Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 20 Unsere Gegner haben dieMäßigung mißverstanden, deren sich der Zionismus bisher befliß und auch weiter befleißigen wird, wenn man ihn nicht erbittert und durch Perfidien vergiftet. Diese Leute, von denen man fortwährend hört, bald durch den Skandal ihrer Maitressen, bald durch den Trimph ihrer Rennpferde, bald durch die Börsenmanöver, mit denen sie den Mittelstand der Börse zu Proletariern machen, bald durch die Korruption, die sie um sich her wie einen Pesthauch verbreiten: diese Leute, die man überall sieht, nur nicht, wo die armen Juden in einem schweren Kampfe stehen, diese Leute mögen sich in acht nehmen, daß nicht in ihrem Rücken eine zweite Volksbewegung gegen sie aufstehe, numerisch schwächer, aber gerade darum verzweifelter als die erste. Ah ja, es gibt sogenannte „Wohltäter“ unter ihnen; das heißt, sie züchten Schnorrer. Das heißt, sie schaden dem jüdischen Volke auch noch durch milde Gaben aus denjenigen Vermögen, die mitunter auf kompromittierende Art entstanden sind. Ah ja, die Herren sind auch geschickt genug, sich persönlich vom Antisemitismus loszukaufen: durch Gefälligkeiten, Geld und Opfer an Ueberzeugung — die letzteren kosten sie am wenigsten. Aber mit den Zionisten gibt es nur ein Arrangement, und das ist Zion. * Da sind ein paar Leute, deren Finanzfäden wie ein Netz alle Länder umspannen. Da sind ein paar Leute qui font la pluie et le beau temps in den wichtigsten Lebensbedingungen der Völker. Aber jede Erfindung frommt nur ihnen, durch jede Not wächst ihre Macht Und wofür gebrauchen sie diese Macht? Haben sie sich in den Dienst irgend einer sittlichen Idee gestellt, ja stehen sie auch nur bei ihrem eigenen Volke, dem es so bitterlich schlecht geht? Das werden wir sehen. Die Frage ist formuliert, und sie spitzt sich zu. Man kann ohne sie nicht Krieg führen und nicht Frieden schließen. Sie haben den Kredit der Staaten und die Unternehmungen der Einzelnen in ihren gierigen Händen. Die neue Erfindung muß gedemütigt vor ihren Türen betteln, und mit anmaßender Ueberlegenheit urteilen sie über die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen ab. Am Grabe Herzls. Von fernher tönt Musik. Di üben, ganz weit, sieht man die Umrisse des Kahlenberges, die jäh gegen die Donau versinken wie ein Traum, der plötzlich unterbrochen wird. Abendsonnenstrahlen haben sich in den Trauerweiden verfangen und mühen sich, durch das Gewirr von Blättern und Zweigen zu schlüpfen. Einige goldig glänzende haben sich befreit und hüpfen auf dem schwarzen Marmor des Grabdenkmals. Auf dem Grabe blühen Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen. Freundliche Hände haben Veilchen niedergelegt uud auf dem Postamente verhauchen rote welkende Rosen nren Duft ln der einbrechenden Abenddämmerung steht man an einen moosbewachsenen Sandstein gelehnt, an welchem die eiserne Kette, die um das Grab läuft, befestigt ist, und siont. Nicht darüber, was er uns allen gegeben, sondern darüber, was er j e d e m von uns ist Jedem von uns: Dir, ihm, mir. Durch der Tage Rätsel wandern wir. Erlebnis und Leid, Lust und Gram ziehen durch unsere Seelen und wir fragen oft nach Ziel und Sinn des Daseins. Da ist die Menscbeit! Da ein Volk, unser Volk; da sind wir mit unseren Wünschen und Hoffnungen, unserem Zweifel und unserer Liebe! Wo ist der Weg? Und oft in bösen Stunden der Nacht erscheint uns alles so fern,, so weit, so wesenlos und unwichtig. Ein großes, furchtbares „Wozu?“ stellt sich uns entgegen und wir grübeln in den tiefsten Verborgenheiten unserer Herzen . . . Gibt es denn keinen Pfad, der hinausführt? Keinen Halt, an dem man seine Arme klammern und inmitten des Tobens und Aufruhrs der Zweifel ausharren könnte? Ist also auch der Zionismus von ihrer Gnade abhängig? Nein, merkwürdigerweise nicht. Ungeachtet ihres Stirnrunzelns, ihres Hohnes, und trotz der Angriffe ihrer Preßlakaien schreitet unsere Volksbewegung fort. Von unserem Proletariat mit Jauchzen begrüßt, hat sie sich schon überall die Intelligenz erobert und beginnt den wirtschaftlichen Mittelstand zu gewinnen. Und was bedeutet das? Sind das leere Deklamationen, Vereinsunterhaltungen oder Versammlungsscherze? Nein, das bedeutet die Organisierung der Juden, die möglicherweise einmal zu einem Boykott verwendet werden kann, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Die Macht dieser Leute besteht weniger in den Haufen Geldes, die sie besitzen, als in dem Kredit und im Umfang ihrer Geschäfte. Von außen her war ihnen bisher nicht beizukommen, wie löbliche Versuche in dieser Richtung auch gemacht wurden. Jeder solche Versuch galt bisher als antisemitisch und hatte darum von vornherein die ,Antipathie der jüdischen Geschäftswelt gegen sich. Das aber wäre etwas anderes, wenn man den ebenfalls schon bedrängten Mittelstand im Namen der nationalen Idee gegen die Geldmagnaten aufriefe. Mitreißen oder niederreißen! * Kennen Sie die Geschichte von dem Araber, der einen Mann erschlug, weil dieser ihn fragte; wohin er sein Kalb trage? Die Geschichte wurde mir vor einigen Jahren hier in England von einer Dame erzählt, und ich will sie Ihnen jedenfalls wiedersagen, weil es eine gute, sinnvolle Geschichte ist. Ein Araber, der wie die meisten seiner Landsleute einen geduldigen, gleichmütigen Charakter hatte, trug eines Morgens ein kleines Kalb von seinem Dorfe nach der Stadt. Als er auf der Landstraße munter dahinschritt, kam ihm ein Mann entgegen, der fragte: „Wohin trägst du dein Kalb?“ Unser Araber antwortete: „Nach der Stadt, mein Freund. Gott segne dich!“ Er war noph nicht viele Minuten weitergegangen, da kam ein zweiter vorbei und fragte: „Wohin trägst du das Kalb?“ Unser Araber antwortete: „Nach der Stadt, mein Freund. Gott segne dich!“ Und man erinnert sich an ihn, der hier unter diesem einfachen Grabmal zur ewigen Ruhe gebettet ist Wie sagte er einst, als er, ein Abseitsstehender, den Kämpfen in Frankreich aufmerksam folgte: „Da lebt man Emotionen mit, die einen nichts angehen!“ Sagte das, ging hin, schuf sich einen Lebensinhalt und ward ein Mann der Tat. Ja, auch er litt an dieser inneren Zerissenheit, auch er kam sich überflüssig vor. Nur hatte er Schöpferkraft in sich und formte Menschen nach seinem Ebenbilde. Und darauf kommt es an: Aus seiner eigenen Seele Kräfte zu ziehen und sie zu nützen nach eigener, freier und stolzer Art! Und zweifelte nicht mehr! Ihr Fernen und Nahen, vernehmt die Kunde: er glaubte an sein Ideal und ging seinen Weg! Wohl haben andere Pläne geschmiedet und kluge, tapfere, glühende und stolze Worte gesprochen, Worte, nichts als Worte! Er aber ergriff das Steuer und lenkte das Volk, das er geschaffen und erobert, dahin, wohin seine Sehnsucht wies. Und das ist r das Große an ihm gewesen: Wie er fühlte, so dachte er; wie er dachte, so sprach er; wie er sprach, so handelte er! Eine einzige ungebrochene Linie! Ein Mann aus einem Guß, ein ganzer Mann! Ihr Müh- und Qualbeladenen! Er gab das Beispiel, daß man ganz und innerlich geschlossen werden kann! Alles wankte, alles im Judentum war verschwommen. Ein neues Babel entstand unter den Söhnen Israels; einer verstand den anderen nicht. Da kam diese Gestalt. Und alle fühlten, daß ein Starker und Mächtiger erstanden war in Juda. Und beugten sich vor ihm. Er kam und wurde Führer! Er konnte nicht anders. Wieder nach einer Weile kam ein dritter, ein vierter, ein fünfter. Der Anblick des Mannes mit dem Kalbe löste jedem dieselbe Frage aus. Und unser Araber antwortete, weil er ein geduldiger Mann war, immer freundlich: „Nach der Stadt, mein Freund. Gott segne dich!“ Aber die Geduld ist ein Stoff, der sich abnützt. Als unser Araber fünfzehn- oder zwanzigmal dieselbe Antwort auf dieselbe Frage gegeben hatte, begann es ihn zu verdrießen. Seine Antwort wurde kürzer: „Nach der Stadt, mein Freund!“ Den Segen Gottes ließ er weg. So hatte er wieder ein dutzendmal Auskunft gegeben, bis ihm auch dies zu viel wurde. Den nächsten Fragern sagte er nur noch trocken: „Nach der Stadt!“ Dabei wurde sein Ton immer unwirscher, endlich sogar grob. Das Blut stieg ihm zu Kopf; er meinte, die Leute hätten sich verabredet, ihn zu narren. Und als er im Gesichte des neunzigsten oder hundertsten, der ihn fragte: „Wohin trägst du dein Kalb?“ ein höhnisches Lächeln zu entdecken glaubte, da legte unser Araber sein Kalb hin, packte den Mann bei der Gurgel und erschlug ihn. Die Zionisten sind ein bißchen in der Lage des Arabers mit dem Kalbe. Man stellt ihnen immer dieselben Fragen und sie werden allmählich ungeduldig. So ist es zu erklären, daß die Diskussion über unsere Sache zuweilen gereiztere Formen annimmt. Ich möchte unseren Freunden aber raten, nicht zu vergessen, daß es immer neue Vorübergehende sind und daß diese noch nicht aufgeklärt sind. Geben wir ihnen ruhig die gewünschte Antwort. Und bedenken wir, daß wir mit unserem Kalbe der Stadt umso näher kommen, je öfter wir geantwortet haben. Schlimmer ist es freilich, wenn Leute, denen man schon geantwortet hat, mutwillig wiederkommen und wieder fragen. Oder wenn sie gar entgegnen: „Das ist nicht wahr. Du gehst nicht nach der Stadt!“ Oder: „Es gibt überhaupt keine Stadt!“ Oddr: „Ich bin nicht dein Freund, und Gott wird dich nicht segnen!“ Solchen Widersachern müssen wir einfach den Rücken kehren und weitergehen und denken: bald sind wir in der Stadt. Und nun sind schon sechs Jahre, seitdem sein Körper von uns ging. Und hier unter diesem Stein ruhen seine sterblichen Reste. Man glaubt es nicht. Leibhaftig steht er doch da vor uns mit seiner stolzen Stirne und den stillen, verträumten Augen, die wissend wurden in Jahren des Denkens, in Jahren der Arbeit. Wissend und skeptisch! Denn durch seine Reden und Schriften zieht sich demutvolle Resignation. Er fühlte, daß er, der Schöpfer und Führer, nur Diener am Lichte war, daß auch er gehorchte. Dem Gesetze in sich, dem kategorischen Imperativ seiner Seele. Und was ihn emporhob und zum Schwert und zur Flamme machte, war, daß sein inneres Gesetz so unerbittlich, so hart, so fo'gerichtig herrschte ... Da steht man in der Dämmerung und sinnt. Wo ist der Weg und wo ist das Ziel? „Glaube an dein Ideal und geh’ deinen Weg!“ — tönt’s nicht wie Tubaton aus dem Grabe? Spricht’s nicht dermaßen wie mit eherner Zunge? Ihr Halben und Zweifelnden! Er war ein ganzer Mann. Ihr Schwankenden und Wankelmütigen! Er, der Skeptiker und Wissende, der Träumer und Dichter schritt seinen Weg. Ruhig und stolz wie ein König... Von fernher tönt Musik. Die Sonne ist hinter den Bergen verschwunden. Der Abendwind raunt in den Zweigen. Märchen und Wundersage huschen durch die Gräber, und wie vom Hauch der Ewigkeit berührt, senkt man demütig den Kopf vor diesem Grabstein und huldigt dem Titanen, der durch unsere Zeit ging und dessen Geist unsere verschollene Vergangenheit mit den Tagen der Zukunft verknüpfte. M. Waldmann.