Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 20 ein. Auf den ersten Blick erkannte ich in einem von ihnen den Stammesgenossen; der zweite dagegen, von ungleich imposanterer Körperfülle und Selbstüberhebung als sein Sozius, verriet nicht allsogleich die jüdische Abstammung. Man mußte erst sein quatschig-fettes Französisch anhören, wie es an der Pariser Börse so lieblich erklingt, um auch bezüglich seiner auf viele Millionen zu bewertenden Persönlichkeit im Klaren zu sein. Nachdem ich beiden Herren vorgestellt worden war, wollte ich das Gespräch mit meinem Gewährsmann unterbrechen, doch dieser fuhr in seinen Meinungsäußerungen weiter fort und ließ sich durch den Besuch nicht stören. Wie groß war jedoch mein Erstaunen und meine gerechte Entrüstung, als der Dickbauchige bei jedem Worte dazwischensprach, um jene sattsam bekannten Schalheiten von „separatistischen Strömungen“, „Utopien“ usw. usvv. vorzubringen, wie wir sie von unseren Assimilanten und Renegaten immer wieder zu hören bekommen. Der gute Mann wollte den ottomanischen Juden durch meine Vermittlung die furchtbare Drohung verkünden, daß die Alliance Israöiite Universelle sich von ihnen unweigerlich abwenden -würde, falls sie darauf bestehen sollten, an Stelle des Französischen die hebräische Sprache zu lehren. Ich mußte mir Zwang antun, um nicht aus der Fassung zu kommen und begnügte mich damit, den unartigen Schwätzer und sein seichtes Gewäsch zu ignorieren. Später erfuhr ich, daß der Mann, welcher auf einen Namen hört, der ungarisch-türkisch klingt und ständig in Paris wohnt, einige Male schon den Glauben abgeschworen und alles Heil durchkostet habe, welches im Judentum, im Islam und in der katholischen Kirche zu finden ist Also ein Doppeltumgetaufter. In der Tat, eine Elastizität und Anpassungsfähigkeit, welche er auch in seinen großen geschäftlichen Unternehmungen mit so viel Glück und Geschick zu bekunden versteht, daß er heute als der erste und mächtigste Großkaufmann im Orient dasteht Wer aber gibt diesem abtrünnigen Menschen das Recht, in jüdischen Angelegenheiten mitzureden? Und diese Leute werden der guten gerechten Sache trotz allem wenig antun können, weil sie überhaupt kein Ideal haben, weil sie nicht recht wissen, was sie wollen und wohin sie eigentlich steuern, weil sie durch und durch entnationaüsiert sind. Die islamitischen Völker jedoch, die Türken wieder in erster Reihe, sind streng national gesinnt und haben kein Verständnis für den gehaltlosen Kosmopolitismus unserer assimilatorischen Glücksritter. Der Türke verachtet und haßt sie im Grunde seiner Seele, er meidet jeden Verkehr und fürchtet jede Berührung mit ihnen, er kann ihre Tendenzen überhaupt nicht begreifen und verabscheut dieselben. Ein Türke, und sei er noch so aufgeklärt, würde sein Haupt in Trauer verhüllen, vielleicht auch in wilder Wut zum Messer greifen, wenn er einen Stammesgenossen über seine nationalen Interessen so sprechen hörte, wie der dickbauchige Multimillionär mit dem ungarisch-türkischen Namen über hochbedeutsame jüdischnationale Angelegenheiten gequatscht hat. Es wird und muß also gelingen, die Sympathien der mahomedanischen Welt im ottomanischen Reiche für die Sache des Zionismus zu gewinnen, eben weil ihr unsere Bestrebungen natürlich und selbstverständlich erscheinen und weil sie von jeher Vertrauen zu uns haben. Allen Anfeindungen zum Trotz werden wir siegen. In den nächsten Wochen wird sich die ottomanische Deputiertenkammer mit dem Immigrationsgesetz zu befassen haben. Ueber den Inhalt der bezüglichen Gesetzesvorlage, welche die Regierung ausgearbeitet hat, kann man vorläufig noch nichts erfahren, jedenfalls dürfte von den Möglichkeiten einer größeren jüdischen Einwanderung, von Palästina und dem sogenannten „roten Paß“ gesprochen werden. Ob sich die vier jüdischen Deputierten ihrer Pflicht und großen Verantwortlichkeit bewußt sind; ob sie der Aufgabe gewachsen sind, die bei dieser Gelegenheit an sie herantritt und welche darin besteht, Regierung, Parlament und die breite Oeffentlicbkeit von den unschätzbaren Vorteilen zu überzeugen, welche eine systematisch geordnete Einwanderung von Juden für das Reich und die wirtschaftliche Entwicklung desselben zweifellos haben würde? Das sind bange Fragen an eine nahe Zukunft, deren Beantwortung momentan noch nicht möglich erscheint. Wir dürfen unsere Hoffnungen und Erwartungen jedenfalls nicht zu hoch spannen, damit uns die mögliche Enttäuschung nicht gar hart trifft. Vergessen wir nicht, daß diese vier Deputierten nicht auf ein jüdisches Programm hin gewählt wurden, das übrigens bis heute noch nicht besteht und daß sie durch reinen Zufall ins Parlament kamen, bedenken wir ferner, daß sie gar keinen Zusammenhang mit den Massen des jüdischen Volkes haben, denselben gar nicht suchen und daß sie über jüdische Angelegenheiten ausschließlich an solchen Stellen instruiert und inspiriert werden, welche selber nicht wissen, was sie eigentlich wollen und den jüdischnationalen Gedanken wie etwas subversiv-revolutionäres fürchten und bekämpfen. Wenn wir diese Indizien in Erwägung ziehen, so wird uns ein negativer Verlauf der bevorstehenden Debatten nicht zu schmerzlich berühren, am allerwenigsten zu entmutigen vermögen. Der Grand Rabbin, Rabbi Chajim Nachum, hat während der letzten Tage die großen Gemeinden von Saloniki und Adrianopel besucht. Er wurde überall mit überschwenglichem Enthusiasmus empfangen, geradezu wie ein Fürst gefeiert. . . . Weshalb? . . . Wer vermöchte es, die Psychologie der jüdischen Volksmassen zu ergründen und zu erklären? Der Mann ist in Konstantinopel selbst, wo man ihn einigermaßen schon kennt, nicht populär, beinahe unbeliebt, in Saloniki und Adrianopel ist er noch ganz unbekannt; von seiner bisherigen Betätigung sieht und erfährt man nur so viel, daß er mit Ministern und Bolschaftem Besuche austauscht, sonst nichts. Nicht' einmal, daß er ein festes, jüdisches Programm hätte. Und trotzdem ein so überschäumender Enthusiasmus. Will das Volk am Ende die künftigen Großtaten seines ersten „konstitutionellen“ Chacham-Baschi im voraus eskomptieren? Wenn’s am Verfallstage mit der Einlösung nur nicht hapert, dann kann es allen ja recht sein. Das Volk, das sich noch ein gesundes jüdisches Empfinden gewahrt hat, gehört jetzt schon uns. Die großen jüdischen Zentren von Haskeny und Balat zeigen viel Verständnis, bekunden echte warme Liebe für die jüdischnationale Idee, für die nationale Sprache .und für das Ideal unserer nationalen Renaissance., Die jüdische Jugend schart sich mit heller Begeisterung um das nationale Banner. Unsere Konferenzen finden wachsenden Zulauf, unsere Zeitungen werden mit Vorliebe gelesen. Und der wackere Turnverein der „Makkabi“ bildet jetzt schon die tüchtigste und populärste Organisation in der Hauptstadt, sie ist der einzige Stolz der Judenheit von Konstantinopel. Am letzten Passahtage veranstalteten die „Makkabi“ in Balat ein öffentliches Schauturnen, welches die nach vielen Tausenden zählenden jüdischen Zuschauer in helle Begeisterung versetzte. Auch Türken und Griechen überboten einander in Kundgebungen aufrichtiger Sympathie und Bewunderung für die strammen jüdischen Knaben und Mädchen, Sephardim und Eskenasim, wtlche mit so viel Liebe und Verständnis an der physischen und moralischen Gesundung des Volkes arbeiten, als dessen Kinder sie sich laut und stolz bekennen. Am Schlüsse der herrlich gelungenen Produktionen erhielten die Sektionen der „Makkabi“ je eine schön gravierte Medaille mit hebräischer Inschrift als Widmung und Prämie seitens des hiesigen Botschafters der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Herrn Oskar Straus. Ja, man arbeitet jetzt in Konstantinopel: ruhig, ohne Aufsehen, aber mit Zielbewußtsein. Die Ueber- 7 J zeugung ringt sich allmählich, aber unaufhaltsam durch, daß das jüdische Volk berufen ist, am großartigen Werke der ottomanischen Revolution hervorragend mitzuhelfen, an der Entwicklung dieses großen, schönen und gastfreundlichen Reiches teilzunehmen. Das Bewußtsein, daß die Lösung der jüdischen Frage hier, nur hier möglich sei, faßt immer tiefere Wurzeln. Die Juden als Element des Friedens, der Arbeit und der Kultur werden diesem Reiche außerordentlich nützlich werden, dabei auch das Werk ihrer eigenen Selbsthilfe vollbringen und krönen. i Diese Erkenntnis hat das jüdischnationale Ideal in uns wachgerufen. Wahrlich, ein herrlicher, goldener Erfolg. Konstantinopel, im Mai 1910. ‘ M. J. Cohen. Verein für Statistik der Juden. Die Hauptversammlung des Vereines für Statistik der Juden, welche am 2. Mai d. J. in Berlin stattfand, nahm in diesem Jahre einen besonders interessanten Verlauf. Nachdem der Vorsitzende des Vereines, Doktor Alfred N o s s i g, die Versammlung eröffnet hatte, ergriff der erste Vorsitzende des Kuratoriums, geh. San.-Rat Dr. M a r e t zk i, das Wort und führte im Wesentlichen folgendes aus: „Die Berliner Gemeinde ist allen anderen in der Würdigung der Bedeutung der Statistik vorangegangen. Trotz allen Druckes befindet sich .das Judentum zweifellos in einer aufsteigenden Bewegung. Das Interesse der Juden an der jüdischen Gemeinschaft wächst stetig. Dies beweist das Entstehen neuer Organisationen, die sich der Aufgabe widmen, das Wesen des Judentums klarzustellcn und das Judentum zu einem höheren Bewußtsein seiner eigenen Daseinsformen emporzuführen. Diesen Organisationen reiht sich der „Verein für Statistik der Juden“ als ebenbürtige und berechtigte Institution an, da er die Unterlagen für Vorschläge zu sozialen Maßnahmen 'liefert. Die soziale Wirksamkeit bildet gegenwärtig den Kern der gesamten Betätigung der modernen Judenheit. Die Erfassung des wahrheitsgemäßen Tatsachenmaterials, das Nachweisen dessen, was des Ausbaues bedürftig ist, die tendenziöse und vorururteilslose Prüfung der Materie ist das spezielle Ziel, das der Verein für Statistik sich gesteckt hat.“ Hierauf erstattete Dr. Alfred N o s s i g den Bericht des Kuratoriums, des Vorstandes und des Bureaus des „V. f. St. d. J.“ für das Jahr 1909, dem wir nachstehende Stellen entnehmen: „Es sind nun gerade acht Jahre verflossen, seitdem im Mai 1902 der ,Verein für Statistik der Juden“ mit der Zentrale in Berlin begründet wurde. Der rückwärtsschauende Blick bleibt vor allem an einer Tatsache haften: an der Entwicklung der ursprünglich von Volontären unternommenen Arbeiten zu einem durch die einsichtsvolle Unterstützung der offiziellen jüdischen Vertretungen fundierten amtlichen Betrieb. Die Eröffnung jüdisch-statistischer Forschungen muß tatsächlich einem dringenden Bedürfnisse entsprochen haben, wenn unsere Gemeindevertretungen, die für fiktive Interessen keine Mittel zur Verfügung haben, die Errichtung eines Bureaus für Statistik der Juden nach amtlichem Vorbild ermöglicht haben. Dieses reale Bedürfnis ist von doppelter Natur. Unsere Arbeiten verfolgen einerseits die wissenschaftliche Erfassung sämtlicher das physische, soziale und kulturelle Leben der uden betreffenden Verhältnisse, anderseits die Herstellung der unerläßlichen Informationsgrundlagen f - die einfachsten administrativen, aber auch für %.eitausschauende humanitäre und sozialpolitische Maßnahmen. Wir hatten, als wir vor Jahren an unsere Aufgabe herantraten, vor allem eine Pflicht zu erfüllen: das in den staatlichen und städtischen Publikationen enthaltene Material zur Statistik der Juden zu heben und zu bearbeiten. Wir können uns nun weiteren Zielen zuwenden. Nach der wissenschaftlichen Seite hin erscheint es vor allem wünschenswert, die für die einzelnen Länder gefundenen Daten zu einer übersichtlichen Gesamtstatistik der jüdischen Bevölkerung zusammenzustellen. Dieses umfassende Werk ist im Berichtsjahre von unserem Bureau in Angriff genommen worden. Der erste Band, welcher die Bevölkerungsstatistik enthält, ist im Manuskript beinahe fertig und wird voraussichtlich noch in diesem Jahre erscheinen. Unsere jüdische Wellstatistik berücksichtigt jedoch nur diejenigen Länder, welche eine amtliche Statistik und innerhalb derselben eine Konfessionsstatistik besitzen.“ In Vertretung des am persönlichen Erscheinen verhinderten Dr. J. S e g a 11 brachte nun der Leiter des Bureaus f. St. d. j. Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau das angekündigte Referat zum Vortrag. Aus dem Referat von Dr. S e g a 11, „Die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinden“, seien nachstehende Hauptgedanken hervorgehoben: Die jüdische Gemeinde hat manche Analogien mit der politischen Gemeinde. Die Statistik hat daher für beide sehr ähnliche Aufgaben zu erfüllen. Besondere Aufgaben erwachsen aber der Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde deshalb, weil die letztere auch religiöse Interessen zu erfüllen hat. Eben so wie die städtische, so muß auch die jüdische Gemeinde ihren Menschenbestand und das Maß ihrer natürlichen und künstlichen Entwicklung genau kennen. Sowohl bei der Volkszählung als bei der standesamtlichen Registrierung wird die Religion berücksichtigt; es wird aber nicht festgestellt, wie viel Juden monatlich oder jährlich ab- oder zu-