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Jüdische Zeitung · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 19 stehen, sondern von welchen zu erhoffen ist, daß sie die Untersuchung streng objektiv und ohne Beeinflussung seitens des Beschuldigten durchführen werden? 2. Ist Eure Exzellenz gewillt, anzuordnen, daß während der Dauer der Untersuchung der Gendarmeriepostenkommandant Schmidt von seinem Posten entfernt wird, damit die Beeinflussung der Beschwerdeführer und Zeugen vermieden wird? Gg. Abg. Stand hat am 11. d. im Legitimationsausschusse eine längere Rede gehalten, die wir in der nächsten Nummer wiedergeben werden. Von der Woche. Zu den Kiewer Judenausweisungen. Aus Kiew wird geschrieben: Die Unberechenbarkeit und Systemlosigkeit der russischen Bureaukraten hat bisweilen auch gute Folgen. Im Widerspruch zu dem hartnäckigen, unerbittlich ablehnenden Bescheid, mit dem alle Bemühungen des Kiewer Börsenvorstandes und der Bedrohten zurückgewiesen worden waren, trat in allerletzter Stunde eine unerwartet günstige Wendung ein. Die für den 15. April festgesetzte Ausweisung wurde wenige Tage vor diesem Termin aufgeschoben. Generalgouverneur Trepow wurde beauftragt, die Frage einer Revision zu unterziehen. Es wurde eine administrative Kommission gebildet, die das Wohnrecht der auszuweisenden Juden nachprüfen soll. Die Frage ist damit freilich noch keineswegs in günstiger Weise gelöst, da die Arbeiten der Kommission einen bloß kontrollierenden Charakter haben und diese nicht die Befugnis hat, die verfügte Ausweisung zu annullieren. Nur in einzelnen Fällen, wo der Rekurs der Betroffenen als gesetzlich hinreichend begründet erscheinen wird, soll der Ausweisungsbefehl aufgehoben werden. Das Damoklesschwert schwebt also noch über vielen hunderten von jüdischen Familien, und die allermeisten werden ihm früher oder später wohl kaum entgehen. — Daß aber unabhängig vom Ausgang der Sache schon all diese Vorgänge an sich der jüdischen Bevölkerung Kiews schweren Schaden zufügen mußten, braucht nicht erst gesagt zu werden. * (Telegramm aus Kiew.) Die angeordnete Ausweisung der 228 jüdischen Familien aus dem Dorfe Demjuwka (Gouv. Kiew) wurde auf den 1. Mai a. St. verschoben. * * * Abgekartete Gesuche um Judenausweisung. (Telegramm aus Petersburg.) Die Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes des Klosterortes Potschajew verbreiten unter der bäuerlichen Bevölkerung Agitationsschriften mit dem Aufruf, alleruntertänigste Bittschriften an den Kaiser betreffs Ausweisung der Juden aus den Dörfern und Landflecken abzusenden. * * * Nach russischem Muster. Aus Sofia wird der „N. J. K.“ geschrieben: Die Polizei in Sofia beschlagnahmte Proklamationen, in denen zu Judenpogromen nach russischem Muster aufgefordert wurde. Zahlreiche Proklamationen an Mauern und Häusern wurden von der Polizei entfernt. Die Polizei entdeckte eine Organisation, die nach dem Muster der russischen „Schwarzen Hundert“ verbrecherische Anschläge auf die Juden vorbereitete. » * * Der Tod König Eduards. Die englische judenheit steht tieftrauernd an der Bahre eines Königs, der die Gleichberechtigung der Juden in seinem Lande hochhielt und für das jüdische Volk von den besten Gesinnungen erfüllt war. König Eduard hat die freie geistige und kulturelle Entwicklung unserer englischen Brüder in jeder Richtung gefördert. Bekanntlich hat der englische König auch volles Verständnis und Sympathie für die zionistische Weltbewegung bekundet. * * * Revision des Hülsner-Prozesses? Aus Prag, 8. d., wird der Wiener „Zeit“ telegraphiert: Wie das „Pravo Lidu“ aus informierten Kreisen erfährt, wird eine Revision des Hülsner- Prozesses vorbereitet werden. Das Piseker Kreisgericht beschäftigt sich mit dem Studium der betreffenden Prozeßakten und die Staatsanwaltschaft trifft Vorbereitungen für den Fall als die Revision in kurzer Zeit angeordnet würde. Wie verlautet, wurde mit dem Studium der betreffenden Akten der Chef der Piseker Staatsanwaltschaft, Oberlandesgerichtsrat Sebanek, betraut. Diese Nachricht hat sich leider nicht bestätigt. Es wird nech immer nichts unternommen, um das an einem unschuldig Verurteilten begangene Unrecht gutzumachen. * * * . Der rumänische König. Anläßlich einer Unterredung zwischen dem König von Rumänien und einem Redakteur der „Neuen Freien Presse“ (einem Juden), äußerte sich König Karol folgendermaßen: . . . „Die Judenfrage war eine der schwersten Sorgen meiner Regierungszeit und fährt fort, mir Sorge zu machen. Die Judenfrage ist uns keine Frage der Religion — es ist eine wirtschaftliche Frage. Der Rumäne ist von Natur tolerant. Aber es ist die wirtschaftliche Ueberlegenheit der Juden, gegenüber welcher sich die nationale Strömung zur Wehr setzt. Es sind Agrarbanken errichtet worden. Sie können beitragen, das rumänische Element vor verderblicher Ausbeutung zu schützen. Uebrigens, man kann Volksströmungen nie ungestraft negieren. Der wäre kein Staatsmann, der da meinte, er könne über Volksströmungen ganz zur Tagesordnung übergehen. Strömungen und Leidenschaften müssen von dem wirklichen Staatsmanne erkannt, und wenn nötig, eingedämmt werden. Aber wer ihrem Vorhandensein gegenüber die Augen schließt, statt ihre Ursachen zu ergründen und bessernd einzugreifen, der wäre kein Staatsmann." ... In gemeinverständliches Deutsch übertragen lautet der Ausspruch des Königs: „Die Juden sind Ausbeuter“ und „Ich muß auf die antisemitische Strömung Rücksicht nehmen“. Freilich fügt der königliche Diplomat tiefsinnig hinzu, man müsse als Staatsmann die Ursachen ergründen und besserndeingreifen. Wie es abermöglich ist, die wirklichen Ursachen zu ergründen, wenn man voreingenommen ist und das rumänische jüdische Luftproletariat für „Ausbeuter“ erklärt, ist eine Frage für sich. Der König von Rumänien wollte es während der Unterredung allen Leuten recht machen: er bezeichnete die Juden als Ausbeuter und machte vor den Antisemiten seinen Knicks, um zu beweisen, daß er seiner antisemitischen Untertanen würdiger König sei; er verfiel in den ernsten Ton des weisen Politikers, um nicht vor Europa, das durch den jüdischen liberalen Redakteur „repräsentiert“ wurde, anzustoßen. Und der Redakteur war entzückt undlbezaubert. Er vergaß sogar, die antisemitische Majestät auf den Widerspruch in ihren Aeußerungen aufmerksam zu. machen. * * * Die angefochtene Rezeption der ungarischen Juden. Dreiundvierzigjahre sind es her, daß die Juden in Ungarn emanzipiert wurden, und erst vor vierzehn Jahren ist die jüdische Religion vom Königreich Ungarn rezipiert worden und nun ist es der neue ungarische Kultusminister, Graf Zichy, selbst, der den Juden das Recht zur Gleichheit abspricht. Der einer erzklerikalen Familie entstammende Graf hielt dieser Tage in der erzbischöflichen Residenzstadt Eger, wo er als Abgeordnetenkandidat auftritt, seine Programmrede, in welcher er sich in bisher ungewohnter Weise über die Gleichstellung der Juden äußerte, indem er erklärte, daß das im Jahre 1884, bezüglich der Dotierung der einzelnen Konfessionen sich auf die Juden nicht beziehen könne, da die jüdische Religion damals noch nicht zezipiert war. Diese Erklärung des Kultusministers — die mit Fug und Recht für diejenige der Regierung angesehen wird — hat nicht verfehlt, allgemeines Aufsehen zu erregen* Nicht ohne jedes Interesse ist eine diesbezügliche Aeußerung des gewesenen Ministerpräsidenten Baron Bänffy, die er im Klub der Budapester jüdischen Finanziers „Leopoldstädter Kasino“ tat. Die Haltung der ungarischen Juden, — sagte Baron Bänffy, — ist einfach unverständlich. Die Juden unterstützen die Regierung Khuen-Hederväry, weil sie von dieser erwarten, daß sie der liberalen Politik wieder zum Siege verhelfen werde; in Wahrheit hat es abe: niemals in Ungarn eine so reaktionäre Herrschaft gegeben, wie gerade jetzt, und zwar ganz besonders den Juden gegenüber. Ich sage es frei heraus, daß ich geradezu entrüstet war über die Rede, die 'der Kultus- und Unterrichtsminister des Kabinetts, Graf Zichy, jüngst in Eger hielt. Graf Zichy konnte nicht ohne Wissen des Kabinettschefs Hederväry sprechen. Und wenn dem so ist, dann begreife ich nicht, warum ein selbstbewußter Jude um jeden Preis der Regierungspartei angehören will und wie er überhaupt Mitglied der Regierungspartei sein kann. Denn was hat eigentlich Graf Zichy gesagt? Nicht mehr und nicht weniger, als daß er erst die Durchführung des Gesetzartikels XX. vom Jahre 1848, anstrebe, daß aber seiner Ueberzeugung nach dieser Gesetzartikel sich durchaus nicht auch auf die ungarländischen Juden beziehe. Jedermann, der in Ungarn liberal denkt, muß gegen diese antisemitische Interpretation des Gesetzes protestieren. Wer da verkündet, daß dieser Gesetzartikel, der folgend lautet: „ln diesem Lande wird allen rezipierten Konfessionen, ohne Unterschied, volle Gleichheit und Reziprozität gewährt“ — sich auf die Juden nicht beziehe, der verleugnet eben das Gesetz über die Gleichberechtigung der Juden. Ich habe an der Schöpfung dieses Gesetzes teiJgenommen und weiß, welche Intentionen dieses Gesetz ins Leben gerufen haben! Im Ministerium oder in der Partei konnte zur Zeit der Schöpfung dieses Gesetzes .wohl niemand ahnen, daß es in Ungarn einmal möglich sein werde, dieses Gesetz, dessen klare Disposition die jüdische Religion als gesetzlich rezipierte Konfession qualifiziert, dahin auszulegen, daß dieses Gesetz die erworbenen Rechte der Juden negiert und die Juden von den Benifizien ausschließt, welche das Gesetz allen rezipierten Konfessionen zusichert. Daß die ungarische Judenschaft diese ihrer unwürdige und ungerechte Handlung duldet, begreife ich ebensowenig, als die Tatsache, daß sienach alledem die Regierung Khuen-Hederväry und den Grafen Johann Zichy dennoch unterstützt. So weit der antiklerikale Protestantenführer Baron Bänffy, der, obwohl parteilos, als Politiker noch immer eine bedeutende Rolle im ungarischen öffentlichen Leben spielt. Seine offenherzige Erklärung hat zu Interviews geführt, in welchen Graf Zichy seiner Rede eine andere, sogar für die Juden günstige Auslegung gehen will und Khuen-Hederväry sich vom Verdachte des Antisemitismus reinwaschen will. Das eine steht jedoch fest: Graf Zichy ist seiner klerikalen Vergangenheit und Tradition nicht untreu geworden und die aus 900.000 Seelen bestehende ungarische Judenschaft, die vom Staate weniger Unterstützung erhält als die kaum 50.CG0 Seelen zählende unitarische Kirchengemeinde, kann von der jetzigen Regierung nichts erhoffen, wie sehr sie auch nach dem Sturze der früheren reaktionären Regierung aufgeatmet hat. Parteinachrichten. Herzlfeiern des Distriktskomitees. Wir werden ersucht, um Mißverständnissen vorzubeugen, zu betonen, daß die vom DK. in Aussicht genommene große Gedenkfeier endgiltig für den 21. Mai, 8 Uhr abends, und der Grabbesuch für den 22. Mai, halb 11 Uhr vorm., festgesetzt sind. Dadurch sind alle früheren Ankündigungen korrigiert. Für den Grabbesuch werden nachstehende Verfügungen zur Kenntnis des Publikums gebracht: Der Abmarsch vom Sammelpunkte erfolgt Punkt halb 11 Uhr. Die Vereine werden ersucht, in geschlossenen Reihen dortselbst einzutreffen oder sich gleich bei ihrer Ankunft zu gruppieren. Das Fr i edhoftor bleibt vor Eintreffen desZuges für jedermann geschlossen. Der Zug marschiert in Dreierreihen. Der Friedhof wird ohne Aufhalten passiert. Es ist verboten, am Grabe stehen zu bleiben oder aus der Reihe zu treten. Reden oder Ansprachen finden nicht statt. Der Zug defiliert schweigend langsamen Schrittes am Grabe vorbei. Die Weihe des Tages gebietet, den Grabbesuch zu einer ernsten, feierlichen und eindrucksvollen Kundgebung zu gestalten. * * Gesellschaft zur Herausgabe jüdischer J ugendschriften. Das auf Initiative des Westösterreichischen zionistischen Zentralkomitees gebildete Jugendschriftenkomitee hat sich als „Gesellschaft zur Herausgabe jüdischer Jugend-

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