Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 und die Generalversammlung mit Obstruktionsreden ausfüllen, welche offenbar ganz tendenziöse Absichten bekunden. Anstatt nun aber diese Leute sachlich abzufertigen, hat sich der Generaldirektor Lohnstein, als Sprecher der Verwaltung bewogen gefunden, einfach jede Auskunft zu verweigern. Der jetzige Generaldirektor hat bei seinem Amtsantritt eine feste Hand bekundet und allem Anschein nach die Geschäftsleitung der Bank in ein besseres Fahrwasser gebracht. Gerade deshalb, und trotzdem offenbar nichts zu verheimlichen ist, hat er jede Auskunft verweigert. Das ist nun eine ganz falsche Taktik, welche nur dazu führen wird, daß man in der nächsten Generalversammlung wieder die gleichen Redensarten wird anhören müssen und anstatt die Leute sachlich zu widerlegen, die Angriffe scheinbar rechtfertigt. Es ist ganz unzweifelhaft, daß sowohl das Gesetz, als auch das Herkommen, jedem Aktionär, ob er viele oder wenig Aktien vertritt, das Recht geben, Auskünfte zu verlangen, und eine Verwaltung — wäre sie noch so tüchtig und noch so verdienstvoll — ist nicht berechtigt, die Antwort zu verweigern. Man muß mit aller Energie gegen die Auffassung der Direktoren, als ob ihnen das Recht zustünde, die gesetzlichen Ansprüche der Aktionäre zu ignorieren, zurückweisen. Die betreffenden Leiter der Gesellschaft schaden sich übrigens damit nur selbst und bekunden einen ausgesprochenen Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl. Noch schlimmer war das Gebahren des Generaldirektors Popper in der Generalversammlung des Wiener Bankvereines. Hier hat der Aktionär v. Löbl eine ganze Reihe von schweren Verfehlungen der Geschäftsgebarung vorgebracht und hierüber Auskunft verlangt. Wenn nur die Hälfte dessen richtig ist, was der Aktionär an Beschwerden vorgebracht hat, dann zählen die faulen Geschäfte des Instituts viele Millionen, und die vorgelegte Bilanz ist einfach falsch. In dem einen Falle hat sich die Bank von einem Kontokorrentschuldner einen Wechsel von 6 Millionen kurz vor dem Jahresabschluß unterschreiben lassen und denselben in ihr Portefeuille gelegt. Die Vermögenslage der Bank wird hiedurch nicht verändert, aber die'Bilanz wird hiedurch doch durch fingierte Posten gegenüber der Oeffentlichkeit entstellt. Das Wechselportefeuille einer Bank wird als ein Teil der liquiden Mittel der Gesellschaft aufgefaßt und es ist eine Täuschung, wenn man mit solchen fingierten Wechseln die Summe der liquiden Mittel höher erscheinen läßt, als sie wirklich sind. Auf diese Einwendungen wußte die Verwaltung durch die Person des Generaldirektors nichts anderes zu erwidern, als dem Interpellanten vorzuwerfen, daß er nur aus persönlichen Motiven die Verwaltung angreife. Die Motive des Interpellanten gehen natürlich den Direktor gar nichts an, sondern er hat auf eine Anfrage nur eine Antwort zu erteilen. Kann er dieselbe nicht erteilen oder die Behauptung nicht widerlegen, dann wird die ganze Welt mit Recht annehmen, daß die Behauptungen des Aktionärs richtig sind und auf Wahrheit beruhen. Der betreffende Aktionär hat also nur einen Fehler begangen: er hätte bei der Abstimmung über den Rechnungsabschluß dagegen stimmen müssen und dann beim Handelsgericht gegen die Genehmigung der Bilanz einschreiten müssen. Es ist bedauerlich und geradezu erschreckend, daß Leute, welche eine so große Stellung einnehmen, wie der Generaldirektor eines Bankinstituts von der Bedeutung des Bankvereins, so wenig Rechtsgefühl besitzen. Gegen solche Vorkommnisse gäbe es nur ein Mittel, eine streng objektive und unabhängige ■Presse. Dies allein könnte diesen Uebelständen entgegentreten. Wie es jedoch mit unserer Presse aussieht, darüber brauchen wir nicht zu sprechen. Sei es aus Liebedienerei, sei es aus anderen Gründen, in den Berichten und Tagesblättern nehmen immer die Ausführungen der Aktionäre, welche den Verwaltungen opponieren, immer einen sehr kleinen Teil ein, wenn sie nicht ganz unterdrückt werden. Diese Verhältnisse beruhen auf zwei verschiedenen Ursachen. Erstens diese gesetzlichen Bestimmungen über das Aktienwesen. So lange bei einer Aktiengesellschaft die Majorität alle Rechte und die Minorität keine besitzt, wird es nie anders werden. Man hat schon verschiedene Anläufe gemacht, mm diesbezügliche Aenderungen herbeizuführen und für Vertretung von Minorität in den Aktiengesellschaften Sorge zu tragen, aber bis jetzt ist noch kein solcher Versuch Gesetz geworden. Ein zweites, das einzig richtige Mittel wäre, wenn einmal die Kapitalisten das tun würden, was alle anderen Stände bereits längst getan haben, nämlich eine Organisation schaffen, zur Verteidigung ihrer Interessen. Eine Berichtigung. Zu dem in Nr. 14 der „Jüdischen Zeitung“ enthaltenen Berichte über die Berliner deutsche Zionistenkonferenz erhalten wir vom deutschen Zentralkomitee nachstehende „Berichtigung“: Die „Jüdische Zeitung“ in Wien hat über die Sitzung unseres Zentralkomitees, die am 27. und 28. März 1910 unter Zuziehung von Vertretern aller Ortsgruppen stattgefunden hat, einen Bericht veröffentlicht, der den Tatsachen in keiner Weise gerecht wird. Es mag dahingestellt bleiben, ob es angemessen war, über eine Sitzung, die unter ausdrücklichem Ausschluß der Oeffentlichkeit getagt hat, überhaupt einen anderen Bericht zu bringen als den offiziellen. Wir wollen uns hierüber eines Urteils enthalten, stellen aber fest, daß wir den vertraulichen Charakter derBesprechung inder „Jüdischen Rundschau“ öffentlich bekannt gegeben und für jeden Teilnehmer klar und deutlich bei der Einladung zur Konferenz und bei der Eröffnung der Besprechung selbst ausgesprochen haben. Der Berichterstatter der „Jüdischen Zeitung“ scheint allerdings auch bei der Besprechung gar nicht zugegen gewesen zu sein. Nur unter dieser Voraussetzung lassen sich seine den Tatsachen völlig widersprechenden Angaben überhaupt verstehen. Nachdem aber der Bericht durch die „Jüdische Zeitung“ veröffentlicht worden ist undnun auch wohl in andere Zeitungen übergehen wird, müssen auch wir aus unserer Reserve heraustreten und unsere Veröffentlichungen ergänzen. Denn wir können die in dem Bericht enthaltene Irreführung der öffentlichen Meinung nicht durch Schweigen unterstützen. Der Bericht der „Jüdischen Zeitung“ muß den Eindruck erwecken, als ob die Vertreter der Opposition in Deutschland die unbedingte Majorität der Versammlung hinter sich gehabt hätten. Das gerade Gegenteil trifft zu. Von den über 90 Teilnehmern der Konferenz gehörten der Opposition nur etwa 15—20 an! Es wurde auch auf der Konferenz von dem Unterzeichneten festgestellt und von der Opposition zugegeben, daß die überwältigende Majorität der deutschen Zionisten der Opposition fernsteht und dem AK. volles Vertrauen entgegenbringt. Nur infolge des vertraulichen Charakters der Konferenz, der jede Demonstration nach außenhin ausschloß, hat die Majorität darauf verzichtet, das Stimmenverhältnis durch eine Abstimmung auch formell festzustellen Es ist aber unrichtig, daß „der Berliner Aufruf der Neunzehn einen starken Widerhall gefunden hat, so daß die wenigen Zufriedenen auf einmal einer großen, zum Teil bewußten Opposition gegenüberstanden“. Es ist unrichtig, daß von den Führern der Opposition „unter anderem“ erschienen: Feiwel, Dr. Ascher, Dr. Halpern, Dr. Becker, Dr. Strauß, Sokolow, Simon, Wiener, Dr. Teilhaber, Dr. Sandler, Schachtel, die Vertreter des Kartells zionistischer Verbindungen, „die steten Anhänger des Palästinaressorts Berlin, und viele andere, die ihre Stellung, wenn auch nicht so scharf, präzisierten und nur von Fall zu Fall Anschluß an die Gruppe suchten“. Herr Sokolow war überhaupt nicht zugegen. Die übrigen namentlich genannten Herren stellten fast die ganze Opposition dar. Von den Vertretern des KZK. gehörte ihr nur ein Teil an. Die beiden übrigen genannten Kategorien von angeblichen Anhängern der Opposition sind überhaupt nicht in die Erscheinung getreten. So stand eine Minorität von 15—20 Personen einer Majorität von etwa 70 Personen gegenüber. Wenn der Bericht weiter von drei Referaten der Herren Dr. Kollenscher, Feiwel und Dr. Sandler spricht, so irrt er auch hier. Herr Dr. Kollenscher sprach wohl zur Eröffnung der Diskussion einige Worte. Im übrigen wurden offizielle Referate überhaupt nicht gehalten. Durchaus irreführend sind die ferneren Bemerkungen des Berichtes über die allgemeine Anerkennung, die die angeblich oppositionellen Forderungen: Verlegung des ICT. nach dem Orient und Inangriffnahme einer Siedelungsbank gefunden haben sowie die aus dem Zusammenhang gerissenen Bemerkungen Dr. Hantkes über Welt und Rundschau. Daß „die Ausführungen der Opposition einen genaueren Einblick in die Geschäftsführung der Parteileitung tun ließen, als es in Hamburg am Kongreß möglich war“, wird die übergroße Majorität der Teilnehmer an der Konferenz dem Berichterstatter der „Jüdischen Zeitung“ nicht einräumen. Der allgemeine Eindruck war vielmehr der, daß das Material, welches die Opposition gegen das Aktionskomitee und insbesondere gegen den Präsidenten Wolffsohn vorbrachte, die Stellungnahme der Opposition auf dem Kongreß und in dem Aufruf der Neunzehn, in keiner Weise rechtfertigte. Selbstverständlich hat auch die Majorität der deutschen Zionisten an der Leitung Kritik geübt. Ihre Kritik rechnete aber mit den vorhandenen Mitteln und den gegebenen Verhältnissen. Wir begrüßen denn auch mit Freude die von dem Präsidenten Wolffsohn auf dem Delegiertentag der Zionisten Galiziens abgegebene Erklärung, daß er eine Erweiterung der Parteileitung durch Hinzuziehung einer Reihe führender Männer aus verschiedenen Ländern wünsche. Wir erkennen gerade hierin mit Genugtuung, daß uns unser Vertrauen zu dem vom VIII. Kongreß gewählten und vom IX. Kongreß wieder mit der Führung der Partei beauftragten engeren Aktionskomitee nicht getäuscht hat. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Der geschäftsführende Ausschuß des Zentralkomitees. Hantke. * * * Zu dieser Darstellung erhalten wir von der oppositionellen Seite, den deutschen Unterzeichnern des seinerzeit auch von uns publizierten „Aufrufes“ nachstehende Gegenerklärung: Wenn sich der geschäftsführende Ausschuß über Indiskretionen beschwert, so hat er vor allem sich selbst die Schuld zuzuschreiben, da er einer ganzen Reihe nichtgeladener Personen die Teilnahme an der Sitzung gestattete. Jedenfalls: Der Bericht der „Jüdischen Zeitung“ ist weder von einem noch mit Wissen eines der Unterzeichner des „Aufrufes“ an diese Zeitung gesandt worden. Es wäre für den geschäftsführenden Ausschuß der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ ein Leichtes gewesen, das festzustellen. Demgegenüber bedeutet es eine Illoyalität, daß der geschäftsführende Ausschuß, nachdem vorher ein gemeinsames Communique erschienen war, nunmehr, ohne sich mit der Gegenseite in Verbindung zu setzen, eine Berichtigung herausgibt. Und eine weitere Illoyalität, daß er die Einsendung eines jedenfalls Unlegitimierten benützt, um ohne Erlaubnis der Konferenz deren vertraulichen Charakter zu durchbrechen, und daß er seine Berichtigung überdies an eine Reihe von Zeitungen, sogar nicht zionistische und verschiedene Landesorganisationen versendet. Daß der geschäftsführende Ausschuß des Zentralkomitees selbstverständlich auch formell nicht berechtigt war, eine derartige Erklärung ohne Wissen und Genehmigung des Zentralkomitees abzugeben, ist eine Sache, mit der sich die Mitglieder des Zentralkomitees zu beschäftigen haben. Angesichts solchen Vorgehens, dessen äußeren Gründen wir nicht nachgehen wollen, verzichten wir darauf, mit dem Inhalt dieser durchaus einseitig, gefärbten Berichtigung, die mit „Schätzungen“ und „allgemeinen Eindrücken“ operiert und in tendenziöser Weise ganz außerhalb der Besprechung liegende Dinge heranzieht, uns irgendwie auseinander zu setzen. Es ist wiederum illoyal, übereine Versammlung, die nicht zustande gekommen wäre, wenn nicht grundsätzlich von vornherein Meinungsaustausch ohne Abstimmungen vereinbart worden wäre, nachträglich Auszählungen zu veranstalten. Dem in der Berichtigung zum Ausdruck gebrachten doppelten Vertrauensvotum für das EAC. gegenüber möchten wir nur bemerken, daß aufder KonferenzkeinerleiVertrauensvotum angenommen wurde. Weiters stellen wir fest, daß unsere Vertreter nur auf das wiederholte Drängen von Repräsentanten der Mehrheit sich entschlossen haben, in die Resolutionskommission einzutreten. Wenn jetzt in der Berichtigung erklärt wird, daß unsere Argumente ihre Wirkung auf die Mehrheit der deutschen Landsmannschaft verfehlt haben, also die Ergebnislosigkeit der Berliner Konferenz festgestellt wird, so nehmen wir das nachträglich zur Kenntnis. In eine weitere Polemik werden wir uns nicht einlassen. * Wir selbst fügen hinzu: Wir haben keine Ursache, den Bericht des Korrespondenten, der der Konferenz als Vertrauensmann der deutschen Organisation anwohnte,irgendwie anzuweifeln. Kein Mensch wird nach der Lektüre unseres durchaus loyalen Berichtes die merkwürdige Aufregung der Herren [ vom Z.-K. begreifen und jedermann wird mit unsdieunqualifizierbarefeindselige Verdächtigung, unserGewährsmann habe der Tagung nicht beigewohnt, entschieden zurückweisen. V ereinsu . V ersammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Freies zionistisches Seminar. IX., Türkenstraße 9.) Donnerstag, den 28. d. M. am 8 Uhr abends, Vortrag des Gg. Dr. Pani Weisengrün: „Der Begriff der Neoassimilation und der Zionismus“. Gäste willkommen! Wien. Zwecks Gründung einer Damensektion veranstaltet der Verein d,r jüdischen Handels- und Privatangestellten „Achwah“ in Wien am Dienstag, den 26. d. M. im Klublokal des Cafe Maendel, II., Praterstraße (Eingang durch das Cafe), eine Besprechung, zu welcher an alle Interessenten hiedurch die geziemende Einladung ergeht.