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Jüdische Zeitung · 1910-04-29 · 17 (29.4.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG mumm -jüdisches drgrn .m ■■■■■■■■■■■■*■■■■■■■■■■ ■ ■■■ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige ^^*^*********** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *•■»«•*■*•»■**•■*•*•»*-::-** Nr. 17. Wien, Freitag den 29. April 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der „Israelitischen Union“ zum Jubiläum. Die Bilanz der Palästinabank. Ein polnisches Manifest über die Judenfrage. Das Industriegesetz in Rumänien. Der Sinn des Judentums. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Sport. Ueberläufer. Jüdischer Nationalverein für Oesterreich .. Dienstag den 3. Mai, 8 Uhr abends findet im Hotel taz-Ms-Balui, IX., Mtaptr. eine öffentliche TAGESORDNUNG : Der Zusammenbruch der Deutschliberalen Parteien. Referenten: Reichsrats-Abg. Dr. Arthur Mahler, Hofu. Gerichtsadvokat Dr. Jak. Ehrlich. JEDERMANN HAT ZUTRITT. Der Oesterreichisch-israel. Union zum 25jährigen Jubiläum. Die Union hat dieser Täge das Jubiläum ihres 25jährigen Bestandes mit rauschender Festrede und frohem Festbankett gefeiert und nebstbei eine Festschrift ediert, welche nach einem ausführlichen Rückblick auf die Tätigkeit des Vereines in einen Dithyrambus der Selbstverhetrlichung ausklingt. Wir Zionisten anerkennen die Verdienste der Union auf dem Gebiete des Rechtsschutzes, im übrigen jedoch bedauern wir, ihre politische Tätigkeit als eine das Judentum vorwiegend schädigende bezeichnen zu müssen. Nur einige wenige Reminiszenzen mögen genügen, um die Wahrheit unseres Urteiles zu bekräftigen. Die „Oes(erreich-israe|. Union“, hat durch lange Jahre den Beisatz „israelitisch“ krampfhaft negligiert und erst unter dem Drucke der Zionisten wieder hervorgeholt; sie h^t besonders in erster Zeit den statutarischen Vereipszweck „den Sinn für die . . . Angelegenheiten des Judentums unter den österreichischen Juden zu heben und die allgemeinen und politischen Rechte der .Juden zu wahren ... .“ dahin aufgefaßt, daß sie den Deutschliberalen; auch nachdem diese schon lange sich als Asemiten entpuppt hatten, Zutreiberdienste leistete. Als Anfang der 90er Jahre der Unionspräsident, Dozent Dr. Grünfeld mit einer Deputation angesehener Juden beim Ministerpräsidenten Taaffe vorsprach, um von ihm die Eindämmung des Antisemitismus zu erbitten und als Taaffe ihnen nahelegte, doch von der Bundesgenossenschaft mit seinen Feinden, von der deutschen Linken, zu lassen, wandte sich die Deputation, stolz in der Brust, germanisch bewußt zum Gehen. Auch nachdem die deutschliberale Partei schon I ganz zerfallen war, konnte oder wollte die Union — entgegen ihren Statuten den Weg der Selbsthilfe durch die politische Zusammenfassung der österreichischen Judenschaft nicht betreten und auch uns Zionisten auf diesem Wege nicht folgen. Wer denkt nicht mit Freuden an jene große Zeit zurück, als die Regierung die Einführung des allgemeinen gleichen Reichsratswahlrechtes ankündigte und die Zionisten unter Führung unseres Dr. S c h a 1 i t allüberall eine mächtige Volksbewegung zur Anerkennung des jüdischen Volkes, Gewährung der Autonomie an dasselbe gleich den anderen Völkern oder doch Sicherung jüdischer Wahlkreise einleitete, ln jener Versammlung, die am 12. Dezember 1905 in Wien t im Ronachersaale nach dem Referate Birnbaums und u-iter Zustimmung der ruthenischen Abgeordneten zuerst diese unsere Forderungen verlautbarte, stimmte grundsätzlich auch der Sekretär der Union, Herr Siegfried Fleischer zu, und gab nur den Rat, durch intensive Aufklärung auch alle anderen Gruppen der österreichischen Juden für diese Plattform zu gewinnen. Schon aber packelte die Union mit dem Hausjuden des Polenklubs, Dr. Emil Byk, der die Moschkos zu einer Gegenkonferenz nach Lemberg einberufen und eine ganze Anzahl zionistischer Vereine durch seine Denunziation zur Auflösung gebracht batte. Ueber Veranlassung dieses Dr. Byk fand eine verstärkte Ausschußsitzung der Union statt, auf deren Beschluß hin eine Deputation andie Regierung Gautsch gesandt wurde, um gegen die Forderungen der Zionisten zu protestieren. Die Regierung nämlich, welche durch Zuschriften von 200.000 Juden Oesterreichs und zwei Drittel aller Kullusgemeinden die mächtige Strömung unter den Juden erkannt hatte, wollte ihr schon deshalb Rechnung tragen, weil sie in ihr ein Gegengewicht gegen den Polcnklub zu finden dachte. Sie riet geradezu den Zionisten, sich in dem Kampfe um das durch Byks Tod im Sommer 1906 frei gewordene Mandat des Städtewahlkreises Brody-Zloczow die Sporen zu verdienen. Da etablierte sich die deutsch-freiheitliche Union als pol- Der Sinn des Judentums. Von Martin Buber. (Vortrag, gehalten beim Festabend des Vereines jüdischer Hochschüier „Bar-Kochba“ in Prag am 20. Jänner 1909*). Wenn ich vom „Sinn des Judentums“ spreche, so meine ich damit die Frage, inwiefern wir wirklich Juden sind und aus welchem Grunde wir uns so nennen. Ich will nicht von irgend einem abstrakten Judentum, von irgend einem Begriff des Judentums hier sprechen, sondern ich will sprechen von Ihrem eigenen Leben, von unserem Leben, und nicht von dem äußeren Getriebe unseres Lebens, sondern von unserem inneren Leben als Juden. Und diese Frage: Welchen Sinn hat unser Judentum? hat für mich die Bedeutung: Nennen wir uns Juden deshalb nur, weil es unsere Väter *) Einige Freunde haben mich aufgefordert, mich zu den durch Franz Oppenheimers Ausführungen über Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein und die Diskussion darüber neuerdings aufgeworfenen Fragen zu äußern. Da mir gegenwärtig die Muße zu eingehender Auseinandersetzung fehlt, habe ich mich entschlossen, einen vorjährigen Vortrag, der meine Anschauung — wenn auch etwas fragmentarisch — ausspricht, hier zu veröffentlichen. Der Veröffentlichung liegt ein Stenogramm zu Grunde, das meine lieben jungen Freunde von der Prager „Bar-Kochba“ nach meiner Rede hergestellt haben. M. B. getan haben, aus Erbgewohnheit, der wir uns nicht entwinden können, oder nennen wir uns Juden aus wirklicher Gemeinschaft? Und wenn wir es aus wirklicher Gemeinschaft tun, welcher Art ist diese Gemeinschaft? Wenn ich diese Frage hier vorlege, so meine ich nicht so sehr das Judentum des Ostens, dessen äußere und innere Lage, vor allem dessen Verhältnis zu seiner Umwelt und der umgebenden Kultur ein ganz anderes ist als im westlichen Judentum, sondern ich meine eben das westliche Judentum, ich meine Sie, ich meine uns. Was für eine Gemeinschaft ist das, auf deren Grund wir uns Juden nennen? Da ist nun zunächst eine Antwort sozusagen schon bereit, die Antwort derer, die sich die Sache leicht machen, und diese Antwort lautet: Nun, wir gehören eben der jüdischen Religion an! leb will das Niveau dieser Antwort nicht zu tief nehmen, ich will es nicht so auffassen, als ob damit gemeint wäre: der jüdischen Konfession. Ich will dem, der diese Antwort gibt, glauben, daß er wirklich an die jüdische Religion denkt, das heißt an ein Verhältnis zum Absoluten, das „jüdisch“ genannt zu werden verdient, und das äußeren Ausdruck hat in einer Gemeinschaft, die zum Namen Jude berechtigt. Aber da taucht eine Frage vor uns auf, die gleich die ganzen Untiefen des jüdischen Problems uns aufdeckt, die Frage: Gibt es eine jüdische Religion? Das ist gewiß, daß es eine gab. Die Zeit, die die Gestalt Jakobs schuf, der mit dem Gotte rang, bis der ihn segnete, und die Gestalt Mosis, der nach der jüdischen Sage in einem Kusse Gottes staib, und die andere Zeit, die die große religiöse Bewegung schuf, welche wir Urchristentum nennen, diese große jüdische religiöse Bewegung, und die späte Zeit, die den Chassidismus schuf, die neue jüdische Mystik, die einzige Mystik, die wirklich mit großer Herzinnigkeit auf Erden gelebt worden ist — im Zusammensein und Zusammenwirken von Menschen gelebt worden ist — diese Zeiten hatten eine jüdische Religion. Aber können wir das auch von unserer Zeit sagen? ich nehme die Menschen, die wenigen Menschen, aus, die alle jüdischen religiösen Gebräuche befolgen nicht aus Denkunfähigkeit und nicht aus Willensträgheit, sondern die das Gefühlte und Geglaubte wirklich in Tat umsetzen, aus wahrem Glauben die jüdischen Gebräuche erfüllen, als das von Gott Gebotene, und diese Erfüllung ansehen als einen lebendigen Zusammenhang zwischen ihnen und ihrem Gott, als die Verwirklichung des Gotteswortes in ihrem Leben. Diese — wie mir scheint, sehr wenigen — Menschen eines wahren jüdischen bewegten Glaubens nehme ich aus. Ich verstehe diese Menschen nicht, aber ich ehre sie im innersten Herzen. Dann, wenn diese wenigen Menschen ausgenommen sind, dann bleiben ja noch die, die sich Monotheisten nennen, die sagen, das Judentum sei der Glaube an einen Gott, und sie mögen es ja

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