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Jüdische Zeitung · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 16 meine Verehrten, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich für einen Autokraten halten werden, bis dahin verlange ich von einem jeden Zionisten Disziplin und Subordination! Es muß unsere heiligste Aufgabe sein, in erster Linie für unsere Poalim, für unsere jüdischen Arbeiter in Palästina zu sorgen! Wir brauchen die Poalim. Wir brauchen auch die Reichen, aber die können für sich selbst sorgen, wir können ihnen höchstens die Wege ebnen. Wenn wir die Mittel der Organisation für Kolonisation und praktische Arbeit verwenden, so ist es selbstverständlich, daß es in erster Linie nur für den jüdischen Arbeiter sein wird, denn ohne jüdische Arbeiter wäre unser ganzes Gebäude auf Sand gebaut! (Rauschender Applaus.) Zionistisches Zentralbureau, Wien. 1. Spendenausweis für Jugendschriftenfonds: Adolf Böhm 50.—, Dr. Karl Pollak 30.—, Ernst Bechert, Teplitz 10.—, Dr. Hugo Rappaport 20.—, Gust. Finzi, Troppau 10.—, Fritz Löw, Proßnitz 10.—, Lud. Steiner, Teplitz 10.—, Moses Hammer 5.—, Dr. Gustav Zweig, Proßnitz 5.—, Max Markus 5.—, Is. Gewitsch 5.—, W. Grünberger, Olmütz 2.—, Leo Krieger, M.-Ostrau 2.—, Max Goldberger 2.—, Zion. Verein „Jeschurun“, Troppau 10.—, Dr. Chaim Tartakower 2.—, zus. 178 Kronen. Aus dem jüdischen Leben. Abg. Dr. Mahler — Offizier der Academie Frangaise. Der „N. J. K.“ wird aus Prag gemeldet: Dem Abgeordneten Dozenten Dr. Arthur Mahler, Mitglied des „Jüdischen Klub“, ist eine seltene Auszeichnung widerfahren. Dr. Mahler, der jüngst in den Mitteilungen der Pariser „Academie“ eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlichte und ein in englischer Sprache verfaßtes Buch über die Sammlungen des Louvre herausgab, wurde zum Offizier der Academie Frangaise ernannt. Ordensbrüder als Hetzapostel. Aus Stanislau wird geschrieben: Ein empörender Vorfall, der sich am 18. März d. J. in Usznia (Bezirk Zloczow) zugetragen hat, beweist, wie berechtigt noch die Furcht der jüdischen Landbevölkerung in Galizien vor dem Herannahen der christlichen Osterfeiertage ist, die nur noch allzu oft zu den abscheulichsten Ausschreitungen Anlaß geben. Einige Tage vor Ostern kamen in den genannten Ort, ein größeres galizisches Dorf mit ca. 100 jüdischen Seelen, drei Kapuzinerbrüder iu Begleitung mehrerer Geistlichen um den dortigen Bauern, die seit jeher mit ihren jüdischen Nachbarn im besten Einvernehmen lebten, — christliche Nächstenliebe zu predigen. Während der drei Tage ihres Aufenthaltes waren ausschließlich die Juden das Objekt ihrer Hetzreden. Gegen die jüdischen Läden wurde der Boykott proklamiert und den Bauern deren Betreten untersagt Kurz darauf wurde als praktische Folge der Predigten ein Laden von einem Nichtjuden eröffnet. Das Ereignis wurde in der Nacht des 18. März mit dem Einschlagen der Fensterscheiben in den jüdischen Häusern gefeiert. Der Getreidehändler Abraham Zeisil und dessen Frau wurden auf das gröblichste mißhandelt das Häuschen eines armen Juden namens Uscher Lindner wurde vollständig demoliert. Begreiflicherweise herrscht seitdem unter den Juden des Dorfes eine unbeschreibliche Panik. Die Erregung ist umso größer, als ihnen durch den mit größter Strenge durchgeführten Boykott der völlige wirtschaftliche Ruin droht. Und das alles infolge der geistlichen Erbauung von Priestern der Nächstenliebe ... Polizei im Dienste des Wiener Kultusvorstandes. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, 12./4. 1910. Löbliche Redaktion! Heute führte mich mein Weg am Tempel in der Leopoldsgasse vorüber. Da sah ich zwei Wachleute auf ärmlich gekleidete Menschen, meist Frauen, mit Faustschlägen losdreschen. In der Meinung, daß es sich um einen Volksaufstand handle, trat ich näher und erfuhr, daß die so zahlreich mit Püffen Beteilten zur — Mazzesverteilung versammelt seien. Muß denn die löbliche israelitische Kultusgemeinde bei allen „wohltätigen“ Veranstaltungen die Assistenz der Wache anrufen, der dabei Gelegenheit geboten wird, ihrem Antisemitismus Ausdruck zu geben? Ließe sich nicht ein Modus finden, daß der Andrang nicht so stark sei, z. B. Verteilung nach bestimmten Straßengruppen? S. A. Die Heldentat eines jüdischen Advokaten. Aus Agram, 12. d., wird uns geschrieben: Allgemeines Aufsehen und Entrüstung erregt das Vorgehen eines jungen Advokaten namens Dr. Leopold Schick in Zagreb, der sich ab und zu als Zionist erklärt. Genannter Herr hat aus Anlaß der Eröffnung seiner Kanzlei Zirkulare, unter anderem auch in ungarischer Sprache, welche für die magyarische Klientel bestimmt waren, abgeschickt. Das Unglück wollte, daß ein nach Fiume gelangtes Zirkular in die Hände der Redaktion des „N o v i List“, eines vom bekannten kroatischen Politiker Supilo herausgegebenen Kampfblattes kam, welches die gute Gelegenheit benützte, die Juden des Volksverrates in gehässigstem Tone zu zeihen. Sofort überwies der Herr Rechtsanwalt der Redaktion 100 Kronen alsSühnefür den Cirilo-Method-Verein in Istrien. Es ist dies ein Verein, der die Aufgabe hat, in Istrien im Kampfe gegen den italienischen Schulverein „Lega Naziönale“ kroatische Schulen zu errichten. Der Verein ist erzklerikal und die Leitung eine antisemitische. Die Seele des Vereines ist der kroatische Dichter Viktor Car E m i n, der in einem kroatischen Blatte seine slavonischen Reiseeindrücke wiedergab und,dabei folgendes bemerkte: „Nicht nur Istrien, sondern auch im Mutterlande, speziell in Slavonien, ist1 noch viel nationale Arbeit zu verrichten, den hier dringt fremdes Element vor, zum großen Teile ist kroatischer Besitz in das Eigentum von Juden, Deutschen und Magyaren übergegangen“. Trotz dieser bezüglich der Juden unwahren und unverschämten Behauptung sträubt sich der patriotische Verein nicht, 'diese fremden Juden wegen Unterstützung anzugehen und solche, welche leider von denselben in hohem Maße eingeht, entgegenzunehmen. All dies weiß Dr. Schick sehr wohl, jedoch der herrliche Gedanke, einige Leser des „Novi List“ durch derart selbstloses patriotisches Wirken als Klienten zu gewinnen, siegt! . . ,, ... . ... i . . M. R-r. Assimilantencharakter. Aus Böhm.-Leipa, 17. d. M., wird uns geschrieben: Hier wurde während der Osterfeiertage, wie in allen deutschen Städten Böhmens, eine Sammlung zugunsten des Bundes der Deutschen in Böhmen sowie des Deutschen Schuivereiaes auf allen öffentlichen Plätzen, in den Gassen und von Haus zu Haus durch Studenten vorgenommen. Während jeder arische Passant um eine Spende angesprochen wurde, hatte man bezeichnenderweise die Juden vollkommen unbehelligt vorübergehen lassen und von denselben weder Notiz noch Spende genommen. Erst als sich der Ertrag der Sammlung als zu gering erwies, wurden auch die Juden in den Häusern] heimgesucht, wobei sich selbstredend auch solche Juden fanden, die da meinten, sich von dieser Sammlung nicht ausschließen zu können. Einige Tage später veranstaltete die Schulvereins-Ortsgruppe in Böhm.-Leipa ein Konzert mit anschließendem Tanzkränzchen, zu dem auch Juden geladen wurden. Wie immer bei derartigen Veranstaltungen, fanden sich auch diesmal einige deutschnationale Juden ein, denen bei dieser Gelegenheit in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben wurde, wie gerne sie in diesen Kreisen gesehen werden. Vor Beginn des Tanzes hatte man an sämtliche Herren Tanzabzeichen verabfolgt; nur die anwesenden Juden wurden mit solchen mit Absicht nicht beteilt. Ein Arier (dessen Frau ist Jüdin) hat diesbetreffend sofort beim Obmanne der Ortsgruppe interveniert; dem Letzteren wurde in dieser Sache von einem Herrn Thume jun. (dem Sohne des Stärkefabrikanten Thume, dessen Hauptkunden nur Juden sind) bedeutet, daß eine größere Anzahl junger Leute sofort den Saal verlassen würden, falls sich die Juden am Tanze beteiligen sollten. Auf die Einwendung, man könne die Juden nicht derart brüskieren, denn dieselben dürften die Konsequenzen aus einem derartigen Vorgehen ziehen, erwiderte Herr Thume jun.: „Die ]uden sollen dies nur tun, wir bekommen dann für jeden solchen Juden zehn Arier“. Dieser Vorfall kam sodann, wie aus dem Bericht der „Reichenberger Zeitung“ ersichtlich, öffentlich in einer Vollversammlung zur Sprache, wo sich die Mehrzahl der anwesenden Mitglieder mit Herrn Thume jun. solidarisch erklärten und ihn dafür in den Vorstand wählten. Ob und welche Konsequenzen diese „deutschen“ Juden aus dem Vorfälle gezogen haben hört man nicht, jedenfalls laufen sie aber dieser Gesellschaft weiter nach. Unsere Assimilanten haben der Fußtritte nie genug. Wahlrecht in Rischon le Zion. Seit zwei Jahren erstreben die hier wohnenden Arbeiter das aktive und passive Wahlrecht, das bis jetzt nur den Grund und Boden besitzenden Einwohnern gewährt wurde. In letzter Zeit hat der neue Waad, zum Teil unter dem Einfluß des Oberrabbiners Kuk in Jaffa, beschlossen, den Wunsch der Arbeiter zu erfüllen. Nunmehr hat jedermann, der zwei Jahre in der Kolonie wohnt, das volle Wahlrecht. Volkswirtschaft. Generalversammlungen. Die Wiener Banken haben nun sämtlich ihre Generalversammlungen abgehalten. Es lohnt sich der Mühe auf den Verlauf derselben einen Rückblick zu werfen. Betrachtet man diese Veranstaltungen mit kritischem, Auge so kommt man zur Empfindung, daß dieselben, welche die Willensmeinung der Aktionäre zum Ausdruck bringen sollten, eigentlich nur leere Schaustellungen sind. Schon die Anzahl der vertretenen Aktien weist darauf hin, daß sich die Aktionäre eigentlich um die Vertretung ihrer Interessen gar nicht bekümmern. Auch diejenigen Aktionäre, welche erscheinen, sind gewöhnlich nur Leute, welche aus Gefälligkeit für die Verwaltung hinkommen und vielfach selbst nicht einmal Aktienbesitzer sind. Von gesetzeswegen ist die Generalversammlung das oberste Organ der Gesellschaft, denn sie repräsentiert eigentlich die Eigentümer der Unternehmung. Sie soll den Verwaltungsrat ernennen, welcher der Bevollmächtigte der Gesellschaft und derselben für die Geschäftsleitung verantwortlich ist. Der Verwaltungsrat seinerseits ernennt wieder die Beamten, Direktoren, welche Angestellte der Gesellschaft sind. Außerdem verlangt das Gesetz die Bestellung 'von" Revisoren, welche angeblich als Kontrollorgan dienen. So steht’s auf dem Papier und wenn dies wirklich in diesem Sinne ausgeführt würde, so hätten wir es bei den Aktiengesellschaften mit einer Institution zu schaffen, welche von gesetzeswegen mit einem zuverlässigen Kontroll- und Verwaltungsapparat ausgerüstet ist. In Wirklichkeit ist dies alles nur leerer Schein. Die Aktionäre haben gar nichts zu sagen, weil sie sich um ihre Vertretung nicht bekümmern, die Revisoren machen nur ganz oberflächliche Revisionen ein paar Stunden im Jahr und bei manchen Gesellschaften sind es die Direktoren, welche sich durch die Klienten der Bank Aktien ausleihen und so einen Verwaltungsrat nach ihrem Belieben wählen lassen und sich selbst somit Decharge für ihre Geschäftsführung erteilen. Anstatt also, daß die Aktionäre ihre Bevollmächtigten wählen und diese wieder ihre Beamten ernennen, werden umgekehrt die verantwortlichen Verwaltungsräte von ihren eigenen Beamten ernannt, ebenso die Revisoren und somit ist die ganze Organisation nur eine leere Förmlichkeit. Hie und da gibt es einmal Aktionäre, welche in den Generalversammlungen ihr Recht ausüben und über die Geschäftsgebahrung Auskunft verlangen. Es geht ihnen aber in der Regel recht schlecht, gewöhnlich führen die Direktoren in der Generalversammlung das große Wort; manche verweigern eine Auskunft und stellen jeden solchen Aktionär als einen Friedensstörer hin. So werden die Aktionäre davon abgeschreckt, von ihrem Recht Gebrauch zu machen und die Aktiengesellschaft, welche nach dem Gesetz eine so vortrefflich organisierte und kontrollierte Organisation ist, wird in Wirklichkeit von unverantwortlichen Personen regiert, welche machen, was sie wollen und der Aktionär, der Eigentümer der Gesellschaft, ist einfach rechtlos. Als Schulbeispiel erwähnen wir die Generalversammlungen der Länderbank und des Wiener Bankvereines. Bei der Länderbank erscheint seit einigen Jahren eine Gruppe von Aktionären, welche sich über die Agentur des Institutes in Schluckenau beklagen

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