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Jüdische Zeitung · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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iDISCHE ZDTIM nfitidnrl -jüdischem drern »Ki ■ VW"■ ■■■■■■■■■■ ■■ •■■■■■■ ■ ■■■ mmuuu Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden-nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *#**-»■» **•»**•*#** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplafe20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ->:• ***-**** #**■»*#* Nr. 19. Wien, Freitag den 13. Mai 1910. IV. Jahrgang. ■üjiiBMiHaiiäiMHHm-M.'ts AUS DEM INHALTE: Pogromgespenst. Nationalfonds und Kolonialfonds. Zur Schenkerfrage. Gesetzwidrigkeiten in Galizien. Die Roseggerstiftung und wir Juden. Von der Woche. Aus dem jüdischem Leben. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Sport. Pogromge^penst. Nach dem entsetzlichen Massaker von Odessa erschien die russjsch-jüdische Zeitschrift „Das Leben“ mit einem grausigen Titelblatt, das ein von d?n Ereignissen erschütterter Künstler gezeichnet hatte: In einem dichten Netz von Dornen hingen kppfabwärts hilflose, nackte, angstverzerrte, zuckende Menschenleiber, um welche sich das Dorngeäst umso enger schloß, je verzweifelter sie sich zu befreien suchten. Ringsum wanden sich feiste Schlangen mit den Köpfen der Holigans und züngelten nach den ohnmächtigen Opfern. Damals, als diese Allegorie geschaffen wurde, war sie vielleicht doch um einen Farbenton zu schwarz. Noch stand England, noch stand Amerika offen, es gab also immerhin einen Winkel Erde, nach welchem ein Bruchteil flüchten konnte. Heute aber erscheint diese sinnbildliche Zeichnung nicht mehr übertrieben. Heute — man muß es unseren satten Frommen, biederen Bourgeois und wohlgekleideten Intelligenzlern, die sich an Pogromnachrichten zu gewöhnen beginnen, in die Ohren schreien— .heute können die russischen Brüder nirgends hinflüchten, wenn man sie mit dem aus der Westentasche geholten Bettelgroschen schleunigst weiterexpedieren möchte, heute müssen sie dort im Kellerwinkel die trunkene Bande abwarten, wenn es die Mörder gelüstet, wie damals in Odessa die Familien zusammenzutreiben und wie räudiges Vieh im Meer zu ertränken, wenn sie Greisen Nägel in den Schädel treiben und Kinder entzweireißen wollen! ln den Blättern zirkulieren unkontrollierbare Nachrichten von einem neuerlichen furchtbaren Pogrom in Kiew. Bisher wurde uns von verläßlicher Seite das Gerücht von Brand und Mord und Folter nicht bestätigt, vielmehr als nicht glaubwürdig bezeichnet. Wir durften ja auch unseren Lesern mitteilen, daß die von Stolypin angeordneten unmenschlichen Ausweisungen hinausgeschoben wurden. Wir würden es daher für unverantwortlich und frivol halten, die Meldungen der Blätter, die am Ende von hungrigen Skribenten für das sensationslüsterne Publikum konstruiert wurden, hier wiederzugeben. Wir haben nicht Lust, den Teufel an die Wand zu malen und das Blut unserer unglücklichen Brüder im Leitartikel zu vergießen. Aber da das Unsagbare tagtäglich eintreten könnte — vielleicht wirklich eingetreten ist, hat doch erst jüngst Stolypin einer Deputation brüsk erklärt, daß die Regierung hart wie Stein bleibe — so müssen wir denn doch das jüdische Gewissen aufstacheln und daran mahnen, daß die Situation einfach katastrophal ist, seit die zwei letzten Zufluchtsstätten für Juden gesperrt wurden. Sollen wir denn wirklich weiterhin mitansehen, daß Rußland die Judenfrage löst, indem es unser Volk abschlachtet? Soli unsere prachtvolle östliche Jugend wirklich vernichtet, sollen unsere hoffnungsreichen Kulturwerte in der Athmosphäre von Todesschreck und Blutdunst verderben? Nach den letzten großen Pogroms hatte unser zionistisches Aktionskomitee nach Brüssel eine Konferenz aller jüdischen Organisationen einberufen, die leider fast resultatlos verlief. Das schließt nicht aus, daß eine neuerliche Tagung aller in Betracht kommender jüdischer Faktoren der ganzen Welt erfolgreicher ist. Möge doch auch der längst geplante Emigrationskongreß auf recht breiter Basis zusammentreten! Mögen doch alie jüdischen Vereinigungen des Erdballes dieses Erste und Wichtigste auch nur diskutieren! Herzlfeier. Aus Anlaß des 50. Geburtstages Theodor H e r z 1 s veranstaltet das i.-ö. Distriktskomitee folgende Feierlichkeiten: Sonntag den 15. Mai (Pfingstsonntag) im Restaurant „zum goldenen Widder“, II., Taborstr. 38, halb 11 Uhr vormittags: Allgemein zugängliche Volks-Versammlung. Redner: Herr S. Kaplan-Kaplanski und -Uerr-E. -Sternberg. Samstag den 21. Mai a. c., 8 Uhr abends im Festsaale des Hotel Kontinental, II., Taborstr. 8 Grosse Gedenkfeier. Festredner: Herr Reichsratsabg. Adolf Stand. Das nähere Programm wird in der nächsten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ kundgemacht. Sonntag den 22. Mai, vormittags halb 11 Uhr: Besuch am Grabe Herzls. Gemeinsamer Abmarsch von der Endstation der Elektrischen, Linie 40. Unter jüdischen Landstreichern*). Von Hermann Blumenthal, Wien. Die Bettlermesse in Beiz. Wenn man jüdische Landstreicher im Massen beisammen sehen will, muß man nach Beiz zum Wunderrabbi fahren. Dorthin kommen fromme Juden von Nah und Fern und da ist für Bettler die Verdienstmöglichkeit sehr groß. Von S ... . ging ich zu Fuß nach Beiz. Es war ein windstiller Sommertag und am Himmel kein Wölkchen zu sehen. Ich war kaum eine halbe Stunde marschiert, als mich ein gedecktes Wägelchen einholte. Im Wagen saß ein ärmliches jüdisches Ehepaar, wie man ihm in dieser Gegend oft begegnet. Manche Bettlerfamilien führen ein richtiges Zigeunerleben. Sie fahren in einem Wagen von Ort zu Ort, der ihnen auch als Wohnung dient. Wenn in einer Stadt die „Geschäfte“ erledigt sind, wird der elende Gaul wieder eingespannt, und fort geht es — der nächsten Ortschaft zu. *) Der Autor hat, als Lumpenproletarier verkleidet, das Leben der jüdischen Landstreicher in Galizien studiert. „Wohin des Weges“, sprach mich der Jude an. „Ich spaziere auf Beiz“, antwortete ich. Da hielt er den Wagen an und sagte lächelnd: „Spazieren tu ich mit meinem Weib nur einmal’ im Jahr und zwar am Jom-Kipur*). Wißt Ihr warum? Das ganze Jahr haben wir Beide nämlich nur ein Paar Schuhe, aber am Jom-Kipur, da gehen wir in den Strümpfen .. . Wenn Ihr so weiter geht, kommt Ihr vor Nacht nicht nach Beiz, aher wenn Ihr wollt, könnt Ihr zu uns in den Wagen steigen. Ich nahm die Einladung an, sprang in den Wagen und das Pferd bekam wieder die Peitsche zu fühlen ... -Tn Beiz lernte ich die sonderbarsten Arten von jüdischen Landstreichern kennen, Krüppel, Verrückte, Halbverrückte und „schöne Juden“. Die letzteren bilden eine Bettleraristokratie und haben mit den übrigen Wanderarmen keine Gemeinschaft. Es sind die verarmten Nachkommen berühmter Rabbis und Talmudgelehrter. Viele reisen auch mit gefälschten Papieren und suchen durch erdichtete Unglücksfälle Mitleid zu erwecken. Sie tragen bessere Kleider und fahren mit der Eisenbahn von Stadt zu Stadt. Wenn sie in eine Ortschaft kommen, wenden sie sich an einen wohl- *) Versöhnungstag. habenden Glaubensgenossen, der sie bereitwilligst bewirtet. Ein „schöner“ Bettler geht nicht von Haus zu Haus, sondern besucht nur die besseren Bürger. Er zitiert Talmudsprüche und sucht durch seine Gelehrsamkeit zu imponieren. Eine kleine Gabe weist er zurück und sucht so viel als möglich herauszuschlagen. Das große Einkehrhaus am Ringplatz in Beiz und die vielen Herbergen sind zuweilen von Bettlern überfüllt und viele müssen im Bad übernachten. Wer übrigens das Schlafgeld ganz ersparen will, kann auch auf den Bänken im Bethause umsonst schlafen. Viele Bettler haben ein Geschäft in ihrer Heimatstadt, das von ihrer Frau geführt wird. Der Mann fühlt sich zu jeder Arbeit unfähig und greift zum Wanderstabe, weil er nichts besseres anzufangen weiß. Da er sich in den meisten Fällen auch das Essen erbettelt, erspart er oft das ganze Geld, das er einsammelt. Zu den Feiertagen kommt er nachhause und bringt ein kleines Kapital mit. Kein Mensch im Städtchen ahnt, welcher Art seine Geschäfte in der Fremde waren. Im Bethause traf ich einen Mann, der einen sechsten Sinn zu haben schien. Man zeigte ihm ein Buch, das er nie gesehen hatte. Er zitierte

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