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Jüdische Zeitung · 1910-05-06 · 18 (6.5.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3. dargetan, so ist damit endlich die Möglichkeit gegeben, die so notwendige Propaganda für unsere Institutionen außerhalb der eigenen Reihen mit erneuter Zuversicht aufzunehmen, wenn schon nicht die Herzen, so doch die Taschen der Nichtzionisten zu erobern. K. S. Wir erhalten folgende Zuschrift: Unter Bezugnahme auf die ausgezeichneten Anregungen des Gg. Sandler, Breslau, erlaube ich mir, Ihnen zur Kenntnis zu bringen, daß sich die von mir gemachten Erfahrungen hinsichtlich der Placierung von PLDC.-Aktien vollständig mit jenen des Gg. Sandler decken und daß ich seinen Ausführungen bezüglich Schaffung eines Kolonialfondes vollständig beipflichte. Auch ich sehe hierin die einzige Möglichkeit, die Tätigkeit der PLUC. fruchtbringend zu gestalten und glaube, daß Sie diesen Gedanken publizistisch energischest vertreten sollten. Ich bitte, diese Zeilen nur als bescheidene Anregung zu betrachten und beehre mich zu zeichnen mit Zionsgruß Max Goldberger, Nationalfondskommissär, Freudental. daß nunmehr auch im Bezirke der Großjuden das jüdische Selbstbewußtsein und das wahrhaft jüdische Ehrgefühl erwacht sind, jene Triebkräfte, die wir, als Voraussetzung für eine jüdische Renaissance, seit nunmehr zwanzig |ahren zu wecken uns bemühen. Am köstlichsten nahm sich die „Neue Freie Presse“ aus, die besonders pfiffig sein wollte und ihren Lesern freudig berichtete, der „Freisinn“ und „Fortschritt“ sei namentlich im ersten Bezirke mächtig gewachsen. Das dokumentierte sich in dem Ueberfluß an Kandidaten, der freudig zu begrüßen sei. Es ist das erste Mal, daß wir in politischen Dingen die Freude der „Neuen Freien Presse“ teilen. Das Wutgeschrei der getauften Redakteure von der „Arbeiterzeitung“ über den jüdischen Klerikaiismus bildete den Gegenpol. „Klerikalismus“ ist gottlob bei den Juden unmöglich, weil wir weder einen organisierten Klerus, noch ein Kirchenvermögen haben. Aber vvas schwätzt man nicht alles den Arbeitern vor, wenn man sich „nicht zu derkennen“ geben will! Schwierigkeit des Aktienverkaufes nicht begreifen. Denn es bieten — um nur die Wiener Banken zum Vergleich heranzuziehen — nach dem Durchschnittskurs der letzten Woche Kreditanstalt ebenfalls 4-5 Perzent und Bodenkreditanstalt gar nur 4 Perzent des Kurswertes, d. i. jenes Betrages, um den zur Zeit eine Aktie des betreffenden Instituts erworben werden kann. Also die zu kleine Dividende ist nicht die Ursache der geringen Kauflust; auch nicht etwa eine mangelnde Sicherheit der Anlage, denn diese ist durch die erstaunliche Entwicklung speziell der A. P. C. und durch die so außerordentlich günstigen Aussichten genügend verbürgt. Der Grund ist ein anderer. Er wurde mir plötzlich klar, als mir eines Tages ein Gesinnungsgenosse erzählte, wie er einmal, zur Uebersiedlung von Rußland hieher gezwungen, ohne hier eine Erwerbmöglichkeit zu finden, buchstäblich gehungert hatte, während in seiner Tasche 20 zionistische Aktien lagen, die ihm weniger nützten als Goldschätze dem Verschmachtenden in der Wüste. Er konnte seine Aktien einfach nicht anbringen. Schließlich fand er einen „Wohltäter“, der sie ihm um die glatte Hälfte abkaufte. Hier liegt der Hund begraben. Wird wohl jener Mann späterhin sich Aktien gekauft haben? Wird es von allen jenen, die diese und ähnliche Vorkommnisse erlebten oder erfuhren, auch nur einer fürderhin gewagt haben? Müßten sie nicht fürchten, in einer Lage, wo die Flüssigmachung des Geldes erforderlich erscheint, plötzlich statt eines Wertpapieres einen wertlosen Fetzen in der Hand zu halten?! Ich betrachte es daher als dringende Pflicht beider Banken, unverzüglich für jeden Aktienbesitzer die Möglichkeit zu schaffen, seine Aktien wieder verkaufen zu können. Dazu genügt nicht etwa, daß sich die Londoner Zentrale damit einverstanden erklärt, sondern zumindest jede Verkaufsstelle soll auch das Recht und die Pflicht haben, Aktien zurückzunehmen. Nur dadurch ist es möglich, jedermann von der absoluten Reellität der Kapitalsanlage zu überzeugen. Man braucht auch nicht zu befürchten, daß hiedurch übermäßig viel Aktien zurückkämen. Die geringe Anzahl, welche die Bank zurückzunehmen gezwungen wäre, würde allein durch den Absatz eines halben Jahres (bei den gegenwärtigen Verhältnissen) wettgemacht werden. Doch ist es mehr als sicher, daß auf Grund des Obgesagten die Kauflust sich so stark erhöhen würde, daß der Absatz der Aktien in ganz anderem Tempo vor sich gehen wird. Und die geringen Spesen, die aus der Rücknahme der Aktien erwachsen, können durch Aufrechnung von bankmäßigen Gebühren ihre volle Deckung finden. Ist erst durch diese Einführung die Gleichwertigkeit unserer zionistischen Banken mit anderen rein geschäftlichen Unternehmungen überzeugend Von der Woche. Die jüdische Renegatenpresse und die Gemeinderatswahlen. Unsere Leser wissen bereits aus wiederholten Berichten, was sich vor den Gemeinderatswahlen im ersten Bezirke zugetragen hat. Einer erdrückenden jüdischen Majorität, man spricht von 75 bis 80 Prozent, wurden vom offiziellen Bezirkswahlkaffeehaus unter Assistenz der Unions¬ und anderer Juden, bekanntlich zwei Juden, zwei Arier, zwei Renegaten und ein Christlichsozialer präsentiert. Infolge dieser Zusammensetzung der Kandidatenliste entstand eine heftige Opposition, die dann auch ihren Kandidaten zum Siege verhalf. Es sei nnr noch über das klägliche Verhalten der getauften Judenpresse berichtet. Sie hat natürlich bis zum letzen Momente versucht, die Wahl der oppositionellen Liste zu verhindern. Jetzt, da ihnen dies mißlungen ist, beklagen sie sich über die Disziplinlosigkeit der Liberalen (lies Juden) und zetern über das Hineinziehen des „konfessionellen“ Standpunktes in die „liberale Partei“. Wenn diese zuin Teil sehr gehässigen Elaborate dieser Presse nnd zwar von „6 Uhr Abendblatt“ bis zum „Morgen“ nicht durchwegs von Renegaten geschrieben wären, würden wir über ihre Borniertheit staunen, denn man sollte es nicht glauben, mit welcher Verlogenheit eine Liste, an deren Spitze der Gemeinderat Herold, bekanntlich ein Arier, steht, als jüdisch-klerikal stigmatisiert wird. Diese Herren haben natürlich ein lebhaftes Interesse daran, ihren Lesern so lange als möglich zu verheimlichen, daß es sich nicht um den „konfessionellen Standpunkt“ handelte, sondern Die „internationale“ Sozialdemokratie. Wie alljährlich unternahm auch in diesem Jahre der jüdische Arbeiterverein „Poale Zion“ am 1. Mai seinen Zug in den Prater. Die Gruppe marschierte in geschlossenen Reihen unter Vorantraguug jüdischer Standarten in den Prater und ließ sich im Gasthof „zum braunen Hirschen“ nieder, welcher bei der Maifeier der Sozialdemokratie als „Nationalitätenrestaurant“ fungiert. Anfangs begingen dort diese bewußtjüdischen Proletarier ungestört ihr Fest. Keinem arischen Arbeiter fiel es ein, irgend welchen Anstoß zu nehmen. Aber die jüdischen Redakteure der „Arbeiterzeitung“ waren über die jüdischen Standarten und die jüdischen Proietarierlieder höchst indigniert. Sie hielten sich darüber auf, daß „hebräische Weisen“ gesungen werden und verlangten von den Poale-Zionisten, sich „bescheidener“ zu benehmen. Ihre Aufregung stieg so weit, daß sie durch einen Ordner Zurückziehung der Standarten verlangen ließen, was natürlich verweigert wurde. Schließlich hetzten sie so lange, bis Bretschueider mit einigen Ordnern erschien und erklärte: „W ir garantieren für nichts.“ Hierauf zogen sich die Poale-Zionisten zurück, wobei einige jüdische Sozialdemokraten Miene machten, sie tätlich anzugreifen. Betont sei, daß die Arbeiter, denen es nicht eingefallen wäre, gegen das proletarische Maifest bewußtjüdischer Genossen Stellung zu nehmen, über das Vorgehen der jüdischen Führer geradezu verblüfft waren. Sie suchten sich förmlich bei den Poale-Zionisten zu entschuldigen und bemerkten: „Wenn die Redakteure der „Arbeiterzeitung“ was machen, geschieht immer eine Dummheit.“ * £ * ich setze hinzu: mit jüdischer Kultur, um zu betonen, daß nicht nur die Judenirage, sondern wesentlich auch die Judentumsfrage durch den Zionismus ihre Lösung finden soll. Wie steheh wir nun diesem Ziel gegenüber? Nach Oppenheimer sind wir Westjuden Altruisten, weil wir nicht für uns arbeiten — denn nur die wenigsten von uns gehen nach Palästina — sondern für die Ostjuden; diese seien egoistische Zionisten, weil sie etwas für sich wollen. Nun sind ja wirklich viele Westjuden Zionisten aus Mitleid, Zionisten für andere; doch darf man diesen Zionismus nicht als den bei den Westlern einzig möglichen hinstellen und alles, was irgendwie abweicht, als seltene Ausnahme betrachten. Und selbst wenn dieser Zionismus der allgemein verbreitete wäre, so ist er doch nicht der Zionismus, den wir im Interesse des Zionismus wünschen möchten. Wir Westjuden müssen ebenso wie die Ostjuden Zionisten aus Egoismus werden, aus jenem höheren Egoismus heraus, der, indem er für seine Gemeinschaft sich betätigt, sich selbst vergißt. Zionisten aus Egoismus — das heißt nicht gerade, daß alle, oder auch nur die Mehrzahl der Westjuden nach Palästina gehen müssen, wie ja auch wohl ein großer Teil der Ostjuden immer im Golus bleiben wird; sondern das heißt, daß wir einen lebendigen, persönlichen Zusammenhang mit dem jüdischen Lande und den Werten, die dort geschaffen werden, suchen und gewinnen, damit wir, so weit es im Golus möglich ist, durch den Einfluß, den das jüdische Kulturzentrum auf uns ausübt, von unserem inneren Zwiespalt befreit werden, innerlich; gesunden. So wird unsere judentumsfrage, die auf I vielen von uns schwerer lastet als die Judenfrage, i eine Lösung finden. j Wer so denkt wie Oppenheimer, ist schon Zionist, Zionist nach dem Organisationsstaiut, weil er Schekel zahlt und das Baseler Programm bekennt. Das andere Extrem ist der Westzionist, der nach Palästina geht. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es, muß es eine ganze Reihe von Uebergängen geben. Auf Palästina vorbereiten — uns selbst und dann die anderen — das ist unsere heiligste Pflicht, mögen wir nun nach Palästina gehen oder nicht. Und diese Vorbereitung auf Palästina ist, wie schon gesagt, nur in der Weise möglich, daß wir uns aus innerem Bedürfnis, weil wir suchen, was unserem jüdischen Ich nahesteht, mit Jüdischem erfüllen, so weit wir es imstande sind. Haben wir in dieser Art an uns gearbeitet, dann haben wir die Pflicht, das, was wir durch ernstes Streben errungen haben, auch anderen zu vermitteln. Wir müssen das ganze Westjudentum von jenem niedrigen Niveau, auf dem es sich nach Oppenheimer fast in seiner Gänze befindet, auf ein höheres, jüdischeres Niveau emporheben. Nicht jeder Westjude soll, nicht jeder kann nach Palästina gehen; aber durch solche intensive Kulturarbeit, die in dem Maße als sie überhaupt im Golus möglich ist, geleistet werden muß, werden nach dem Prinzipe der Auslese Zionisten entstehen, die jene höchste, jüdiseheste Stufe des westlichen Zionismus und des Zionismus überhaupt erreicht haben, die das Golus mit all seiner Not von sich werfen und nach Palästina gehen. Oppenheimersche Zionisten gibt es genug imWesten: wenn ihrer mehr wären, wäre es gewiß viel besser; sie können mit ihrer Intelligenz, ihrem Gelde nützen. Und schließlich stehen sie uns ja doch um einen Schritt näher als die Nichtzionisten. Aber wir dürfen uns nicht auf ihr unjüdisches Niveau herunterziehen lassen, sondern wir müssen versuchen, ihnen den Weg zum Anschluß an' eine jüdische Eigenkultur in Palästina zu weisen. Ohne eine solche geistige Evolution ist der Bestand des westlichen Zionismus sehr gefährdet. Man betrachte nur die Verflachung der zionistischen Arbeit, den Mangel an zionistischem Denken bei jenen Westlern, deren Zionismus in der Hauptsache der von Oppenheimer geschilderte ist. Es fehlt nicht nur der Schwung, die Begeisterung, wie sie Herzl mit seinem Cht.rterzionismus hervorrief, es fehlt auch, was weit wichtiger wäre, die stille, aber um so dauerhaftere Liebe zur Idee, zur Sache. Den Erfolg zionistischer Arbeit drückt man durch Zahlen aus. So und so viel Schekel wurden gesammelt, so und so viel Nationalfondsspenden sind eingegangen usw. Gewiß sind diese Dinge auch wichtig, aber I sie dürfen nicht das einzige bleiben. Und in den Vereinen debattiert man etwa nur über die Aenderung des Organisationsstatuts oder über die Agrarbank und ähnliche Dinge. Es ist höchste Zeit, diese1

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