Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438293--1878-2441503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

JUDffiHE ZEITUNG nfitidnol -judbehes drehn m^rmum ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ ■■■■■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.-. Für das übrige •äs-##*'»-»-::-**«**#** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *•■»*******#■»*#** Nr. 20. Wien, Freitag den 20. Mai 1910. IV. Jahrgang. Herzls 50. Geburtstag. Nicht viel Worte! Zum fünfzigsten Male jährt sich der Tag, da Theodor Herzl geboren wurde — und fast sechs Jahre sind es schon, da wir ihn bestatten mußten. Darüber, daß er uns so jählings entrissen wurde, sei heute nicht geklagt. Von Tag zu Tag wächst ja der tote Führer und schreitet mit ehernem Schritt in die Zukunft. Es seien die Worte hiehergesetzt, mit denen Nordau das Phänomen erklärt, daß der tote Herzl allen Brüdern, auch denen, die abseits stehen, ein Bahnbrecher, ein Wegweiser, ein Befruchter, ein Kraftspender, ein Schöpfer neuer sittlicher Werte wurde,. „Für den Durchschnitt gilt das optische Gesetz, daß die zeitliche wie die räumliche Entfernung ihn verkleinert; je weiter er zurückweicht, um so mehr schrumpft seine Erscheinung zusammen, um so undeutlicher wird sein Umriß, bis er zu jetzt ganz verdämmert und aus dem Gesichtskreis verschwindet. Der Genius dagegen wächst in dem Maße, wie er in die Vergangenheit zurücktritt. Er wird immer größer, immer heller, immer schärfer Umrissen, und die Nachgeborenen sehen ihn deutlicher, strahlender, als die Mitlebenden. Dieses Wunder beobachten wir an Herzl.“ Und so blicken wir hochbeglückt zu dem strahlenden Symbol auf, das uns Theodor Herzl geworden ist, und preisen den unfehlbaren Instinkt des Volkes, der sich diesen Einzigen zum Werkzeug seines Willens erzwang. Hochhalten wollen wir die Flamme, die er uns entfacht hat, hoch über der grausamen Enge der Gegenwart, hoch über den Tümpeln des Ghettos, hoch über den gekrümmten Rücken der Verlorenen, die darin weiterwaten wollen. Und statt mit stammelndem Suchen, ohnmächtigem Wortschwall und verletzendem Banalisieren von ihm zu sprechen, mag der Meister selbst, der herrlich in unserer Brust lebt, zu seinen Jüngern reden: Kernworte Theodor Herzls. Unser privilegium odiosum ist es, daß wir überall Kolonisten ohne Mutterland sind. Wir haben Vaterländer, das sind die, wo wir Staatsbürger sind — soweit man es eben gestattet — aber wir haben kein Mutterland. Und dieses Mutterland sucht der Zionismus mit der Seele. * Was will der Zionismus? Für ein landloses Volk, das zu zahlreich und — sagen wir es rund heraus — zu mächtig ist, um ohne Gefahr für sich und die anderen von Land zu Land geworfen?u werden, eine definitive Heimstätte schaffen. Dort wird es weniger unglücklich, aber auch weniger gefährlich sein. * Was die Verwirklichung unseres Planes für Europa bedeutet, das haben regierende Herren und Diplomaten von hoher Stellung j in klarster Weise anerkannt. Es wäre das Ende der giftigen häßlichen Judenfrage, obwohl niemand von uns daran denkt, daß alle Juden nach Palästina gehen sollen. Nur wer Lust hat, wer sich sein Los verbessert, wenn er hingeht. Und unser Raisonnement ist das einfachste von der Welt: Wenn das Angebot an Juden sinkt, wird die Nachfrage nach Juden steigen. Man wird uns für mehr wert halten. * Ich weiß es nicht, ob wir noch in dieser Generation die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist es, vorausgesetzt, daß wir klug und entschlossen sind. Aber das weiß ich, daß schon das Wandern auf diesem Wege uns zu anderen Menschen machen wird. Wir gewinnen unsere verlorene innerliche Einheit wieder und mit dieser ein bißchen Charakter, und zwar unseren eigenen Charakter. Keinen marranischen, erborgten, unwahren, sondern unseren eigenen. Und dann erst wollen wir mit allen anderen rechtschaffenen Menschen wetteifern in Gerechtigkeit, Nächstenliebe und hohem Freisinn, wollen uns auf allen Feldern der Ehre betätigen, in Kunst undWissenschaft es vorwärts zu bringen trachten, damit ein Glanz von unseren Taten auf die Aermsten unseres Volkes zurückfalle. So verstehe ich das Judentum. * Was dem Baron Hirsch in Argentinien nicht gelang, das gelingt in Palästina. Warum? Weil „Nationaljudentum“ den alten Boden düngt. Es erscheint wunderbar. Alles natürliche ist wunderbar. Und es wird rasch und hoch zugehen, wenn die Nation ganz wach ist, die wir Zionisten aufrütteln. Da sieht sie ihr altes Land, am Mittelmeer herrlich gelegen, mit kaltem, gemäßigtem und warmem Klima; ein Land, aller Kulturen fähig, mit langruhenden Bodenschätzen - aari doch für andere nichts wert, weil andere nicht die befruchtenden Menschenströme hinzuleiten vermögen, die dem Zionismus gehorchen. Und wenn wir nun nicht verzückt oder verlogen in die Wolken starren, sondern ruhigen Blickes nach jenem Punkte hindeuten, der wirklich die Erlösung bedeutet, so bedarf das keiner geheimen Auslegungskünste. Dort ist das Zion der Armen, der Jungen und auch der Frommen. Diese russischen Juden geben mit ihrem ganzen Wesen Antwort auf die Streitfrage, die uns von armseligen Schwätzern so oft entgegengehalten wird: ob das Nationaljudentum nicht die Entfernung von der modernen Kultur zur unvermeidlichen Folge haben müsse? Nein. Diese Leute sind auf dem rechten Weg, ohne viel Raisonnement, vielleicht sogar ohne darin je eine Schwierigkeit bemerkt zu haben. Sie assimilieren sich keiner anderen Nation, aber sie sind bemüht, von allen Völkern alles Gute zu lernen. So bringen sie es fertig, aufrecht und echt zu sein. Und es sind doch Ghettojuden, die einzigen Ghettojuden, die es in unserer Zeit noch gibt. Da haben wir bei ihrem Anblick verstanden, was unseren Vätern in den schwersten Zeiten die Kraft zum Ausharren gab. Eigentümlich trat unsere Geschichte in diesen Gestalten vor uns hin. Ich mußte daran denken, wie man mir in der ersten Zeit entgegengehalten hatte: Sie werden nur die russischen Juden für die Sache gewinnen. Wenn man mir das heute wieder sagte, würde ich antworten: Das genügt! Theodor Herzl. Warum verletzt ihr ihn mit Trauerchören? Was ruft ihr klagend in die Gruft hinein? Er wohnte niemals unter diesen Schollen. Er löste sich, wie klarer Mirtagsschein Sich löst in Millionen Farben, in jeden Busen fiel ein Körnchen Licht, ln tausend Herzen schlafen tausend Garben, Die seine Sonne schuf, da sie verblich. Seid heiter! Nehmt den Wanderstab der Liebe Und sucht ihn, wo er vielgestaltet lebt. Schlingt euern Arm um jede junge Seele, Aus der sich grünend seine Saat erhebt. Otto Abeies.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.