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Jüdische Zeitung · 1910-04-29 · 17 (29.4.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3. Nun haben allerdings diese Rückzahlungen nur stattfinden können, weil erfreulicherweise die fremden Depots bei der Palästinabank außerordentlich stark gewachsen sind, ein Beweis des Vertrauens, das sie in Palästina genießt. Aber war es nötig, das Geld nach London zurückzusenden? Die Direktoren sagten am Kongreß, es wäre keine Verwendung dafür gewesen. Wir glauben aber, daß dies nicht richtig ist. Mit diesem Gelde hätte die Bank neue Filialen errichten müssen, was eine dringende Notwendigkeit ist. Seit einigen Jahren ist darin ein Stillstand eingetreten, während Handel und Wandel in Palästina rapid zunehmen und fremde Banken ihre Tätigkeit immer mehr ausdehnen. Die Ueberängstlichkeit der Jaffaer Direktion übersteigt durchaus das Maß der üblichen geschäftsmäßigen Vorsicht und ist ein Mangel an Initiation. Solange da nicht Wandel geschaffen wird, werden die Klagen der Opposition als berechtigt angesehen werden müssen. Aus der Bilanz der APC. wollen wir mit Genugtuung hervorheben, daß sich die Bilanzsumme von 1908 auf 1909 um 32.000 Pfund gehoben hat, und, was noch höher anzuschlagen ist, die fremden Gelder - (ohne JCT. und JNF.) von rund 134.000 auf 191.000 Pfund angewachsen sind. Diese Entwicklung, das Steigen der Einlagegelder der Klientel um 50 7° zeigt, wie schon erwähnt, daß das Ansehen unserer Palästinabank heute ein fest gegründetes ist, wozu wir ihren Leitern nur gratulieren können. Der Nationalfonds hat den Beschlüssen des achten Kongresses gemäß bei der Bank 12.000 Pfund für Kredite an Hausbaugenossenschaften und 4000 Pfund für Agrarkredite deponiert. Ersteres entspricht der bewilligten Summe, letzteres ist nur die erste Hälfte der entsprechenden Bewilligung. Auf der Ausgangsseite sind leider beide Debitoren vereinigt in einer Ziffer ausgewiesen, so daß nicht ersehen werden kann, wie viel bereits für den einen und wie viel für den andern Zweck verliehen wurde. Nachdem die Gesamtsumme aber nur 11.000 Pfund beträgt gegen 16.000 Erlag des JNF., und die Hausbaugenossenschaften gewiß ihren Kredit voll in Anspruch genommen haben, so scheint noch gar nichts für Agrarkredit verwendet worden zu sein. Der an die „Leihgenossenschaften“ jahrüber verliehene Betrag wird leider nicht wie 1907 bekanntgebeben, obzwar dies für unsere Propaganda sehr nötig ist. Die Zahl der Genossenschaften ist von 20 auf 28 gestiegen, die am Jahresende aushaftenden Kredite sind aber nicht höher, als im Vorjahr. Trotz des vergrößerten Geschäftsumfanges wurde kein höherer Reingewinn erzielt. Woran dies liegt, kann aus der Bilanz nicht entnommen werden. Da die Spesen erfreulicherweise kaum gewachsen sind — trotz höherer Geschäftsumsätze — so dürfte der Grund zum Teil in einem niedrigeren Leihzinsfuß — wie er ja ISC9 überall in Geltung war —- liegen. Dieser Schluß ist umso naheliegender, als gerade das Diskonfogeschäft den Hauptanteil an der Geschäftsvermehrung zeigt. Es .ist um 22.000 Pfund gestiegen. Es kann daher der Bankleitung kein Vorwurf aus dem relativ kleineren Gewinn gemacht werden, denn ein billigerer Zinfuß liegt nur im Interesse der Bankklientel. Immerhin wäre es im Interesse des Institutes gelegen, wenn bald eine Dividende von zumindest 5 7° gezahlt werden könnte, statt, wie im Vorjahre und heuer wiederum 4'/« 7° (10 Pfund pro Aktie). (Die deutsche Palästinabank zahlt seit Jahren 6 7" und' ihre Aktien notieren 217® über Pari.) Dann würde auch der Verkauf der auf das Aktienkapital noch fehlenden rund 28.000 Aktien schneller vor sich gehen. Auf jeden Fall ist es eine recht hübsche Leistung der mit Sammelzwecken überhäuften zionistischen Organisation, daß sie, nach der Bilanz der APC., im Jahre 1909 2434 Aktien derselben verkaufte, also rund 60.000 Francs für sie aufbrachte. Von der Woche. Ein polnisches Manifest über die Judenfrage. Die Warschauer „Polnische Progressistenvereinigung“ der auch Juden angehören setzt sich in einem Manifest mit der Judenfrage in folgender Weise auseinander: 1. Die „Polnische Progressistenvereinigung“ betrachtet die Juden nicht als ein besonderes Volk, sondern als eine konfessionelle Gruppe, deren einzigen Weg zum Verlassen des Ghettos und zur Erlangung der europäischen Kultur und, was daraus folgt, zur tatsächlichen Gleichberechtigung im privaten und sozialen Leben die politische und kulturelle Assimilation bildet. Der „Jargon“ kann nicht als eine nationale Sprache angesehen werden. 2. Die politische Assimilierung der polnischen Juden, die in der Solidarisierung und tatsächlichen Förderung der politischen Bestrebungen des polnischen Volkes besteht, wofür übrigens nicht nur einzelne Individuen, sondern in vielen Fällen die jüdische Masse bereits Beweise geliefert hatte, ist die notwendigste Bedingung eines friedlichen Zusammenlebens der Polen mit den Juden. Es ist dies eine Pflicht der polnischen, ebenso wie der jüdischen Gesellschaft, diejenigen jüdischen Gruppen, die die Prinzipien des national-jüdischen Egoismus propagieren, im Namen des national-polnischen Egoismus energisch zu bekämpfen. Die polonisierlen Juden betrachten wir als Mitbrüder, diejenigen, die sich absondern, als ein fremdes Element, in manchen Beziehungen und unter manchen Umständen — als Feinde. 3. Die kulturelle Assimilation, die in dem Erlernen und Liebgewinnen der polnischen Sprache und der polnischen Institutionen besteht, kann und soll nur mit kulturellen Mitteln geführt werden, so durch Hebung der polnischen Kultur, durch Förderung und Verbreitung der polnischen Sprache unter den Juden und hauptsächlich durch für polnische und jüdische Kinder gemeinsame Elementarschulen. 4. Es ist notwendig, sich zu bemühen, unabhängig von den Mitteln, die für die polnische Bevölkerung angewandt werden, die jüdische Not zu vermindern durch Erleichterung der Emigrationsbedingungen für jenen Teil der Bevölkerung, welcher aller Lebensmittel beraubt ist, durch die ökonomische Entwicklung des Landes und durch Bemühungen um die Abschaffung des Ansiedelungsrayons. 5. Unabhängig von allen theoretischen Konklusionen und künstlichen, politisch-sozialen Konstruktionen, die der jüdische Nationalismus geschaffen hat, finden wir, daß das polnische Volk niemals eine Teilung seines Territoriums und seiner Organisation zwischen zwei gleichberechtigten Teilinhabern zulassen wird, und daß es zur Bekämpfung derartiger Bestrebungen immer die nötige Kraft besitzen wird. Dieses Manifest des „Polnischen Progressistenvereines“ ist natürlichnichtohne Erwiderunggeblieben. Nach einer Beratung mit den Vertretern verschiedener jüdischen Gruppen haben die vier in Warschau erscheinenden Jargonblätter folgende Erklärung abgedruckt: 1. Wir protestieren aufs schärfste gegen die Beschuldigung gewisser jüdischer Gruppen, daß sie in irgendwelchen Hinsichten oder Beziehungen dem polnischen Volke feindlich gegenüberstehen. Solche Gruppen existieren überhaupt nicht. Jeder ehrlich denkende Nationaljude hat Interesse an der Entwicklung und Aufblähung Polens und der polnischen Kultur und wird sich niemals gegen die Interessen des polnischen Volkes stellen. in dem, was wir erfahren und in dem, was wir tun, färbt und bestimmt. Ich meine das Innerliche, das Jüdische in uns, die Machi, die unser Denken, Fühlen und Wollen trägt, die Macht, die es bewirkt hat, daß unser Denken mehr abstrakt mathematisch als konkret naturhaft, daß unser Fühlen mehr musikalisch als bildhaft ist, daß unser Wollen mehr auf die Umgestaltung als auf die Ausgestaltung des Lebens geht, mit einem Wort: ich meine unser Blut. Denn die bestimmenden Mächte des Menschenlebens, die Mächte, aus deren Wirkung sich das Menschenleben zusammenfügt, sind: die Innerlichkeit und die Umwelt. Unser inneres Schicksal nicht nur, sondern auch unser äußeres entsteht aus dem Zusammentreffen dessen, was wir selbst an Fähigkeit, an Disposition, Eindrücke zu verarbeiten, heranbringen, und aus dem, was von außen auf uns eindringt und einwirkt — aus dem Blute und der Umwelt. Von allem aber das Innerlichste in uns ist nicht das, was wir die Persönlichkeit nennen, sondie tiefste Schichte unseres Seins und unserer Persönlichkeit ist eben das Blut, ist das in uns, was die Jahrtausende, was die Kette der Väter und Mütter, ihre Art und ihr Schicksal, ihr Tun und ihr Leiden in uns hineingepflanzt haben, daß große Erbe der Zeiten, das wir auf die Welt mitbringen, wie wir auf diese Welt geboren werden; und es ist, wie ich sagte, nicht bloß die Art der Väter, die wir geerbt haben, sondern es ist auch das Schicksal der Väter, und alles, das Leiden, das Elend und — sagen wir es nur heraus — die Schande, in der unsere Väter Jahrhundert um Jahrhundert gelebt haben, all dies hat unser Blut und hat unsere innerste jüdische Art mitgestaltet. Das sollen wir ebenso fühlen und ebenso wissen, wie wir fühlen und wissen sollen, daß in uns lebt die Art der Propheten, der Sänger und der Könige Judas. Jeder von uns, der auf sein Leben zurückblickt, wird die Spuren ^dieser Macht erkennen. Wenn etwa der eine oder der andere, von Ihnen sich das Pathos des inneren Kampfes vergegenwärtigt, das er in manchen Stunden seines Daseins erlebt, so wird er finden, daß hier etwas in ihm weiterlebt, das sein großes nationales Urbild in dem Kampfe der Propheten gegen die auseinanderstrebende, zersetzende Vielheit der Volkstriebe hatte. In unserer Sehnsucht nach einem reinen und einheitlichen Leben können wir dieselbe Macht wiederfinden wie einst in der Periode, welche die große essäische und urchristliche Bewegung erweckte. In dem Bestreben nach der Erlösung aus der Zweiheit, an der wir so schwer zu tragen haben, werden wir dieselbe Macht wiederfinden, die das Größte des Judentums — den Messianismus — geschaffen hat. Und ebenso werden wir das uns entartende Schicksal der Väter fühlen in der Ironie des modernen Juden, die ja nur ein Werk dessen ist, daß wir jahrhundertelang, wenn wir ins Gesicht geschlagen wurden, nicht mit der Faust zurückschlugen, daß wir, weil wir numerisch und körperlich schwächer waren, uns nicht wehrten, sondern uns zur Seite wandten, lächelten und sagten: „Wir sind eben die geistigen Menschen.“ Und so liegt auch die Quelle unseres abstrakten, weltfremden Fühlens unserer oft so unproduktiven Intellektualität darin, daß wir Jahrhunderte und Jahrtausende lang j keine gesunde, normale Betätigung des Lebens kannten, kein gesundes, vollständiges, vom Rhythmus der Natur bestimmtes Leben führten. Und in dieser ganzen Zerrissenheit, Verlorenheit, Wurzellosigkeit unseres Lebens durch Jahrtausende hindurch werden wir die Wurzel unserer Skepsis und unserer Verzweiflung finden. Wenn wir nun wissen, daß diese zwei Mächte in unserem Dasein wirksam sind, unser Blut und unsere Umwelt, so müssen wir auch erkennen, daß die Umwelt, das äußere Schicksal, uns immer nur den Stoff unseres Erlebens gibt, daß die Form des Erlebens aber unseres Blutes Werk ist, daß unsere jüdische Innerlichkeit die gestaltende Kraft ist, die aus dem Stoffe, den die Umwelt an uns heranbringt, erst unser wirkliches inneres Leben schafft. Wenn wir stille Stunden haben — und ich glaube, es sind die wesentlichen, die eigentlichen, die besten Stunden unseres Daseins —, wenn wir Stunden haben, in denen wir uns auf uns selbst besinnen und die ganze Zwiespältigkeit unserer Existenz fühlen, so wollen wir auch erkennen, daß diese Zwiespältigkeit nur daher kommt, weil wir diese Erkenntnis, daß unser Blut allein das Gestaltende in unserem Leben ist, nicht zu unserem lebendigen Eigentum gemacht haben. Und dies ist es, worauf es — wie mir scheint — für uns alle ankommt: aus der Zweiheit unseres Innenlebens, aus unserer inneren Entzweiung, zur Einheit zu kommen, um uns — um ein altes jüdisches Wort zu gebrauchen — um uns selbst zu erlösen. Dazu bedarf es eben dieser Besinnung auf das, was unser Blut in uns ist, denn in dem Getriebe unseres Lebens werden wir uns immer nur der Umwelt und der Wirkung dieser Umwelt bewußt. Nur eben in diesen stillen Stunden, da schauen wir in uns hinein, da erkennen wir uns selber und — ich möchte sagen — da erfassen wir uns selber. Wir erfassen uns oder wir sollten es tun; wir sollen unser Leben in die Hand nehmen, wie man irgend ein Ding in die Hand nimmt, wie man etwas Zerstreutes zusammenrafft. Und wir sollen uns entscheiden; wir sollen in uns selbst eine große Ausgleichung finden zwischen den beiden Mächten, von denen ich gesprochen habe, zwischen innerer Welt und Umwelt. Diese Frage, diese große Forderung, die an jeden von uns herantritt, zu wählen, uns zu entscheiden, unser Wesen selbst zu ergreifen und von jetzt ab

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