Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-04-29 · 17 (29.4.1910) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438290--1844-2441466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 17 2. Der jüdische Nationalismus istzuerst ein kultureller; nur im jüdischen Nationalismus und auf Grund der jüdischen Sprache sehen wir eine Möglichkeit, die jüdische Masse zu entwickeln und die Kraft unseres alten Stammes zu erhalten. 3. Der jüdische Nationalismus hat keine agressiven Bestrebungen, und all die Redereien über das AnsichreiBen polnischer Erde oder schlechte Verteilung zwischen zwei Völkern sind nichts mehr als Verleumdungen. 4. Wir sind überzeugt, daß nur die Anerkennung der bürgerlichen und national-kulturellen Rechte des jüdischen Volkes aus den polnischen Juden ehrliche Mithelfer bei dem Aufblühen und der friedlichen Entwicklung Polens machen kann. 5. Wir glauben an die innere Kraft des jüdischen Volkes, das schon so viele Prüfungen in seiner langen Geschichte durchgemacht hat, daß keinerlei Drohungen es vom geraden Wege abführen und den natürlichen Gang der friedlichgestimmten, selbsterhaltenden nationalen Entwicklung stören werden. Es ist nun interessant, ob und in welcher Form die polnische Presse auf diese ruhige und würdige Erklärung der jüdischen Nationalisten reagieren wird. Wie traurig muß es aber in einer Gemeinde von 300.000 Juden aussehen, wenn derartige Kämpfe, Manifeste und Erklärungen auf der Tagesordnung stehen? * * * Ein Dementi. Zur russischen Judenfrage veröffentlicht die deutsche „St. Petersburger Zeitung“ das folgende Dementi: „Ein russisches Blatt brachte die Nachricht, daß die äußerste Rechte ein gegen die Juden gerichtetes Gesetzprojekt ausarbeite und es sofort nach der Einbringung des Initiativantrages des liberalen Abgeordneten Nisselowitsch betreffend die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons der Duma vorlegen wolle. Das Projekt der Rechten sehe eine ganze Reihe tief einschneidender Beschränkungen der Juden vor- Genannt ist das Verbot des Eintritts in mittlere und höhere Privat- und Kronslehranstalten, der Ausfolgung von Aerzte-, Advokatendiplomen usw., das Verbot Handel zu treiben, Gilden- und Gewerbescheine auszufolgen, Verbot des Immobilienbesitzes, der Herausgabe und Redigierung von Zeitungen usw. Zum Kriegsdienst dürften die Juden nicht herangezogen werden. Wie wirklich von innen heraus Juden zu sein und als Juden aus unserem Blute heraus mit der ganzen Macht, mit der ganzen Schönheit und mit der ganzen Zukunftskraft dieses Blutes als Juden zu leben, dieses ist es, was ich die persönliche Judenfrage nennen möchte, im Gegensatz zu den vielen Judenfragen, von denen heute geredet wird, und die uns auch sehr wohl angehen, die aber alle erst aus dieser letzten und innersten Frage heraus entspringen, alle, auch die wirtschaftliche, auch die nationale Judenfrage, auch der ganze soziale Komplex von judenfragen, alles das ist erst etwas, das sich aus dem ergibt, was wir uns zu innerst klar machen, in uns selbst finden und in uns selbst entscheiden müssen. Es ist einmal gesagt worden: Was ein Jude, der auf eine wüste Insel verschlagen wird, ohne Zusammenhang mit aller äußeren Welt, ganz einsam und auf sich allein gestellt, was dieser Jude noch als Judenfrage empfindet, das allein ist sie; denn .das allein ist es, was wir die persönliche Judenfrage nennen dürfen. Diese persönliche Judenfrage meint zweierlei: sie meint unsere Stellungnahme zum Judentum selbst und unsere Stellungnahme zur umgebenden Welt. Unsere Stellungnahme zum Judentum. Ich glaube, jeder der mit dem Herzen verstanden hat, was ich die persönliche Judenfrage nenne, der hat sich auch schon gesagt, was allein seine Stellung zum Judentum sein kann. Wenn wir uns einmal aus tiefster Selbsterkenntnis heraus “bejaht haben, wenn wir zu uns selbst, zu unserer ganzen jüdischen Existenz ja gesagt haben, dann fühlen wir nicht mehr als Einzelne, sondern dann fühlt jeder Einzelne von uns als Volk, denn er fühlt das Volk in sich. Ich sage nicht, er fühlt mit dem Volke, sondern ich sage, er fühlt als das Volk, weil er das Volk in sich trägt. ' Und so werden wir uns zur Vergangenh e it > wir von bestinformierter Seite erfahren, entbehrt diese Nachricht der Begründung. In der Fraktion der Rechten wird zurzeit an einem deratigen Gesetzprojekt nicht gearbeitet und ist ein solches auch nicht ins Auge gefaßt.“ * * * Ein neues Industriegesetz in Rumänien. Der Bukarester Berichterstatter der „Vossischen Zeitung“ äußerte sich über, die neue Vortage zur Abänderung des bestehenden Industrieförderungsgesetzes, welche die rumänische Regierung vor kurzem in der Kammer eingebracht hat. Darnach verfolgt das neue Gesetz den Zweck, die Fremden, und ganz besonders die eingeborenen Juden, aus der Betätigung im industriellen Leben des Landes hinauszudrängen. Gleich im ersten Artikel wird nämlich festgesetzt, daß alle Industrien in Rumänien, für die irgendein Schutzzoll besteht, — und so ziemlich alle Industrien des Landes fallen in diese Kategorie, — als staatlich gestützt betrachtet und den Bestimmungen des neuen Gesetzes unterworfen werden. Und im Anschluß daran wird angeordnet, daß in jeder Fabrik, die unter der Herrschaft des neuen Gesetzes fünf |ahre besteht, 75 v. H. des darin beschäftigten Personals aller Kategorien Rumänen sein müssen, und daß diese Rumänen 75 v. H. der Gesamtsumme der zur Auszahlung gelangenden Gehälter und Löhne zu bekommen haben. Die fortan bei den Industrieunternehmungen sich ergebenden freien Stellen müssen mit Rumänen besetzt werden, und überdies werden die Fabriken verpflichtet, alle rumänischen Lehrlinge, die das Ministerium ihnen zuzuschicken für gut findet, aufzunehmen und in die Lage zu versetzen, das Gewerbe zu erlernen. Die eingeborenen Juden, die seit Generationen im Lande ansässig sind und alle Staatsbürgerpflichten erfüllen müssen, werden durch das neue Gesetz ganz und gar den für die Fremden geltenden Bestimmungen unterstellt und buchstäblich auf die Straße geworfen. In dieser Weise wird das nun schon seit mehr als 30 Jahren geübte System der wirtschaftlichen Aushungerung der eingeborenen Juden um eine neue, überaus harte Maßregel vermehrt, und Tausende von Leuten, die bis heute in ehrlicher und nützlicher Arbeit ihr Brot verdienen konnten, werden der Verelendung preisgegeben. Die „Vossische Zeitung“ bezeichnet diese Gesetzesvorlage als eine Ungeheuerlichkeit, die in letzter Linie darauf hinausläuft, den ausländischen Kapitalisten, die in Rumänien Industrien geschaffen haben, die Früchte ihrer Arbeit aus den Händen zu des Judentums nicht stellen als zu der Vergangenheit einer Gemeinschaft, der wir angehören, sondern wir werden darin die Vorgeschichte unseres Lebens sehen, jeder von uns die Vorgeschichte seines eigenen Lebens, und darum werden wir die jüdische Geschichte erfassen, nicht wie man sich eine Uebersicht von einzelnen Kenntnissen schafft, sondern wir werden uns bewußt werden der Mächte, die in dieser Geschichte gewaltet haben, des großen Werdens und der Bestimmung dieses Volkes. Und ebenso werden wir die Gegenwart fühlen. Diese Menschen da draußen, diese armen, gebückten, schleichenden Menschen, die drüben im Osten von Dorf zu Dorf herumhausieren und nicht wissen, wie, wo und woher sie morgen leben werden, und diese schwerfälligen, fast betäubten Massen von Menschen, die auf Schiffe verfrachtet werden und nicht wissen, wohin und wozu, diese werden wir dann nicht etwa bloß als unsere Brüder und Schwestern empfinden, sondern jeder von uns, der sich so in sich gesichert hat, wird fühlen: Diese Menschen sind Stücke von mir. Ich leide nicht mit ihnen, sondern ich leide das. Meine Seele ist nicht bei meinem Volke, sondern mein Volk ist meine Seele. Und in diesem selben Sinne wird dann jeder von uns die Zukunft des Judentums fühlen, er wird fühlen: Ich will weiterleben, ich will meine Zukunft, will ein neues, reiches, ganzes Leben, ein Leben für mich, für das Volk in mir, Für mich im Volke. Denn das Judentum hat nicht bloß eine Vergangenheit, sondern, trotz allem, was es bereits geschaffen hat, meine ich: Das Judentum hat vor allem nicht eine Vergangenheit, sondern eine Zukunft. Denn von dem jüdischen Volke, und von ihm allein kann gesagt werden, daß es der Hamlet unter den Völkern ist, ein Hamlet, der nicht zu seiner Tat, der aus seiner Zerrissenheit und Zwiespältigkeit, aus der ihn umdrängenden Verzweiflung nicht zu seinem Werke winden, um sie unfähigen rumänischen Händen zu überantworten. Man gehe auf einen großen Raubzug aus, der nicht nur mit der Vernichtung tausender Existenzen, sondern auch mit der Zerstörung alles dessen, was bisher auf industriellem Gebiete in Rumänien geleistet worden ist, enden muß. Herzlfeier. Aus Anlaß des 50. Geburtstages Theodor H e r z 1 s veranstaltet das i.-ö. Distriktkomitee folgende Feierlichkeiten: Pfingstmontag den 16. Mai a. c., vormittags 11 Uhr Besuch am Grabe Herzls am selben Tag um 8 Uhr abends Volksversammlung. Donnerstag 19. Mai a. c. um 8 Uhr abends große Gedenkfeier. Das Nähere wird noch bekanntgegeben. Das DK. ersucht die Korporationen des Distriktes zwecks allgemeiner Beteiligung an den obigen Feierlichkeiten den 16. und 19. Mai a. c. freizuhalten. Für das i.-ö. D.-K. Dr. Leop. Meisel Dr. Rob. Beer Obmann. Schriftführer. Parteinachrichten. Sitzungen des zionistischen Engeren Aktionskomitees und des Jüdischen Nationalfonds. Am 10. und 11. April fanden in Köln Sitzungen des Engeren Aktionskomitees der zionistischen Organisation und des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds statt. Es wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. An den Jüdischen Nationalfonds mit dem Ersuchen heranzutreten, sich an den vom EAC. geplanten größeren Unternehmungen im Rahmen seiner Befugnisse zu beteiligen. 2. Aus den Mitteln der David- und Fanny- Wolffsohn-Stiftung mit dem Bau von zunächst 15 Arbeiterhäusern, die über einige jüdische Kolonien verteilt werden sollen, sofort zu beginnen und den »^1^—i|—»il kam. Ich glaube, das Judentum ist in Wahrheit noc nicht zu seinem Werke gekommen und die großen Kräfte, die in diesem tragischesten und unbegreiflichsten aller Völker leben, diese Kräfte haben noch nicht ihr eigenes Wort, ihren eigenen Ausdruck in der Geschichte der Welt gefunden. Und wenn wir dieses Werkes, dieses Wortes Erlösung wollen, so meinen wir damit, daß wir für unser Volk ein Land wollen und ein großes, freies, gesundes Leben, daß wir für unser Volk eine Schöpfung wollen aus ungetrübtem, ungestörtem inneren Wesen heraus. Ich glaube, daß das Judentum vor allen Völkern berufen ist, eine große geistige Synthese des Ideals zu schaffen, und ich glaube, daß die Keime religiösen Erneuerns, daß die Mächte religiösen Werdens, die dieses Volk erschüttert haben von seinen Anfängen bis auf unsere Tage, daß diese Mächte einen Ausdruck finden werden, der — so fühle ich in meinem Herzen — größer und mächtiger und heiliger sein wird als alles, was das Judentum bisher der Welt gegeben hat. Dies, meine ich, ist die Stellungnahme des Juden, der sich als Juden erfaßt hat, zum Judentum. Daraus ergibt sich von selbst seine Stellung zur Umwelt. Ich schalte jetzt die Frage Ost und West aus. Ich will hier nur von den westlichen Juden sprechen; und da meine ich, unsere Absicht kann nicht die sein, die Kultur, in der wir leben, einfach als eine fremde Kultur zu empfinden und uns von dieser Fremdherrschaft zu befreien. Denn diese Kultur ist ja von unseres Blutes innersten Kräften verarbeitet worden, sie ist ja ganz und gar unser eigen geworden. Diese Kultur ist in uns. in Wahrheit keine deutsche Kultur mehr, wenn es sich um‘Deutschiand handelt, sondern sie ist etwas Neues geworden, eine deutsche Kultur, die von Juden umgeschaffen und umgebildet wurde und zu etwas Jüdischem umgeprägt würde. Nicht um das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.