Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 15 Seite 5 wenn man ihr zumutet, die Gemeindeherrschaft mit unter ihr stehenden Schichten zu teilen; hinwieder sei es recht fraglich, ob die Wähler, denen wir zum Wahlrecht vcjhelfen wollen, auch wirklich für uns stimmen werden. Darauf sei erwidert, daß es bis nun den Zionisten als Ruhmestitel galt, sich stets nach prinzipiellen Gesichtspunkten zu richten und die Taktik nur als untergeordnete Dienerin der Prinzipien zu dulden. Der hohe Parteitag wird zu entscheiden haben, ob es bei dieser von mir wärmster.s geteilten Auffassung verbleiben soll. Die Frage, ob sich jemand zum allgemeinen gleichen Kultuswahlrecht bekennt, ist für mich der Prüfstein, ob ich ihn als vollgültigen Zionisten werten kann. Denn der Zionist muß wissen, daß unser Volk inmitten der uns auslaugenden Nationalkulturen einen Verzweiflungskampf um sein Leben führt und daß in dieser Todesnot die letzte Kraft aus uns herausgeholt werden muß. Und jeder Jude, dessen Interesse an jüdischen Angelegenheiten durch Verleihung des Wahlrechtes geweckt oder belebt wird, ist ein Stück dieser Kraft. Darum hat der Zionismus auch das Wahlrecht zum Kongreß, der doch unsere Partei mit allen ihren, heute schon nach Millionen zählenden Finanzmitteln beherrscht, nur an die Zahlung des Schekels geknüpft, einer so kleinen Geldeinheit, daß diese Leistung sich mehr als symbolischer Akt darstellt. (Fortsetzung folgt.) Getaufte Kandidaten im I. Bezirk. Am 12. d. M. fand im Saale des Hotel de France die öffentliche Wählerversammlung des ersten Wahlkörpers des I. Bezirkes statt. Sie war zum größten Teile von getauften Juden, die man aus allen Bezirken zusammengetrommelt hatte, außerdem von einigen Wählern der Inneren Stadt besucht. Galt es doch, dieser zu 70 Prozent aus Juden bestehenden Wählerschaft als Kandidaten zwei getaufte Juden und einen Wähler Bielohlaweks aufzu—präsentieren. Mit Rücksicht auf diese Sensation waren natürlich die umfassendsten Vorkehrungen getroffen worden. Ungefähr ein Drittel der Versammelten fungierten als Ordner und waren zu diesem Zwecke besonders trainiert worden. „Wenn’s jüdischklerikal seid’s, geht’s nach Jerusalöm“ riefen die von fortschreitendem Liberalismus befallenen Arier in Weaner Mundart und die getauften Juden in mauschelndem Tone. Schon die Enunziation der Kandidaten, auf die sich das Wahlkomitee „geeinigt“ hatte, rief stürmischen Widerspruch hervor. Diese Opposition richtete sich gegen die Zusammensetzung des Komitees, in welchem derjenige als Kandidat gewählt wurde, der sich die meisten Freunde mitgebracht hatte. Dann hielten die Kandi- . daten ihre Ansprachen, von denen inhaltlich nur diejenigen der Herren Prof. Klaudy, Dr. Hein und Dr Mittler in Betracht kommen. Der nächste Punkt der Tagesordnung, „Interpellationen“, brachte erst Stimmung in die Sache. Herr Hofbauer interpellierte die Renegaten betreffs ihrer Taufe und bekämpfte deren Aufstellung als Kandidaten vom religiösen Standpunkte aus. Herr Dr. Lifczis bemerkte, daß Dr. Neumann zwischen dem Beschneider der Kultusgemeinde und dem Taufpriester vermittelt hat. Zu einer Zeit, da die jüdischnationalen Studenten sich in der Aula jeden Fußbreit mit ihrem Blute erkämpfen mußten, erschien Herr Neumann eines Tages in der Universität als gewordener Goj. Man solle lieber sieben Arier, als einen getauften Juden aufstellen. Die Ausführungen der oppositionellen Redner entfesselten bei den jüdischen Wählern lebhaften Beifall und bei der liberalen Clique und deren Claque stürmischen Widerspruch. Aus letzterem Grunde war es auch technisch nicht möglich, den prinzipiellen Standpunkt der Jüdischnationalen zu betonen. Sonst hätte gesagt werden müssen, daß es doch unglaublich ist, daß die „Liberalen“ den Juden nicht einmal so viel Freiheit einräumen, daß 70 Perzent jüdischer Wähler das Recht haben, von anderen, als Renegaten und Wählern Bielohlaweks vertreten zu werden. Es hätte weiter gesagt werden müssen, daß es zumindest unerhört ist, wenn ein Komitee, dem der Vizepräsident der „Israelitishen (!) Union“ kais. Rat Anninger und der Kultusvorsteher (sic!) Dr. I. Samuely, Macher der „Benei Brith,“ es wagt einer zwei Drittel Mehrheit von Juden eine derartige Kandidatenliste zu präsentieren. Allerdings ist es dem Komitee unter Mitwirkung dieser zwei Repräsentanten des Judentums zu danken, daß ein Kompromiß zwischen den „Fortschrittsfreunden“ und den „Deutschdemokraten“ zustandegekommen ist. Sehr wertvoll für die Juden, speziell der Inneren Stadt! Aber eine derartige Beleidigung der Juden nicht nur des I. Bezirkes, sondern aller 21 Bezirke hintanzuhalten, haben diese würdigen Vertreter jüdischer Interessen nicht vermocht. Wir werden Gelegenheit haben, uns mit diesen Herren wieder zu befassen. Volkswirtschaft. Judaismus und Kapitalismus. (Schluß.) Der frühere Vertrauensmann der Firma, der langjährige Direktor der Südbahn, Bontoux, hat den Keim zu den unglücklichen Verhältnissen dieser Gesellschaft gelegt und die Weltfirma hat dadurch diese an und für sich glänzende Unternehmung leider in eine sehr prekäre Situation gebracht. Man schreibt heute die mißliche Lage der Südbahn der seinerzeit stattgefundenen Ueberkapitalisierung zu. Damals wurden 3 Perzent Obligationen emittiert, wobei die Südbahn nur 50 oder 60 Perzent des Nominalwertes als Erlös erhalten hat, welche sie nun zum vollen Nennwert zurückbezahlen muß. Der Kursverlust, den das österreichische und ungarische Netz durch diese Finanzierung erlitten hat, beläuft sich auf nicht weniger als 650 Millionen Kronen, d. h. die Südbahngesellschaft hat. Obligationen und Aktien im ungefähren Betrage von 1370 Millionen Kronen für diese beiden Bahnnetze aufgenommen und dafür nur 720 Millionen bar erhalten. Man darf jedoch nicht übersehen, daß dieses Kapital nur mit 3, bezw. 2 6 Perzent verzinslich ist und daß dieser Kapitalsverlust zum großen Teil kompensiert wird durch die billige Verzinsung. Man darf jedoch nicht übersehen, daß das Netz der Gesellschaft weit unter seinem Werte angekauft wurde; außerdem ist zu berücksichtigen, daß zu jener Zeit diese Art von Finanzierung besonders in Frankreich üblich war. Der französische Staat hat bis zum heutigen Tage alle seine Anleihen zu demselben Zinsfüße kontrahiert (3 Perzent) und der selige Kaiser Napoleon hat in der Zeit seiner größten Macht und im Glanze seines Reiches es nie dazu gebracht, den Kurs der 3perzentigen französischen Renten auf den Kurs von 70 Perzent zu bringen. Am allerwenigsten aber war der Kurs einer solchen 3perzentigen Obligation höher anzubringen als im Jahre 1859 und den folgenden Jahren die Südbahn gegründet wurde. Was also das Kapitel der Ueberkapitalisierung anbetrifft, so ist dieselbe durchaus nicht der Grund ihrer jetzigen prekären Lage. Wir behaupten dies obwohl die allgemeine Meinung anderer Ansicht ist und wollen dies mit einem Beispiel belegen. Bei der ausgebauten Linie der Südbahn stellt sich der Kilometer der Bahnstrecke mit Berücksichtigung des enormen Kursverlustes doch nur auf rund 603.000 Kronen, welches Kapital zur Verzinsung und Tilgung zusammen kaum 3'/= Perzent beansprucht. Das macht also pro Kilometer jährlich 21.105 Kronen für Verzinsung und Tilgung. Berücksichtigt man jedoch, daß mit diesem Anlagekapital auch das Aktienkapital im gegenwärtigem Stande von346Mi!lionen mitinbegriffen ist, welches bekanntlich seit Jahren nicht verzinst wird, so stellt sich der Kilometer auf rund 475.000 Kronen und die Verzinsung und Amortisation hiefür ungefähr auf 16.270 Kronen jährlich. Wenn man heute die Südbahn bauen würde, so würde sie kaum zu diesem Preise zu erstellen sein. Als Gegenbeispiel führen wir das Netz der badischen Staatsbahn an, dasselbe kostet rund 442.000 Mark pro Kilometer, das sind ungefähr 520.000 Kronen. Die Amortisation und Verzinsung stellt sich doch mindestens auf 4V» Perzent, das macht jährlich pro Kilometer mindestens 22.100 Kronen gegenüber denjenigen der Südbahn im hier ausgewiesenen Betrage von 16.270 Kronen. Die Südbahn hat eine kilometrische Einnahme von nahezu 70.000 Kronen und erhält außerdem noch von der österreichisch-ungarischen Regierung eine Beitragsleistung von rund 2,100.000 Kronen jährlich. Sie steht also wesentlich günstiger als die badischen Staatsbahnen. Die Ueberkapitalisierung allein kann also nicht die Ursache der prekären Lage der Südbahn sein, auch nicht die Betriebseinnahmen, welche wesentlich höher sind als diejenigen der badischen Staatsbahnen. Eine Ursache der schlechten Lage der Unternehmung sind die enormen Steuern, welche nahezu 5000 Kronen pro Kilometer ausmachen. Die Hauptsache aber ist und bleibt leider die viel zu kostspielige ungeschäftsmäßige Verwaltung des Unternehmens. Diese Umstände haben einsichtige Leute schon längst eingesehen und es bildete sich eine Opposition, deren Ziel es war, der Südbahn eine andere Verwaltung zu geben, bezw. die Verwaltung zu veranlassen, Personen heranzuziehen, welche mit kaufmännischem Geschick und finanziellen Talenten ausgestattet, und durch geeignete Maßnahmen in der Verwaltung die Erträgnisse des Unternehmens zu bessern. Diese Opposition, welche seinerzeit ihre Stütze fand in der Deutschen Bank in Berlin, hatte auch einigen Erfolg und es gelang ihr, in der letzten Generalversammlung bereits die Majorität zu erlangen. Inzwischen aber hatten sich durch Vertrauensmißbrauch Leute in dieser Opposition breit gemacht, welche weder das Verständnis noch die nötige Zuverlässigkeit, besonders aber nicht die nötige Festigkeit gegenüber den leitenden Finanzkreisen und der Regierung besaßen, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Anstatt durch Hebung des Verkehres einerseits und vernünftige Reduktion anderseits das Unternehmen zu sanieren, werden allerlei Projekte ausgeheckt, welche leider das Unternehmen in eine immer mißlichere Lage bringen. Der eine Weg zur Sanierung war die Erhöhung der Personen- und Frachtentarife. Das ist immer eine zweischneidige Maßregel, welche vielleicht im Moment einen Erfolg hat, aber auf die Dauer die Verkehrsentwicklung hemmt und dadurch die Leistungsfähigkeit des Unternehmens vermindert. Anderseits geht das ganze Bestreben dahin, die Gläubiger, d. h. die Besitzer von Prioritäten zu verkürzen. Nebenher laufen Packeleien mit der Regierung, welche zwar heute nicht bekannt sind, aber immerhin darauf abzielen, das Kapitalistenpublikum, in erster Linie die Prioritätengläubiger zu verkürzen und damit den Kredit c'es Unternehmens und der ganzen österreichischen Finanzwirtschaft zu schädigen. Hier zeigt sich also wieder die unglückliche Hand bei der Wahl der Vertrauensmänner, aber nicht nur von Seite des Hauses Rothschild, sondern weitaus mehr von Seite der deutschen Gruppe unter Führung der Deutschen Bank. Dieselbe will nunmehr, wie es heißt, in die Verwaltung der Südbahn eintreten. Als Vertrauensmann haben sich die beiden Gruppen eine Persönlichkeit in Wien ausersehen, welche zu jener Zahl von reformierten Juden gehört, welche wir oben geschildert haben. So geht nun dieses glänzende Unternehmen einer sehr traurigen Zukunft entgegen und daß dabei wieder ein Abtrünniger als Vertrauensmann der Finanzwelt mitwirkt, ist vielleicht nicht die Ursache, aber doch eine bemerkenswerte Begleiterscheinung. Generalversammlung des galizischen Hilfsvereines. Am 10. d. M. fand die Generalversammlung des „Hilfsvereines für die notleidenden Juden in Galizien“ statt. Präsident Mayer teilte mit, das Vizepräsident Pick sein Mandat niedergelegt habe. An den Bericht des Sekretärs, Herrn Dr. Löwy, der genehmigend zur Kenntnis genommen wurde, knüpfte sich eine interessante Diskussion. Zuerst sprach das Mitglied des reichsrätlichen „Jüdischen Kulb“, Abg. Dr. Gabel. Er findet die Tätigkeit des Vereines im Allgemeinen zufriedenstellend. Insbesondere in Bezug aui die Heranziehung der Mädchen zur Heimindustrie sei Dankenswertes