Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 18 Zu den Kiewer Ausweisungen. Der „K.J.N.“ wird aus Kiew gemeldet: Alle Bemühungen um die Einstellung der drakonischen Maßregel sind im Sande verlaufen. Alea jacta est. Am 15. April d. J. haben 1200 jüdische Familien zum Wanderstab greifen müssen, der für viele zugleich den Bettelstab bedeutet. Mit der Vollstreckung der Ausweisung wurde die Gendarmerie beauftragt, da man der Polizei nicht recht vertraut, daß sie nicht schnöden Geldes wegen bisweilen Vaterlandsverrat begehen und einen ausgewiesenen Juden einige Tage längen in Kiew belassen werde. Die in ihrer Unschuld gekränkte Polizei sucht sich nun durch verdoppelten Diensteifer zu rehabilitieren. So werden mit jedem Tage immer neue Juden unter die kritische Lupe des jüngsten Stolypinschen Zirkulars genommen und die Zahl der Exulanten wächst zusehends. * Der „Hilfsverein der deutschen Juden“ erhält aus Kiew ein Telegramm vom 29. April d. J., 2 Uhr nachmittags, in dem mitgeteilt wird, daß die für den 28. April festgesetzten Ausweisungen von 1200 jüdischen Familien aus Kiew am 28. April nicht stattgefunden haben. Die Ausweisungen sind vorläufig aufgeschoben worden und zu geringem Teile aufgehoben. Nichtsdestoweniger ist die Panik unter den betroffenen Juden in Kiew, da ihr Schicksal nach wie vor ungewiß bleibt, sehr groß. * * * Eine Intervention Englands? Der „N. J. K.“ wird aus London von ihrem dortigen Berichterstatter gemeldet: Mr. D. L. Alexander, K. C., als Vertreter des Board of Deputies, und Mr. Karl Stettauer L. C. C., als Vertreter der Anglo Jewish Association (Mister Monteüore war durch Krankheit verhindert, die Körperschaft, deren Präsident er ist, persönlich zu vertreten), sprachen diese Woche beim Minister des Auswärtigen vor und ersuchten ihn, sich bei der russischen Regierung zu verwenden, um die bevorstehenden Ausweisungen der Juden aus Kiew rückgängig zu machen. Das Foreign Office soll die Herren sehr freundlich empfangen und seine tief empfundene Sympathie mit den 1500 unglücklichen Familien in Kiew ausgedrückt haben. Es soll sich auch, wie ich erfahre, diesbezüglich an den englischen Botschafter in St Petersberg gewendet haben. Man erwartet hier ein sehr günstiges Resultat dieser Verwendung, die sehr würdig und energisch gewesen sein soll. * * * Die ungarischen Agrarier gegen die jüdischen Pächter. Bekanntlich erhalten sich viele Juden in Ungarn als Pächter, was den Agrariern stets ein Dorn im Auge war. Nun ist der lange genährte Haß zum Ausbruch gekommen. In der letzten Sitzung ist im Landesagrikulturverein (Verband der Agrarier, der Verflachung zionistischen Lebens Einhalt zu tun. Wenn wir uns weiters vorstellen, was mit den Westzionisten Oppenheimerschen Schlages geschieht, wenn der Zionismus sein Ziel erreicht hat, so sehen wir erst recht, daß es so nicht weitergehen kann. Es wäre frevelhaft von uns gehandelt, wollten wir die Westjuden jetzt an der völligen Assimilation hindern, wenn dann der Endeffekt doch die Assimilation wäre. Sie hätten uns nur vorher geholfen, eine jüdische Siedeiung in Palästina zu grü iden. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Das darf nicht unser Standpunkt sein. Unser Streben muß dahin gehen, alles, was heute jüdisch ist, jüdisch zu erhalten für alle Zukunft und dies können wir nur, wenn wir es untereinander durch geistige Bande verbinden und vor allem, wenn wir es in lebendigen Zusammenhang bringen mit dem werdenden Kulturzentrum in Palästina. Wir müssen das vermeiden, was Achad Haam einmal Nationalismus zum Zwecke der Assimilation nennt. Die Ausführungen Oppenheimers haben für uns Westjuden keinen programmatischen Wtrt und dürfen ihn nicht haben. Höchstens den Wert eines Minimalprogrammes, das heißt taktischen Wert. Bei der Propaganda, wo es nötig ist, sich in die Seele des Gegners hineinzuversetzen, wird man, ohne unehrlich zu sein, manchmal von ähnlichen Gedanken ausgehen. Aber stehen bleiben darf man bei ihnen nicht. den stärksten Verein Ungarns darstellt) beschlossen worden, dem Minister aufs dringendste zu empfehlen, die Pachtungen den Juden abzunehmen und dieselben dem Volke zu überlassen. Es ist bereits eine nachdrückliche Propaganda zu diesem Behufe eingeleitet worden. * * * Eine neue jüdische Speiseküche. Die neue jüdische Speiseküche, II., Herminengasse 8, erfreut sich eines lebhaften Zuspruches. Während der Pessachfeiertage und besonders an den beiden Sederabenden boten die hell erleuchteten Lokalitäten, die festlich gedeckten Tische und die unter den Besuchern herrschende Stimmung einen recht anheimelnden Eindruck. Für einen minimalen Preis werden schmackhafte Speisen gereicht und allen jenen, denen ein Heim mangelt, wird ein behaglicher Aufenthalt geboten. Die Gründer der neuen Speisehalle, besonders Herr M. Hammer verdienen für ihre diesbezügliche Tätigkeit vollste Anerkennung. Sehr zu wünschen wäre es, wenn diese humanitäre Einrichtung die tatkräftigste Unterstützung unserer Volksgenossen fände. * * * Björnson über den Zionismus. In Paris ist vorige Woche, betrauert von der ganzen Kulturwelt, der große norwegische Dichter Bjömstjerne Björnson gestorben. Die Regierung seines Landes hat ein Kriegsschiff ausgesandt, um ihn mit königlichen Ehren zur ewigen Ruhe heimzubringen. Wir Juden können es an äußeren Ehrungen nicht gleich tun, doch unsere tiefe Dankbarkeit bleibt dem Manne gesichert, dem kein menschliches Freiheitsstreben fremd blieb und der auch den Zionismus am Beginne seiner neuen Betätigung unter Herzl durch freundliche Worte der Zustimmung ermuntert hat. Auf eine im Jahre 1899 von der „Welt“ an eine Anzahl bedeutender Zeitgenossen ausgesandte Rundfrage hat nämlich als erster Björnson dies geantwortet: „Ich verfolge die Bewegung mit dem größten Interesse, ich erwarte das Allerbeste davon für die Juden wie für uns alle. Denn, daß ein Volk durch die Früchte seinör Arbeit den heimatlichen Boden nach 2000jähriger Abwesenheit zurückzugewinnen sucht, das zählt unter die größten moralischen Impulse aller Zeiten.“ * * * Dr. Oppenheimer in Palästina. Der „N. J. K.“ meldet man aus Jerusalem: Dr. Oppenheimer setzt seine Studienreise fort. Nachdem er die judäischen Kolonien besucht und insbesondere auf dem Nationalfondsgute in Beth- Arif und in Rechowoth. Gelegenheit hatte, mit den Aibeitem Fühlung zu nehmen, sowie im Beth-Am in Jerusalem vor einem größeren Publikum seine Theorie über die Siedlungsgenossenschaft auseinanderzusetzen, begab er sich nach Galiläa. Hier hat das meiste Interesse für ihn die Siedlungsgenossenschaft, die von der Palestine Land Development Co. auf ihrem vom NF. gepachteten Gute in Um-Djuni (Kinereth) vor fünf Monaten eingerichtet wurde. * * * Stipendien für Bezalelschüler. Während des letzten zionistischen Parteitages fand in Lemberg eine Konferenz der jüdisch-akademischen Vereinigungen „Emunah“, „Judäa“, „Heatid“, „Hasmonea“, „Makkabäa“ (Lemberg) und „Przedswit-Haschachar“ (Krakau) statt, auf welcher Koll. Samuel Pilzer sein Projekt betreffend die Schaffung eines Stipendiumfonds der galizischen jüdisch-akademischen Jugend namens Samuel Hiszenberg für die Schüler der Kunstabteilung „Bezalel“ in Jerusalem verlegte. Es wurde beschlossen, daß grundsätzlich über die Erteilung der Stipendien resp. über die Qualifikation der Petenten die Leitung der Kunstschule „Bezalel“ in Jerusalem entscheidet. Die Tätigkeit der Stiftung beginnt am 1. Jänner 1911. Die Zahl der Stipendien wurde auf zwei und deren Höhe auf j e K 600 jährlich festgestellt. Die Durchführung der zur Realisierung des Projektes nötigen Aktion, wie auch die administrative Tätigkeit wurde dem Vereine „Przedswit-Haschachar“ in Krakau anvertraiit. Im Lemberg bilden die jüdisch-akademischen Vereinigungen zwecks einer gemeinsamen Aktion eine Kommission, an deren Spitze Dr. Ringel und in dessen Abwesenheit Dr. Schreiber steht. Simon Gottesmann („Emunah“), Leon Fall („Judäa“), Leon Graf („Hasmonäa“), Moses Doller („Heatid“), J. Bodek („Makkabäa“), Ignaz Schwarzbart und Samuel Pilzer („Przedswit-Haschachar“). Der Ausschuß des Vereines „Przedswit-Haschachar“ (Krakau) wählte für diese Angelegenheit ein spezielles Komitee, deren Leitung Koll. Samuel Pilzer in Krakau, Alte Weichselgasse 48, übernahm. Epilog. Ein Rundblick nach den Wiener Gemeinderatswahlen. Also hat es doch gedämmert Auf dem liberalen Mist: Neumann nebbich ist gelämmert Sowie Fürth, der Atheist! Ofner blöckt mit tiefem Beben: „Also schwankt des Schöcksals Gonst!“ Und mein Freund Kurandaleben Läuft viel öfter noch als sonst. Nur Sc h warz-Hi 11 e r, mit dem Lichte Seines Sieges angetan, Zieht sich durch die Wahlgeschichte Wie ein roter Fadian. W i n t e r n i t z betrauert, was es Kostet, so blamiert zu sein; Neustadt!, der deutsche Asses, Kriegt im Hirn ein Ueberbein! Hock jedoch, von Sorg’ beladen, Meditiert den Kopf sich voll, Ob er nicht — was kann es schaden? — Sich beschneiden lassen soll . . . Beda. Parteinachrichten. An die zionistischen Korporationen des i.-ö. Distriktes! Das i.-ö. Distriktskomitee fordert alle zionistischen Korporationen auf, anläßlich des 50. Geburtstages unseres verewigten Führers Theodor Herzl, der auf den 19. Mai a. c. fällt, Festversammlungen zu veranstalten. Festredner stellt das Distriktskomitee bei rechtzeitiger Anmeldung zur Verfügung. Das i.-ö. Distriktskomitee. Dr. Leop. M e i s e 1. Die Monatschrift „Palästina.“ Das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich hat vom bisherigen Herausgeber, Gg. Dr. Felix Teilhaber, München, die Monatschrift „Palästina“ erworben. Unter Mitwirkung des Dr. Teilhaber wird Gg. Dr. Ernst Müller im Verein mit dem Zentralkomitee und dessen Präsidenten Gg. Adolf Böhm die Redaktion im Einvernehmen mit Palästinaressort und Palästinaamt führen. Am 1. Juni erscheint bereits unter der neuen Redaktion, das Doppelheft J u n i -J u 1 i, welches als Propagandanummer versendet wird. Dasselbe wird voraussichtlich enthalten: Den ersten Teil eines ungemein lebendig geschriebenen „Reisebericht“ aus Palästina von Dr. Alex. Hausmann, Lemberg. Ferner: „Projekt für Pflanzungskolonien in Palästina“ von M. Grub er, Bukarest-Jaffa. „Die Siedlungsgenossenschaft“ von A. Böhm mit Brief Franz Oppenheimers. „Zeugen widerPa- 1 äst i na“ von Dr. A. Sandler, Breslau. „Das Kulturproblem Palästinas“ von Dr. Ernst Müller, Wien. Ferner: Mitteilungen über Palästinareisen, Palästinainformationsbureaus, Zeitungsschau etc. Der Preis der Monatschrift — per Jahr K 3.—, Deutschland M 2.50, übriges Ausland Frcs. 4.— (Luxusausgabe das Doppelte) — ist so niedrig, daß jeder Zionist in der Lage ist, zu abonnieren. Adresse für Zuschriften, Geldsendungen etc.: „Palästina“, Wien, IX., Türkenstraße 9.