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Jüdische Zeitung · 1910-05-06 · 18 (6.5.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Zionistisches Zentralbureau in Wien. Fonds für Jugendschriften, Ausweis Nr. 2: Elisabeth Persitz, Teplitz K 20.—; Dr. Jakob Kohn, Wien, K 10.—; Leo Weiß, Klosternerbiirg, K 10.—; Dr. Max Jerusalem, K 5.—; Dr. Simon Friedmann, K 5.~; zusammen K 50.—. * * * Das hygienische Institut. Die aus Aerzten zusammengesetzte Kommission für das hygienische Institut mit dem Sitz in Berlin ist gegenwärtig damit beschäftigt, bekannte Bakteriologen, 'Hygieniker etc. für das geplante Institut zu interessieren und ein größeres Komitee hervorragender Fachleute ins Leben zu rufen. Der ehrenamtliche Schriftführer der Kommission Herr Dr. Hans Mühsam hat bereits Zustimmungen von verschiedenen bekannten Gelehrten erhalten. Unter andern hat sich der Direktor des städtischen Untersuchungsamtes in Berlin Herr Geheimrat Prof. Dr. Proskauerbereit erklärt, dem Ehrenkomitee beizutreten. Der bekannte Biologe Prof. Jacques Loeb, Berkeley (Californien), der besonders durch Entwicklung von Seeigeln aus unbefruchteten Eiern in der wissenschaftlichen Welt so jung berühmt geworden ist und dem große europäische Universitäten die ordentliche Professur angetragen haben, hat in einem ausführlichen Schreiben seine Zustimmung zu dem geplanten Unternehmen zum Ausdruck gebracht und die Hoffnung ausgesprochen, daß es ihm nach seiner bevorstehenden Uebersiedlung nach New-York, wo er die Leitung der biologischen Abteilung des Rockefeller-lnstituts übernimmt, die Möglichkeit haben wird, dem hygienischen Institut in Palästina gute Dienste zu leisten. Auch andere hervorragende Kapazitäten auf medizinischem Gebiete haben ihren Beitritt in Aussicht gestellt. Nach erfolgter Konstituierung des Ehrenkomitees wird die Berliner Kommission für das hygienische Institut, unterstützt durch Zweigkommissionen in den Hauptstädten verschiedener Länder, eine größere Aktion zu Gunsten des Instituts einleiten. Nähere Auskünfte über den Zweck des Instituts usw. erteilt Herr Dr. Hans Mühsam, Berlin W. 30. Maassenstraße 11. * * Präsident Wolffsohn in England. Am 17. April d. J. sprach Präsident Wolffsohn in einer Londoner Massenversammlung. Er entwickelte seine Ansichten über den gegenwärtigen Stand der Bewegung in ähnlicher Weise wie in Lemberg. Neu ist derjenige Teil der Rede, in welchem er sich mit dem Führer der Territorialisten, Herrn Zangwill, auseinandersetzte. Wir lassen diesen Teil der Rede folgen. „Es ist das erstemal“, führte Präsident Wolffsohn aus, „daß ich mich öffentlich mit Mr. Zangwill beschäftige. Ich habe mich niemals in derartige Diskussionen eingelassen und ich hätte auch diesmal davon nicht gesprochen, wenn Mr. Zangwill nicht in die große Oeffentlichkeit hinausgegangen wäre. Es ist ihnen ja bekannt, daß er im „Fortnightly Review“ einen Artikel über Territorialismus und Zionismus geschrieben hat, der nach meiner Ansicht nur von einem Renegaten geschrieben werden konnte. (Beifall.) Zangwill hat sehr lange gewartet, ehe er zu uns kam. Er hat es sich 4—5 Jahre überlegt und dann ist er begeisterter Zionist geworden. Nach weiteren vier Jahren hat Zangwill, nachdem Herzl gestorben war und nachdem der VII. Kongreß das Ostafrika-Projekt abgelegt hatte, die Ito gegründet und gegen den Zionismus zu kämpfen begonnen. Jetzt tritt Mr. Zangwill vor die Oeffentlichkeit und schreibt gegen den Zionismus, wie noch nie ein Feind über uns geschrieben hat. Früher hat er Palästina in den Himmel gehoben, jetzt ist Palästina das schlechteste Land, das existiert. Früher war der Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage, jetzt ist er die schlechteste. Ich möchte auf den Pessimismus hinweisen, den Zangwill am Schlüsse des letzten Artikels zeigt. Er sagt dort, daß alles bei uns bankrott ist, die zionistische Idee ist tot, der Zionismus ist tot, Palästina ist bankrott, das jüdische Volk ist tot. Sogar der Territorialismus ist nach Zangwills Ansicht tot. Alles ist tot, alles ist für ihn gestorben, und ich finde es nicht schön von so einem gebildeten Manne, wie Zangwill ist, daß er einem Toten so viel Schlechtes nachsagt. Zangwill kann froh sein, daß er kein Prophet ist. Wäre er ein Prophet gewesen, dann wäre es ihm wahrscheinlich so ergangen, wie dem Propheten Elias. Als Elias in die Wüste flüchtete, hatte er vor Gott auf die Juden fürchterlich geschimpft, ihnen alles Schlechte nachgesagt und ging sogar so weit, daß er sagte: „Sie haben deinen Bund verlassen, sie haben dir die Treue gebrochen!“ Da strafte Gott den Elias und sagle: „Von jetzt an mußt du zu jedem „Brith“ persönlich erscheinen, mußt überall dabei sein und dich überzeugen, daß du nicht ganz richtig berichtet hast und daß du kein Recht hattest, so zu klagen!“ Wie würde es nun Zangwill ergehen, wenn er zu allen zionistischen Versammlungen und Kongressen kommen müßte, um zu sehen, daß der Zionismus lebt! (Lebhafter Beifall.) Wie würde es Zangwill ergehen, wenn er ■ in alle jüdischen Vereine, Turnvereine gehen müßte, in die Vereine für hebräische Sprache, Literaturvereine und nach Palästina, um zu sehen, was der Zionismus dort geschaffen hat, um zu sehen, wie unser altes Land jetzt zu neuem Leben erwacht ist. (Lebhafter Beifall.) Zangwill gibt uns einen guten Rat. Nachdem er gefunden hat, daß alles tot ist, findet er kein anderes Mittel, als daß die Juden nach Amerika auswandern und lieber Amerikaner als Ottomanen werden sollen. Dieser Rat ist nach meiner Ansicht überflüssig, er kommt auch viel zu spät. Die Juden sind nach Amerika ausgewandert, lange bevor Zangwill zur Welt kam. Sie hab.en auf seinen Rat nicht gewartet. Herr Zangwill vergißt, daß unter diesen eingewanderten amerikanischen Bürgern viele Tausende Zionisten sind, die nach Zion gehen wollen. (Lebhafter Beifall.) Ich muß aufrichtig sagen, es ist schwer, bei aller Achtung vor der Person Zangwills, seine Ratschläge in jüdischen Angelegenheiten zu befolgen, denn er hat zu oft seine Meinung geändert. Er hat auch den Glauben an das jüdische Volk verloren, an dessen Zukunft er verzweifelt. Aber ich möchte dem Meister des jüdischen Witzes empfehlen, er solle nicht den Judenwitz, mit dem Judenschmerz verwechseln!“ * * * In einem Interview für den „Jewish Chronicle“ äußerte sich Präsident Wolffsohn über den nächsten Kongreß in folgender Weise: „Das Datum des Kongresses wird vom großen Aktionskomitee festgesetzt. Ich hebe das hervor, um dem Vorwurf, ich hätte den Kongreß im Dezember nach Hamburg berufen, um mir eine Majorität zu sichern, zu begegnen. Wahrscheinlich wird der nächste Kongreß im August 1911 stattfinden.“ Präsident Wolffsohn teilte dem Redakteur des „Jewish Chronicle“ mit, daß er in nächster Zeit die Vereinigten Staaten und bei dieser Gelegenheit auch Kanada besuchen werde. Die gefallenen Renegaten. (Versammlung des „Jüdischen Nationalvereines“.) Dienstag den 3. d. M. fand im Saale des „Hotel Franz Josefsbahn“ im 9. Bezirk eine vom „Jüdischen Nationalverein“ einberufene Versammlung statt, die sich mit den letzten Gemeinderatswahlen und ihrem Ergebnis befaßte. Die Referenten des Abends waren die Gesinnungsgenossen Dr.Jak. Ehrlich und Reichsratsabgeordneter Adolf Stand. An die Referate knüpfte sich eine längere Debatte, in welcher besonders die Herren Redakteur Singer, Brunner und Dr. Weisengrün die politische Situation der österreichischen Juden besprachen und den „Jüdischen Nationalverein“ aufforderten, mit der Agitation in Wien und in der Provinz in verstärktem Maße einzusetzen. Der erste Redner, Advokat Dr. Ehrlich, warf einen Rückblick auf die Vorgänge im ersten Gemeindebezirke vor dem Wahltage, wie ein Wahlkomitee, dem Hofrat K u r a n d a und übrigens die längste Zeit auch die Herren A n n i n g e r (Union) und S a m u e 1 y (Kultusvorsteher) angehörten — die keineswegs gleichzeitig mit Herrn Hofbauer, sondern erst viel später, als ihr Weiterverbleiben in diesem Komitee einfach unmöglich war, aus dem Komitee austraten — zwei jüdische Renegaten kandidierten, wie sich dagegen eine mächtige und siegreiche Strömung geltend machte und wie diese erfreuliche Tatsache nur auf den mächtigen Aufschwung unserer Bewegung zurückgeführt werden müsse. Er schildert nun einerseits das famose Wahlkomitee, anderseits ungemein treffend die abtrünnigen durchgefallenen Kandidaten Dr. Fürth und Dr. N e u m a n n. „W i r Nationaljuden werden aber jetzt den gewählten Kandidaten, die ihre Wahl ausschließlich dem Umstande verdanken, daß sie Juden sind, tüchtig auf die Finger schauen müssen. Ihr Verhalten im Gemeinderate zu den dort bereits bestehenden Klubs und ihre Stellung zu den Gemeindefragen wird Gegenstand unserer schärfsten Ueberwachung sein. Im Augenblick haben wir betreffs dieser Herren keinen Grund, allzu optimistisch zu sein und freuen uns nur, daß Kuranda endlich abgewirtschaftet hat.“ Reichsratsabgeordneter Stand wies einleitend darauf hin, welcher Unterschied zwischen der jungen jüdischnationalen Gruppe und der alten Gruppe der jüdischen Assimilanten bestehe. Während diese nur die Köpfe zusammenstecke, wenn Mandate zu verteilen sind und nur vor den Wahlen Versammlungen abhalte, kümmern wir uns immer um das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, mag es vor oder nach den Wahlen sein. Uns geht es eben um die Sache und nicht um Mandate. Der Sieg der oppositionellen Kandidaten im ersten Bezirke stellt einen Sieg des bewußten Judentums dar. Durch die langjährige und ausdau er n d e Arb e i t d e r Zionisten ist selbst der assimilierte Teil der jüdischen Bevölkerung für die Ideen des modernen Judentums empfänglich geworden. Die Führer der liberalen Parteien geben wohl die selbständige Haltung der jüdischen Wähler als Disziplinlosigkeit aus. Doch lag die Disziplinlosigkeit gerade auf Seite der Führer der assimilierten Juden, die nie für die Forderungen im Interesse der jüdischen Bevölkerung Verständnis gezeigt haben. Der Erfolg der Opposition muß ihnen die Augen geöffnet haben. Die Haltung der liberalen und sozialdemokratischen Presse sei geradezu schändlich. Am lächerlichsten sei der Vorwurf des „jüdischen Klerikalismus“, denn wir Juden haben keinen „Klerus“. Redner bespricht die Judentaufe in ausführlicher Weise. Diese habe mit Gesinnungswechsel gar nichts zu tun, da zumeist diejenigen, welche sich taufen lassen, keine Gesinnung haben. „Wenn sich jemand aus Ueberzeugung taufen läßt, so kann ich ihm meine Achtung nicht versagen; wenn sich einer aus unbedingter Not taufen läßt, so kann ich ihm mein Mitleid nicht versagen; wenn sich jemand aus Liebe taufen läßt, so kann ich ihm mein Verständnis nicht versagen. Doch machen alle Tauffälle, die aus obigen Ursachen Vorkommen, kaum ein Perzent der gesamten Zahl der Taufen aus. Der Rest ist nichts als gemeine Fahnenflucht, die in einem disziplinierten Staate mit Erschießen bestraft wird. Wir Juden sollten die Täuflinge boykottieren; zwischen Taufjuden und uns darf es keine Gemeinschaft geben.“ Wenn die jüdischen Wähler im ersten Bezirke gegen die Täuflinge gestimmt haben, so taten sie das nicht aus „Klerikalismus“, sondern im richtigen Gefühl, daß sie pflichtvergessene Ueberläufer, die immer auf dem Plane erscheinen, wenn es Mandate zu holen gibt, gebührend zurückwiesen. Am Schlüsse seiner Ausführungen forderte Abg. S t a n d zu intensiver Agitation auf. Wenn schon Kandidaten, welche Mollusken, keine Charaktere sind, viele Stimmen auf sich vereinigten, so darf man froh in die Zukunft blichen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß nach wenigen Jahren als Gewählte der jüdischen Bevölkerung nicht Zufallskandidaten, sondern bewußte jüdischnationale Männer im Wiener Gemeinderat sitzen werden. Hierauf sprach Redakteur Singer, der die politische Haltung der Oesterr. israel. Union, welche in Deutschtümelei mache und Führerin der jüdischdeutschen Assimilation sei, gebührend beleuchtete. Er wies nach, daß durch die Haltung der liberalen Presse, die die Nation verhetze, der Antisemitismus geschürt werde. Gg. Dr. Weisengrün erläutert die Taktik des „Jüdischen Nationalvereines“. Gerade indem wir gezeigt haben, daß wir für uns keine Mandate wollen, haben wir der Sache nur genützt. Jemand hat gesagt, daß man für die Juden zwei Kurien machen müsse, die der getauften und die der anderen Juden. Ich möchte sagen, es sind drei Kurien notwendig, eine für Meschumodim, eine für die guten Juden und eine für die Baldgetauften. Der

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