Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438293--1881-2441506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 20 die umsichtige, objektive Leitung der Verj Handlungen. Dr. Straucher faßt die Ergebnisse der Konferenz zusammen und schließt mit Dankesworten an alle Teilnehmer die 11. politische Reichskonferenz. Unsere politische Aufgabe. Von W. Jabotinsky. Von verschiedenen Seiten wird heute die Anfrage gestellt: Worin bestehen unsere politischen Aufgaben in der neuen Türkei? Es möge mir eriaubt sein, in der gastfreundlichen „jüdischen Zeitung“ meine Meinung diesbezüglich in kurzen Zeilen zu äuBem. Eine direkte diplomatische Aktion in alt-zionistischem Sinne ist heute einstweilen so gut wie ausgeschlossen. In einem konstitutionellen Staate kann eine solche Aktion erst dann auf Erfolg rechnen, wenn sie mit der öffentlichen Meinung, mit der Stimmung der maßgebenden Kreise gewissermaßen im Einklänge ist Es gilt also zuerst, auf die öffentliche Meinung Einfluß zu gewinnen und die Schaffung derjenigen prinzipiellen und rechtlichen Grundlagen zu fördern, deren Annahme als unentbehrliche Voraussetzung für etwaige Erfolge der zionistischen Sache in der neuen Türkei erscheint. Dabei ist diese Aufgabe zweifach aufzufassen: Einerseits haben wir mit der allgemein-ottomanischen Oeffentlichkeit zu rechnen, andererseits liegt auf der Hand die Notwendigkeit einer Einflußnahme auf die ottomanische Judenheiti Welche sind also die unentbehrlichen, aber heute zu der öffentlichen Meinung der Türkei noch ganz oder teilweise mangelnden Voraussetzungen, unserer Aktion? Vor allem ist es die Idee des Nationalitätenstaates. Im Auslande hält man es für eine Selbstverständlichkeit, daß die Türkei nichts weniger ist als ein einheitlicher Nationalstaat, und daß ihre Entwicklungswege zur breitesten politischen und kulturellen Dezentralisation führen. Aber für die Jungtürken ist es noch .weit keine Selbstverständlichkeit. Man muß doch damit rechnen, daß der Sprung aus dem Hamidismus in den Verfassungsstaat die meisten Leute noch vollkommen unvorbereitet für die neuen Aufgaben fand. Sehr viele von ihnen hatten sogar einen ganz phantastischen Begriff von der ethnischen Zusammensetzung des Reiches; noch im Vorjahre waren nicht selten angesehene Herren zu finden, die aufrichtig glaubten, das der türkische Volksstamm ungefähr die Hälfte wenn nicht die überwiegende Majorität der Reichsbevölkerung bilde. j Die politische Erziehung der wenigen, bei denen es überhaupt möglich ist, von einer politischen Erziehung zu sprechen, wurde ausschließlich in Frankreich gemacht, und der französische Zentralismus gilt noch bis heute als das beste politische Muster, als ein Ideal, zu dem alle Staaten der Welt natürlich streben. Von dem Nachbarstaate, der wirklich für die junge Türkei als Mustergebilde gelten sollte, von Oesterreich, weiß man in der Türkei fast gar nichts. Noch heute sagt man in Konstantinopel ganz unbefangen, mit der Stimme der tiefsten Ueberzeugung: — „Oesterreich ist ja etwas ganz anderes, es ist eine Federation (!) und dabei wohnt ja dort jeder Volksstamm abgesondert in seinem einheitlichen Kronlande, die Tschechen in Böhmen, die Polen in Galizien_“ Bei dieser politischen Unschuld ist es erklärlich, daß die Verfassung in der ersten Zeit überhaupt als allheilende Panazäe aufgefaßt wurde. In den Flitterwochen der Begeisterung waren viele, wenn nicht alle, in jüngtürkischen Kreisen überzeugt, daß jetzt alle Gegensätze von sich selbst verschwinden werden und die willkürliche Assimilation aller Volksstämme schon in einigen Jahren zu erwarten sei. Das gilt besonders für alle Mohammedaner, für Araber sowie für Albanesen. — Dabei muß man noch berücksichtigen, daß in der Türkei solche Begriffe wie Nationalität, nationale Bewegung, Autonomie wirklich einen anderen historischen Inhalt haben. Hier war eine Nationalbewegung immer separatistisch, die Autonomie immer nur eine Uebergangsstufe zur endlichen Lostrennung. Diese Tatsache hat tiefe Wurzel in der politischen Psychologie der Türken gelassen: Nur langsam und schwer kann sich in diesem Milieu die Auffassung einbürgem, daß die Einheit des Staates sich ganz gut mit der Verschiedenheit der nationalen Kulturen und Bestrebungen sowie mit der weitgehendsten Selbstverwaltung der Provinzen versöhnen läßt. Diese Auffassung in der jüngtürkischen Oeffentlichkeit zu verbreiten, soll unsere erste Sorge sein. Dafür sorgt schon glücklicherweise das Leben selbst; in den zwei Jahren, die nach der Revolution verflossen sind, hat man in der Türkei ungemein vieles gelernt und verstanden. Die Türken sind diesbezüglich ein ausgezeichnetes Menschenmaterial: sie verschließen sich nicht den Lehren der Wirklichkeit. Nicht daß bei ihnen politische Fehler überhaupt ausgeschlossen 'seien: was jetzt in Albanien geschieht, ist zur Hälfte wenigstens auf Fehler der jungtürkischen Politik zurückzuführen. Aber diese Leute besitzen die eingeborene Fähigkeit, die falsche Ambition zu überwinden, die Fehler zu erkennen und daraus zu lernen. In der kurzen Frist haben sie vieles gelernt. Heute spricht man nicht mehr von Assimilation, von Türkisierung; heute gilt es schon für unentbehrlich, mit der weiteren Existenz und Entwicklung der verschiedenen Nationalitäten zu rechnen; heute sieht man schon in jungtürkischen Kreisen ein, daß die muhammedanischen Albanesen und ganz besonders die Araber eher als ernste Konkurrenten im Kampfe um den Staat, denn als Bundesgenossen in den Türkisierungsbestrebungen zu betrachten sind. Anderseits dringt schon heute von sich selbst das beruhigende Verständnis ein, daß nationale Eigenart nicht identisch ist mit Separatismus und daß die Einheit des ottomaniscben Reiches sich auch bei Verschiedenheit der Sprachen vollständig bewahren läßt. Die Idee des Nationalitätenstaates, diese conditio sine qua non, für jedwede politische Möglichkeit einer jüdischnationalen Konzentration in Palästina, bürgert sich allmählich in der jungtürkischen öffentlichen Meinung ein und unsere erste und wichtigste Aufgabe ist es, bei diesem Aufklärungs- und Erziehungsprozesse mitzuwirken. Die Idee des Nationalitätenstaates ist aber nicht die einzige Voraussetzung unserer Erfolge. Auch abgesehen von Fragen der inneren Kolonisation und dergleichen, wird die ganze türkische Gesetzgebung, jede Kleinigkeit in der rechtlichen Entwicklung des ottomaniscben Verfassungsstaates notwendigerweise unsere Fortschritte in Palästina direkt oder indirekt, günstig oder ungünstig beeinflussen. Schulgesetze, Bodengesetze, Gemeindeverwaltung, Regelung der Konzessionenfrage, Steuerreform, Justizwesen, Vereins- und Versammlungswesen, Wahlrecht, Erwerb der Staatsangehörigkeit, Freizügigkeit, Abschaffung der inneren Pässe, Militärdienst, Staatsanleihen, die Frage der Kapitulationen und Konsularrechte, selbst die auswärtige Politik, die Stärkung oder Schwächung des russischen, oder österreichischen Einflusses in Konstantinopel — alles, alles ohne Ausnahme hat für unsere Bestrebungen die ernsteste Bedeutung, wird auf Entwicklung unseres Besitzstandes in Palästina irgend eine Wirkung ausüben und erfordert infolgedessen unserseits Stellung- und Einftußnahme. Ist die letztere möglich? Darauf muß mit volle r Ueberzeugung die Antwort gegeben werden: ja, aber einstweilen nur durch ein einziges Mittel — durch die Presse. In der türkischen Judenheit sind die geeigneten Elemente, welche imstande wären und den jüdischen Lebens auch nur im Geiste zu sammeln und zu sichten? Ist denn nicht alles, was bisher auf dem Gebiete der nationalen Selbsthilfe geleistet wurde und was noch im Entstehen begriffen ist, von jenem mächtig-stimulierenden Pessimismus inauguriert? Und wie sich das heutige an erschreckender Apathie und faulem Indifferentismus totkranke Judentum nach jenem schöpferisch-aufwärtsstrebendem Pessimismus zurück sehnt... Wie sollte es auch anders sein? Aus seiner übersprudelnden Lebensfülle und Lebenslust schöpft das frei über sein Schicksal waltende Volk den Antrieb zum ferneren Aufschwünge. Aber die drückende Lebens not treibt das geknechtete Volk die Fesseln seiner Leiden zu sprengen ... * Eine Gewitternacht in Bergeshöhen . .. Finstere Abgründe, wilde Blöcke, rollende Lawinen, gähnende Schluchten, stürmende Bäche, — wie viele Gefahren umgeben den einsamen totmüden Wanderer ... Verzweifelt tastet sein Wanderstab in die öde, gewitterschwangere Nacht. Bald wird ihn der letzte Strahl seiner Hoffnung verlassen . .. Da durchreißt ein glühend-zuckender Blitz die blinde Hülle der Nacht. Und mit fiebernd-glänzendem Auge erblickt der verzweifelte Wanderer den fernen steilen Aufstieg. „Noch gibt es einen Weg zur Höhe!“. .. Und wieder wurde es Nacht... Doch hell flammte in ihm der Hoffnung freudiges Licht. Mag der grollende Donner, ihm ungestüm drohend, wild über sein Haupt dahinrollen. Noch gibt es einen Weg zur freien Höhe. Und Licht noch gibt es auf Erden, hellstrahlendes Licht. Auf, Wanderer! Nur Mut! Hold naht dir der Morgenröte jubelnde Freude! — Wer wird es heute unternehmen, die Grenzen der Wirksamkeit dieses Utopismus im jüdischen Leben zu ziehen, das Maß seines Eindringens in die tiefsten Poren des Volkskörpers festzustellen? Ist denn die g e s a m t e jüdisch-nationale Bewegung, von ihrem radikalsten, in die Zukunft ihr Augenmerk richtenden Avantgarde durch den Halb-, Drittel- und Viertel-, kurz durch den Gegenwartsnationalismus bis zum seichtesten, unsicher in die Welt der Tradition und Vergangenheit tastenden Golus- und Scheinnationalismus, — sind denn alle diese Strömungen nicht ein nach der gleitenden Skala abgestufter Abklang jenes urwüchsigen Utopismus und der von ihm erzeugten Volkswelle? Und wie sich alles im heutigen nebelumhüllten Judentum nach jenem Urquell, nach jenem schwungvollen Utopismus zurück sehnt... Wie sollte es auch anders sein? Sicheren Schrittes geht das form- und inhaltsreiche Leben des bodenständigen Volkes seinem gesättigten Wollen voran. Aber in lechzender Sehnsucht haftet das fiebernde Auge des krankenden Volkes stets am großen und fernen Ideale ... # Herzl war Pessimist. Mit ungetrübtem feindlichentschlossenem Blicke durchschaute er das morsche Ghetto und fällte sein stolzes, hartes Urteil über das ohnmächtig vegetierende G o 1 u s Judentum. Da erschallte der Mauschel kreischendes Gezetter: „Pessimist — er tötet den Glauben des Volkes in seine eigenen Kräfte!“ Mauschel kennt nur einen, seinen Pessimismus, — auch Mauschel ist oftmals Pessimist, wenn die „Geschäfte“ schlecht gehen —, die verzagende Ohnmacht, das sinn- und ziellose Grübeln, das zersetzende Bezweifeln alles über ihn Erhabenen. Der Pessimismus eines Herzl, der aus den Qualen einer kraftvollen Schaffenslust, einer Prometheus-Sehnsucht nach Lebensfülle und — Freiheit geschaffen wird, der ist ihm fremd. Mauschels Pessimismus ist die moralisch widerlichste Schadenfreude, die finstere Lust am Bösen. Bei Herzl ist der Pessimismus — der Ausdruck seines tiefsten Mitfühlens mit der Volksnot, die Quelle seiner größten Leiden. Dieser innigmitleidende Pessimismus kennt jene Schadenfreude nicht: „Ich würde vorziehen, ein Träumer von Träumen zu sein, und es lieber sehen, wenn die Tatsachen es nicht erweisen sollten, das ich den richtigen Vorausblick hatte“.. .*) Die gähnende Kluft zwischen der armselig winzigen Gegenwart und der von genialer Intuition im Geiste errichteten sonnenumstrahlten Zukunft — sie ist die Quelle des Herzl’schen, des schöpferischen Pessimismus, der zur Umwertung aller entwerteten Werte und zum neuen freudigen Schaffen kraftvoll antreibt. Denn — wer kann das Golusjudentum geistig und positiv überwinden? Nur wer die tief-innere Tragik des Golus erfaßt hat Und wer sie erfaßt hat, wie könnte er der Golusschwäche und den Golusleiden anders als feindlich-pessimistisch gegenüberstehen? Die Ueberwindung der Goluspsychologie muß den impotent-selbstzufriedenen Optimismus ertöten. Die höchste Stufe, auf die der Mauschelsche Optimismus sich erheben kann, ist die philantropische Züchtung des Schnorrertums. Der Herzl’sche Pessimismus schmiedet den Volkswillen und erzieht ihn zur demokratischen Selbsthilfe, zur nationalen Tat. Wer wird es heute unternehmen, die reifen und noch reifenden Früchte dieses schöpferischen Pessimismus auf den frisch-geackerten Gefilden des *) Herzl vor der Londoner Fremden-Kommission „Zion. Schriften“ Bd. II. p. 266.