Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDElHE ZBTUNG hxhk nrtidnrl -judgehes drgrn . ys.-v. wfmUUm BBBBBBBBBB B fl 1 H 9 H 1 B B fl B fl fl HB»HB Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Alk. 3.—. Für das übrige *’#**#*-äf******4f"sf Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. x- *■ xx- Xx-xx- X- X-x- -» xx-•» Nr. 16. Wien, Freitag den 22. April 1910. IV. Jahrgang. Passah-Fest-Nummer Frühlingssonnenwende! Aus einer spanischen Hagadah des fünfzehnten Jahrhunderts grüßt uns eine köstlich-plumpe Zeichnung: ln den vier Ecken des Blattes — also gleichsam in den vier Himmelsrichtungen — sitzen Knäblein und stoßen mit vollen Backen in mächtige Posaunen, die wohl dreimal so lang sind, wie die kleinen Bläser selbst. Gegen eine riesige, gar wunderlich ziselierte Sederschüssel richten sie ihr Instrument. Ein drolliges Musikantenquintett — Zimbel, Fiedel, Guitarre, Dudelsack und Schlagwerk — begleitet den schmetternden Posaunenchor. Mit solch starken Akkorden der Freude seist du uns gegrüßt, du unvergleichliches Fest der Frühlingssonnenwende! Als noch das Gesetz ein Friedhof war, von geknickten Grabhütern bewacht, warst ■du, Schutznacht, mit-deiner-glühenden Sehnsucht nach Freiheit ein täuschender Zauberspuk, der höhnend in die graue Enge der Gasse hineinieuchtete. Seit uns aber aus den Blättern der Hagadah das Leben quillt, seit neben das unfruchtbare Ghettospiel von Frage und Antwort d i e T a t gesetzt ward, haben sich dem Epigonen alle deine märchenhaften, weinseligen, von Kinderliedern durchleuchteten Wunder entschleiert. Nun ist uns jede Sedernacht ausgezeichnet vor den vorangegangenen Sedernächten, weil indes ein neues Stück harten Heimatbodens umgepflügt ward und weil sie uns mit Liedern und Becherklang in einen neuen Morgen beglückender Arbeit geleitet. Erster Sterbetag. Von Theodor Zlocisti. Aus „Heimweg“, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. Wenn meine Hoffnung von mir zöge Auf Zions Wiederaufersteh’n Und meine Sehnsucht sich verflöge Nach meiner Stadt, Jerusalem. Nach Eurem Frieden, Heimatschollen, Nach meinem stillen, träumevollen, Verwaisten, armen Vaterland . . . Wenn diese Hoffnung mir verschwebte, Die sonnetrunken in mir lag, Ich wäre tot . . . auch wenn ich lebte! Es wär mein erster Sterbetag ... Ich würde mein Gewand zerreißen, - Mit Tränen netzen, schmerzensheißen, Mich Armen, dem ein Leben schwand. Hätt’ ich dann sieben Tage trauernd Und sieben Male, Nacht um Nacht, Das Haar beascht, am Boden kauernd, Die schwarzen Stunden hingebracht, Dann wollt’ ich in den Tempel schleichen Und meinen ersten Tod beklagen; Mit leisen Lippen, leidesbleichen, Nach mir selber Kaddisch sagen! Wegverlorene, kommt zu uns und feiert mit! Gastlich weit sind die Türen geöffnet. Der rosige Schimmer, der die ureigene Schönheit des Passahmahjes verklärt, wird Euer einsames Herz erlösen und Eure Kraft entfesseln. Und über Zeit und Raum schlägt das heilige Feuer herüber, das aus dem Dornbusch des Herrn flammte, und jätet das Unkraut aus der Brust, das Euch kranke Väter eingepflanzt haben. Morgen aber werdet Ihr mit uns weiterschaffen. A. Moses. Als vor tausenden Jahren das jüdische Volk in dunkler Nacht aus Mizraim zog, da gab es hunderttausende von äußerlich und einen innerlich ■Befreiten, den Befreier '-M-o-ae s. Und am dieses Einen willen hat es sich, verlohnt von unserer Befreiung aus dem Sklavenjoch zu erzählen und den Jahrtausenden zu künden, daß einst ein Volk in Knechtschaft gelebt, aus der es hinausgeführt wurde von einem Heros, dessen Blick das gesamte Leben umspannte und bis in die fernsten Zeiten drang, dessen Geist ein ehernes Gesetz schuf, bestimmt die tausend Gegensätze innerhalb eines gesamten Volkslebens zu einem Ziele zu einen. Das Wunder des Auszuges, die Tatsache, daß in jener Zeit ein Volk, das schier ewig lebt, zum erstenmale in die Geschichte der Welt trat, wird überstrahlt von dem Bilde dieses ungeheuren, gigantischen Mannes, welcher Heerführer, Politiker, Prophet und Gesetzgeber war. Kein Volk der Welt kann sich rühmen, aus seinem Schoße eine derartig gewaltige Gestalt hervorgebracht zu haben. Was vollbrachten ein Einst. . . Von Max Arminski. Das Passahfest ist vor der Türe und ganz Judäa auf dem Wege nach Jerusalem. Kinder und Frauen, Greise und Jünglinge wandern in die heilige Stadt zum Opferaltar. Das Fest und die Reise nehmen wohl eine geraume Zeit in Anspruch, daher bildet jede Familie eine kleine Karawane. Es sind da Reittiere und Schafe für das Opfer und für Proviant, Lasttiere für die Zelte und Wirtschaftsgegenstände, Mütter mit ihren Säuglingen, Väter mit Kindern und Kindeskindern. So kommen sie aus allen Himmelsrichtungen, ungezählte Tausende, jedes Jahr. Und wenn die Sonne aufgeht und sie nach ermüdender Wanderschaft die Zinnen der Hauptstadt erblicken, wenn ihnen von der Ferne die Türme Phasael und Mariamne, Denkmale des verrückten Herodes winken, und der kolossale Bau des Tempels, Ehrfurcht erzwingend von Freund und Feind, ein Wunder an Pracht und Größe — da geht ein suggestiver Schauer durch die Tausende, und Jung und Alt verneigt sich vor dem uneinnehmbaren Horte Israels, der Veste, die der Einzige, Ewige durch seine Anwesenheit heiligt. Unter dem Schreien der Treiber, Weinen der Kinder und enormer Staubentwicklung wandern die Alexander, Hannibal und Cäsar? Sie führten Kriege und eroberten die Welt. Ihr Wirken aber ist uns nur aus der Geschichte bekannt und kein iebender Hauch weht aus ihren Taten bis auf den heutigen Tag. Die Gestalt Mosis aber, das Wort seines Mundes, das Werk seiner Hände: ein ganzes Volk, ist heute noch lebendig und wirkt Wunder. Denn ist es kein Wunder, daß die ganze gesittete Menschheit jene Gesetze als Richtschnur ihres Handelns anerkennt, die der einsame Wüstenhirte Moses in schwerem Ringen mit der damaligen Weltanschauung schuf und sie einem armen Volke als Erbteil gab? Ist es kein Wunder, daß jenes Volk von Sklaven, dem Moses seinen Geist einhauchte, bis auf den heutigen Tag lebt und unverwüstlich dasteht an Lebenskraft und Schöpferstärke? Ist es kein größeres Wunder als die Unterjochung Asiens durch Alexander, oder Hannibals Uebergang über die Alpen? * * 4i Thomas Carlyle hat nachgewiesen, daß die Menschen jedes große Geschehen an einen einzigen Namen binden und es in ihm personifizieren. Es ist also natürlich, daß wir unsere Volkswerdung und nationale Befreiung mit dein Namen Moses verknüpfen und durch diesen Namen auszudrüeken und zu erklären versuchen. Denn Moses war der vollkommenste und bewußteste Ausdruck des jüdischen Volksgenius in den Tagen der Befreiung aus Egypten. In seiner Vielseitigkeit schloß er in vollendetster Weise die hervorstechendsten Anlagen des jüdischen Volkes ein. Das gesamte Ethos und Pathos unseres Stammes erreichte in ihm, dem Ethiker und Propheten, den höchsten Grad. Die unverwüstliche Energie unserer Art lebte in ihm am kozentriertesten. Die Allgewalt des jüdischen All-Eins- und Ewigkeitsbewußtseins widerspiegelt sich in seinen Reden und Taten. Die Zielstrebigkeit der jüdischen Rasse, deren Schöpfungen vom Hauch der Jahrtausende umwittert Scharen durch die Riesentore der Stadt. Heuer ist ein besonderes Jahr. Am Himmel ist schon seit langer Zeit ein Stern mit einem langen Stil zu sehen und vor nicht langer Zeit sah man in der Luft fremde Städte mit Menschen und Tiergestalten, die ebenso rasch verschwanden, als sie erschienen waren. Aber das ist nicht alles. Das erzerne Riesentor des Tempels, das sonst kaum von 20 Menschen bewegt werden konnte, hat sich in der Nacht von selbst geöffnet . . . Und der Römer wütet in den Provinzen, zerstört eine Stadt nach der anderen. Aber an Jerusalem wird er sich nicht wagen. Jehova wird seine Stadt schützen! Und kraftstrotzend und mutig ist die Jugend, erprobt in Krieg und Frieden. Aber trotzdem die Priester die Himmelszeichen in gutem Sinne gedeutet haben, liegt etwas in der Luft, ein Albdrücken, und immer mehr und mehr sammeln sie sich, die Stadt ist überfüllt, die Gesamtmenge übersteigt schon Millionen und noch immer währt der Zuzug. — Da erscheint Titus mit seinem Heere vor den Mauern Jerusalems und fordert zur Uebergabe auf. Hohngelächter empfängt ihn von den Mauern. Mit übermenschlicher Kraft stürzen sich die jüdischen Kämpfer auf die Feinde und metzeln nieder, was ihnen in den Weg kommt; der Kampf dauert bis zur hereinbrechenden Dunkelheit, dann ziehen sie sich blutrauchend und ver- . V* *-''/• \