Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438293--1884-2441509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Meine Herren, ich schließe meine Ausführungen damit, daß wir gewiß nicht die Absicht haben, den Gang der Verhandlungen im Hause zu verschleppen. Wir haben gewiß nicht die Absicht, Vorlagen, sogar Regierungsvorlagen von der Verhandlung zurückzudrängen. Wenn wir aber an die Reform der Geschäftsordnung schreiten, so müssen wir als Abgeordnete des Volkes darauf bedacht sein, daß auch die vielen politischen, nationalen und wirtschaftlichen Fragen, welche im Volke auftauchen und welche von grundlegender Wichtigkeit sind, in diesem Parlament zur Sprache kommen und einer gerechten Lösung zugeführt werden. Diese Forderung stellen wir im Namen der Bevölkerung, die uns hierher geschickt hat, damit wir unsere Pflicht als Abgeordnete leisten. (Beifall und Händeklatschen.) Von der Woche. Karl Goldmark. Am 18. Mai beging Karl Goldmark, der uns längst ein teurer Mann ist, sein achtzigstes Geburtsfest. Es braucht nicht gesagt werden, was uns dieser Meister bedeutet, der zur Githith singt, wie der hohe König David, was uns der Schöpfer der „Königin von Saba“ ist. Stolz sind wir auf diesen ganz auserlesenen jüdischen Künstler, der an sich Selbstzucht übte, wie nur ganz wenige Zeitgenossen, der niemals den Verlockungen der Vielschreiberei zuwillen war, dessen schlichte Größe alle Programm- und Reklammusiker überragt und der hochgeachtet in vollster Schaffensfreude ein biblisches Alter erlebt. Die Weisen Salomos, Assads und Mirjams, das Hohe Lied, die keuschen Tempelchöre und glühenden Harfensänge klingen auch aus seinen späteren Opern — selbst dem „Götz von Berlichingen“ — wieder und geben dem klassischen Geigenkonzert, den Liedern und Ouvertüren, in gewissem Sinne auch den beiden Symphonien ein unverkennbares Gepräge. Gegenwärtig vertont der Altmeister Grillparzers „Esther“ und kehrt somit zu seiner biblischen Heimat zurück, aus der sein Genius entsprossen ist. Sein unnahbares Künstlertum erinnert an Felix Mendelssohn-Bartholdi, mit dem er die blühende Melodik wie den Adel des Schaffenden gemein hat. Ehrerbietig und mit heißem Danke begrüßt ihn das bewußte Judentum an seinem Ehrentage. * * * König Eduard VII. und Theodor Herzt. Anläßlich einer jüngst stattgehabten Herzlfeier in London teilte der einstige diplomatische Unterhändler Herzls, Herr Greenberg, mit, daß nur ein purer Zufall eine bereits verabredete und beschlossene Zusammenkunlt Eduard VII. mit Theodor Herzl verhinderte und daß der verstorbene Monarch ein lebhaftes Interesse für den Zionismus bekundete. Schließlich war es doch seine Regierung, die den Juden zum erstenmal ein Land anbot, und auch seine Regierung war es, die bei der Beratung des Fremdengesetzes Theodor Herzl, einen Ausländer, kommen ließ und seine Meinung über diese Frage einholte, weil die englische Regierung in Herzl den Führer und das Haupt des jüdischen Volkes sah — zum Aerger der englisch-jüdischen Notabein. Man bedenke was das bedeutet: eine mächtige Nation macht ein Landesgesetz und holt vorher den Rat eines ausländischen Juden ein, weil sie ihn als moralisch-politische Kraft schätzt. Für diese Beweise moralischen und politischen Wohlwollens, die uns Eduard VII. gebracht, müssen und werden wir sein Andenken in Dankbarkeit bewahren. * * * Von der jüdisch-tschechischen Assimilation. Die tschechische „Union“ veröffentlichte vorige Woche folgenden Bericht: „Vorigen Sonntag fand in Brünn eine vom Verbände der böhmisch-fortschrittlichen Juden in Böhmen einberufene Besprechung von mährischen Juden statt, in der die Frage des Verhältnisses der Juden zum böhmischen Volke erörtert wurde. Nach den Referate des Advokaten Dr. Ed. Lederer aus Neuhaus i. B., der die Bedeutung der böhmischjüdischen Frage beleuchtete und der Ansicht Ausdruck gab, daß die in böhmischer Umgebung lebenden Juden das Recht und die Pflicht haben, sich als vollwertige Mitglieder der böhmischen Nation zu bekennen, entspann sich eine lebhafte Debatte, in der festgestellt wurde, daß die böhmischjüdische Bewegung, die einen wichtigen Bestandteil der böhmischen Frage überhaupt bilde, überhaupt noch schlafe. In vertraulicher Sitzung wurde beschlossen, einen Kataster der böhmischen juden in Mähren anzulegen, informative Versammlungen in Mähren abzuhalten, die böhmische Oeffentlichkeit in den mährischen Blättern über die böhmische Judenbewegueg zu infomieren. Gleichzeitig konstituierte sich ein Komitee von Brünner Interessenten. Nach vorliegenden Meldungen waren auch einige Zionisten in der Versammlung anwesend, die dem nationalen Indifferentismus das Wort redeten, ohne aber damit Anklang zu finden.“ Nun gar so gefährlich ist diese Bewegung der tschechisch-jüdischen Assimilanten nicht. „Nach vorliegenden Meldungen“ waren im ganzen 15 Teilnehmer anwesend, die mit aller Gewalt die Meinung erwecken wollten, daß hinter ihnen „Manen“ stehen, die im Gegensatz zu den bösen Zionisten, dem nationalen Gedanken das Wort reden. Das Malheur will’s aber, daß ihr Gehaben nicht allzu ernst genommen wird. Die Juden sehnen sich nicht nach einer tschechischen Variation des „Schönererianismus“ und das tschechische Volk geht auch nicht auf nationale Proselytenmacherei aus. Im Ggenteil! Die fortschrittlichsten Elemente wie die Masarykgruppe bringt dem jüdisch - nationalen Gedanken Sympathie entgegen. Die Aktionen der „bömischisraelitischen“ Koterie wird von vornherein zur Erfolglosigkeit verdammt. Parteinachfichten. Sitzung des zionistischen Zentralkomitees. Die zweite Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich wurde für Sonntag, den 29. M a i d. J., nach Wien einberufen und wird im Saale des Jüdischen Nationalfonds, IX., Türkenstraße 9, abgehalten werden. Tagesordnung: 1. Bericht des Zentralbureaus; 2. Preßfonds; 3. Jahreskonferenz und Vorkonferenz. * * * - Herzlfeiern des Distriktskomitees. Wir werden ersucht, um Mißverständnissen vorzubeugen, zu betonen, daß die vom DK. in Aussicht genommene große Gedenkfeier endgiltig für den 21. Mai, 8 Uhr abends, und der Grabbesuch für den 22. Mai, halb 11 Uhr vorm., festgesetzt sind. Dadurch sind alle früheren Ankündigungen korrigiert. Für den Grabbesuch werden nachstehende Verfügungen zur Kenntnis des Publikums gebracht: Der Abmarsch vom Sammelpunkte erfolgt Punkt halb 11 Uhr. Die Vereine werden ersucht, in geschlossenen Reihen dortselbst einzutrefien oder sich gleich bei ihrer Ankunft zu gruppieren. Das Friedhoftor bleibt vor Eintreffen desZuges für jedermann geschlossen. Der Zug marschiert in Dreierreihen. Der Friedhof wird ohne Aufhalten passiert. Es ist verboten, am Grabe stehen zu bleiben oder aus der Reihe zu treten. Reden oder Ansprachen finden nicht statt. Der Zug defiliert schweigend langsamen Schrittes am Grabe vorbei. Die Weihe des Tages gebietet, den Grabbcsuch zu einer ernsten, feieriiqhen und eindrucksvollen Kundgebung zu gestalten. * Um den Grabbesuch würdig zu gestalten, ersucht das DK. die Gg. in schwarzer Kleidung zu erscheinen. Brief aus Konstantinopel. Originalkorrespondenz der „Jüdischen Zeitung“. Der blutige Aufstand in Nordalbanien kann als Beweis dafür gelten, daß die türkische Revolution noch lange keine vollendete und abgeschlossene Tatsache ist. Im Gegenteil, derartige Peripetien und Verwicklungen werden in den ersten Jahren nach der Umwälzung aller Voraussicht nach an verschiedenen Enden des Reiches immer wieder auftauchen und das Reformierungswerk erschweren. Das liegt in der Natur der Situation und erscheint durch die verschiedenartigen zentrifugalen Interessen logisch begründet. Während die Regierung mit dem bulgarischen und griechischen Bandenunwesen in Mazedonien ohne besondere Schwierigkeiten und in kurzer Zeit so gut wie fertig wurde, will es ihr nicht leicht gelingen, die rebellischen mohamedanischen Elemente in Europa und Asien für die Idee der Freiheit und Gleichheit zu gewinnen und sie mit den neugeschaffenen Verhältnissen endgültig auszusöhnen. Immer wieder sind es Araber, Kurden und Arnauten, welche sich dagegen auflehnen. Und sie tun es recht gediegen und gründlich: durch großangelegte Aufstände, mit .den Waffen in der Hand. Ernstlich gefährden oder gar völlig zerstören werden sie das begonnene Werk allerdings nicht. Dazu sind sie denn doch nicht machtvoll genug. Die konstitutionelle Regierung ihrerseits hat seit Beginn der neuen Aera auf militärischem Gebiete wirklich Erstaunliches geleistet; sie hat alle Kräfte auf die Ausrüstung und moderne Bewaffnung der Armee konzentriert. In der ganz kurzen Zeit von zwanzig Monaten hat sie ein Heer geschaffen, welches nicht allein alle Rebellen im Innern mit Leichtigkeit niederringt, sondern auch den mißgünstigen, beutegierigen Feinden jenseits der Grenzen hohe Achtung einflößt. Das Offizierskorps ist dem neuen Regime mit Leib und Seele ergeben; auch die Mannschaften werden jetzt so gut gehalten und behandelt, daß sie den großen Unterschied gegen früher einsehen müssen. Man sagt auch allgemein, daß die Mannschaften mit jedem Tage verläßlicher werden. Nach wie vor wird an der Reorganisation der ottomanischen Armee mit nie versagender Opferwilligkeit und wirklich staunenswertem Ernst und Verständnis weitergearbeitet. Minder befriedigend sind die bisher erreichten Resultate des neuen Regimes auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete. Da fehlt es den regierenden Männern, wenn auch nicht an gutem Willen, so doch an Mut zu kräftiger Initiative, an Erfahrung und Fachmännern. Das mahomedanische Element ist in dieser Beziehung durchweg rückständig; Fremden gegenüber hegt es ein schwer zu besiegendes Mißtrauen, begründet und genährt durch bittere Erfahrungen, welche die Türkei mit fremden Ausbeutern der ärgsten Kategorie gemacht. Auch die anderen nichtmahomedanischen Ottomanen scheinen der neuen Situation nicht voll gewachsen zu sein, denn sie wollen noch nicht recht heran. Vielleicht fehlt es Griechen und Armeniern auch an Zutrauen zur Stabilität der neuen Ordnung, wahrscheinlich auch an Verbindungen von Wert mit besseren finanziellen Kreisen des kapitalistischen Auslandes. Wenn die jüdischen Finanziers hier ernstlich mittun wollten, sie könnten in diesem großen, wirtschaftlich fast noch gänzlich intakten Reiche großartige Werke schaffen, Schätze von unermeßlichem Werte könnten sie ans Licht fördern. Ohne die Mitwirkung des Auslandes wird das Riesenwerk der ökonomischen Entwicklung nicht durchgeführt werden können und als fremde Mitarbeiter an demselben kämen die Juden in erster Reihe in Betracht, aus dem einfachen Grunde, weil die islamitische Welt zu ihnen mehr Vertrauen hat als zu den Christen, dann aber auch, weil das Judentum zahllose arbeitswillige Existenzen besitzt, welche nach Betätigung ausblicken, sich nach einem friedlichen, zufriedenen Dasein sehnen, welches sie in ungastlichen christlichen Ländern nicht finden können. Wenn das jüdische Volk einig wäre, wenn es nur wollte: hier, im Orient, und jetzt, in unseren Tagen, müßte die große jüdische Frage eine natürliche, allgemein befriedigende Lösung finden. Ja, wahr ist es, unbestreitbar wahr, daß die islamitische Welt, besonders das Türkenvolk, volles, uneingeschränktes Vertrauen zu uns hat. Trotz allen giftigen Verdächtigungen, welche von jüdischen Renegaten und solchen, die es werden wollen, gegen den Zionismus und seine Endziele verbreitet werden, fühlt sich das türkische Volk frei von jedem Zweifel hinsichtlich unserer jüdischnationalen Bestrebungen. Diese Wahrnehmung kann jeder machen, welcher mit einem Türken über Zionismus und zionistische Aufgaben kultureller und wirtschaftlicher Natur spricht und Veranlassung nimmt, aufklärend und belehrend zu wirken. Nur Juden haben wir zu Gegnern. Als ich vor etlichen Wochen mit einem sehr einflußreichen jungtürkischen Politiker, welcher im Komitee für „Einheit und Fortschritt“ eine leitende Rolle spielt, über die Einführung des Hebräischen als Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen sprach, traten zwei fremde Herren, die Chefs einer der größten Handelsfirmen im Orient, ins Zimmer