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Jüdische Zeitung · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 19 Es ist die zwölfte Stunde für unsere Brüder — und da unten am Jordan hungert die Erde nach jüdischen Bauern! Allen sei das Wort zugerufen, mit welchem der russische Arzt Leo Pinsker. der Vorgänger Theodor Herzls, seine vor 28 Jahren geschriebene Broschüre „Autoemanzipation“ schloß: Jetzt oder nie! sei unsere Losung. Wehe unseren Nachkommen, wehe dem Andenken unserer jüdischen Zeitgenossen, wenn wir diesen Moment versäumen!“ Nationalfonds und Kolonialfonds. (Ein Gegenvorschlag Ussischkins.) Gg. Ing. Ussischkin (Odessa) hat an Doktor A. Sandler, dem Verfasser des in Nr. 15 der „J.Z.“ veröffentlichten Artikel „Nationalfonds und Kolonialfonds“ folgendes Schreiben gerichtet: Ich stimme mit Ihnen ganz überein, daß es zur Zeit unsere dringendste uud wichtigste Aufgabe ist, alle gegebenen Möglichkeiten für eine kolonisatorische Tätigkeit auszunützen und der Privatinitiative nach dieser Richtung in jeder Weise entgegenzukommen. Ich bin mit Ihnen auch darin einverstanden, daß es noch eine geraume Weile dauern wird, bis unsere Agrarbank zu funktionieren beginnen und eine ersprießliche Tätigkeit wird entfalten können. Gleichzeitig mit den Vorbereitungen der Agrarbank haben wir aber noch ein weiteres großes Arbeitefeld zum Wohl und Gedeihen der Kolonisation Palästinas. Es gibt nämlich noch eine recht zahlreiche, für unsere kolonisatorischen Bestrebungen in Betracht kommende Kategorie von Personen, die kapitalskräftig genug sind, um einen langfristigen Kredit, wie ihn Institute für Agrarkredit zu gewähren pflegen — etwa auf 15 bis 25 Jahre — entbehren zu können, dabei aber immerhin auf längeren Kredit angewiesen sind, als ihn eine Bank wie die APC-, deren Tätigkeitsbereich der Handel und die Industrie sind, geben kann. Diese Leute, die neben dem Beruf und den Willen zur landwirtschaftlichen Betätigung auch das für die agrikultureile Kolonisation nötige Kapital besitzen, benötigen häufig ein Darlehen auf drei bis fünf Jahre, bis sie ihre Geschäfte in ihrem gegenwärtigen Heimatsorte liquidiert und ihr Kapital flüssig gemacht haben. Neben der Kreditfrage kommt noch die von Ihnen erwähnte technische Schwierigkeit eines Bodenkaufes in Betracht, deren der einzelne Reflektant, beziehungsweise die einzelne Gruppe nicht Herr werden kann, ebenso die der eigentlichen Tätigkeit des einzelnen Landwirten vorangehenden Vorarbeiten, als da sind Parzellierung größerer Grundstücke, Amelioration, eventuell auch Beflanzung des Bodens, die nicht Sache einzelner Personen, beziehungsweise einzelner Familiengruppen, sondern lediglich einer größeren speziellen Gesellschaft oder eines speziellen Instituts sein kann. Die Erfahrungen, die wir hier in Rußland mit den Gruppen gemacht haben, die sich in letzter Zeit an verschiedenen Orten zwecks Bodenerwerb und landwirtschaftlicher Niederlassung in Palästina gebildet haben, lehrten uns, daß wir von dieser spontanen Bewegung großen praktischen Nutzen für die Kolonisation Palästinas hätten ziehen können, wenn die Leute zum Verkauf bereites, parzelliertes und zum Gebrauch hergerichtetes Land gefunden haben würden. Eine Gesellschaft, die diese Aufgabe erfüllen würde, könnte ohne Zweifel uneinen Satz aus demselben und gab an, auf welcher Seite und auf der wievielten Zeile die Stelle zu finden ist. Er konnte auch jedes Buch auswendig von rückwärts lesen und irrte sich nie. Es war ihm gleich, in welcher Sprache das Buch geschrieben war. Viele Neugierige umstanden ihn und konnten von seinen Kunststücken nicht genug haben. Er aber war zufrieden, wenn er von Zeit zu Zeit ein paar Kreuzer einsammelte. Auf dem Marktplatze stand ein Orchy Porchynik*), der ein merkwürdiges Musikinstrument handhabte. Es bestand aus einer Dachschindel, an der ein straffgespannter Strick befestigt war. Er entlockte seinem Instrument klagende Töne, indem er zugleich mit heiserer Stimme ein Vagabundenlied sang, von dem hier einige Strophen wiedergegeben seien: Ich nehm’ das Päckel auf dem Stöckel **), Oj, was frag’ ich euch! Und das Ränzel auf der Pleize ***), Oj, was brauch ich euch! *) Wanderarmer. **) Stock. ***) Rücken. sere Sache um ein Beträchtliches weiter bringen und eine ersprießliche Kolonisationstätigkeit in raschem Tempo ermöglichen. Wer soll nun diese Aufgabe erfüllen? Wenn die PLDC. von vornherein ihre Aufgabe lediglich in dem Ankauf, der Parzellierung und dem Weiterverkauf von Grundstücken an einzelne erblickt hätte, halte sie der tatkräftigen Unterstützung aller wahren Freunde der Palästinaarbeit sicher sein können. Wie Sie sich erinnern werden, habe ich seinerzeit an dem Arbeitsplan der PLDC. Kritik geübt, weil diese vornehrhlich in derimVergleich mit dem dringenden Bedürfnisse des Agrarkredits viel weniger wichtigen Schaffung von Musterfarmen ihr Arbeitsfeld erblicken zu sollen glaubte, was nach meiner Ansicht auf eine für unsere recht dürftigen finanziellen Verhältnisse unangebrachte Wiederholung der Versuche der reichen Ica in Sedjerah hinauslief, und weil ferner die Initiatoren der PLDC. den Fehler begingen, auf die nachmals zu gewährende Dividende zu pochen. Meines Erachtens hat sich auch die PLDC. aus diesem Grunde nicht in der Weise entwickelt, wie man ursprünglich erwarten zu sollen glaubte. Wenn nun die PLDC. eine Terraingesellschaft ip dem hier skizzierten und auch von Ihnen in Ihrem Artikel ausgeführten Sinne sein will, so wird sie sich der aufrichtigen Sympathie und der tatkräftigen Förderung aller Gesinnungsgenossen erfreuen dürfen. Neben der PLDC. käme prinzipiell für diese Aufgabe noch die eingetragene russische Gesellschaft „Geülah“ in Betracht, deren Bestimmung der Kauf und Verkauf von Grund und Boden in Palästina ist. Während ihres fünfjährigen Bestandes hat es diese Gesellschaft zu einem Kapital von 60.000 Rubel gebracht. Ihre eigentlichen Operationen bestanden darin, daß sie während dieser Zeit — allerdings unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen — an die 12.000 Dunam Land kaufte und veräußerte. Diese Institution hat den Grundfehler, daß ihre Werbearbeit auf Rußland beschränkt ist. Auch fallen Parzellierungs- und Ameliorationsarbeiten nicht in ihr Tätigkeitsbereich. Als interstaatliche Institution mit erweitertem Arbeitspfogramm würde sie sicherlich als gesunde Basis für einen großzügigen Arbeitsplan nach dieser Richtung dienen können. Wie dem auch sei, so verfügen heute weder die PLDC. noch die „Geülah“ über die für die erwähnten Zwecke nötigen Mittel. Ihren Vorschlag aber, diese Mittel durch die Gründung eines neuen Kolonialfonds zu beschaffen, kann ich leider nicht als zweckdienliche Lösung dieser Frage ansehen, und zwar aus folgenden Gründen: 1. Trotz Ihrer Ausführungen vermag ich doch nicht einzusehen, wie durch die Gründung eines neuen Fonds unsere ohnehin kolossale Sammeltätigkeit vereinfacht werden sollte. Tatsächlich werden nach wie vor die vielen anderen Fonds mehr oder weniger rnnsere Arbeit in Anspruch nehmen. Dazu kommt noch, daß die Vorbereitungen für die Schaffung der Agrarbank allenfalls, wie Sie selbst bemerken, sofort in Angriff zu nehmen sind, daß wir also binnen kurzem mit der Geldbeschaffung für die Agrarbank die Hände voll haben werden. Es erscheint mir daher unmöglich, für einen neuen Fonds im Laufe der nächsten Jahre — und Sie verlangen ja selber eine Sammeltätigkeit von einigen Jahren — etwas Nennenswertes zu leisten. Wir müssen einmal mit der Tatsache rechnen, daß die Gründung eines neuen Fonds heutzutage in weiten zionistischen Kreisen kaum sympathisch begrüßt werden wird. 2. Das Bedenken, daß die Sammlungen für den neuen Fonds den Nationalfonds schädigen würden, scheint mir durch Ihre Ausführungen nicht widerlegt worden zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir es schließlich doch mit denselben Sammlern und Spendern zu tun haben würden, wie beim NF. Ich bab’ a Stub’ mit sieben Kinder, Oj, was frag’ ich euch! Und a Zieg’ für sieben Gulden, Oj, was brauch’ ich euch! Und der Regen klatscht ins Fenster, Oj, was frag’ ich euch! Und der Dalles pfeift im Kojmen *), Oj, was brauch’ ich euch! Und auf dem Herz ist kalimutny **), Oj, was frag’ ich euch! Ich fahr zum Reben ***), oj zum Reben, Oj, was brauch’ ich euch! Man erzählte mir viel von Bettlerkniffen und ich selbst sah einen Mann, der nur in Hemd und Hosen herumlief. Das Hemd war zerrissen und wenn er in eine Stube trat, riß er es an der Brust noch mehr auf . . . Natürlich bekam er ein größeres Almosen und auch Kleidungsstücke. Wenn er das Hemd zerriß, lief er in die Herberge und ließ es zusammennähen, so daß er seinen Trick wieder fortsetzen konnte. Die Kleider, die er erhielt, legte er nie an, sondern verkaufte sie. *) Kamin. **) Traurig. ***) Rabbi. 3. Der Charakter einer Wohltätigkeitsanstalt, die sich auf Spenden von beliebiger Größe aufbaut, ist meines Erachtens nicht am Platze bei einer Parzellierungsgesellschaft, die es mit wirtschaftlichen Operationen für und im Aufträge von mehr oder weniger bemittelten Personen zu tun hat. 4. Schließlich — und das ist das Entscheidende — sehe ich nicht ein, weshalb der Nationalfonds einer soliden Parzellierungsgesellschaft nicht einen Kredit für die erwähnten Zwecke gewähren sollte. Ist doch die einzige und eigentliche Aufgabe des NF. die „Geülas hoorez„, die Vermehrung des jüdischen Besitzes an Grund und Boden. Die Berufung auf die Bestimmung des Statuts des NF., die verbietet, den einmal erworbenen Boden weiter zu verkaufen, scheint mir nicht stichhaltig. Hat man doch die Möglichkeit gefunden, der privaten Häuserbaugesellschaft „Achusath-Bafth“ einen Kredit auf 18 Jahre zu gewähren, um wie viel mehr sollte doch eine öffentliche Terraingesellschaft einen Kredit auf eine viel kürzere Zeit in Anspruch nehmen dürfen. Aus alldem leite ich nun meinerseits folgende Vorschläge ab: Die PLDC. und die „Geülah“ vereinigen sich zu gemeinsamer Arbeit nach der oben skizzierten Richtung, und zwar nach folgenden Prinzipien und Bedingungen: Die Gesellschaft „Geülah“ hat in nächster Zukunft eine lebhafte Agitation in Rußland zu entfalten, um ihr Kapital möglichst rasch auf 100.000 Rubel zu bringen. Gleiches geschieht von der PLDC. in Westeuropa und in Amerika, damit ihr Kapital (gegenwärtig etwa 35.000 Mark) die Summe von 100.000 Mark erreicht. Die beiden Gesellschaften („Geülah“ und die PLDC.) vereinigen sich in einer gemeinsamen Verwaltung in Jaffa mit der ausschließlichen Aufgabe, Grundstücke zu erwerben, zu parzellieren und durch verschiedene Ameliorationsarbeiten instand zu setzen, um sie sodann an einzelne oder Gruppen gegen bar, bezw. gegen Ratenabzahlungen im Laufe von höchstens fünf Jahren zu veräußern, wobei mindestens ein Viertel der Kaufsumme sofort ausgezahlt werden muß. Die Gesellschaft könnte von den einzelnen Gruppen bestimmte Aufträge hinsichtlich Bepflanzung ihres Bodens, bezw. eines Teiles desselben, wie auch betreffs Errichtung von Häusern und Wirtschaftsgebäuden entgegennehmen. Zwecks Erweiterung ihrer Tätigkeit macht die Gesellschaft beim NF. eine Anleihe in der Höhe ihrer eigenen Kapitalien (100.000 Rubel, 100.000 Mark), die mit 3 Perzent verzinst, durch die angekauften Grundstücke garantiert und in fünf Jahren abge- ' tragen wird. Die Beziehungen mit den Familiengruppen in Rußland unterhält die offiziell genehmigte Gesellschaft „Geülah“, in den anderen Ländern die PLDC. Ich bin der Ansicht, daß ein Fonds im Gesamtbetrag von etwa 800.000 Francs ausreichen wird, um vermögenden Personen zum Gebrauch hergerichtetes Land anbieten zu können. Bei einmütigem Vorgehen aller drei in Betracht kommenden Instanzen (NF., „Geülah“ und PLDC.) wird sich die Sache in nächster Zukunft realisieren lassen, ohne daß man zu der sehr problematischen Gründung eines neuen Fonds wird greifen müssen. Was hier nottut, ist der ernste und aufrichtige Wille, diesem längst reil gewordenen Bedürfnisse in gehöriger Weise Rechnung zu tragen und so unser großes Beginnen um ein Beträchtliches weiter zu bringen. 1 Freilich müssen wir uns dessen bewußt sein, daß dies keineswegs die Lösung unseres großen Kolonisationsproblems bedeutet. Eine großzügige Kolonisation wird erst dann möglich sein, wenn ein großangelegter langfristiger Agrarkredit den weniger ’ bemittelten Kreisen, die mit der Sehnsucht nach | Palästina die Neigung zur Landwirtschaft und die hierzu nötigen Vorkenntnisse vereinigen, die Mög- Ich habe in Beiz Gelegenheit gehabt, viele jüdische Bettler näher kennen zu lernen. Die meisten waren stumpfsinnig und ungebildet. Der Bettlerberuf ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen und sie verlangten ihr Almosen mit ein^r Selbstverständlichkeit, als wenn sie auf das Betteln ein Privilegium bekommen hätten. Sie sind mißtrauisch und verschlossen und nur wenige erzählten mir etwas aus ihrem Leben. Es kommt bei den Juden in Galizien selten vor, daß sie einem armen Glaubensgenossen die Türe weisen — und so nährt die Bettelei dort noch ihren Mann. Von Beiz fuhr ich mit der Bahn nach N. Dieses Städtchen zeichnet sich dadurch aus, daß es den größten Teil des Jahres nur von Frauen bewohnt wird, denn fast alle Männer wandern bettelnd im Lande umher. Es kommt oft vor, daß man keine zehn Männer zu „Minjan“ zusammenbringt. Die Frauen führen die Geschäfte, tragen Lasten und versammeln sich am Samstag in den Bethäusern, während die Männer in der Fremde ihrer „Beschäftigung“ nachgehen. In N.ist das Almosensammeln eben ein Beruf wie jeder andere.

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