Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 In der Urzeit hatte die natürliche Einheit des Landes verhindert, daß die innere Entzweiung in Zerissenheit und Haltlosigkeit ausarte: in der Zeit des Exils, des Golus, begann ein Kampf gegen die Welt, der Kampf um die Erhaltung der Art, der sich mehr und mehr gegen das Schöpferische selbst richtete. Die großen Ideen des Judentums verflachten zu einer immer mehr geistesleer werdenden Tradition und unter der namenlosen Pein des äußeren Lebens e: lahmte das Streben nach Einheit und nur die jüdischen Ketzer und Mystiker wirkten an einer unterirdischen Kontinuität, hielten die Seele des Judentums bereit für den Augenblick der Befreiung. Noch finden wir in uns die alte Zweiheit und das Streben nach Einheit; und solange die Elemente gegeben sind, ist ihre unendliche Aufgabe gegeben. Wer die Einheit seiner Seele gewinnt, wer die Schacherer aus seinem lempel jagt, wer sich für die großen Kräfte des Judentums und für ihre Aktivierung entscheidet, der wirkt an der Befreiung mit. Aber diese Befreiung ist erst die Voraussetzung der Erneuerung, die Erneuerung kann nur von dem Boden der Heimat ausgehen; dieses Land schuf all die Kräfte des Urjudentums, es wird sie verjüngern. Eine Statue, die zerbrach, können unzählige Pfuscher zurecht machen, sie wieder ganz machen kann nur einer, der Künstler, der sie schuf. Unsere Renaissance ist schwerer, tiefer als die der Italiener; sie wollten freier werden, wir wollen uns aus dem Bann der Fremde befreien; sie durften an der Fläche spielen, wir müssen in den Tiefen schürfen. Jeder einzelne muß sich von dem innern Golus befreien, muß trachten, all das Trübe und Grelle, all das Krumme und Formlose, all das Lüsterne und Unheilige von sich abzutun. Für das ganze Volk kann die Befreiung vom Golus nur an einem Orte der Welt gelingen, in der Heimat. Hier sind wir ein Keil, den Asien in Europas Gefüge trieb, ein Ding der Gärung und Zersetzung, der Ruhestörung und der Umwälzung; kehren wir nach Asien zurück, zurück zum Schaffen, zur Tat, zum reinen Streben nach Einheit!“ Der Kampf gegen die Renegaten. Die Gemeinderatswahlen im 1. Gemeindebezirk. Der Jüdische Nationalverein für Oesterreich“ hat gut daran getan, anläßlich der Gemeinderätswahlen auch im ersten Bezirk seine Karte abzugeben. Die im Hotel Post stattgehabte Versammlung war massenhaft besucht und für unsere nationaljüdische Sache ungemein erfolgreich. Als erster ergriff Gg. Ingenieur Robert Stricker das Wort. Er begründete zunächst unser Recht und unsere Pflicht, in diesem Kampfe um getaufte und abtrünnige Kandidaten einzugreifen. „Wir sind wohl nicht Wähler des ersten Bezirkes, -dennoch fühlen wir die Pflicht, die jüdische Bevölkerung über ihre Führer aufzuklären, da wir für das Tun dieser verantwortlich gemacht werden. Wenn Kuranda „Heil!“ ruft, auf Tschechen schimpft und antisemitische Redner begratuliert, dann lacht man nicht nur am Salzgries. Wenn Redlich fürGeßmann eine Lanze bricht, so ladet er die Verantwortung auf uns alle. Wir gehen zu den Wählern, auch wenn wir nicht ihre Stimme verlangen. Das Wahlgeschäft in der inneren Stadt wird von der deutsch-liberalen Partei besorgt. Trotz unserer Abneigung gegen diese müssen wir anerkennen, daß ihre Tätigkeit den Zug vornehmster Ruhe und Diskretion verrät. Sie lärmt und schreit nicht: sie trägt die Aufregung nicht ins Volk, im Kaffeehaushinterstübchen zwischen Küche und Klosett rettet sie das liberale Wien. In aller Stille werden die Kandidaten aufgestellt und am Wahltage ist der Wähler politisch versorgt. Ein ruthenischer Bauer oder ein slowakischer Schweinehirt würden sich eine solche Bevormundung nicht gefallen lassen.; Den Wählern des I. Bezirkes wagt man solches zu bieten. In Wien sind dem Liberalismus drei bis vier Freistätten belasseu worden, welche von den Liberalen im Rausche der Begeisterung als „Bollwerk“ gegen die anstürmende antisemitische Hochflut bezeichnet werden. Ein Bollwerk, das seinen Namen verdienen soll, muß einen gewissen strategischen Wert besitzen, den Feind am Vordringen hindern können. Kann man behaupten, daß die Mandatare der liberalen Partei den christlichsozialen Feind je am Vordringen verhindert, ihn in seinen Aktionen gestört, seine Erfolge verkleinert haben? Sind sie je unter das Volk gegangen, um es über die christlichsoziale Partei aufzuklären? Zu uns Juden sind sie gekommen und haben uns erzählt, was diese christlichsoziale Partei für eine Gesellschaft ist. Der Partei selbst sind sie nur unangenehm geworden, als Abg. Dr. Kuranda den Ball der Stadt Wien „beehrt“ und Dr. Hein mit den Ritualmordspezialisten die Dalmatiner Reise mitgemacht hat. So lange sich jüdische Mandate in den Händen solcher Leute befinden, ist deren Bedeutung für uns eitel Schall und Rauch. Die Schuld, daß wir solche Vertreter haben, liegt nicht so sehr an den Wählern, als an der liberalen Presse. Um den Feind bekämpfen zu können, muß ich ihn kennen. Die liberale Presse hat aber das Anwachsen der antisemitischen Partei permanent verschwiegen, bis sie eines Tages den verblüfften Liberalen mitteilen mußte, daß die Christlichsozialen Herren von Wien sind. Aus diesem systematischen Züchten der Unkenntnis über die Christlichsozialen ist auch der ungeheure Respekt zu erklären, den man den Christiichsoziaien als Personen entgegenbringt und die Mär, daß sie aus dem Nichts heraus die politische Welt erobert haben. Wenn man der. Liberalen ihre Haltung den Christlichsozialen gegenüber zum Vorwurf macht, dann faseln sie von den „Formen des politischen Umganges“. Dahinter steckt aber nichts anderes als ein erschreckender Mangel an Männlichkeit und Selbstbewußtsein und eine ungeheure Feigheit. So unwürdig und kriecherisch sie sich den christlichsozialen Größen gegenüber benehmen, so lächerlich ist ihr Urteil über die christlichsoziale Bewegung als Massenbewegung, die sie als eine momentane Verirrung des Pöbels hinstellen. Sie übersehen, daß hinter den Christlichsozialen Rom steht und Rom ist schon mit anderen Größen fertig geworden als mit unseren liberalen Führern. Der Zulauf zu den Christlichsozialen kam nicht aus den Wirtshäusern, sondern aus den Kirchen. Die christlichsoziale Bewegung ist der Ausdruck der Reaktion, deren Bekämpfung keine Bezirks- oder Gemeindesache ist. Sie kann einzig und allein Aufgabe der wirklich demokratischen Elemente alter Nationen sein. Im jüdischen Volke sind viele solcher Elemente, aber sie sind in vielen Lagern zerstreut. Die Aufgabe welche sich der „jüdische Nationalverein“ gestellt, ist, die Juden aus diesen Lagern herauszuführen und unter ehrlicher jüdischer Flagge zu vereinen. Wir wollen ihnen den schwarz-rot-goldenen Narrenkittel vom Leibe reißen und sie zum schlichten Bekenntnis ihres eigenen Volkstums bekehren. Auf die Wahlen im I. Bezirk zurückkommend bespricht Redner die gegen die Getauften gerichtete Opposition. Mit den Herren, welche diese Opposition führen, können wir uns wohl nicht identifizieren, da sie aus persönlichen und religiösen Motiven handeln. Die Bewegung als solche aber, begrüßen wir aufs freudigste. Den Kampf gegen die Getauften kann niemand als einen Akt religiöser Unduldsamkeit bezeichnen, denn der Täufling begeht diese Tat, um der jüdischen Gesellschaft und dem jüdischen Volke den Rücken zu kehren. Die heute entstandene Opposition gegen diese Flüchtlinge bedeutet die Regung des jüdischen Nationalgefühles und das läßt für die Zukunft das Beste hoffen. (Lebhafter Beifall). Gg. Abg. Dr. Straucher: Die Wiener Judenschaft ist einflußlos, ihre Position im öffentlichen Leben eine traurige, die Führung der Majorität der Wiener Juden eine un- „Eine Art Spiel . . . Als hätt’ ich eine Geige innen. Oder als sässe Jojne, der Musikant, in mir und spielte Sabbatgesänge, wie beim Rebben bei Tische! Nur noch besser, noch feiner, noch geistiger! Und ganz ohne Stimme, ohne irgendwelche Stimme — Reine Geistigkeit! . ..“ „Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!“ „Nun ist alles fort!“ — sagte traurig der Schüler — „meine Sinne haben sich wieder geöffnet. Und ich bin so müd’ so ... so . .. mü ... d . . müd! Daß ich . ..“ „Rebbe!“ — schrie er plötzlich auf, nach dem Herzen greifend — „Rebbe, sagt das Sündenbekenntnis mit mir! Man holt mich! — Es fehlt dort ein Sänger nnter den Himmelischen! Ein Engel mit weissenFlügeln!... Rebbe! Rebbe!Sch’maJissroel!*) Sch’maaa ... Jiss ...“ Es war keiner in dem Städtchen, der sich nicht solchen Tod wünschte. Nur für den Leiter der Jeschiwe war’s noch zu wenig. „Noch einige Fasttage“ — ächzte er — „und er wäre unter Gottes Kusse gestorben!“ *) Höre, Israel! Das heiligste und in den Gläubigen die tiefsten Schauer erregende Bekenntnis zum Judentum und zur jüdischen Gemeinschaft. Es lautet: „Höre. Israel! Der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott!“ In der Nacht darauf, zu später Stunde, weckte j der Schüier den Rebben. Sie schliefen beide einander gegenüber in der Klaus.*) „Rebbe . .. Rebbe!“ rief er mit schwacher Stimme. „Was gibts?“ rief der Alte indem er erschrocken in die Höhe fuhr. „Ich war jetzt auf der höchsten Stufe .. „Wieso?“ fragt der Alte, noch ein wenig verschlafen. „Es sang in m i r.“ Der Alte hat sich aufgerichtet. „Wieso? Wieso?“ „Ich weiß es selbst nicht, Rebbe“ — erwidert der Schüler mit noch schwächerer Stimme — „ich konnte nicht schlafen, so vertiefte ich mich in Eure Worte ... Ich wollte durchaus die Melodie verstehen ... Und vor großem Leid darüber, daß ich sie nicht verstand, begann ich zu weinen ... Alles weinte in mir. Alle meine Glieder weinten vor dem Herrn der Welt. Dabei sagte ich die Gebetsformeln, die Ihr mir anvertrautet.. . Und wunderbar: Nicht mit dem Munde, sondern innen ... Von sich selbst! Plötzlich ward es hell. — Ich hielt die Augen zu und es war hell, sehr hell, überaus hell!...“ „Und?“ Der Alte beugte sich näher. *) Bet- und Studierstube der Chassidim. „Da wurde mir von dem Licht so gut, so leicht ... Es schien mir, als ob ich nichts wiege, als ob mein Körper das Gewicht verloren habe, als ob mein Körper das Gewicht verloren habe, als ob j ich fliegen könne ...“ „Und dann?“ „Dann wurde ich lustig, munter, lachte ... Mein Gesicht bewegte sich nicht, auch die Lippen nicht, und doch lachte ich . ..., und so gut, so herzlich, so glücklich lachte ich :“ „Das kam aus der himmlischen Freude! Aber weiter!“ „Dann brummte etwas in mir, wie der Beginn einer Melodie —“ Der Alte erhob sich von seiner Bank und eilte zu seinem Schüler: „Und nun?“ „Dann hörte ich wie es anfing in mir zu singen!“ „Was fühltest du? Was? Was? Sag’!“ „Ich fühlte alle meine Sinne verstopft und verschlossen und innen ein Singen ... und wie es sein soll — ganz ohne Worte, so ...“ „Wie?! Wie?!“ „Nein, ich kanns nicht,.. früher wußte ich es .... Dann wurde aus dem Singen ... aus dem Singen ...“ ' „Was wurde daraus — was?“