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Jüdische Zeitung · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3. Herzlfeier. Aus Anlaß des 50. Geburtstages Th eodor H e r z 1 s veranstaltet das i.-ö. Distriktskomitee folgende Feierlichkeiten: Samstag den 21. Mai a. c., 8 Uhr abends im Festsaale des Hotel Kontinental, II., Taborstr. 8 Grosse Gedenkfeier. Festredner: Herr Reichsratsabg. Adolf Stand und Herr Dr. Isidor Schalit. Regiebeitrag 60 h. Sonntag den 22. Mai, vormittags halb 11 Uhr: Besuch am Grabe Herzls. Gemeinsamer Abmarsch von der Endstation der Elektrischen, Linie 40. Die II. politische Reichskonferenz. Am 15. und 16. Mai fandin Krakau die zweite politische Reichskonferenz der jüdisch-nationalen Organisationen Oesterreichs statt. Dieselbe war vom Jüdischen Klub“, dem „Jüdischen Nationalverein für Oesterreich“ in Wien, der Zionistischen Organisation Galiziens und den politischen jüdisch-nationalen Vereinen der Bukowina beschickt. Es waren erschienen die Mitglieder des „Jüdischen Klub“: Dr. Gabel, Dr. Mahler, Adolf Stand, Dr. St rau eher. Als Vertreter des „Jüdischen Nationalvereines in Wien“: Leopold Sitzmann, Ing. Robert Stricker, Dr. Otto A b e 1 e s, Dr. Hermann K a d i s c h, Alexander Geller. Als Vertreter der galizi sehen Organisation: Dr. Michael Ringel (Lemberg), Df. Moriz Pacht mann (Drohobycz), Hermann T r o p p (Stanislau), D. H. T i eg e r (Lemberg), Moses Frostig (Lemberg), Dr. Ignaz Reiß (Lemberg), Dr. Heirrich Löwenherz (Lemberg), Dr. Jakob Läufer, Dr. Samuel R a p p ap o r t (Lemberg), Dr. Abraham Salz (Tarnow), Dr. David Malz (Bursztyn), Sina Aleksandrow i c z (Krakau), Dr. Ch. H i I f s t e i n (Krakan), Der Anti-Mauschel. Von Maxim Anin. (Bertoldi gewidmet.) Kein Anhänger dessen, was heute als das Erbe Herzls gilt, kommt hier zum Worte. Ein Außenstehender ist’s. Ob er das wollte? Nun, reden wir nicht von Epigonen, wo das Wort dem Andenken eines Großen gilt. Welche Partei könnte ihn, den Koloß umfassen, geschweige denn sich unterordnen? Herzl gehört dem Volke, seinem Volke. Noch ist es nicht an der Zeit, Historie über ihn zu schreiben. Stehen wir ja noch im Schatten, den die Gestalt des Großen warf. Jünger, die vom Erbe des Meisters zehren. Ein Maßstab seiner Größe: Wäre er nicht so überschwenglich reich, der Zukunftsjude, könnten denn die Armen sich so andauernd an seinem Nachlasse freuen? Noch gehört er nicht der Historie... Und schon umwebt die von ihm wieder erweckte Volksseele diese schönste ihrer Blüten mit den zartesten Fäden der Legende. Und wo die Volksseele spricht, da schweige die Historie und lausche. Die erhabensten Blätter in der Geschichte unserer tiefsten Tragik und unserer schönsten Hoffnungen wird sie ihr ablauschen ... Dieses Volk, das all seinen Lebensglauben verloren zu haben schien, das an allem — selbst an seiner eigenen nationalen Existenz — zweifelte — ihm glaubte es, ihm, dem Westler, dem Assimilierten, der zu ihm aus fremder Ferne kam. Denn es erblickte in ihm den großen Träumer, der seinen, des Volkes, Jahrhunderte alten Traum der Entfesselung blutenden Herzens mitträumte, den Messias der Neuzeit. Und den Ueberwinder seines Ruches und seiner Schmach erkannte sie in ihm, den Toten- Dr. S. Wahrhaftig (Krakau), Dr. Isidor K r e n g e 1 (Krakau). Als Vertreter der Organisationen in der Bukowina: Dr. Berthold Frucht, Sigmund W e i ß g 1 a ß, Dr. Max Diamant. Als Gast wohnte den Beratungen der russische Zionistenführer Gg. Dr. Jabontinski bei. Namens des einberufenden „Jüdischen Nationalvereines“ in Wien eröffnet Reichsratsabgeordneter Gg. Dr. H. Gabel die Konferenz. Er schilderte die Entwicklung, welche die jüdisch-politischen Organisationen seit der letzten Reichskonferenz im Jahre 1906 genommen haben. Zu einer Zusammenfassung der Organisationen sei es in dieser Zeit nicht gekommen. Große, für die gesamte österreichische Judenschaft bedeutsame Aufgaben harren , der Erledigung. Diese können jedoch nur von einer starken, einheilich geleiteten Reichsorganisation geleistet werden. Aus dieser Erwägung heraus habe der „Jüdische Nationalverein“ in Wien die Initiative zur Einberufung der heutigen Konferenz ergriffen Die Konferenz werde sich mit der Schaffung einer Reichsorganisation, der bevorstehenden Volkszählung und der Organisation der Kultusgemeinden befassen. Die Grundlage der Reichsorganisation müsse das zionistische Weltprogramm bilden. Hierauf wird zur Wahl des Präsidiums geschritten. Es wurden gewählt: Dr.Strauch e r Präsident, Dr. M. Ringel und Ing. R. Stricker Vizepräsidenten, Frostig und Geller Schriftführer. Abg.Dr.Stra u cherdanktfürdieWahl und betont die Bedeutung der Konferenz. Er beantragt die Konferenz für vertraulich zu erklären. Hierauf legt Abg. Dr. Gabel einen Entwurf zur Schaffung einer Reichsorganisation vor, den er in längeren Ausführungen begründete. Das Programm der Organisation ist das des „Jüdischen Nationalvereines„ in Wien. Die Organe der Partei sind die Reichskonferenz, welche alljährlich tagt, und die Reichsexekutive. An das Referat schließt sich eine anregende Debatte, an der sich fast alle Deligierten beteiligen. Alle Redner sprechen sich für die Schaffung der ganz Oesterreich umfassenden Organisation aus. Es werden gräber Mauschels, den Anti-Mauschel... Das Volk jubelte ihm hell zu, Mauschel aber schlug finsteren Sinnes Alarm. Hat er doch das Lager Mauschels verlassen . . . Mysteriöse Ironie des schöpferischen Volksgenius: seine erhabensten und mächtigsten Geister erwachsen dem Volke dort, wo es sie am allerwenigsten erwarten konnte. Man bedenke: Mauschel und — Herzl! Aus düsterem, erstickendem Sumpfe quoll ein blendend glänzender Lichtstrahl empor, der die Müden und Geknickten — in Ost und West, hüben und drüben, in aller Leiden Ländern aufrichtete Wieder ein Zeichen wahrer Größe: Nicht der ist genial, dem, vom Großen umgeben, das Große als reife Frucht in den Schoß fällt, sondern der, das Kleine und Niedrige überwindend, sich zur schwindelnden Höhe emporgekämpft hat. — Herzl steht so unerreicht hoch, weil Mauschel, den er in seiner Innen- und Außenwelt zu überwinden hatte, so erbärmlich-winzig ist... Mauschel, ihr kennt ihn ja, den kriecherischen Streber, den kleinlichen Protzer, den arroganten Feigling, den lächerlichen Zwerg mit den riesigsten „Missionen“, ohne einen Funken von Selbstachtung, von Mannes- und Ahnenstolz in der angstbeklommenen Brust. .. Mauschel ist der „positive“ Geist, der „praktische“ Realpolitiker, der Optimist par excellence. O, dieser fratzenhaft grinsende, selbstgefälligsüßliche Optimismus! „Was heißt Ehre? Wozu braucht man Ehre? Wenn die Geschäfte gut gehen und man gesund ist, läßt sich das übrige ertragen.“ *) *) Herzls Zionistische Schriften. „Mauschel“, Bd. I, S. 279. auch Fragen der jüdischen Politik und die Tätigkeit des „Jüdischen Klub“ besprochen. Schließlich wird eine Kommission gewählt, bestehend aus den Gg. Dr. Diamand, Dr. Ringel und Ing. Stricker, welche unter Berücksichtigung der vorgebrachten Anregungen den Entwurf umredigiert. ln der Nachmittagsitzung legt Gg. Ing. Stricker namens der Organisation das Organisationsstatut vor. Es entspinnt sich über die einzelnen Paragraphe desselben eine Spezialdebatte. Mit geringen Aenderungen wird hierauf das Organisationsstatut einstimmig angenommen. In die Reichsexekutive werden gewählt: Präsident: Dr. Abraham Salz, Tarnow; Vizepräsidenten: Dr. Isidor Schalit, Wien, Dr. Berthold Frucht, Czemowitz; ferner aus Galizien: Dr. Heinrich Löwenherz jun., Lemberg; Dr. Moriz Pachtmann, Drohobycz; Dr. Michael Ringel, Lemberg; David Schreiber, Lemberg; Hermann Tropp, Stanislau; Dr. Isidor Waldmann, Tarnopol; aus Westösterreich: Adolf Böhm, Wien; Ing. Robert Stricker, Wien; aus der B u k o w i n a: Dr. Max D i am a n d, Dr. Heinrich L u p u 1, Siegmund W e i ß g 1 a ß. Der Reichsexekutive gehören auch die Mitglieder des „Jüdischen Klub“ an. Das Organisationstatut bleibt provisorisch bis zur nächsten im April 1911 nach Lemberg einzuberufenden Reichskonferenz in Kraft. Zu offiziellen Organen der Reichspartei wurden bestimmt: Jüdische Zeitung“ in Wien, „Tagblatt“ und „Wschöd“ in Lemberg, „Volkswehr“ in Czemowitz. Am zweiten Tage wurde in die Beratung über die Volkszählung und Kultusgemeinden- Organisation eingegangen. Nach Erstattung der Referate wurden die Mitteilungen des Abg. Stand namens des Jüdischen Klub“ über die in der nächsten Zeit zu unternehmenden Aktionen entgegengenommen. Nach einer eingehenden Debatte wurde eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, deren Durchführung der Reichsexekutive überwiesen wurde. I Hiemit waren die Beratungen zu Ende, j Dr. Ringel dankt dem Vorsitzenden für Heil dir, Mauschel, du hast dein Judentum überwunden, und nur ein Kleines hast du dabei eingebüßt — dein Menschentum . . . Doch wollen wir Mauschel gerecht sein — ein großes, ja ein ungeheures Verdienst hat er seinem Volke geleistet: Seine plasmodienhafte Unmännlichkeit und Personenlosigkeit hat den Einzelnen, die Individualität, hat Herzl erzeugt, ihn zum Bewußtsein seines Selbst gebracht... Was Wunder, daß Herzl weder „Praktiker“ noch „Optimist“ war? ... * * * Herzl war Utopist. Sein Utopismus war es. Nicht jener müßig-krankhafte Utopismus, der sein aschfahles Spinngewebe aus sich, aus seiner lebensleeren Phantasie webt — ein totgeborenes Hirngespinst, sondern jener großzügige, beflügelte, in genialer Vorahnung die Wirklichkeit antizipierende Utopismus, der die prähistorisch-heroische Vorstufe einer jeden großen Massenbewegung bildet — die mysteriöse Geburt des nüchternen Realismus .. . Ein Utopismus, der sicheren Auges das Grundübel, die Wurzel der Judennot erblickte und mit fester Hand auf das zu erstrebende Endziel hinwies. Nur lagen die Wege noch im Dunkeln ... Eine tief innere Tragik kennzeichnet das ganze Wirken dieses Großen. Er zog aus, das jüdische Volk aufzurichten, dem wankenden Bau ein sicheres Fundament zu geben. Gar bald aber wurde diesem mächtigen Anlauf vom modernen Mauscheltum wie von der traditionellen „Jüdischkeit„ Halt geboten. Der nationale Organisator stieß'auf die altüberlieferte „Stadlonus“-Politik. Und in diesem öden stagnierenden Sumpfe suchte er, der Mutige seine Wege zu wandeln. Aber er war allein und der Sumpf so groß, so verzweifelnd groß ... Der einsame geniale Utopist...

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