Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 17 nisch-reaktionäres Wah 1 komitee, sammelte Kandidaturen, fügte sich jedoch dann der offiziellen, vom Polenklub aufgestellten Kandidatur des Dr. Gold, und suchte durch Sekretär Fleischer, der zu diesem Behufe eigens nach Galizien fuhr, unseren Kandidaten Stand zum Rücktritt zu bestimmen. In dem erbitterten Wahlkampfe, der auf Seite der Juden begeisterte Opferfreude und auf Seite der Schlachta und ihrer Moschkos den unerhörtesten Machtmißbrauch zutage förderte, unterlag Stand. An diesem Erfolge hatte Fleischer nicht genug. Erfolgte in Mähren überall den zionistischen Agitatoren auf dem Fuße, um gegen deren Parole „Jüdische Wahlautonomie oder doch jüdische Wahlkreise“ die dunkle Gegenparole einer jüdischen „Interessenvertretung“ innerhalb der allgemeinen Wahlkreise zu propagieren. Als Fazit dieser „Interessenvertretung“ in den gemischten deutschjüdischen Wahlkreisen ergab sich später die Wahl des Täuflings Dr. Redlich aus Göding zum Reichsratsabgeordneten und Hausjuden der christlichsozialen Partei — ein Erfolg der „Union“. Als die Regierung die endgiltige Reichsratswahlform einbrachte, schlug sie, der zionistischen Anregung folgend, für Galizien und Bukowina einige Wahlkreise mit überwiegend jüdischer Wählerschaft und ebenso für Wien einen Wahlkreis der Leopoldstadt und den Kaiwahlkreis vor und setzte ihn auch durch. Im Osten schlugen sich die Zionisten für die Ehre des jüdischen Volkes gegen die Vergewaltigung der Schlachta, ohne daß von dem „Reichsverein“ der Union weit und breit etwas zu sehen war. Diese konzentrierte sich diesmal auf Wien. Im Kaiviertel lancierte sie ihr Vorstandsmitglied kaiserl. Rat Anninger (vormals A b e 1 e s). In der Leopoldstadt trat die Union gegen den Zionisten Dr. Scha- 1 i t und gegen ihr eigenes Ehrenmitglied, den Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. Gustav Kohn, der ihr immer noch zu wenig deutsch war, auf und setzte sich für den dem Judentum bereits ganz entfremdeten Dr. Ofner in so heftiger Weise ein daß darob die Jahrzehnte alte Freundschaft mit der Kultusstube in Brüche ging. Seitdem die Union nämlich 1898 das mit Herzl gegen den Kultusvorstand geschlossene Bündnis gebrochen hatte, besorgte sie bei allen künftigen Kultuswahlen durch Einberufung eines j geschickt präparierten „Zentralwahlkomitees“ die j Geschäfte der Kahalklique als deren Kommissionärin. Auf allen Pamphleten, die gegen uns gerichtet waren, prangten die Unterschriften der Unionsgrößen. auch dadurch ergänzen, daß sie diesen Glauben auch noch mit einer damit zusammenhängenden Sittlichkeit umgeben. Aber ich begreife nicht, wie diese Monotheisten und Ethiker dazu kommen, sich und gerade sich „Juden“ zu nennen. Dieser Glaube an einen Gott und diese allgemeine Sittlichkeit sind doch nichts spezifisch Jüdisches, das teilen doch diese Menschen mit unzähligen anderen Menschen, die im Grunde außerhalb jeder positiven Religion stehen. Das ist doch kein Boden für eine Isolation, keine Basis, auf die man sich stellen und sagen kann: Deshalb, weil wir dies glauben, nennen wir uns Juden. Und dann — ich möchte diese Menschen fragen: Wo ist denn dieser Glaube eine wirkliche Lebensmacht, die das Leben des einzelnen Menschen, des einzelnen Juden, von Grund aus umgestaltet und umwandelt, ihn zu einem anderen Menschen, zu einem wirklich an Gott hingegebenen, im Namen Gottes hier lebenden Menschen macht? Denn das allein heißt Religiosität. Es mag auch solche wirklich an Gott hingegebene Menschen geben, aber diese stehen heute mehr als je außerhalb jeder Gemeinschaft. Sie haben keinen gemeinsamen Kult, sie haben keine äußere Form, die sie zusammenhielte und ihnen die Berechtigung gäbe, gerade diese Gruppe Juden zu nennen. Es ist daher, so glaube ich, mit dieser religiösen Begründung der jüdischen Gemeinschaft nicht viel anzufangen. Nun aber könnte gesagt werden: Ja, die religiöse Grundlage vermag uns heute nicht zu einigen, aber uns einigt die nationale Grundlage. Und das mag eine gute Antwort sein, wenn es sich um den politischen Begriff der Nationalität handelt, wenn es sich darum handelt, wie wir als geschlossene Gruppe nach außen auftreten wollen. Aber was für eine Berechtigung bat dieser Begriff der Nationalität für unser inneres Leben? Denn ich spreche — ich wiederhole es — nur von unserem eigenen 1908 aber machte Dr. Stern das Wahlgeschäft in eigener Regie. Indes scheinen die schönen Seelen sich wieder gefunden zu haben. Denn als 1909 der Bukowinaer Landtag1 eine Wahlreform beriet und sich über Vorschlag unseres Dr. Straucher einhellig für die Anerkennung der jüdischen Nation und Schaffung auch einer Jüdischen Wahlkurie aussprach, liefen sich neben den Herren vom Polenklub und Dr. Kuranda, dem '‘Vertrauensmann des Kahals, auch die Unionleute ‘die Füße wund, um den Willen der Bukowinaer Juden und aller anderen Völker des Buchenwäldchens zu unterdrücken und ein eminentes Friedenswerk zu hintertreiben. Die Deputation der Union beim Minister des Innern hat auch Wert darauf gelegt, ‘daß der beschämende Widersinn ihres Vorbringens in allen Tagesblättern verlautbart werde. Sekretär Fleischer aber hielt einige Wochen darauf in Berlin einen Vortrag, in welchen er rühmend des Kampfes der Bukowinaer Juden für die nationale Autonomie Erwähnung tat. . . Dem „Jüdischen;Klub“ war die Union nie hold, denn sie sah in ihm : ein Konkurrenzunternehmen. Als Straucher in der, Hilsneraffäre die Regierung interpellierte, wagte Fleischer ihm wegen Eingriffes in sein Monopol Vprwürfe zu machen. Ueber Strauchers Antwort schweigt des Dichters Höflichkeit. Und jetzt gerade, da in der Inneren Stadt die Juden gegen die Aufstellung von Meschumodim als Gemeinderatskandidaten Stellung nahmen, sucht die Union, deren Vorstandsmitglieder bisher ruhig in dem schuldigen Wahlkomitee gesessen waren, die Stimmung auszunützen, indem sie plötzlich.am lautesten gegen die Meschumodim schreit und ihren Max Frank als Kandidaten poussiert. h Wer diese Tatsachen ins Auge faßt, wird sogleich daran erkennen/was daran wahr ist, daß die Union „das Selbstgefühl, die Kraft und den Mut jedes einzelnen Juden“1 geweckt und „die österreichischen Juden, auch die ärmsten und kümmerlichsten, mit diesem Geiste mannhafter Selbstwehr erfüllt hat.“ Lächeln müssen wir über die Reklambehauptung, daß die Union mjt ihren 7000 Mitgliedern die größte Organisation der österreichischen Judenschaft sei. Zählen doch wir Zionisten, deren Organisation nur 13 Jahre zurückreicht, in Oesterreich allein 13.000 Schekelzahler und übersteigt auch unsere Jahreseinnahme von 123.000 Kronen, die aus den Kreuzern der Aermsten gesammelt sind, um ein inneren Leben. Und dieses innere Leben muß nach der inneren Berechtigung dieses Begriffes befragt werden. Wir müssen fragen: Welche sind denn die lebendigen Elemente der Nation und fühlen wir in uns diese Elemente? Gibt es eine nationale Gemeinschaft des Judentums und welcher Art ist sie? Drei lebendige Elemente sind es, die eine äußere nationale Gemeinschaft begründen: das Land, die Sprache und die besonderen Lebensformen einer Nation. Sie wissen: Wir haben kein Land; viele von uns wollen eines, manche von uns fühlen noch den Zusammenhang mit dem alten Lande Israels, den sie erneuern möchten. Aber dieses Land unserer Träume, unserer Erinnerung, unseres Willens, unserer Hoffnung, ist doch nicht unser Land, ist doch nicht das Land, in dem wir wohnen und leben. Das zweite Element ist die Sprache. In diesem Problem offenbart sich vielleicht noch tiefer als in dem des Landes die ganze Zerrissenheit, die ganze Tragik des heutigen jüdischen Lebens. Im Osten gibt es zwei jüdische Sprachen: die Volkssprache, das sogenannte Jiddisch, oder wie es manchmal genannt wird, der Jargon, und die Sprache der alten Juden, die freilich in unserer Zeit eine wunderbare Erneuerung und Verjüngung erfahren hat, die hebräische Sprache. Aber neben dieser Zweiheit der Sprache gibt es im Abendlande eine Unzahl andererer Sprachen, die von Juden gesprochen werden, ich kann wohl sagen, die ungeheure Mehrzahl der Juden des Westens spricht nicht die jüdische Sprache, hat nicht eine Sprache, die ihre Gemeinschaft begründet. Das dritte lebendige; Element einer Nation sind die besonderen Lebensformen einer Nation, die gemeinsamen Sitten, die gemeinsame Art zu leben, die Bräuche, die Feste, kurz alles das, was das Leben gerade dieser Nation gerade so und Vielfaches die (in ihrer Höhe nicht publizierten) Einnahmen der Union. Wir Zionisten müssen noch stärker weiden, stark genug, um die Union ihre politischen Bocksprünge ganz abzugewöhnen und ihre Tätigkeit auf jene Gebiete zu verweisen, wo sie trotz ihrer politischen Rückständigkeit und ihrer assimilatorischen Jugendneigungen immerhin Ersprießliches leisten könnte. Die Bilanz der Palästinabank. Soeben erschien die Bilanz der APC.-Bank. Da die Geschäftspolitik derselben ein Gegenstand der Beschwerden der Kongreßopposition war, so ist es interessant, die Stichhaltigkeit derselben an der Hand der Bilanzen zu prüfen. Der neunte Kongreß hat in Konsequenz der Haltung des achten den Antrag Simon zum Beschluß erhoben, der folgenden Wortlaut hat: „Der Kongreß fordert allmähliche Liquidation der europäischen Geschäfte des JCT. und Ueberleitung seiner Mittel nach Palästina.“ Wie sieht es nun in Wirklichkeit mit der Ueberführung der Mittel dir Bank nach Palästina aus? Die Bilanzen des JCT. und der APC. geben darüber genauen Aufschluß. Von 1907 bis 1909 ist der gegenseitige Aktienbesitz ungefähr gleich geblieben (Saldo JCT.: 50.000 Pfund). Die Steigerung seitens des JCT. beträgt in diesen drei Jahren nur 1300 Pfund. Dagegen ist in dem wesentlichen Teil des Geschäftsverkehres, im Kredit der Palästinabank beim Londoner Trust folgende Veränderung eingetreten. Kredit der APC. beim JCT.: 1907 .Pfund 83.795 1908 . „ 33.748 1909 . „ 646 Das heißt, die Palästinabank hat fast ihren ganzen Kredit an die Londoner Muttergesellschaft zurückgezahlt und von ihr nur mehr 600 Pfund Depot! Dabei hat sich das Trassierungskonto London seit einem Jahre um 5500 Pfund vermindert und beträgt nur mehr 7000 Pfund. Das Geld strömt also nicht von London nach Jaffa, sondern von Jaffa nach London. In zwei Jahren sind 83.000 Pfund Depots nach London zurückgeflossen, das sind zwei Millionen Kronen! nicht anders gestaltet, so von der Seele dieser Nation geformt und gesiegelt. Aber sie wissen, solche allgemeinen jüdischen Lebensformen gibt es nicht mehr. Es gab sie, so wie es ein jüdisches Land und eine jüdische Sprache gab. Aber sie sind nicht mehr. Und so wären wir in der Tat, wenn man nach außen schaut, ein Volk ohne Volkstum, ein Volk ohne äußeren Grund des Zusammenlebens, und darüber kann uns auch das nicht hinweghelfen, was ein teurer und großer Toter, der edelste unserer Toten in diesem Zeitalter, was Theodor Herzl sagte: eine Nation werde zusammengehalten durch einen gemeinsamen Feind. Wir mögen Feinde haben an allen Orten, aber nicht einmal einen gemeinsamen Feind haben wir. Wenn wir aber einen hätten, dann würden wir in demselben Augenblicke, wo der Feind in sich ginge und uns für eine kurze Zeit nicht befeindete, aufhören, eine Nation zu sein. Wir wären dann eine Nation auf Kündigung, und zwar auf Kündigung unseres Feindes. So glaube ich, daß Sie mit mir fühlen: Eine äußere Grundlage unserer Gemeinschaft ist nichtda. Daß wir aber dennoch zusammengehören und uns als zusammengehörig fühlen und daß wir wirklich trotz allem einen großen Organismus bilden, der in großen Stunden auch so tun und handeln kann wie ein geeinter Organismus, das, scheint mir, liegt daran, daß in uns etwas stark ist, was man zunächst mit einem nach außen deutenden Worte als „Abstammung“ bezeichnen kann. Aber diese Abstammung wäre ja nicht ein reales Element im höchsten Sinne, wenn sie nicht in uns selbst wirksam wäre. Wir würden so wenig Zusammenhängen, wie etwa eine weitverzweigte, aber einander entfremdete Familie, wenn nicht diese Abstammung etwas in uns gelegt hätte, was uns zu keiner Stunde unseres Lebens verläßt was jeden Ton und jede Farbe in unserem Leben.