser Läuterungsprozeß begonnen, dann ist sein Ausgang nicht zweifelhaft. Auch die „Jüdische Rundschau“ (Berlin) bespricht trefflich die stattgehabten Wiener Gemeinderatswahlen im ersten Bezirke. Es wird zunächst berichtet, durch welche Umstände es zur Aufstellung nicht getaufter jüdischer Gegenkandidaten kam, und sehr richtig hinzugefügt: Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß dieselben Renegaten im Geiste, die gestern sich der Freundschaft Luegers des Gerechten rühmten und heute plötzlichmit Hilfe eines politischen Korsetts vorgeben, ein jüdisches Rückgrat zu besitzen, daß dieselben ehrenwerten Herren morgen sich als Zionisten deklarieren, wenn sie sich damit einen Vorteil verschaffen können. Des weiteren führt der Artikel aus: Das Resultat dieses Kampfes war nun auch, daß die Renegaten und Antisemiten glatt durchfielen. Es war ein Erfolg der Wiener Juden, aber ehrlich können wir uns dessen nicht freuen, denn es war nicht ein Sieg über ein Prinzip, sondern nur über die Auswüchse desselben. Ein wirklicher Erfolg wird erst dann eintreten können, wenn dieses verlogene System radikal mit Stumpf und Stil wird ausgerottet worden sein. Lächerlich wirkt es ja nun allerdings, wenn eine jüdische Zeitschrift, deren ganz verfluchte Pficht und Schuldigkeit es ist, sich in den Dienst des wirklichen Judentums zu stellen, sich selbst folgende schöne Lobhudelei ausstellt, wie es „Dr. Blochs Oesterreichische Wochenschrift“ tut: „Wir dürfen diese erfolgreiche publizistische Kampagne unseren schönsten und kostbarsten Erinnerungen einreihen.“ Otto Hauser. Weltgeschichte der Literatur. (Bibliographisches Institut.) Hauser unternahm es in seiner großangelegten Weltliteratur, die der bekannte Verlag vornehm ausgestättet haf, die anthropologische Geschichtsauffassung anzuvvenden und zugleich auf die national abgegrenzten geschichtlichen, religiösen und sprachlichen Bewegungen Rücksicht zu nehmen. Darum hat er bei Behandlung der hebräischen Literatur, der er allerdings leider nur 20 Seiten widmet, besonderes Gewicht gelegt auf das nationale Moment und bei der Fortführung bis in die jüngste Zeit in diesen Zusammenhang Persönlichkeiten einbezogen, die mit der Literatur der Juden wenig gemein haben. Für ihn kommt eben in erster Linie die Abstammung in Betracht. So kann es nicht Wunder nehmen, wenn er sogar zu weit geht und außer den abgefallenen Juden Heine, Börne, Isaak da Costa, Disraeli auch Dichter halbjüdischer Herkunft hier erwähnt, wie Dumas, Hans Hopfen, Paul Heyse und Hugo Hofmann v. Hofmannsthal. Aus demselben Grunde, der ihn veranlaßte, die griechische Literatur bis auf die neugriechische blasse Epigonenpoesie zu verfolgen, läßt er an uns Gestalten vorüberziehen, die bewußt an die stolze Vergangenheit des Judentums anknüpfen. Einige Male berührt er den Zionismus, der für ihn eine nationale Bewegung ist, die einen jüdischen Nationalstaat, womöglich in Palästina, anstrebt. Diese Definition «eist darauf hin, daß dem Verfasser die alierj 'ngsten Strömungen nicht so vo vertraut sind wie ersten Schriften Theodor Herzls, den er als den Begründer des Zionismus und den Verfasser des utopistischen Romans „Altneuland“ nennt. Ohne sich näher mit Herzls Ideen, die im sympathisch sind, auseinanderzusetzen, rühmt er dem Zionismus objektiv nach, daß durch ihn ein neuer Eifer für die hebräische Sprache, zumal in den östlichen Gegenden entstanden ist, so daß sie, die niemals ganz zu einer, toten Sprache geworden war, für die lebendige Gegenwart zurückgewonnen wurde. Vereins-u. Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Ausflug.) Sonntag den 29. Mai 1. J. findet ein vom Klub zionistischer Arbeiter veranstalteter Ausflug auf den Kahlenberg statt. Abfahrt präzise 2 Uhr nachmittags. Anschluß — Damen und Herren — erwünscht. Zusammenkunft vor dem Cafe „Jägerhof“, IX., Porzellangasse 22. Wien. Samstag den 28. d. M. findet in der „Lese- und Redehalle jüd. Hochschüler“ eine außerordentliche Plenarversammlung statt. Zeit: */^S Uhr abends. Wien. Der Verband jüd.-nat. Finken an den Wiener Hochschulen veranstaltet Sonntag den 5. Juni 1910 einen Ausflug nach Klosterneuburg. Zusammenkunft 2 Uhr nachmittags vor der Stadtbahnstation Brigittabrücke. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (Verein der jüd. Handels- und Privatangestellten „Achwah“.) Mittwoch den 1. Juni findet int Cafe „Stephanie“, II , Stephaniestrasse 2, ein Vortrag des Herrn Is. K o h n statt. Thema: D i e Juden und der Handel (mit Berücksichtigung der Wiener Verhältnisse). Beginn präzise 8 Uhr abends. Gäste (Damen und Herren) willkommen. Wien. (Verein „Achwah“.) Die feierliche Einweihung der neuen Speiselokalitäten, Wien, II., Herminengasse 8, findet erst am Sonntag, den 29. Mai 1910, vormittags 10 Uhr, statt. Das Programm der Feier lautet: 1. Begrüßung durch den Obmann Herrn M. Hamener; 2. Psalm Nr. 30, vorgetragen von Herrn Oberkantor Schorr und dessen Chor; 3. Festrede des Herrn Dr. D. Rotblum; 5. Ansprache des Vertreters der Studenten Herrn M. Waldmann; 6. Schlußchpr, vorgetragen von Herrn Oberkantor Schorr; 7. Volkshymne. Der von Juden aus Galizien und der Bukowina gegründete Verein „Achwah“ hat sich die Aufgabe gestellt an minderbemittelte Juden zu möglichst billigen Preisen streng rituelle Speisen zu verabreichen. Die neuen Lokalitäten entsprechen den weitgehendsten hygienischen Forderungen; die Speisen sind äußerst schmackhaft, die Bedienung tadellos. Hervorgehoben sei, daß der Verein den Wünschen der jüdischen Studentenschaft durch Einrichtung einer mensa academica Rechnung getragen hat. Die starke Frequenz, deren sich die Speisehalle erfreut, beweist, daß diese Institution einem eminenten Bedürfnis entspricht. * * * Berichte. Wien. Samstag den 16. April veranstaltete wie alljährlich der Arbeitsausschuß der Wiener zionistischen Mittelschüler eine Pessachfeier im Saale des Cafe Silier. Die Festrede hielt Herr .Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel und entfesselte durch seine trefflichen Ausführungen stürmischen Beifall. Hierauf folgten musikalische und deklamatorische Verträge, Herr Krott, Herr Schriftsteller Porges (eigene Dichtungen), Frl. Kühl, Herr Engländer, Frl. Kraus, Herr Löwy bereiteten durch ihre Darbietungen dem Publikum einen angenehmen Nachmittag. Besonders sei noch die Tendenzrede des Herrn Kreck und die Ansprache des Herrn Skutetzky namens des DK., welche beide tiefen Eindruck machten, erwähnt. Das Reinerträgnis fließt dem NF. und der Siedlungsgenossenschaft zu. Wien. („Hasomir“.) Am 4. Mai 1910 veranstaltete der Verein „Hasomir“ in Guths Restaurant einen überaus gelungenen literarischen Abend. Der junge Verein verstand es, sich in kurzer Zeit bei allen Schichten der jüdischen Bevölkerung so beliebt zu machen, daß seine Veranstaltungen einen bedeutenden Faktor im Kulturleben der Wiener Juden bilden. Herr Schriftsteller Bernhard Tag sprach in lichtvoller Weise über „Nationale Kunst und nationales Leben“. An den Vortrag schlossen sich Rezitationen des Herrn Josef Torezyner, der sein vielversprechendes Talent in den Dienst der guten Sache stellte, des Herrn Schriftstellers Porges und des unermüdlichen Dolmetschers der jüdischen Gefühlswelt, des wackeren Mitgliedes Ing. A. Singer. Herr Schriftsteller Loubetzky faßte die zur Verlesung gebrachten Dichtungen zu einer kritischen Betrachtung zusammen. Reicher Beifall lohnte alle Mitwirkenden und spornte den Verein zu neuer Tätigkeit an. B. S. Wien. (Herzl-Gedenkfeier in Döbling.) Im Döblinger Tempel fand Sonntag den 22. d. M. die von der Sektion Döbling des Zionistischen Zentralvereines gemeinsam mit der jüdisch-akademischen Verbindung „U n i t a s“ veranstaltete Herzl-Gedenkfeier in überaus erhebender Weise statt. Nach Absingung singung des „Hallelujah“ von Salzer durch den prächtigen Tempeichor, welchen Herr Kantor K o h n dirigierte und dessen Soli in packender Art Herr Oberkantor Landau exekutierte, führte Herr Rabb. Dr. Feuchtwang in ergreifender Art die Zeichnung des Herzischen Lebensbildes und seines Lebenswerkes aus, indem er zum Schlüsse kam, es gebe keinen jüdischen Gott ohne jüdisches Volk und kein jüdisches Volk ohne den jüdischen Gott. Hierauf sang der „Unitas“-Chor das Bundeslied, worauf Gg. Dr. Jakob K o h n als Obmann des Zionistischen Zentralvereines die Festrede hielt. Mit der Absingung der „Hatikwa“ schloß die erste in Döbling stattgehabte Herzlfeier. Wien. Der Verband der jüdisch-nationalen Finken an den Wiener Hochschulen hielt am 16. v. M. seine dritte ordentliche Generalversammlung ab. Präsident MUC. Aurel G o n d a begrüßte mit herzlichen Worten die zahlreich erschienen0 Versammlung und erstattete den mit Beifall aufgenommenen Rechenschaftsbericht, in welchem er einen kurzen Ueberblick über die Tätigkeit des Ausschusses im verflossenen Semester gab. Er schloß mit einem warmen Appell an die Anwesenden, die begonnene Organisationsarbeit mit Eifer fortzusetzen. Dem abtretenden Ausschuß wurde das Absolutorium mit der Votierung des vollsten Vertrauens erteilt. Aus der nunmehr erfolgten Ausschußwahl für das folgende Semester gingen als gewählt hervor die Herren: MUC. Aurel Gonda, Präses; cand. phil. Arthur Engländer, Vizepräses; med. Leon Kolb, Schriftführer; JUC. Hermann Broder, Kassier; iur. Franz Wessely, Beisitzender. Wien. (Zionistischer Zentralverein.) Die am 17. d. M. von der Sektion Ottakring-Hernals des Zionistischen Zentralvereines gemeinsam mit dem akademischen Verein „Theodor Herzl“ veranstaltete Herzl-Gedenkfeier nahm einen äußerst würdigen Verlauf. Der Saal des Restaurants Goldmann, welchen ein prächtiges Herzlbild schmückte, war von einem zahlreichen Publikum gefüllt, welches der dem Andenken unseres Führers geweihten Feier mit großer Andacht folgte. Nach dem exakten Vortrag des Bundesiiedes seitens des akademischen Vereines „Theodor Herzl“ rezitierte Herr J. Torczyner in wirkungsvoller Weise Nordaus Gedicht „Den Manen Theodor Herzls“, worauf Gesinnungsgenosse Dr. Z u c k e r m a n n die Festrede hielt. Die von hoher Begeisterung getragenen Worte Dr. Zuckermanns machten auf die Anwesenden tiefen Eindruck, und dürften noch lange im Herzen jener nachklingen, die zum erstenmale näheres über das Wirken der gewaltigen Persönlichkeit dieses Großen in Israel erfuhren. Die gemütvolle Erzählung Herzls „Die Menorah“ beschloß den Abend, der mit der „Hatikwa“-Melodie ausklang. Die Sammlung für den Nationalfonds sowie der Erlös für Herzlmarken, Nationalfondskarten etc. lieferten ein befriedigendes Ergebnis. Wien. Am 14. Mai 1910 fand um 8 Uhr abends im Cafe Bramer die konstituierende Generalversammlung der akad. Vereinigung jüdischer Hochschüler zur Pflege der jüdischen Sprache und Kultur „Hat’chijah“ statt. Das Wahlergebnis für das Sommersemester war: Nassi: phil. Dr. L. Pickholz, Sgan: cand. iur. S. Horowitz, Maskir: med. M. Margulies, Gisbar: phil. Freifelder, Bibliothekar: phil. Leo Dichter. Wien. (Theologischer Verein). Die am 10. d. M. stattgehabte Neuwahl des Ausschusses fiir das Sommersemester 1910, ergah folgendes Resultat: Herr Dr. Harry Torcyner, Präses; Herr Haim Wolfshapt, Vizepräses; Herr Emil Friedmann, Kassier; Herr Bela Diamant, I. Schriftführer; Herr Mayer Winkler, II. Schriftführer; Herr Albert Weiner, Nationalfondskommissär. Boskowitz. Sonntag den 15. d. M. fand in Boskowitz unter dem Protektorate des Kultusvorstehers Herrn Dr. S. Weiß eine Herzlfeier statt, die einen äußerst würdigen Verlauf nahm. Die Festrede hielt Herr Fritz Löw aus Proßnitz, dessen Ausführungen allgemeinen Beifall fanden. Eröffnet wurde die Feier durch Absingung eines Chorals, den Herr Oberkantor Rabinowicz den Damen vom neugegründeten Mädchenbund „Judith“ einstudiert hatte. Frl. Gisela Spitz sang mit vielem Gefühl und schöner Stimme das Lied: „Dort, wo die Zeder...“ Die Klavierbegleitung besorgte in freundlichster Weise das Frl. Amalia Aufrichtig. Die erhebende Feier schloß mit der Absingung der „Hoffnung“, die von den Mädchen angestimmt, von allen Anwesenden stehend angehöit wurde. Drohobycz. („Makkabäa“.) Die Wahlen für das Sommersemester ergaben folgende Resultate: Dr. Sußmann, Präses; Simon Lustig, Vizepräses; Max Rosenbusch, Sekretär. Der Verein „Makkabäa“ gründet für die Sommersaison in Truskowiec einen zionistischen Klub. Er soll als Sammelpunkt für alle Gesinnungsgenossen dienen, welche diesen Kurort besuchen werden, und als Agitationsbureau. Wir bitten alle Gesinnungsgenossen, uns bis zum 1. Juni per Adresse „Makkabäa“, Drohobycz, ihre Aufenthaltszeit anzugeben. Vom 1. Juni fungiert das Bureau in Truskowiec. Mähr.-Ostrau. (Herzlfeier). Der jüd. Volksverein „Zion“ veranstaltete am 16. d. M. eine Herzlfeier, welche einen imposanten Verlauf nahm. Die israel. Kultusgemeinde hat in entgegenkommender Weise die Abhaltung eines Festgottesdienstes mit Predigt gestattet und der große Tempel war von Personen aller Gesellschaftskreise dicht gefüllt. Die Vorstandsmitglieder der Kultusgemcinde waren in der Mehrzahl anwesend, ferner waren alle jüdischen Vereine von Mähr.-Ostrau und Umgebung vertreten. Das mähr.-schles. Distriktskomitee und der jüd. Volksverein „Zion“ in Oderberg entsandten Deputationen. Herr Rabbiner Dr. Spira feierte in seiner ausgezeichneten Festpredigt die Verdienste, die Herzl sich um das Judentum erworben. In überzeugender Weise schilderte er die flammende Begeisterung und die ideale Hingebung, mit welchen unser unvergeßlicher Führer für das jüdische Volk arbeitete und wie er alle Assimilanten und Indifferenten für seine weltumfassende Idee zu gewinnen suchte, was ihm auch zum großen Teile gelungen ist. Die Predigt des Herrn Dr. Spira machte auf die Zuhörer den tieftsen Eindruck. Den gesanglichen Teil des Gottesdienstes leitete in gediegenerWeise Her Oberkantor M. Löwy, dessen zu Herzen gehender Gesang die schönste Wirkung übte.