Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG. sationen von selbst. Diese Notwendigkeit wird | zweifellos in Krakau ihre Lösung finden. | Eines muß schon jetzt nachdrücklich gesagt werden: DieKonferenz wi rd auf Grundlage deszionistischenWeltprogrammes tagen. Die Tendenz, die in der früheren Krakauer Beratung zutage trat, sogenannten Nationaljuden, die den Kongreßzionismus nicht anerkennen, Zutritt zu der Organisation zu verschaffen, oder überhaupt Elemente zuzulassen, die nur mit der nationaljüdischen Bewegung sympathisieren, ohne das jüdischnationale Programm zu unterschreiben, ist bei dieser Konferenz ausgeschlossen. Die Teilnehmer werden sich dessen bewußt sein, daß sie auf der Basis des zionistischen Weltprogrammes stehen, zu dessen Verwirklichung ja das politische Programm nur führen soll, daß es somit einen Gegensatz zwischen dem jüdischnationalen und dem zionistischen Weltprogramm nicht geben kann, sondern im Gegenteil, daß sich die beiden im strengsten Sinne des Wortes ergänzen. Auf der Konferenz wird auch die Frage des Parteiprogrammes kaum berührt werden. Man hat es auf der ersten Krakauer Tagung weitläufig besprochen und auf Grundlage des gewonnenen Materials wurde — wie gesagt — vom jüdischen Nationalvereine für Oesterreich ein eingehendes Programm verfaßt. Ich erachte es für unnötig, dieses Programm zu revidieren, da es in seinen Grundprinzipien der zionistischen Gesinnung und den separaten Bedürfnissen derjuden Oesterreichs vollkommen entspricht. Die Einzelfragen aber ergeben sich aus der jeweiligen Entwicklung der Verhältnisse und werden natürlich bei der Konferenz — insoferne sie die Allgemeinheit des Judentums tangieren — zur Erörterung gelangen. Es ist dies vor allem die Frage der Volkszählung, die Ende 1910 durchgeführt werden soll. Sie ist zweifellos die brennendste für die österreichischen Juden, weil ihr Ergebnis für die politische Entwicklung der Juden Oesterreichs im nächsten Jahrzehnt vorausbestimmend ist. Jede politische Forderung derjuden auf dem Gebiete des Schulwesens, die Berücksichtigung im staatlichen Voranschläge, die Beteiligung an den Repräsentationskörperschaften von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe und nicht zuletzt das Verhältnis zu den anderen Nationen werden davon abhängen, in welcher Stärke die Juden als Nationalität an dieser Volkszählung partizipieren werden. Zwar läßt sich in der Statistik aus der Rubrik „Konfession“ die Stärke der Judenschaft bemessen. Aber diese Rubrik wird nicht als Maßstab für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Betätigung einer Volksgruppe genommen. Im Gegenteil: durch Zuzählung zu anderen Nationen werden nur die bezüglichen Forderungen fremder Volksgruppen gestärkt, ohne daß den jüdischen Forderungen auf diesen Gebieten Rechnung getragen wird. Kabbalisten. Von J. L. Perez*) In schlechten Zeiten verliert auch die Lehre Gottes — bekanntlich die beste Ware — ihren Wert. Von der Laschtschiwer Jeschiwe**) sind nur mehr der Leiter, Reb Jekel, und ein einziger Schüler da. Der Leiter der Jeschiwe ist ein alter, dürrer Mann, mit langem, zerzaustem Bart und alten, erloschenen Augen. Lemech, sein geliebter Schüler, ist jung, ebenfalls dürr, ebenfalls hoch, blaß, mit schwarzen, gekräuselten Schläfenlocken, brennenden schwarzen, unterschlagenen Augen, heißen Lippen und zitterndem, spitzem Kehlkopf. Beide haben die Brust entblößt, sind ohne Hemden, in Lumpen. Der Leiter der Jeschiwe schleppt mit Mühe seine Bauernstiefel nach, dem Schüler fallen die Holzschuhe von den sockenlosen Füßen. Das war von der berühmten Jeschiwe übrig geblieben! Das verarmte Städchen hatte immer weniger *) Diese für die Begabung unseres ostjüdischen Dichters ungemein charakteristische Skizze entnehmen wir einer im „Jüdischen Verlag“, Köln erschienenen von Mathias A c h e r übertragenen Sammlung „Perez’schen Erzählungen“, die noch nicht genügend gewürdigt ist. **) Jeschiwo (jeschiwa). Höhere Talmudschule. Es ist nun wenig Hoffnung vorhanden, daß eine separate Rubrik „Nationalität“ in die Volkszählungsstatistik aufgenommen wird. Die Tschechen und Ruthenen fordern es zwar, aber nicht mit dem nötigen Nachdrucke, weil sie eben auch mit der Rubrik „Sprache“ ihr Auskommen finden. Auch die Staatsgewalt betrachtet diese Rubrik als genügendes Merkmal einer Nation. Aus gleichen Gründen darf man eine Umwandlung der Rubrik „Umgangssprache“ in „Muttersprache“ nicht erhoffen, denn Deutsche und Polen haben an der Beibehaltung der erwähnten Rubrik ein vitales Interesse. Erstere, weil dadurch viele Tschechen, die zu den Deutschen im Dienstverhältnis stehen, sich also der deutschen Umgangssprache befleißen müssen, trotz ihrer tschechischen Muttersprache sich als Deutsche erklären können, die letzteren, weil die Juden auf dieser Grundlage in Galizien zu den Polen gezählt werden. Der Schwerpunkt der ganzen Aktion wird sich also nicht im Parlamente befinden, sondern muß in das Volk selbst verlegt werden und die Konferenz wird Fürsorge tragen müssen, daß die Juden durch entsprechende Agitation dazu gebracht werden, in der Rubrik „Umgangssprache“ die „jüdische“ als die ihre anzugeben. Außerdem wird eine einheitliche Aktion in Sachen der Organisation der Kultusgemeinden besprochen werden müssen, ln der letzten Konferenz des „Jüdischen Klub“ mit dem Ministerpräsidenten Baron B i e n e r t h hatte der letztere folgerichtig auf unsere Beschwerde, daß das Judentum, insbesondere der jüdische Kultus im Budget nicht berücksichtigt werde, erklärt, daß keine Organisation der jüdischen Kultusgemeinden bestehe und demgemäß der Staat nicht in der Lage sei, zu beurteilen, welche Kultusgemeinde berechtigt ist, Forderungen im Namen des Judentums zu erheben oder welche Gemeinde speziell im Voranschläge zu berücksichtigen wäre. Der Ministerpräsident wies darauf hin, daß das Gesetz vom 23. Mai 1890 eine solche Organisation vorsehe und daß ihm die Schaffung derselben zweckmäßig erscheine. Nun muß man konstatieren, daß' die von der Wiener Kultusgemeinde in dieser Sache eingeleitete Aktion Schiffbruch erlitten hat. Es muß also die politische Organisation der Zionisten diese Frage in Angriff nehmen. Als wichtigste Angelegenheit von dauernder Bedeutung ist aber die Frage der Reichsorganisation, also die Frage der Zusammenfassung der bestehenden politischen Organisationen zu behandeln. Diese Organisation ist vor allem eine innere Notwendigkeit, um nämlich die in einem Lande entwickelten Kräfte auch den anderen Provinzen nutzbar zu machen, sie ist ferner wichtig für die Förderung der gemeinsamen Interessen der und weniger Essen geschickt, immer weniger „Täg“*) vergeben. So mußten sich die armen Jünger zerstreuen. Reb Jekel aber will hier sterben und sein Schüler ihm die Scherben auf die Augen legen**). Und auch sie beide leiden manchmal Hunger. Weil sie aber wenig essen, schlafen sie auch wenig. Und weil sie ganze Nächte nicht schlafen und nichts essen, kriegen sie Lust zur Kabbala. Wenn schon, denn schon. Wenn schon ganze Nächte gewacht und ganze Tage gehungert werden muß, so soll wenigstens etwas dabei herauskommen, so sollen es wenigstens Fasten mit asketischen Uebungen sein, so sollen sich wenigstens alle Tore der Welt der Geheimnisse, Geister und Engel auftun! Und sie treiben schon einige Zeit Kabbala. Jetzt sitzen sie am langen Tisch, sind ganz allein. Für jeden ist’s nach dem Mittag und vor dem Frühstück. Sie sind daran gewöhnt. Der Alte spricht mit verglasten Augen. Der Junge hört, den Kopf auf beide Hände gestützt, zu. „Davon gibt es“ — sagt der Alte — „viele Kategorien: Der eine versteht ein Stückchen Me- *) Die armen Talmudjünger leben von „Täg“- Essen, d. h. davon, daß sie an den verschiedenen Tagen der Woche nach einem bestimmten Turnus bei verschiedenen Bürgern der Stadt zu essen bekommen. **) Religiöser Brauch am Sterbebette. Seite 3 Juden in ganz Oesterreich und schließlich nölig, um die Wünsche des Volkes durch sein einziges Organ, den „jüdischen Klub“, zur Sprache bringen zu können. Andererseits muß auch ein Organ geschaffen werden, dem der „Jüdische Klub“ als Vertreter der ganzen österreichischen Judenschaft für seine Tätigkeit verantwortlich ist. Die Grundzüge dieser Gesaintorganisation werden wohl in der Konferenz selbst zur Sprache kommen müssen, da hier zwei Momente zu berücksichtigen sind: Einerseits muß der Gesamtwille der österreichischen Judenschaft zum richtigen Ausdrucke kommen, ohne anderseits die Autonomie und die Sonderbestrebungen der Juden in den einzelnen Ländern zu tangieren. Es ist unzweifelhaft, daß der jüdische Nationalverein für Oesterreich, der die Initiative zu der Konferenz gegeben hat, eine schwere Aufgabe auf sich nahm. Aber er handelte im Bewußtsein, eine Arbeit zu unternehmen, die sich aus der geschichtlichen Entwicklung ergibt und eine Grundlage für die politische Entwicklung der österreichischen Judenschaft zu bauen. Mögen die Teilnehmer an der Krakauer Konferenz — der schwierigen Aufgabe eingedenk — den guten Willen und die Opferfreudigkeit, welche diese Aufgabe erfordert, an den Tag legen. Palästinaarbeit und Palästinaagitation. Von Adolf Böhm, Wien, ln der letzten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ bat Dr. Sandler diese Fragen, die heute wohl die brennendsten in unserer Organisation sind, behandelt und Ansichten geäußert, die sich in vielen Punkten fast vollständig mit den meinen, wie ich sie auch am Parteitag äußerte, decken. Vor allem kann nicht oft genug betont werden, daß unsere Organisation in Palästina absolut nichts Wichtigeres zu tun hat, als e i n e n k räf t i ge n Ba u e rnstand zu schaffen, ohne den alles andere in die Luft gebaut ist. Nachdem die Agrarbank heute noch in weiter Feme steht, so kann unsere Kolonisation nur durch die PLDC. erfolgen. (Die Siedelungsgenossenschaft wird vorläufig erst versucht und kann noch nicht in Kalkül gezogen werden.) Die PLDC. muß, wie dies Ruppin vorgeschlagen hat und Dr. Sandler es neuerdings fordert, unbedingt zu einer Ansi ed el ungsgesellschaf t ausgebaut werden. Sie muß große Landstriche kaufen, sie in wirtschaftsfähigen Zustand bringen, parzellieren und an Reflektanten mit etwas Kapital abgeben. Bis zur völligen Abzahlung wird die Parzelle Eigentum der PLDC. bleiben, wodurch, wie schon Dr. Sandler ausführte, alle Schwierigkeiten des Hypothekenwesens ausgeschaltet werden. Das ist der klare Weg, den wir zu gehen haben. Meiner Ansicht nach bedürfte es zu dem Ausbau der PLDC. keines eigenen Kolonisationslodie, der zweite eine halbe, ein dritter eine ganze Melodie. — Der Rebbe*), sein Andenken zum Segen hat eine ganze Melodie verstanden, sogar mit einem Nachspiel! — leb,“ fügte er traurig hinzu, „bin kaum eines Endchens wert erachtet worden, nicht soviel . . “ Er maß daß Endchen an einem seiner dürren Finger ab, und dehnte weiter: „Es gibt eine Melodie mit Worten — eine gar niedrige Kategorie ... Es gibt eine höhere Kategorie: Eine Melodie, die sich selbs singt, ganz ohne Worte, — eine reine Melodie. Doch auch diese Melodie braucht noch eine Stimme, und Lippen, durch welche die Stimme hinausklingt! Und Lippen — verstehst du ja — sind doch Körperliches! Und die Stimme, wiewohl ein edleres Körperliches, Körperliches ist sie!“ „Nehmen wir an, daß die Stimme auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem steht.“ „Jedenfalls ist die Melodie, die sich in die Stimme kleidet, und von den Lippen abhängt, noch nicht rein, noch nicht ganz rein . . . noch kein wahrhaft Geistiges! . . .“ „Die wahre Molodie aber wird ganz ohne Stimme gesungen . . . singt sich inwendig, im Herzen, im Eingeweide!“ „Und das ist das Geheimnis von den Worten König Davids: „Alle meine Knochen sollen es *) Wunderrabbi.