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Jüdische Zeitung · 1910-04-22 · 16 (22.4.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 16 sind, feierte in seiner beispiellos dastehenden j Schaffung eines Krieger- und Tatvolkes aus einem | Haufen von nackengebogenen Bausklaven den höchsten Triumph. Moses ist nicht bloß eine Einzelperson, er ist das Sinnbild und die Inkarnation des jüdischen Volksgenius. * * * Der Name Moses birgt nicht nur den Glanz vergangener Zeit sondern auch strahlende Hoffnung auf. eine große Zukunft in sich. Der Name ist Erinnerung und Hoffnung zugleich. Denn die Tatsache, daß die Verehrung für diese Heroengestalt noch heute so wirksam in unserer Mitte ist, beweist, daß unser Volk noch Verständnis für innere Befreiung und Sehnsucht nach Freiheit hat. Man versteht aber bekanntlich nur, was in der eigenen Seele wohnt und ans Licht des Tages drängt Mosche Rabenu, der Mensch Mosche Rabenu, wäre nie Gegenstand unbedingter Liebe Jahrtausende hindurch gewesen, lebte in unserer Volksseele nicht ewig unvergängliche Sehnsucht nach Befreiung. Freilich änderte sich im Laufe der Zeit die Auffassung seines tiefinnersten Wesens. Einer Epoche erschien er vorwiegend als Wundertäter: das war wohl die traurigste Epoche; einer anderen galt er überdies als Prophet, sittlicher Verfall mußte mit seinem Wort bekämpft werden. In der traurigen Zeit des Mittelalters, da wir von Licht und Luft abgeschnitten waren und im Studium der Lehre unseren Lebensinhalt fanden, erkannte man in ihm den großen Lehrer und Wegweiser. Und heute, da er unserem Volke Jahrhunderte lang Wundertäter, Prophet und Lehrer gewesen, erkennen wir in ihm den großen Befreier. Immer neu ersteht er vor uns. Aus unserer Volksseele tiefsten Sehnsucht steigt sein Bild empor, so wie wir’s sehen und lieben möchten. * ♦ * Passah ist’s. Das Fest der Befreiung hält siegreichen Einzug. Da regt sich’s im alten Judenvolk. Sehnsucht lebt auf, Hoffnung füllt die Seelen. Und wenn Ihr alle am Sederabend vom Wunder des Auszuges lesen werdet, so möge Mosis, unseres großen Befreiers, hellglänzendes Bild vor Eurem geistigen Auge erscheinen, das Wunder Eurer inneren Befreiung vollbringen und Eurer Sehnsucht und Eurem Willen einen Weg weisen: Die Freiheit! M. Wald mann. Die Fleischtöpfe Ägyptens. Von Oberingenieur Josef Lau. Wem die kindlichen Erzählungen der Haggada schel Pessach keine Befriedigung mehr bieten, der forscht nach einem tieferen Gehalte unseres Frühjahrs-Wallfahrtsfestes oder wie wir heute sagen, nach den Ewigkeitswerten dieser Feier, ihren kulturellen Einwirkungen auf unser Volk, die wir nicht gern missen würden. Darin liegt ja für den denkenden Juden der unendliche Reiz seiner Sfammesgeschichte, daß sie ihm unaufhörlich Stoff zum Sichversenken in den Lauf der Jahrtausende bietet, daß staubt in ihre Stadt zurück. Wenige haben sie am Felde der Ehre verloren, die werden bald ersetzt. Aber einer wurde lebend gefangen! Alle wissen sie, was ihn erwartet. Noch zeitlich am Morgen, an der Stelle, wo es die ganze Stadt gut sehen kann, wird er ans Kreuz genagelt, zur Warnung für die anderen. Die schweren Widder, die Skorpione und Ballt— sten werden an die Mauern herangeschoben. Tag und Nacht hört man die dumpfen Erschütterungen, die das Anstoßen des Widders an die Mauer verursacht Den Ausfällen folgt Defensive von den Mauern aus, ein Hagel von Steinen, Feuerbränden und Maschinen und Menschen werden vernichtet Aber der schwerbewaffnete Römer, sieggewohnt, rührt sich nicht. Tag für Tag werden die gelichteten Reihen vollbesetzt Wieder wird einer von den Juden lebendig gefangen. Er wird auf die Folter gespannt, wird gepeitscht bis ihm das Fleisch von den Knochen hängt, aber er sagt nichts über die Verhältnisse in der Stadt aus. Und drinnen! Die Pest wütet, der Bürgerkrieg wütet! Die Hungersnot! Was ist Sterben gegen Hungern! Zu Tausenden treibt der Hunger die Bevölkerung zum Wahnsinn. Wenn die Römer von ihren Türmen über die Mauern schauen, sehen sie die Dächer vollbeladen mit Leichen von Verhungerten. Da fordert Titus wieder zur Ueberer also in seinem kurzen Dasein eine ozeangleiche Flut von Erlebnissen mitmacht. Während die sinnlichen Römer Brot und Zirkusspiele verlangten, erklärten unsere nur dem Idealen zugewendeten Weisen, daß ihnen Theater und Zirkus als gehaltlos verhaßt seien, wogegen sie die reichen schriftlichen Schätze der Vorfahren vollauf befriedigten. Dieser für den Stammescharakter sehr bezeichnende Ausspruch des Talmud wurde von den italienischen Lehrern mit vollem Rechte als eine Art Bekenntnis in ihr Gebetbuch aufgenommen und wird bis heute täglich aufgesagt. Ueberlassen wir also die Deutung aller Aeußerlichkeiten und Mythen dieses Festes den hiezu berufenen religiösen Führern des Volkes und forschen wir nach seinem nationalen Kerne. Pessach ist eines der drei Wallfahrtsfeste, die in der Vorzeit sicherlich eine nationale Eigenheit unseres Volkes bildeten. Diese Feste sind zweifellos Erinnerungen an das Wanderleben der Erzväter und die letzten Aeußerungen eines mächtigen Triebes unseres Stammes. Bei den mohammedanischen Völkern sehen wir diesen Brauch in noch weiter abgeschwächter Form bis heute erhalten, denn der Hadschi oder Mekkapilger ist ein Mann, der das Gebot des „chag“ — oder in der arabischen Aussprache „hadsch“ — wenigstens einmal im Leben erfüllt hat Bekanntlich können neue Religionen nur dann im Volke Wurzel fassen, wenn sie die wichtigsten alten Bräuche — wenn auch in abgeschwächter Form — beibehalten. So z. B. beobachten die orientalischen Christen zum Teile noch heute die Beschneidung und essen kein Schweinefleisch. Der alte Wandertrieb bewog also den jüdischen Landmann, sein Kulturzentrum Jerusalem, die schon den kanaanitischen Ureinwohnern wegen des in der großen Höhle . des Tempelberges scheinbar schwebenden großen Felsens heilige Stätte dreimal im Jahre aufzusuchen. Er tat es nicht gleichgiltig und stumpfsinnig, wie wir heute eine Eisenbahnfahrt zurücklegen, sondern singend und jubelnd und so entstanden im Laufe der Jahrhunderte die herrlichen Dichtungen, die wir in den Psalmen, als Schire hama’aloth (Wanderlieder) kennen. Daß dies keine rohen Kriegs- oder Trinklieder sind, beweist den hohen Grad der Gesittung unserer Ahnen vor mehr als zwei Jahrtausenden. Daß auch die Priester und Leviten durch eine nach Tausenden zählende Zuhörerschaft sich zu besonderen Leistungen angeregt fühlten, ist naheliegend und so mancher Psalm wird zur Erbauung und nach Umständen auch zum Tröste der Gemeinde bei solchen Gelegenheiten entstanden sein, wie ja die Psalmen überhaupt, in richtiger Anordnung und Auffassung, ein Bild der Schicksale Palästinas durch viele Jahrhunderte entrollen. Die systematische Darstellung dieser Entwicklung hat Renan in seiner „Geschichte des Volkes Israel“ in überzeugendster Weise durchgeführt. Auf diese Art haben die Wallfahrtsfeste das geistige Leben des Volkes in hohem Maße angeregt gäbe auf und Hohngelächter empfängt ihn von den Mauern. Wer in der Stadt nur die Neigung zeigt überzulaufen, wird niedergemacht. Die Gegensätze des Bürgerkrieges werden vergessen und gemeinsam geht es gegen den Feind. Aber der Hunger! Die ekelerregendsten Sachen sind auch schon fort Jetzt heißt es das Leben wagen. Tausende schleichen in der Nacht in die Schluchten vor den Mauern, um das verstaubte und verdorrte Gras zu sammeln. Titus erfährt es; jede Nacht werden die Sammler abgefangen und am Morgen vor der Mauer ans Kreuz geschlagen. So wächst ein Wald von Kreuzen vor der Stadt auf; immer größer wird die Zahl der Märtyrer, so daß, wie der jüdische Renegat Josefus Flavius sagt, keine Kreuze mehr für die Verurteilten und kein Platz mehr für Kreuze war. Doch hart und stark bleiben die Menschen in Jerusalem. Die Widder arbeiten unverdrossen weiter, wieder und wieder stößt der eherne Kopf gegen die gleiche Stelle — gutta petram cavat — und die riesigen Mauern müssen nachgeben. Da fällt ein Widderkopf von einer Maschine ab. Ein junger Jude springt von der Mauer herab, ergreift den Kopf und klettert triumphierend wieder auf die Mauer; da treffen ihn die feindlichen Pfeile und tot stürzt er in die feindlichen Reihen hinunter . . . und dichterischen Talenten Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Anlagen gegeben, denn soviel ist sicher, daß die Psalmen ebenso wie Koheieth (die Sammlung) Werke des ganzen Volkes, nicht eines Einzelnen sind. Speziell das Wanderfest des Wüsten- oder Leidensbrotes (lachma anja) hat für uns Zionisten eine geradezu symbolische Bedeutung, denn es ist der Gegensatz zu den unglückseligen Fleischtöpfen Aegyptens, die alle unsere Schritte und Bestrebungen hemmen. Unsere Vorfahren haben das üppige Aegypten verlassen, um frei zu sein von bedrückenden Gesetzen, die ihr und ihrer Kinder Lebensglück bedrohten, und gegen die unfruchtbare Wüste eingetauscht, bloß in der beglückenden Hoffnung, dereinst nach eigenen Bedürfnissen ruhig zu leben und nicht für die wahnsinnigen Ideen ehrgeiziger Pharaonen ihr Menschentum zu opfern und aus sich willenlose Maschinen des Pyramidenbaues machen zu lassen. Das alte Rom hat den Versuch der Pharaonen erneuert, das moderne lockt uns wieder, mit ägyptischen Fleischtöpfen, um unsere Familien zu zersetzen, die Kinder ihren Eltern zu entreißen, um ihnen dann eine schandvolle Abkunft vorzuhalten und sie zu vernichten. Unsere Aufgabe ist es also, vor den römisch-ägyptischen Fleischtöpfen zu warnen. Eine politische Parteikonferenz. Von Reichsratsabg. Dr. Heinrich Gabel. De.r jüdische Nationalverein für 'Oesterreich, das zionistische Zentralkomitee in Lemberg, die jüdischen Organisationen in der Bukowina und der Jüdisch-politische Verein in Prag haben ihre Zustimmung zur Einberufung einer politischen Parteikonferenz gegeben. Hiemit ist auf dem Wege der Entwicklung des nationaljüdischen politischen Gedankens in Oesterreich ein bedeutsamer Schritt nach vorwärts zu verzeichnen. Die Konferenz, die am 15. und 16. Mai in Krakau Zusammentritt, wird vertraulich tagen. Zweifellos, ist schon die Tatsache ihrer Einberufung sympathisch zu begrüßen. Seit der jüngsten Krakauer Tagung, die vor vier Jahren stattfand, ist in Bezug auf die politische Zusammenfassung kein Fortschritt zu verzeichnen. Und doch haben sich die einzelnen politischen Organisationen in der Zwischenzeit entwickelt: In der Bukowina entstand eine Reihe von politischen Nationalvereinen, in Galizien führte das zionistische Zentralkomitee (das gleichzeitig die zentrale Stelle für politische Betätigung bildet) einen erfolgreichen Kampf bei den Reichsratswahlen durch, der jüdische Nationalverein in Wien entfaltet eine rege Tätigkeit und arbeitete ein detailliertes Parteiprogramm aus und selbst in Böhmen hielt unser politischer Gedanke durch die Gründung des jüdisch-politischen Vereines seinen Einzug. Es ergibt sich also in diesem Stadium der Entwicklung die Notwendigkeit der Zusammenfassung aller Organi- Die erste Mauer wird erstürmt, die zweite. Um die ganze Mauer ist ein Wall gebaut, um jede Flucht unmöglich zu machen. Da schickt Titus seinen Vertrauten, unseren traurigen Stammesgenossen und fordert die Stadt zur Uebergabe auf. Aber Hohngelächter und ein Stein- und Pfeilhagel empfängt ihn von der Mauer her. Die Wut des Feindes ist ungeheuer. Mit ungestümer Kraft bricht sie die Hindernisse nieder, die Juden, mit der Waghalsigkeit der Verzweifelten, mit dem Wahne der fast Verhungerten, stürzen sich ihnen entgegen und sie fallen wie die verdorrten Aehren. Die alten Judenhasser, die Syrer, wüten und mancher Brand ward im Blute der Juden erstickt. Fast keiner entkommt, der Tempel mit der Stadt brennt nieder, die Stadtmauern werden der Erde gleich gemacht. Nichts blieb von der herrlichen, mutigen Hauptstadt des jüdischen Reiches. Nur die drei Türme: Phasael, Mariamne und Antrica blieben stehen, um der Nachwelt zu zeigen, wie stark die Stadt einst war, die die Römer geschleift haben und um dem Wanderer zu sagen, daß hier Juden lebten, die nicht um Gnade bettelten, sondern bis auf den Letzten den Heldentot gestorben sind.

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