Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 18 Versammlungen waren massenhaft besucht, I die Ausführungen unserer Redner fanden I begeisterten Widerhall und wir konnten freudig konstatieren, daß unsere Bewegung nunmehr selbst in den Hochburgen der Assimilation Wurzel geschlagen hat. So hat denn auch der Wahltag Resultate gezeitigt, die noch vor einem Jahrzehnt ganz unmöglich gewesen wären. In diesem Sinne begrüßen wir die Wahlergebnisse im ersten Gemeindebezirke. Bericht des Informationsbureaus für Palästina. Erstattet am II. W.-Ö. Zionistentag von W. Beigel. (Schluß.) Fürsorge an den Grenzen. Wir wollten den Auswanderern unsere Fürsorge nicht nur in Wien angedeihen lassen. Das wichtigste war vielmehr, sie an den Grenzen, wo sie gewissenlose Agenten beraubten, in Schutz zu nehmen. Viel konnten wir in dieser Beziehung nicht erwarten, denn das Ideal wäre natürlich, bezahlte Vertrauensmänner an den Grenzen anzustellen. Dazu fehlte uns das Geld und d i e Mittel, welche uns zu diesem Zwecke von anderer Seite geboten wurden, konnten wir nicht annehmen. Hierzu gesellten sich noch Bedenken juristischer Natur. Wir schauten uns daher nach freiwilligen Vertrauensmännern um. In Brody hat Herr Tartakower dieses Amt übernommen, in den anderen Städten bestreben wir uns, mit den dortigen Organisationen Fühlung zu nehmen. In Triest hat sich in ganz besonders opferwilliger Weise Gg. Dr. Viktor Kleinzeller der Emigranten angenommen und wir erachten es als unsere Pflicht, ihm an dieser Stelle unseren besten Dank für seine unermüdliche Arbeit auszudrücken. In diesem Zusammenhänge sei noch erwähnt, daß wir in Alexandrien und Port Said Leute ausfindig machten, welche den Emigranten bei der Ueberfuhr behilflich sind. Außerdem planten wir die Schaffung eines Arbeitsnachweises für mittellose Emigranten. In Wien und Triest ist es schwer gegangen. Wir wollen daher jetzt andere Städte auf der Strecke Wien- Triest heranziehen. Unterstützung mit Barmitteln. Und nun zur Frage der Unterstützung mit Barmitteln. Wie gesagt, konnten wir diese Unterstützung aus zweierlei Gründen nicht geben. Erstens mangelte es uns an Geld, zweitens fürchteten wir uns vor der Heraufbeschwörung einer Emigration von unerwünschten Elementen. In der Praxis mußten wir aber von diesem Prinzipe oft abgehen. Ein russischer Auswanderer, der kein Geld hat und weder vorwärts noch zurück kann, ist in Wien verloren, weil er hier weder Arbeit noch Unterstützung findet. Wir müssen hier mit Entrüstung das Vorgehen der „Israelitischen Allianz“ erwähnen, welche aus politischen Motiven ihre humanitären Ziele vergißt, die Palästina-Auswanderer rücksichtslos und ohne Ausnahme abweist, und, wenn sie sich weigern, sich nach Argentinien oder Kanada schaffen zu lassen, mit Hilfe von Wachleuten aus dem Lokale zu entfernen droht. Die „Allianz“ verweigerte auch dort die Unterstützung, wo Einladungen durch Bekannte oder Vereben von dem, was man gemeiniglich nnd mit Recht unter Nationalbewußtsein versteht, ganz verschieden. Damit fällt auch der Begriff Volksbewußtsein im Oppenheimerschen Sinne. Vollends unbegreiflich ist es, wie Oppenheimer einmal vom jüdischen Stammesbewußtsein der Westjuden sprechen kann und dann wieder sagen kann, er würde, wenn er in Palästina wäre, bis zu seinem Tode deutsches Stammesgefühl haben, das beißt, er würde sich „immer noch dem Deutschen näher verwandt fühlen als dem Engländer oder Franzosen“. (Es handelt sich uns hier natürlich nur um die Begriffe und ihre Namen, nicht aber um die Tatsachen, von denen Oppenheimer spricht.) Der innere Grund unseres Zionismus ist nun nach Oppenheimer unser Stammesbewußtsein, „der Stolz auf unsere adelige Abkunft“, nichts weiter. Dieser Stolz allein soll uns zu einer so erhabenen Idee geführt haben, dieser Stolz soll die Begeisterung und Opferwilligkeit geweckt haben, die die Besten von uns seit jeher erfüllt Ist das möglich? Können wir glauben, daß dieser Stolz allein dazu hingereicht hätte, unserem Innern jenen Schwung zu verleihen, uns über uns selbst hinauszuheben, uns über unserer Idee all die Nichtigkeiten und Kleinlichkeiten des Lebens vergessen zu machen? Gewiß ist jener Stolz auch vorhanden; aber er ist nicht das einzige. Nicht Stolz eint uns, sondern Liebe; nicht Stolz auf das, was gewesen ist, son- Liebe zu dem, was ist und was sich zu entwickeln und zu gestalten beginnt. wandte zu bestimmten Arbeitsgelegenheiten oder andere Beweise Vorlagen, daß sich der Betreffende in Palästina erhalten können wird, wo also die A u sr e d e, daß in Palästina keine Existenzmöglichkeiten bestehen, klar als solche zum Vorschein kam. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde half zwar in 21 Fällen mit kleineren Beträgen aus, was wir mit Anerkennung hier hervorheben müssen, nichtsdestoweniger gab es aber noch 28 Leute im Laufe von 10 Monaten, die ohne unsere Hilfe zugrunde gegangen wären. Wir mußten für diese 28 Sammlungen veranstalten und dachten zugleich an die Schaffung eines kleinen Fonds. Die vom Lloyd gewährten Gratiskarten nahmen uns einen Teil der Sorge ab und der vom rührigen I. Wiener zionistischen Frauenverein zu diesem Zwecke veranstaltete Abend gestattet uns wenigstens über die Beschaffung weiterer Mittel ruhig nachzudenken. Regelung der Auswanderung. Was die Regelung der Auswanderung anbetrifft, so haben wir es auf zwei Wegen zu tun versucht Durch Veröffentlichungen in der Presse und durch Korrespondenz. Es ist uns tatsächlich in vielen Fällen gelungen, Elemente, die in Palästina keine Aussicht hätten, von der Auswanderung abzuhalten, seltener solche, die in der Absicht nach Palästina zu gehen, wankend waren, in ihrem Vorhaben zu kräftigen. Unser Postein- und ausgang betrug in der Berichtsperiode ca. 400 Schriftstücke. Die Parteiblätter haben leider nicht immer unsere Mitteilungen veröffentlicht. Am schlechtesten stand es um jenen Teil unserer Arbeit, wo es sich um Informierung unserer Organisationen handelte und jener, die für palästinensische Unternehmungen vielleicht zu gewinnen wären. Es ist keine leichte Aufgabe und auch das Odessaer Komitee, welches über größere Erfahrungen und reichlichere Mittel verfügt, hat sie bisher nicht gelöst, wie es im letzten Berichte mitteilt. Ein großes Hindernis an dieser Arbeit ist, daß der Informationsdienst in Palästina noch sehr wenig ausgebaut und nicht ganz verläßlich ist und erst infolge der Tätigkeit des Palästina- Amtes beginnt sich dieser Zustand zu bessern. Unsere Leitung hat daher die eminente Pflicht, auf die schon mehrmals hingewiesen wurde, den Informationsdienst auszubauen. Die trotz aller Schwierigkeiten in Angriff genommene Herausgabe von Bulletins ist an dem Mangel von Geldmitteln gescheitert. Das sind die Arbeiten, die unser Bureau geleistet oder begonnen hat. Wenn wir erwägen, daß wir während der 12 Monate mit einem Budget von 110 Kronen gearbeitet haben, können wir uns wenigstens keine Vorwürfe machen. Die schon früher veröffentlichte Statistik gibt Aufschluß über die Elemente, die nach Palästina über Wien ausgewandert sind. Abgesehen von den sich hier freiwillig aufhaltenden palästinensischen Chalukasjuden, sind es zu 90'/® junge, ideell veranlagte, kräftige Leute, wahre Pioniere des werdenden Judentums. Es muß nur mit Bedauern hervorgehoben werden, daß Oesterreich daran nur einen sehr geringen Teil hat. Unsere zukünftige Arbeit soll sich in den gezeichneten Richtungen weiterbewegen. Soll sie aber von Erfolg begleitet sein, so müssen uns materielle Grundlagen dafür geschaffen werden, die uns die Erhaltung eines Bureaus und Herausgabe von regelmäßigen Mitteilungen über Palästina ermöglichen sollten. Das Stammesbewußtsein geht nach Oppenheimer auf Vergangenes, das Volksbewußtsein auf Gegenwärtiges; wenn wir diese empfehlenswerte Scheidung annehmen, sehen wir sofort, wie sehr Oppenheimer irrt, wenn er für die Mehrzahl der Westjuden nur das Stammesbewußtsein zugibt, dagegen das Bewußtsein von Gegenwärtigem, das Volksbewußtsein, leugnet. Mögen uns auch wichtige Merkmale eines Volkes, wie Sprache und Land, abgehen, so haben wir doch auch heute schon, vor der Erreichung des Zieles, vieles Gemeinsame, das zwar in der Vergangenheit wurzelt, aber nicht selbst Vergangenheit ist. So die besondere jüdische Art, wie wir mit unserer Seele auf die Eindrücke der Umwelt reagieren, wie wir überhaupt seelisch tätig sind, die besonders in den Geistesprodukten der Schaffenden in unserem Volke bald stärker, bald schwächer in Erscheinung tritt und die jedem Einzelnen von uns mehr oder weniger bewußt wird; wir pflegen sie, so weit sie im jüdischen Schaffen sich offenbart, die jüdische Note zu nennen. Auf dieser besonderen jüdischen Art und auf dem Bewußtsein, das wir von ihr haben, beruht dann die Tatsache, daß wir uns, da wir die Aehnlichkeit unseres inneren Wesens erfassen, zu einander hingezogen fühlen, daß ein jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht. Dies äußert sich dann auch darin, daß wir uns den anderen gegenüber fast immer so furchtbar fremd fühlen, mag uns ihre Kultur — wir sind ja Kulturdeutsche, Kulturfranzosen usw. — zuzeiten auch noch so nahe stehen. (Es folgen diesbezügliche Anträge, die dem Zentralkomitee zur Begutachtung überwiesen wurden.) Zum Schlüsse bemerken wir noch folgendes: Die von uns entwickelten Aufgaben erschöpfen bei weitem nicht alles, was nach unserer Ansicht ein zionistisches Informationsbureau im Golus zu tun hätte. Wir betrachten es als eine der wichtigsten eminent zionistischen Aufgaben, die ganze, ungeheure, ziellose jüdische Auswanderung, die wie ein Strom nach dem Westen zieht, um, an den Ufern Amerikas zurückprallend, sich wieder ostwärts zu wenden, in feste Bahnen zu leiten, zu regeln und zu überwachen. Je verworrener sich diese Auswanderung gestaltet, je weniger Gebiete ihr offen bleiben, desto wichtiger und dringender wird diese Aufgabe. Vorläufig gehört aber die Erfüllung dieser Aufgabe nicht in das Reich der nächsten Zukunft. Und so wollen wir uns auf die früher erwähnte Arbeit beschränken und die Hoffnung aussprechen, daß wir wenigstens den Teil unserer Pflicht, der sich auf Palästina bezieht, ehebaldigst tadellos erfüllen werden. Zur Propaganda der zionistischen Banken. (Ein Vorschlag.) Die ausgezeichneten Ausführungen Dr. Sandlers in der „Jüdischen Zeitung“ scheinen berufen, einen bestimmten Zweig der recht irrationellen zionistischen Sammeltätigkeit zu sanieren. Nämlich jenen, der sich mit der Gewinnung der bloßen, auf keinen gebotenen oder zu erwartenden Gegenwert gegründeten Spenden befaßt. Nur glaube ich, daß Dr. Sandler, die zweite Aufgabe, d. i. den Absatz von Aktien unserer Banken, zu sehr in den Hintergrund rückt und vor der Zeit für erledigt hält. Denn auch die offiziellste Erklärung von der Kongreßtribüne herab kann mir nicht die selbstverständliche Ueberzeugung rauben, daß eine Bank die von ihrer Generalversammlung beschlossene Kapitalserhöhung auch wirklich durchgeführt haben will. Der Rechenschaftsbericht z. B. der APC. zeigt aber, daß es bis zur Volleinzahlung der beschlossenen 100.000 Pfd. St. noch seine guten Wege hat. Wie kommt es aber, muß man fragen, daß ein Institut, daß trotz seiner Rentabilität, trotz aller unterstützender ideologischer Momente, beim Absatz seiner Aktien solche Schwierigkeiten findet? Ich sehe in diesem Zusammenhänge von der P. L. D. C. vollständig ab, weil diese Bank noch nicht in den Stand gesetzt wurde, ihre volle Tätigkeit zu beginnen, daher ihre Rentabilität nicht an der Hand der Tatsachen geprüft werden kann. Auch die A. L. C., für die ja bisher keine nennenswerte Propaganda entfaltet wurde, kommt hier nicht in Betracht. Es interessieren uns hier somit nur die beiden Banken J. C. T. und A. P. C. Bedenkt man, daß die letztere im verflossenen Jahre 4‘/i Perzent zahlte und sich andauernd gut, ja sehr gut entwickelt, so kann man die angebliche Ferner sei hingewiesen auf die religiösnationalen Sitten, die sehr vielen von uns etwas bedeuten und schließlich auf gewisse gemeinsame Interessen nach außen, die schon vor dem Zionismus bestanden haben. Man könnte noch manches andere anführen; doch wird das Gesagte genügen, um zu zeigen, daß nicht nur der Stolz auf vergangene Größe uns eine nationale Einheit sein läßt, sondern daß auch die Erkenntnis unseres gegenwärtigen Seins und die Liebe zu ihm in uns mächtig ist. Die Einheit des Judentums, die Zusammengehörigkeit der jüdischen Individuen auf Grund dieser gegenwärtigen und vergangenen Tatsachen erkannt und betont zu haben, ist vielleicht die größte Tat, die der Zionismus bisher vollbracht hat. Wir unterscheiden uns von allen anderen Juden dadurch, daß wir, ausgehend von inneren jüdischen Grundtatsachen — unser äußeres Schicksal kommt in zweiter Reihe; es ist nur eine Folge unserer jüdischen „Innerlichkeit“ — ein jüdisches Volk statuiert haben, ein abnormales Volk, dem vieles fehlt, aber doch ein V o 1 k; wir haben dies getan, nicht um einen neuen Begriff zu schaffen, sondern um unseren Willen zu nationaler Gemeinschaft und nationaler Fortentwicklung kundzutun. Wir sind ein Volk, weil wir es sein wollen, und wir wollen ein normales Volk werden, weil wir uns schon jetzt als nationale Gemeinschaft fühlen. Dies gilt für die Westjuden ebenso gut wie für die Ostjuden. Das Ziel des Zionismus ist es nach Oppenheimer, in Palästina ein jüdisches Volk zu schaffen;