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Jüdische Zeitung · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 16 fähige. Dies alles obwohl sie fast ein Zehntel der Wiener Bevölkerung ausmache, bedeutende Intelligenzen in ihrer Mitte habe, und eine wirtschaftliche Potenz bedeute. Die Ursache liege in der Zerklüftung und Uneinigkeit. Wenn die 180.000 Wiener Juden organisiert wären, und eine wahrhaft jüdische Politik betreiben würden, wären solche Erscheinungen, wie das Auf oktroyieren getaufter Kandidaten jüdischen Wählern unmöglich. Wenn sich hier sogenannte liberale Männer finden, welche den Juden so wenig Selbstachtung zumuten, daß sie ihnen Abfallsjuden als Kandidaten präsentieren, so sei dies kein erfreuliches Zeichen für die Stellung der Wiener Juden. Redner wendet sich in scharfen Worten gegen die Täuflinge. Es sprachen ferner Herr Hofbauer, der sein „Deutschtum“ etwas komisch begründete. Als Mitglied des „Zentralwahlkomitees der freiheitlichen Partei“ wußte er aus der Schule zu plaudern. So erzählte er, daß die Absicht des Komitees, die Renegaten Dr. Fürth und Dr. Neu mann als Kandidaten aufzustellen, bereits vor sechs Wochen bekannt war. Er habe sofort gegen diese in schärfster Weise opponiert und schließlich sei er aus dem Komitee ausgetreten. Auf einen Zwischenruf reagierend machte er die interessante Mitteilung, daß die Herren kais. Rat A n n i n g e r, Obmann der „Israel. Union“ und Kultusvorsteher Dr. Samuely erst vor einigen Tagen aus dem Komitee ausgetreten sind. (Also erst, als sie die Empörung in den jüdischen Kreisen merkten, entschlossen sie sich aus dem Wahlkomitee auszutreten. Dieser Entschluß scheint somit nicht ihrer Ueberzeugung entsprungen zu sein). Zuletzt habe er auch die „Union“ für diese Opposition gewonnen. (Auch diese dreht ihren Mantel nach dem Winde). Hierauf präzisierten unseren Standpunkt die Gg. Dr. S c h a 1 i t und Dr. Jakob K o h n. Herr Kraus vom oppositionellen Wahlkomitee machte die Mitteilung, daß dieses an Stelle des Kandidaten Maaß, Herrn Max Frank aufgestellt habe. Gg. Lucian Brunner: Die Taufe ist eine Frage des Charakters und der Ethik, nicht der Religion. Wenn man jüdische Kandidaten aufstellt, dann solle man dies nicht allein deshalb tun. weil sie Juden sind, sondern vor allem darauf sehen, daß diese Juden auch Männer von Charakter sind. So wie mancher ein Geschäft mit der Taufe macht, so will einer auch durch sein Judentum Karriere machen. Die „Israelitische Union“, welche den Bukowinaer Juden in den Rücken gefallen ist, hat plötzlich ihr jüdisches Herz entdeckt; das sollte denn doch stutzig machen. Redner wendet sich unter allgemeiner Zustimmung gegen die Kandidatur des Herrn Frank. Dieser habe es nicht einmal für wert gehalten in der heutigen Versammlung zu erscheinen. Er hat sich als ein politisch unzuverlässiger Mann gezeigt. Bei den letzten Kultuswahlen ist er hin- und hergewackelt und hat kein anderes Programm entwickelt als: „Ich will gewählt werden“. (Lebhafter Heiterkeit). Nach einem Schlußworte des Vorsitzenden Gg. Abg. Dr. Gabel wurde die interessante Versammlung geschlossen. Abbitte. Der christlichsoziale Ehrenbürger von Göding, Jossel Redlich, hat sich über mein Ge- - dicht .Der Stolz von Göding“ treffend geäußert: »Dem Judenjüngel werde ichs h eim zahle n!“ Heiliger Sebastian! Nimm dich meiner Seele an! In dem Irrwahn meiner Väter Würde ich zum Uebeltäter An dem christlichsten der Menschen, Den die Deutschen G ö d i n g s benschen — Pater peccavi! O, du heiliger Florian! Nimm dich meiner Seele an! In der Rache Feuergluten Wird mein armer Leib verbluten — Ah — er öffnet mir zur Kühlung Seinen Mund mit Wasserspülung! O tou Adonin!*) O, du heiliger Damian! Nimm dich meiner Seele an! Nimmer will ichs mehr verüben, Beten für die Zuckerrüben, Brünstig beten für, die Bande . . . Die er knüpft! 0, bleib’ im Lande, Nähre dich, Redlich! Beda. Von der Woche. Jüdische Konferenz gegen den Mädchenhandel. Am 4. und 5. April ist in London die erste internationale jüdische Konferenz gegen den Mädchenhandel, zahlreich beschickt von Delegierten aus allen Ländern, zusammengetreten. Aus den Beratungen ging klar hervor, daß der Mädchenhandel, so weit Juden und Jüdinnen daran aktiv oder passiv beteiligt sind, nur eine Folgeerscheinung, ein Symptom des sozialen Elends ist, unter dem namentlich in den osteuropäischen Ländern gerade die Juden besonders seufzen. Der Mädchenhandel ist keineswegs nur ein speziell jüdisches Laster, sondern er ist nur eine durch besondere Faktoren auch unter den Juden hervorgerüfene Teilerscheinung eines allgemeinen sozialen Uebels. Bezeichnend war in dieser Hinsicht die traurige Mitteilung, welche Baron Ginsburg machen mußte, nämlich, daß sich in Rußland viele jüdische Mädchen und Frauen als Gefallene zur polizeilichen Kontrolle anmelden, weil sie alsjüd innen nur auf diesem Wege die Aufenthaltserlaubnis in vielen russischen Orten erlangen können. Folgender Antrag wurde angenommen: „ln den verschiedenen Seehäfen werden eigene Agenten und Aufseher angestellt, um »die Umtriebe der Mädchenhändler zu überwachen und deren Opfer zu beschützen. Die Kosten sollen von den in Betracht kommenden jüdischen Organisationen zusammen getragen werden. Konferenzen, wie die jetzige, sollen von Zeit zu Zeit wiederholt werden. Die nächste soll von der englischen Organisation einberufen werden.“ Ebenso wurden auch die Vorschläge Dr. Maretzkis angenommen, betreffend die Schaffung jüdischer Komitees in den exponiertesten Städten, Organisierung des Schutzes alleinreisender Mädchen, Kooperation mit den Schiffsgesellschaften und schließlich als Mittel hiezu Schaffung eines Verbandes aller jüdischen Organisationen, in deren Arbeitsprogramm die Bekämpfung des Mädchenhandels enthalten ist. Eine lebhafte Debatte rief Israel Zangwill mit seiner Rede hervor, in welcher er seinen Pessimismus hinsichtlich der Erfolge der Konferenz aussprach. Er erklärte, diese Frage sei keine speziell jüdische. Die Hauptursachen des Ueberhandnehmens des Mädchenhandels unter den Juden seien, daß die Juden ihrer Religion gegenüber immer gleicbgiltiger werden und daß sie kein eigenes Land besitzen. Wenn der Jude, der gewöhnt ist, den Sabbat zu halten, in ein Land kommt, wo ihm dies unmöglich gemacht wird, verliert er sein religiöses Gleichgewicht, das die Grundlage jeder Moral ist. Die Not reißt sozusagen ein Stück Heiligtum aus seiner Brust und reißt oft nicht nur ein Stück, sondern das ganze Heiligtum mit sich. In einem eigenen Lande, in dem der Jude nach alter Tradition leben könnte, könnte auch der Mädchenhandel nicht Wurzel fassen. Er griff die „Ica“ an, die die Juden nach der sittenlosesten Stadt der Welt, nach Buenos- Aires, gebracht habe, ohne ihnen dort die Möglichkeit zu schaffen, ihr altes jüdisches Leben fortzuführen. ln Buenos-Aires werde von den notorischen Mädchenhändlern die Orthodoxie, die zur Erhaltung der breiten jüdischen Masse unerläßlich sei, in niederträchtigster Weise verunglimpft, indem sie eine eigene Bethausorganisation schufen, der sie den Namen „orthodox“ gaben. Dagegen müsse *) Ausruf der Sappho: „0, du schöner Adonis!“ jeder gute Jude protestieren. Schließlich beantragte er, daß die zu schaffende internationale Organisation, solle sie überhaupt irgendwelche Erfolge erzielen, sich nicht ausschließlich mit der Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels, sondern mit der Emigrationsfrage im allgemeinen befassen solle, da die Frage des Mädchenhandels eigentlich ein Problem im Emigrationsproblem ist. * * ♦ Rom. Wir haben in der letzten Nummer ein Beispiel angeführt, wie selbst ein Mann von der Stellung und dem Bildungsgrade des Hofrates Hueppe einen politischen Seitensprung mit unrichtigen Tatsachen zu bemänteln sucht, um trotz religiöser Intoleranz den Schein des Freisinns aufrecht zu erhalten. Inzwischen hat jedoch ein anderes Ereignis uns daran erinnert, daß unsere alten Freunde, die Klerikalen, es mit der Wahrheit ebensowenig streng nehmen, wenn es sich darum handelt gesetzwidrige Handlungen zu verheimlichen. In der kürzlich abgehaltenen Generalversammlung des katholischen Schulvereines hat nämlich ein in der klerikalen Partei hervorragender Redner die Behauptung aufgestellt, daß das päpstliche Rom sich in die innerpolitischen Angelegenheiten der Staaten nicht hineinmischt. Für die Unwahrheit dieser Behauptung könnten wir selbst aus der Gegenwart hunderte von Beweise anführen, werden uns jedoch auf einen uns sehr stark berührenden Fall aus unserer Stadt beschränken. Bekanntlich hat die Regierung seinerzeit gezögert, den zum Bürgermeister gewählten Dr. Lueger zu bestätigen, obgleich auch die gesamte liberale Presse die Forderung erhob, daß das parlamentarische Prinzinp gewährt und das Votum der Gemeinderatsmehrheit von der Regierung anerkannt werde. Der damalige Ministerpräsident Badeni hatte oen Mut, sich über die gesamte öffentliche Meinung hinwegzusetzen. Heute nach dem Tode des Bürgermeisters erfährt man durch eine italienische Zeitung, daß es in Oesterreich einen politischen Faktor gibt, der mächtiger ist als ein Majoritätsvotum und die gesamte Presse und dieser Machtfaktor ist der päpstliche Nunzius. Der damalige Vertreter des Vatikans am Wiener Hofe, Kardinal Agliardi, erzählt einem Vertreter des Mailänder „Corriere della Sera“, in wie erfolgreicher Weise er für Dr. Lueger eingetreten ist. Er macht kein Hehl daraus, daß er von Anbeginn seiner politischen Laufbahn an sein Gönner war, obwohl der gesamte höhere Klerus Oesterreichs ihn bekämpfte. Dieses Geständnis allein würde genügen, die Wahrhaftigkeit der Behauptung Dr. v. Bächles zu kennzeichnen, wonach der Vatikan im Auslande nur religiöse Angelegenheiten vertritt. Der Bürgermeister von Wien ist ein staatlicher Funktionär mit zahlreichen Agenden im übertragenen Wirkungskreis, keinesfalls aber ein kirchlicher Würdenträger. Wenn also der Nunzius dem weltlichen Agitator zur Erlangung einer rein weltlichen Würde verhilft und und dabei die zur Wahrung der rein kirchlichen Interessen berufenen Bischöfe bekämpft, so ist in diesem Falle das Gegenteil von dem wahr, was Dr. v. Bächle behauptete. Nun wäre noch der Fall möglich, daß die Bischöfe den damaligen „wüsten Agitator“, wie ihn Badeni nannte, aus übertriebener Orthodoxie bekämpften und sogar eine Deputation zum Papste sandten, um der offenkundigen Parteinahme Roms für den Agitator ein Ende zu machen. Dem widerspricht jedoch der Kardinal, indem er erklärt, daß ihm nur darum zu tun war, das Wiener Kleinbürgertum aus der ökonomischen Abhängigkeit der „Israeliten“ zu befreien. Das also sind die religiösen Interessen, die der Vatikan in Oesterreich zu wahren sich herausnimmt. Lueger war nicht undankbar. Er wollte mit seinen Anhängern in 600 Wagen „am Hof“ vor dem Gebäude der Nunziatur Vorfahren und dem Nunzius auf diese Art huldigen. Agliardi gibt jedoch zu, daß ihm die Regierung in diesem Falle die Pässe zugestellt, d. h. den verdienten Hinauswurf erteilt hätte. „Es war damals für Dr. Lueger eine ungemein kritische Periode,“ heißt es in dem Berichte des Mailänder Blattes, „und er wurde in einer Weise bekämpft, daß ohne meine Unterstützung seine Gegner ihn höchstwahrscheinlich niedergerungen hätten.“ J. L.

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