Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 18 Erfolg der Gemeinderatswahlen ist noch kein voller Sieg des nationalen Gedankens, es war nur ein Vorpostengefecht, bei dem wir uns allerdings ausgezeichnet behauptet haben, ln Wien wird der Kampf noch für geraume Zeit schwerer sein als in der Provinz. Die wirtschaftlichen Verhältnisse, der Kampf zwischen Deutschen und Tschechen paukt den liberalen Juden in Böhmen und Mähren schon von selbst den Gedanken ein, daß sie diesem Kampfe fernbleiben. Anders in Wien. Hier glaubt man noch immer an die Renaissance des Liberalismus: das werden wir den Juden nicht so bald ausreden. Deshalb werden wir wohl in Wien später siegen als in der Provinz, aber siegen müssen wir, denn der Sieg der jüdisch-nationalen Idee läßt sich nicht aufhalten, die Entwicklung selbst kämpft für uns. Gg. Lucian Brunner betonte, daß der Sieg der oppositionellen Kandidaten nicht genügend eingeschätzt werde. Er sei in erster Linie der erste gelungene Versuch, die politische Atmosphäre zu reinigen. Die jüdisch-nationale Bewegung sei nicht nur eine Sache, die die Juden angehe, sondern eine allgemeine kulturelle Bewegung ersten Ranges, ln launiger und geistreicher Weise befaßte sich Herr Brunner zum Schlüsse mit den Führern der Liberalen. Nachdem noch die Herren K o h n und Mar-, g o s c h e s gesprochen, schloß Abg. Gabel mit Dankesworten an die zahlreichen Teilnehmer die ausgezeichnet verlaufene Versammlung. Aus dem jüdischen Leben. Konferenz der jüdischen Matrikenführer Galiziens. Sonntag den 10. April 1910 fand in Lemberg eine Konferenz der jüdischen Matrikenführer Galiziens statt, die sich hauptsächlich mit Standesfragen beschäftigte. Ein Antrag die Matrikelgebühren, welche ohnehin ziemlich hoch sind und von der armen jüdischen Bevölkerung als drückende Last empfunden werden, zu erhöhen, fand keine Annahme. Hingegen wurde beschlossen bei der Statthalterei vorstellig zu werden, um eine Honorierung der von amtswegen von den jüdischen Matrikenführern verlangten Dokumente zu erwirken. Diese Forderung ist billig und recht, weil der Staat, welcher den jüdischen Matrikenführern keinerlei Gehalt zahlt, kein Recht hat, von ihnen umsonst Dienstleistungen zu verlangen. Schließlich wurde auch einmütig der Antrag angenommen, dafür Sorge zu tragen, daß die jüdischen Matrikenführer in die staatliche Altersversorgung einbezogen werden. Mit der Wahl eines ständigen Ausschusses, der die Standesinteressen zu wahren hat, fand die Konferenz ihr Ende. Mark Twain und Schülern Alechem. Samuel Langhome Clemens, der amerikanische Humorist, der unter dem Autornamen „Mark Twain“ weltberühmt geworden ist, verschied dieser Tage in Redding (New-York) im Alter von fünfundsiebzig Jahren. Unter den Humoristen des neunzehnten Jahrhunderts ist Mark Twain der siegreichste, ln den unzähligen humoristischen Skizzen und Novellen, die er geschrieben, hat er auch manchen jüdischen Typus mit glänzendem, echt Mark Twainschem Humor geschildert Mark Twain sprach einmal zu Gorki die geflügelten Worte. „Ich hatte bis jetzt geglaubt, daß die russische Regierung bloß Judenfresserin ist. Ich sehe aber ein, daß ich mich geirrt habe: sie ist Menschenfresserin überhaupt.“ Und Mark Twain beteiligte sich auch an allen Kundgebungen gegen die Judenmassakers und die Massenhinrichtungen in Rußland. Es dürfte unsern Lesern nicht unbekannt sein, daß man in New-York den Jargon-Schriftsteller Scholem Alechem den „jüdischen Mark Twain“ nennt. Als Scholem Alechem vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten eintraf, brachten fast alle amerikanischen Zeitungen ausführliche Berichte über ihn, sein Leben und Schaffen, und allgemein wurde ihm jene Bezeichnung beigelegt. An einer Feier nun, die anläßlich der Anwesenheit des Dichters in New-York stattfand, nahm auch Mark Twain teil. Der amerikanische Humorist ging auf seinen Kollegen zu und stellte sich ihm mit den Worten vor: „Erlauben Sie, daß ich mich mit Ihnen bekannt mache: Ich bin der amerikanische Scholem Alechem.“ Institut für jüdische Musik in Jerusalem. Der durch Kompositionen wie durch originale literarische Arbeiten auf dem Gebiete der jüdischen Musik bekannte Kantor und Gesanglehrer Abraham Zwi Ben-Jehuda eröffnete in Jerusalem eine Musikschule. Herr Ben-Jehuda, ein geborener Jerusalemite, hat auch in Europa Musikstudien getrieben. Als Palästir.aer hatte er Gelegenheit, nicht bloß die synagogalen und weltlichen Gesänge der Aschkenasim und Sefardim, sondern auch die der Jemeniten, der marokkanischen, persischen und bucharischen Juden zu studieren und miteinander zu vergleichen. Nicht minder eifrig befaßte er sich mit chassidischen Melodien, wie überhaupt mit der orientalischen und slavischen Musik. Da er mit von eingehenden Sachkenntnissen getragenem Eifer daran geht, den jüdischen Gesang in Jerusalem zu pflegen und zu entwickeln, so ist ihm ein voller Erfolg in seinem Unternehmen zu wünschen. Ein jüdisches Städtchen durch Feuer vernichtet Aus Kowno wird der „N.J. K.“ geschrieben: Das russisch-jüdische Städchen Schad, Gouv Kowno, ist durch eine von fanatischen Bauern angelegte Feuersbrunst völlig vernichtet worden. Mehrere Hundert jüdische Familien sind brot- und obdachlos. Eine neue Kraft am Bezalel. Wie wir erfahren, ist der Wiener jüdische Maler Lazar Krestin, dessen Werk „Bibelexegese“ gegenwärtig im Künstlerhause ausgestellt ist, in Palästina angelangt, um dort für die Dauer eines Jahres am „Bezalel“ in Jerusalem zu wirken. Krestin ist nach Isidor Kaufmann einer der befähigsten Künstler der spezifisch-jüdischen Genremalerei. Die Leibgarde des Sultans. Man schreibt uns aus Konstantinopel: Unter den neuen in die Leibgarde des Sultans eingestellten Rekruten befinden sich zahlreiche Juden. Dies ist ein bedeutsames Ereignis, da die Türken selbst bei der Frage der persönlichen Sicherung des Padischahs die Religionsunterschiede beseitigen. Sultan Mehmeds Leibgarde besteht nur aus einer Kompagnie Infanterie in der Stärke von zweihundert Mann und einer Schwadron Ulanen in Stärke von hundertzwanzig Pferden. Zeitschriften und Bücherschau. Wiedererscheinen der „Hazefirah“. In einem soeben erschienenen Aufruf wird die Notwendigkeit des Wiedererscheinens der „Hazefirah“ unter der Leitung N. Sokolows dargetan und das hebräischlesende Publikum zur Förderung des Planes aufgerufen. Die hebräische Tageszeitung „Hazefirah“, die vor einigen Jahren infolge der politischen Verkältnisse in Rußland ihr Erscheinen einstellen mußte, hat bekanntlich unter der ausgezeichneten Redaktion Sokolows jahrzehntelang an der Spitze der hebräischen Presse gestanden und hat einen außerordentlichen Einfluß auf die ganze jüdische Welt in- und außerhalb Rußlands ausgeübt. Unter den Unterzeichnern des Aufrufes finden sich die Namen der ersten Vertreter der hebräischen Literatur und Wissenschaft, unter anderen Bialik, Levinski, Dr. Poznanski, Dr. Klausner usw. Der Aufruf besagt unter anderem, daß bereits ein Fonds von über 20.000 Mark zusammengekommen ist, und daß die Unterzeichner sich verpflichten, ihn bedeutend zu erhöhen, wenn sie der Anteilnahme des Publikums gewiß sind. Vorausgesetzt, daß bis dahin 5000 Abonnementsbestellungen eingelaufen sind, soll die erste Nummer des neuerstandenen Blattes am 1. Juli d. J. erscheinen. Das Schächtfach, methodisch bearbeitet von M. Benjamin. 2. Auflage. Neu bearbeitet von Salomon Neumann. Mit Holzschnitten und einer großen farbigen Tafel. Leipzig, Gustav Engel, 1910. „Jungjüdischer AUmanach“. Unter diesem Titel ist unter der Redaktion der Herren Zwi Spitzer, Gustav Bader und Jakob M e s t e 1 eine Sammlung von Arbeiten galizischer Dichter in jüdischer Sprache im Verlage „Schwalben“ erschienen. Die lyrische Poesie ist vertreten durch Beiträge von Barasch, Bernstein, Brender und Mestel, die Prosa durch Beiträge von Gustav Bader, Zwi Bichels, Moses Fernhof, A. „Imeh“, Ausein Kleinmann und Zwi Spitzer. (Preis 40 Heller. Zu beziehen durch E Keßler, Lemberg, Kotlarskagasse 4.) Theodor Herzls 50. Geburtstag. In der ganzen Welt rüstet man diesmal, um den 50. Geburtstag unseres großen Führers am 10. Ijjar — 19. Mai d. J. in würdiger Weise zu begehen. Wie man uns mitteilt, wird unser Zentralorgan „Die Welt“ eine vornehm ausgestattete und reich illustrierte H e r z 1- Gedenknummer herausgeben, die ein getreues Spiegelbild von Herzls gesamten Leben und Wirken enthalten wird. Neben den Beiträgen aller hervorragenden Zionisten werden in dieser Festnummer auch viele nichtzionististe Schriftsteller, deren Name in der literarischen Welt einen guten Ruf hat, in kürzeren oder längeren Aufsätzen des großen Toten gedenken. Kein Gesinnungsgenosse sollte versäumen, diese Nummer rechtzeitig zu bestellen. Eine neue hebräische Zeitschrift. Die von Samuel Bettelheim in Preßburg herausgegebene „Ungarl. Jüdische Zeitung“ erscheint von nun ab mit der hebräischen Monatsbeilage „Hajehudi“. damit ist der erste Versuch gemacht, der neuhebräischen Sprache Eingang bei den ungarischen Juden zu verschaffen und den zahlreichen jüdischliterarischen Talenten des Landes eine Gelegenheit zur Betätigung und Entwicklung zu bieten. Die Monatsschrift wird von dem Budapester hebräischen Konversationsverein „Agudah Jehudith“ redigiert. An der Spitze steht der Präses dieses Klubs, M. S. Resen. Herzl-Gedenknummer. Zur Feier des 50. Geburtstages Theodor Herzls gibt der Verein „Theodor Herzl“ in Wien am 18. Mai 1910 eine Herzl-Gedenknummer der Monatsschrift „Unsere Hoffnung“ heraus. Die Nummer enthält Originalbeiträge und -Illustrationen ausschließlich von Mitgliedern des Vereines, u. a. der Herren: Doktor D. Pasmanik, Dr. Ernst Müller, Dr. J. Meisl, Dr. J. Schipper, Artur Freud, Dr. F. Rotenstreich, Doktor L. Goldhammer, Dr. Hugo Zuckermann etc. Das Heft erscheint in einem Umfange von zirka vier Druckbogen. Preis pro Exemplar 50 h 50 Pfg. 50 Centimes. Der Reinerlös fließt dem Herzlwalde zu. Vorausbestellungen sind an Adresse: Georg Weiner, Wien, IX. Bindergasse 6, zu richten. Büchereinlauf. Dr. Natan Birnbaum (Mathias Ascher), Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage, Band I. Verlag der Buchhandlung Dr. Birnbaum & Dr. Kohut, Czernowitz, 1910. Aus dem Tagebuche einer männlichen Gymnasiastin. Verlag bei Siegmund Pollak, Wien VI., 1910. Jüdische Universalbibliothek. (Verlag von Richard Brandeis in Prag.) Nr. 95—96: Die Königsbraut. Roman von Karola Buchheim. 40 Pfennig, 48 Heller. — Nr. 97: Die Schwestern. Erzählung von Samuel G o r d o n. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von A. Kellner. 20 Pfennig. 24 Heller. — Nr. 98—99: Rom und Jerusalem. (Die letzte Nationalitätsfrage.) Briefe und Noten von M. Heß. 40 Pfennig, 48 Heller. — Nr. 100: Ausgewählte Geschichten und Skizzen. Von J. L. Perez. Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Ach er. 20 Pfennig 24 Heller. ' - Nr. 101: Gedichte von Morris Rosenfeld. In Nachdichtung von Friedrich Thiebe r g e r. Mit einer Einführung von Friedrich Adler. 20 Pfennig, 24 Heller. Rabbi Nachman von Brazlaw. Beitrag zur Geschichte der jüdischen Mystik von S. A. Horodezky Berlin 1910, Verlag von M. Poppelauer. Vereins-u. Versammlungs- Nachrichten. An die p. t. Vereinsausschüsse! Es wird dringend ersucht, Berichte möglichst kurz zu fassen und die Manuskripte einseitig zu beschreiben. Berichte werden nur berücksichtigt, wenn sie Nationalfondsmarken tragen. Unter einem werden die p. t. Vereine darauf aufmerksam gemacht, daß ihre uns sehr willkommenen Berichte nur nach Maßgabe des Raumes sofort erscheinen können und häufig zurückgestellt werden müssen. * * ♦ Voranzeigen. Wien. (Akademischer Verein „Jüdische Kultur“.) Dienstag den 10. d. M. hält Herr Schriftsteller A. Loubetzky im Vereinslokale, II., Blumauergasse 20/8, einen Vortrag über „Perez Hirschbein“. Beginn 8 Uhr abends. Gäste herzlich willkommen. Wien. (Neß Zionah.) Dienstag den 10. d. M., 8 Uhr abends, findet im Klublokal, „Cafe Mokka“, 1., Schottenring 12, eine interne Herzlfeier mit folgendem Programm statt: 1. Begrüßungsansprache vom Obmann Jakob Hammer; 2. Gedenkrede des Schriftstellers Friedrich Porges; 3. Rezitation Herzlscher Gedichte: J. Torczyner. Die Gesinnungsgenossen werden ersucht, der Bedeutung der Feier entsprechend recht zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Gäste (auch Damen) herzlich willkommen. Wien. (Verein der jüdischen Handels- und Privatangestellten „Achwah“.) Samstag den 7. d. M. findet im „Cafe Marienbrücke“, I. Stock, die konstituierende Versammlung der Damensektion statt. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen. — Mittwoch den 11. d. M. findet im „Cafe Stefanie“, 11., Stefaniestraße 2, ein Vortrag des Herrn Kaplan s k y statt. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen.