Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-05-06 · 18 (6.5.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438291--1852-2441475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JDI5CHE ZQTUHj Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.— , Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *•«••»*-*■»■»*•***■***■* Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. **■**•#* -x- * «• -x-« * -» * Nr. 18. Wien, Freitag den 6. Mai 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die Gemeinderatswahlen. Zur Propaganda der zionistischen Banken. Die jüdische Renegatenpresse. Epilog. Gedicht von Beda. Die gefallenen Renegaten. Der Zionismus der Westjuden. Von V. Kellner. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Sport. Ueberläufer. Herzlfeier. Aus Anlaß des 50. Geburtstages Theodor H e r z 1 s veranstaltet das i.-ö. Distriktskomitee folgende Feierlichkeiten: Pfingstsonntag den 15. Mai a. c., vormittags halb 11 Uhr V olksversammlung. Pfingstmontag den 16. Mai a. c., vormittags halb 11 Uhr Bestich am Grabe Herzls. Abmarsch vom Türkenschanzpark — Endstation der Elektrischen, Linie 40. Mittwoch den 18. Mai a. c., abends 8 Uhr Große Gedenkfeier im Festsaale des Hotel Kontinental, II., Praterstraße Nr. 8. Festredner: Reichsratsabgeordneter Adolf Stand. Das DK. erwartet eine demonstrative Beteiligung aller organisierten und nichtorganisierten Zionisten Wiens. Für das i.-ö. D.-K. Dr. Leop. Meisel Dr. Rob. Beer Obmann. Schriftführer. Die Gemeinderatswahlen. Das Ergebnis der Gemeinderatswahlen rechtfertigt keineswegs die Siegesbetrachtungen der Scheinliberalen und christlichsozialen Presse. Die „freiheitlichen“ und christlichsozialen Siege sind Pyrhussiege. Die „Freisinnigen“ haben neuerlich ein Mandat (Döbling) verloren, ohne ein anderes zu gewinnen. Ihre „Siege“ beschränken sich also auf die Behauptung ihres Besitzstandes in den 3 jüdischen Wahlkreisen: Stadt, Leopoldstadt und Alsergrund, wo zahlreiche Symptome der Unzufriedenheit der Wählerschaft mit der Politik der unter einander hadernden Cliquen zu Tage trat. Wenn trotzdem die „freisinnigen“ Kandidaten — in Ermangelung anderer — von den Juden gewählt wurden, so darf dieser „freisinnige Sieg“ nur als Protest gegen die christlichsoziale Wirtschaft aufgefaßt werden. Diese beginnt man allmählich auch in der christlichsozialen Wählerschaft satt zu bekommen, ohne daß sich aber nach einer .Restaurierung des pseudoliberalen Regimes sehnen würde. Der Umstand, daß der Generalstabschef der Christlichsozialen, Abgeordneter Dr. Geßmann, nur mit karger Mehrheit in seinem Stammbezirke Neubau gewählt wurde und daß der; Herausgeber des „Deutschen Volksblattes“, Ernst Vergani, trotz der Empfehlung der christlichsozialen Parteileitung in der Josefsstadt, bei der Stichwahl unterlag, sind nur eines unter vielen Symptomen, daß es in der christlichsozialen Wählerschaft gewaltig gährt und daß der in allen Parteien zutage tretende Zerj Setzungsprozeß auch die Christlichsozialen j ergriffen hat. Von einem baldigen Zerfalle oder gar einem Zusammenbruche der | Christlichsozialen zu reden, wäre aber | natürlich schon deshalb viel verfrüht, weil ja keine Partei vorhanden ist, die den Christlichsozialen mit Erfolg entgegentreten oder ihre Erbschaft antreten könnte. « Gegenüber diesem düsteren Bilde der allgemeinen politischen Lage nach den Wahlen löst der Erfolg, der für die bewußt jüdische Sache im ersten Gemeindebezirke errungen wurde, recht frohe Hoffnungen aus. Der Durchfall der aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetretenen Kandidaten, die trotz ihres „Freisinnes“ energisch abgelehnt wurden, weil sie ihr jüdisches Volk verlassen und damit das Vertrauen ihrer Wähler verloren haben, muß vor allem uns, die wir einen „jüdischen Klerikaiismus“ entschieden ablehnen und auf dem Boden der jüdischen Moderne fußen, mit großer Genugtuung erfüllen. Da ging mitten im Kaiviertel die Saat Theodor Herzls auf! Den wackeren Wählern, die einem Dr. Fürth und Dr. Neu mann die Türe gewiesen haben, zollen wir volle Anerkennung. Wir sind aber weit entfernt davon, in der Wahl der Gegenkandidaten den Sieg eines Pr i nzips zu erblicken, denn der Wahlkampf bot ja doch nur wieder den Anblick einer Jagd nach Mandaten. An dieser Mandatspolitik wird aber die modern-jüdische Demokratie — auch wenn sie um den Preis eines faulen Kompromisses Mandate erringen könnte — nicht partizipieren. Nicht das Ergattern von Mandaten ist unser innerpoiitisches Ziel, sondern Aufklärung und Organisation des Volkes und seine Erziehung zur Selbsthilfe zwecks Verbesserung seiner national-sozialen Lage. Unter diesem Gesichtspunkte hat der „jüdische Nationalverein“ in den Wahlkampf eingegriffen. Seine zahlreichen Der Zionismus der Westjuden. Von Viktor Kellner-Prag. Das Problem, das Franz Oppenheimer in seinem Aufsatz über „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein“ mit schätzenswerter Aufrichtigkeit behandelt, läßt sich auch mit den Worten formulieren: Warum sind wir Westjuden Zionisten? Von allen Seiten kann man an dieses Problem, das eine Fülle wichtiger Fragen einschließt, herankommen; den Ausgangspunkt für die Betrachtung wird fast immer das eigene Ich bilden und aus diesem Umstande ist es zu erklären, daß man gar so oft in den Fehler verfällt, der auch dem Leservon Oppenheimers Ausführungen sofort in die Augen springt, falsch zu verallgemeinern, zu glauben, daß das eigene innere Erlebnis typisch sei. Die Frage: Warum sind wir Westjuden Zionisten? zerfällt eigentlich in zwei Fragen, in die Frage nach dem Grund und in die Frage nach dem Zweck unseres Zionismus; es ist wichtig, diese beiden Fragen auseinanderzuhalten. Selbst wenn wir also zugäben, daß der Grund für den westlichen Zionismus (uns handelt es sich nur um den inneren Grund) allgemein oder doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle der sei, den Oppenheimer angibt, dürften wir uns mit dieser traurigen Feststellung nicht zufrieden geben, soni dern wir müßten weiters nach seinem Zweck und j nach den Mitteln der Erreichung dieses Zweckes fragen. Bei dieser zweiten Betrachtung würde sich dann ganz von selbst die Frage ergeben, ob der westliche Zionismus — wenn es wirklich so um ihn stünde — in seiner geistigen Struktur im Hinblick auf das Ziel uns genügen könne oder nicht, mit anderen Worten, ob das Ideal zionistischer Betätigung im Westen dann erreicht sein wird, wenn alle Westjuden Zionisten im Sinne Oppenheimers sein werden. Oppenheimer bejaht diese Frage augenscheinlich; er sieht also in der jüdischen Qualität der Wesjuden, das heißt in ihrer Stellung gegenüber dem Judentum, so wie sie ihm erscheint, etwas, was notwendig und unveränderlich gegeben ist und wünscht behufs Erreichung des Endziels lediglich eine Aenderung ihrer Zahl. (Man tut dem Aufsatze gewiß keine Gewalt an, wenn man dies alles herausliest.) Demgegenüber soll gezeigt werden, daß die geistige Struktur der westlichen Zionisten doch nicht ganz so ist, wie Oppenheimer glaubt, und daß, wenn sie so wäre, dieser Zustand keineswegs unveränderlich und noch viel weniger im Hinblick auf das Ziel des westlichen Zionismus, das wir abweichend von Oppenheimer formulieren, ein Idealzustand ist; daß wirvielmehr das Endziel, so wie es uns erscheint, nur dann erreichen können, wenn es uns gelingt, i zunächst uns selbst und dann das ganze Westjuden-! tum nach der jüdischen Seite seines Wesens hin zu erziehen, sein jüdisches Ich zu bereichern, seine jüdische Art ihm bewußter zu machen. Bevor wir auf unseren Stoff näher eingehen, wird es nötig sein, einiges über die Begriffsbildungen zu sagen, die sich Oppenheimer erlaubt und die zum Teil verfehlt sind. Oppenheimer spricht von einem jüdischen Stammesbewußtsein, dem er ein fremdes Volksbewußtsein der Juden gegenüberstellt, das sich in Nationalbewußtsein und Klassenbewußtsein spalten kann. Nationalbewußtsein und Patriotismus ist für Oppenheimer ein und dasselbe; wie sonderbar dieser Gebrauch des Wortes ist, dessen wird man sich bewußt, wenn man die ursprüngliche und auch heute regelmäßig angewendete Bedeutung des Wortes Nation — natio kommt von nasci — ins Auge faßt und wenn man nicht von national einheitlichen Ländern wie Deutschland, sondern von Ländern ausgeht, die mehrere Völker umfassen, wie Oesterreich und die Schweiz. Der Deutsche in Oesterreich ist österreichischer Staatsbürger, kann österreichischer Patriot sein, hat aber doch kein österreichisches Nationalbewußtsein, weil es keine österreichische Nation, sondern nur einen österreichischen Staat mit vielen Nationen gibt; er hat deutsches Kultur- und Nationalbewußtsein; ähnlich zum Beispiel der Italiener in der Schweiz u. a. m. Staatsbürgertum, beziehungsweise Patriotismus ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.