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Jüdische Zeitung · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 16 fonds, sondern der Nationalfonds könnte der PLDC. ohne jede Gefährdung die nötigen Kapitalien leihen, welche aus den Summen, die aus den Verkäufen der PLDC. eingehen, rückgezahlt werden würden. Uebrigens bin ich im Prinzipe nicht gegen den Vorschlag Dr. Sandlers betreffs Schaffung eines Kolonisationsfonds und behalte mir vor, auf diese Spezialfrage noch eingehender zurückzukommen. Vielleicht ist es gar kein solches Unglück, daß wir die Agrarbank noch nicht schaffen können und uns anderer Methoden bedienen müssen. Das Hypothekenwesen hat in allen Staaten auch sehr unangenehme Konsequenzen gezeitigt und vielleicht ist es für unseren Endzweck besser, wenn wir, die wir ja heute noch gar nicht über einen großen Stock von Landwirten mit etwas Kapital, die sich in Palästina niederlassen wollen, verfügen, besser, wenn wir für unseren speziellen Fall und die besonderen Verhältnisse in der Türkei speziell geeignete Methoden anwenden. Betrachte ich die Kolonisation als Hauptaufgabe zionistischer Palästinaarbeit, so erachte ich es naturgemäß als vornehmste Pflicht der Parteiagitation, vor allem für jene Fonds Propaganda zu machen, welche direkt für kolonisatorische Zwecke bestimmt sind. Diese Anschauung hat auf dem westösterreichischen Parteitag die volle Zustimmung der Delegierten gefunden. Wir müssen also vor allem trachten, den Fonds von Frcs. 100.000'— für die Siedelungsgenossenschaft aufzubringen, wodann wir alle Kraft für die PLDC. — sei es durch Verkauf ihrer Aktien oder durch Sammlung für den Kolonisationsfonds, falls dieser geschaffen wird — und den Nationalfonds sowie die Oelbaumspende einzusetzen haben. Darauf allein bat sich die zionistische Organisation zu konzentrieren. Die Agitation für die kulturellen Unternehmungen braucht deshalb nicht zurückgestellt zu werden, nur muß die zionistische Organisation davon entlastet werden. Ich habe deshalb vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, einen großen Jüdischen Palästinaverein zu gründen, mit Präponderanz der Zionisten, der durch Einhebung größerer Mitgliedsbeiträge (K 20'—) in die Lage versetzt wird, seinerseits eine große, von einer zentralen Stelle geleitete Agitation für die kulturellen Unternehmungen zu entfalten. Diesem Verein wird es gewiß gelingen, auch Nichtzionisten heranzuziehen. Es ist gar nicht nützlich, für die kulturellen Palästinainstitutionen, immer nur unter zionistischer Parfeifahne Propaganda zu machen. Die Gründung von separaten Ortsvereinen für jede einzelne Institution, Bezalel, Gymnasium, Hygienisches Institut usw. ist von Uebel, weil die wenigen Kräfte so vielerlei Arbeit nicht leisten können und nicht für all diese Vereine Mittel aufgebracht werden können. Das Projekt der Gründung eines jüdischen Palästinavereines hat bisher nur die Zustimmung des Wiener Distriktskomitees gefunden, welche ihn soeben ins Leben ruft. Ich hoffe, daß der Verein sagen.“ Im Mark der Knochen muß es singen, dort muß die Melodie wohnen, — das höchste Lob Gottes, gepriesen sei er! Das ist nicht die Melodie von Fleisch und Blut, keine ersonnene Melodie! Das ist schon ein Teil der Melodie, mit welcher Gott die Welt erschuf, der Seele, die er in sie goß . . .“ „Und so singen die Himmlischen! So sang der „Rebbe“, sein Andenken sei zum Segen!“ Der Vortrag wurde durch einen verwahrlosten Jungen, der einen Strick um die Lenden trug, unterbrochen. Es war ein Träger. Er kam herein, stellte eine Schüssel Grütze mit einem Stück Brot auf den Tisch neben den Alten und sagte mit ordinärerStimme: „Reb Tewel schickt dem Leiter der Jeschiwe Essen.“ Sprach’s machte Kehrt und fügte noch im Hinausgehen hinzu: „Ich komme später die Schüssel abholen!“ Durch die ordinäre Trägerstimme aus der göttlichen Harmonie gerissen, erhob sich der Alte schwer und ging, die großen Stiefel nachschleppend, zum Becken, um sich die Hände zu waschen.*) Im Gehen sprach er weiter, aber mit weniger Begeisterung, und der Schüler folgte ihm von seinem Platze aus mit gespitzen Ohren und brennenden, verträumten Augen. „Doch,“ — fuhr Jekel in traurigem Tone fort —, „ich bin nicht einmal gewürdigt, zu be- *) Rituelle Handlung vor dem Essen. bald seine Lebensfähigkeit erweisen, und es ihm dadurch gelingen wird, auch jene Zionisten, die dem Plane heute noch skeptisch gegenüberstehen, von dessen Richtigkeit zu überzeugen. Es ist heute garnicht abzusehen, welche Bedeutung ein großer allgemeiner Jüdischer Palästinaverein gewinnen kann, dessen Leitung es versteht, ihn zu einem Brennpunkte des immer stärker werdenden Interesses des Golusjudentumes für Palästina zu machen. Ein wesentliches Hilfsmittel der Palästinaagitation ist eine gute Zeitschrift. Diese soll zwar von Zionisten geleitet werden, aber keinen offiziellen Anstrich bekommen. Sie muß über die jüdische Entwicklung in Palästina informieren und für alles eintreten, was diese fördern kann. Das westösterreichische Zentralkomitee hat im Bewußtsein der Notwendigkeit einer gediegenen jüdischen Palästinazeitschrift die bestehende Monatsschrift von Gg. Dr. Teilhaber, der sie in dankenswerter Weise vor dem Untergang gerettet und durch zweieinhalb Jahre weitergeführt hat, erworben und wird sie, ab Juni d. J. in jenem Geiste führen. Daß bezüglich der Palästinaagitation Wandel geschaffen werden muß, darüber ist sich auch unsere Leitung vollkommen klar. Das Engere Aktionskomitee hat in seiner jüngsten Sitzung das Zentralb ureau beauftragt, einen Modus auszuarbeiten, in welcher Weise diese zu gestalten wäre. Es kann keinen Zweifel darüber geben, daß nur in einer Konzentration, nicht in: immer weiterer Zersplitterung das Heil gelegen ist Ich kann es daher nicht begreifen, daß anläßlich des 50. Geburtstages Theodor Herzls anstatt einer großartigen Agitation für den bestehenden Herzlwald, wie sie die Prager Nationalfondskommission vorgeschlagen hat, die Einführung einer gänzlich neuen. Institution,' der „Landspende“, beschlossen wurde. Und dies trotz der ungünstigen Erfahrungen mit dem Pflanzungsverein, der genau denselben Plan hatte, und trotzdem der dringend zu sammelnde Fonds für die Siedlungsgenossenschaft noch nicht zur Hälfte aufgebracht ist. Es wird daher eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahreskonferenz sein, einen Plan für die zionistische Palästinaarbeit und -Propaganda aufzustellen, der mindestens für ein Jahr zu gelten hätte .Der jetzigen Zersplitterung und der daraus resultierenden Energieverschwendung muß unbedingt ein Ende bereitet werden. Das Judentum und die Menschheit. Sonntag, den 3. April 1910, sprach im Festsaale des Jüdischen Rathauses in Prag Martin B u b e r als Gast des Vereines jüdischer Hochschüler „Bar Kochba“ über „Dasjudentum und die Menschheit“. Seit mehr als einem Jahre hält es der Verein „Bar Kochba“ für eine seiner vornehmsten Aufgaben, der intelligenten Prager jüdischen Bevölkerung jene Ideen nahezubringen, die die Grundlage einer n e u - j ü d ischen Bewegung bilden, die der zionistischen Organisation einen tiefen, Ewigkeitswerte versprechenden Untergrund gibt. In einer Reihe glänzend gelungener Veranstaltungen wurden die Prager mit greifen, was das für Kategorie ist! In welches Tor I das gehört! Allerdings“ — setzt er lächelnd hinzu — „die Uebungen und Gebetsformeln, die man dazu ■ braucht, die kenne ich. Ich werde sie dir vielleicht noch heute anvertrauen!“ Dem Schüler springen schier die Augen aus dem Kopfe. Er hält den Mund offen, um jedes Wort einzufangen. Doch der Lehrer unterbricht sich, wäscht sich die Hände, trocknet sie, sagt „Se’u jedechem“, kehrt an den Tisch zurück und spricht mit zitternden Lippen den Segensspruch über das Brot. Mit seinen zitternden, dürren Händen hebt er die Schüssel auf. Der Dunst hüllt sein knochiges Gesicht in Wärme. Dann stellt er sie zurück, faßt den Löffel mit der rechten Hand und wärmt die linke am Schüsselrand. Dabei zerdrückt er den Rest der gesalzenen „Moize“*) an den zahnlosen Kiefern. Nachdem Gesicht und Hände erwärmt sind, legt er die Stirne in starke Falten, zieht die blauen, trockenen Lippen zusammen und beginnt zu blasen. Währenddem hat der Schüler kein Auge von ikm gelassen. Und als der zitternde Mund des Rebbe dem ersten Löffel Grütze entgegeneilte, packte ihn etwas beim Herzen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und zog seinen Körper zusammen. *) Sowohl der Segensspruch als auch das Stück Brot, über welchem er gesagt wird, heißt Moize. einigen unserer vornehmsten Geister bekannt; und der Verein erlebt die Genugtuung, daß für seine Veranstaltungen das erlesenste Publikum der Stadt das größte Interesse zeigt, daß dieses Publikum die Grundzüge unserer Anschauung vom Wesen und von den Zielen unseres Volkstums kennen lernt; ein Publikum, von bewußtem Assimilationswillen und wirklicher Assimilation beherrscht, das nun doch, allmählich, über den Sinn des Judentums eine andere Anschauung zu haben lernt. Zum zweiten Male im Raume von etwas mehr als einem Jahre genossen die Prager einen Vortrag Bubers. Vielleicht die am allertiefsten angelegte Persönlichkeit, vielleicht die Individualität, die mit der größten intuitiven Kraft alle die dunkelsten Wege des Gefühls zu erhellen weiß, vielleicht der Prophet des neuen Judentums, spendet Buber aus vollen Händen Erkenntnis und Anregung, öffnet er mit jedem Wort ein Fenster in bisher dunkle Kammern der Seele. Nur andeutend kann der Gedankengang seines Vortrages wiedergegeben werden, in dem jedes Wort von Fülle des Lebens bebte. „Bei einem Volke“, führte Buber aus, „das, wie die Juden, des freien und vollständigen Lebens entbehrt, tut es not, sich auf das zu besinnen, wozu die Menschheit dieses Volkes bedurft hat. Dazu aber müssen wir auf den Grund des Problems tauchen, bis dahin, wo sich aus dem Widerspruch das Ewige gebiert. Das Urelement, die Grundform des Judentums, ist der Widerspruch, die innere Dualität, ln keinem anderen Volke stehen so wie im Judentum die schärfsten Gegensätze unmittelbar neben einander, in derselben Zeit, in demselben Menschen, ringt das Ja mit dem Nein. Ist diese Grundform aller psychischen Dynamik, die Erscheinung der Vielfältigkeit der Seele als Zweiheit, allen Menschen eigen, so ist sie doch nirgends so stark und beherrschend wie im Juden, hat sie doch nirgends etwas so Wunderbares geschaffen wie das Streben des Juden nach Einheit. Für den antiken Juden ist das objektive Dasein der Welt durchaus einheitlich, nicht wie bei den Persern aufgeteilt, sondern der Mensch ist — nicht aufgeteilt, sondern geschieden, gefallen. Das Gefühl der Erfahrung dieser Zweiheit und das Streben nach Einheit ist der Grundzug der ganzen biblischen Urkunde. Gott selbst war aus dem Streben nach Einheit hervorgegangen. Der Mensch hatte ihn nicht in Himmel und Erde erschaut, sondern ihn sich als Einheit über der eigenen Zweiheit, als das Heil über dem eigenen Leide erbaut. Der gläubige Jude erlöste sich in seinem Gotte von aller Dualität. Auch diese Idee der Erlösung ist wie die Idee der Zweiheit, die ihren unvergleichlich machtvollen und klaren Ausdruck im Mythus vom Sündenfall findet, eine jüdische Idee. Zur Erlösung der Welt hingewendet, hat sie das messianische Ideal, diese große jüdische Schöpfung, hervorgebracht. Eine noch" höhere Form nimmt dieser Gedanke in der jüdischen Mystik an: Die Erlösung Gottes zur Einheit durch die Einswerdung jeder Seele in sich. Was den Juden schöpferisch gemacht hat, ist sein Streben nach Einheit. Aus der Entzweiung des Ich nach Einheit strebend schuf er die Idee des Einheitsgottes, aus der Entzweiung der Menschengemeinschaft nach Einheit strebend schuf er die Idee der Allgerechtigkeit, aus der Entzweiung alles Lebendigen nach Einheit strebend schuf er die Idee der Alliebe, aus der Entzweiung der Welt nach Einheit strebend schuf er das messianische Ideal', das eine spätere Zeit, wieder unter Mithilfe der Juden, zum Sozialismus verendlicht hat. Das ist der Urprozeß der großen Juden: Das Einswerden der Seele; die schöpferischen Juden sind die Siege über die Dualität, in ihrem Leben, in ihrem Werk erlöste sich das Volk. j Einige Minuten später kam ein zweiter Junge, | wieder mit einer Schüssel Grütze und einem Stück Brot: ' »Reb Jossel schickt dem Schüler Frühstück!“ Doch der Schüler entfernt die Hände nicht vom Gesicht. Der Alte legte den Löffel weg und näherte sich dem jungen Mann. Eine Weile blickt er mit stolzer Liebe auf ihn. Dann hüllt er die Hände in den Rockschoß und berührt ihn an den Achseln. „Man hat dir Essen gebracht,“ — weckte er ihn mit freundlicher Stimme. Traurig und langsam ließ der Schüler die Hände vom Gesicht gleiten. Und das Antlitz war noch blasser geworden, die Augen flammten noch wilder. „Ich weiß, Rebbe!“ — erwiderte er. „Aber ich will heute nicht essen!“ „Der vierte Fasttag?“ — fragte der Alte verwundert, — „und ohne mich?“ fügte er wie vorwurfsvoll hinzu. „Es ist ein anderes Fasten“ — antwortet der Schüler — „ein Bussefasten.“ „Was sprichst du da? Du — und ein Bussefasten.“ „Ja, Rebbe! Ein Bussefasten ... Einen Augenblick früher, als ihr zu essen anfinget, hatte ich einen Gedanken ... das Gebot „du sollst nicht Gelüste tragen“ zu verletzen.“ *

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