Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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F Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 15 hat unter anderen folgende Kandidaten aufgestellt: Dr. N e u m a n n (getauft), Dr. Fürth (aus dem Judentume ausgetreten) und den Antisemiten Otto Maas, der selbst erklärt hat, Bielohlawek gewählt zu haben. Herr kais. Rat Anninger bringt dieses würdige Angebinde der „Union“, der er präsidiert, zum bevorstehenden Jubiläum dar und daß Se. Lächerlichkeit Herr Kuranda einen waschechten Antisemiten zum Kandidaten nominiert, war gerade noch notwendig um sein politisches Portrait zu vervoilkommen. Nur so weiter, ihr Herren! Vielleicht werden die Juden doch endlich zur/Besinnung kommen und euch endlich zum Tempel hinausjagen! ♦ * * Von den Landtagswahlen in der Bukowina. Noch ist die Wablreform für den Bukowinaer Landtag nicht sanktioniert und schon gährt es, schon wird die Wahlkampagne eingeleitet. Die Juden erhalten bekanntlich 7 Volksmandate und 2 Mandate aus dem Großgrundbesitze. Die Leitung der jüdischen Nationalpartei wird von Czemowitz aus die ganze Wahlkampagne leiten. Die einzelnen Gemeinwesen, respektive Kultusgemeinden und Nationalvereine werden kurz nach Ausschreibung der Wahlen in Czemowitz zu einem Parteitage zusammentreten, um über die Kandidatenfragen zu entscheiden. Voraussichtlich wird später ein Statut einer Gesamtorganisation der Bukowinaer Judenschaft geschaffen werden, nach welchem eine Art parlamentarischer Körperschaft, die aus den Abgeordneten, den Delegierten der Kultusgemeinden, Nationalvereinen etc. bestehen und nach Bedarf — zumindestens aber alljährlich — zusammentreten wird, um einerseits den sonst üblichen Parteitag abzulösen, andererseits eine stabile Kontrolle hinsichtlich der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Tätigkeit zu bilden. Selbstverständlich wird dann auch eine Exekutive geschaffen werden, die über einzelne laufende Fragen zu entscheiden und außerdem verschiedene Entwürfe und Vorlagen auszuarbeiten haben wird. Unter anderem soll ein Kommunalprogramm, das bis jetzt fehlt, und ein Kultusgemeindepro gramm entworfen werden. Eine zielbewußte Leitung wird in Hinkunft sämtliche Kultus- und Gemeindewahlen unter Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse dirigieren müssen. Denn darüber ist man sich in führenden Kreisen einig, daß nur eine feste und stramme Organisation der Bukowinaer Judenschaft das bringen wird, was sie schon lange erhofft: Achtung, Einigkeit und Schutz. * * Der Antisemitismus in Kroatien. Die christlichsoziale Bewegung hat längst die Leitha überschritten und in Ungarn Wurzel gefaßt Allmählig gewinnt sie nun auch in Kroatien an Boden, wie die am 7. April erfolgte Konstituierung des „Kroatischen katholischen Nationalverband“ in Agram beweist. Als sein Zweck wurde vom Referenten die Arbeit für den kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritt der kroatischen Nation auf Grundlage der katholischen Prinzipien hingestellt. Die verarmte Bauernschaft müsse aus den Händen der jüdischkapitalistischen Ausbeuter gerettet werden. In diesem Sinne wolle der neue Verein dem katholischen Volke mit Rat und Tat beistehen. Die christlichsoziale Tendenz dieser „nichtpolitischen“ Organisation ist also ersichtlich. — Sympthomatisch ist auch, daß die Konstituierung der kroatischen Christlichsozialen 2 Tage nach Anwesenheit der Abg. Dr. G e ß m a n n in Agram und kurze Zeit nach Bildung der tschechischen und magyarischen Christlichsozialen erfolgte. Sollten alle diese Parteibildungen in gar keinem Zusammenhänge stehen? Das ist wohl kaum anzunehmen! Sie sind vielmehr von langer Hand vorbereitet für den Moment des Zusammenbruches des alten Parteiwesens in Böhmen, Ungarn und Kroatien. Und dieser Moment naht mit Riesenschritten heran. Die Jungtschechen, sowie die tschechischen Nationalsozialen krachen in allen Fugen und verlieren täglich ebenso an Anhängern, wie die ehemaligen Fraktionen der magyarischen Koalition. Um nicht deren Schicksal zu teilen, hat die serbo-kroatische Koalition Frieden mit dem neuen Banus Tpmasic gemacht und hat sich dadurch eine Galgenfrist gesichert. Ihr Zusammenbruch ist natürlich nicht aufzuhalten. Dieses Los wird sie allerallerdings mit allen übrigen kroatischen Parteien teilen, die ohne Ausnahme innerlich zerfallen vom Antisemitismus angekränkelt, ihrer Auflösung entgegengehen. Die kroatischen Juden aber haben von keiner etwas zu hoffen. Sie mögen daher ja nicht in diesen vielfach auf Strebertum und Cliqueninteressen zurückzuführenden korrupten politischen Kämpfen Partei ergreifen. * * * Taft und die Juden. Der Präsident der nordamerikanischen Republik hat beim Bankett des New-Yorker Vereines „Bene Berith“ eine bemerkenswerte Rede gehalten, die ein scharfes nicht, mißzuverstehendes Licht auf des Präsidenten Stellung zur Judenfrage wirft. Er sagte, daß er seiner tiefen Bewunderung für die Juden Ausdruck gebe, weil sie ausgezeichnete Bürger seien und die Gesetze und die Ordnung lieben. Er wäre hocherfreut, wenn sie recht zahlreich nach den Vereinigten Staaten auswanderten.... Es ist bemerkenswert, daß Präsident Taft diese Rede gerade in einer Zeit hielt, da in Rußland die Judenverfolgungen furchtbar einsetzen. Die Kandidatenliste I. Dr. Fürth und Dr. Neumann! Also doch! Zwei Renegaten Stellt, ihr Juden, ohne Scheu man Auf als eure Kandidaten! Diese Frechheit' zu verstehen, Welche sie „Politik“ nennen Muß man die „Herrn Führer“ sehen Und Naturgeschichte kennen. Dürft euch nicht auf Kant und Knigge, Sondern nur auf Brahm verlassen, Denn Camill, der Hüpfedige, Ist nicht anders zu erfassen. Von den Händen, von dem Wesen, Von dem ganzen ,Lirum-Larum Dieser Sorte könnt ihr lesen Bei der 0 r d o s i m i a r u m. So manierlich und so zierlich! Wie bethamt die Stimme schmettert, Und wie ist er 1 doch possierlich, Wenn er durch, den Mastdarm klettert! Und er „macht“ die Kandidaten Nach dem Maßstab der Moneten — Staunt ihr nun, daß Renegaten Den Franz Josefs-Kai vertreten! Beda. Parteinachrichten. Mitteilungen des Zionistischen Zentralbureaus Wien. Das Zionistische Zentralbureau ist gegenwärtig damit beschäftigt, ein R e d n e r b u r e a u zu errichten, das die drei in Betracht kommenden Distrikte jederzeit mit Vortragenden zu versorgen hätte. Diese Einrichtung ist bereits zur dringenden Notwendigkeit geworden. Wir ersuchen demnach alle Gg., welche Rednergabe besitzen, uns ihre Bereitwilligkeit zu Vorträgen bekannt zu geben. Durch planmäßige Einteilung und eine hoffentlich recht große Zahl von Rednern wird es uns möglich sein, das ganze Gebiet ausgiebig zu versorgen, ohne die Einzelnen zu sehr in Anspruch zu nehmen. In Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Sommeragitation in den Kurorten und Sommerfrischen bitten wir um recht zahlreiche und rasche Anmeldung. * . * Gg. Dr. Siegmund Werner (Iglau) hat das Mandat als Mitglied des Zentralvereines wegen Ueberbürdung nicht angenommen. An dessen Stelle tritt Ge. Fritz L ö w (Proßnitz). Zionistisches Zentralbureau für Westösterreich Wien IX., Türkenstrasse 9. Kultusreferat des Dr. Zweig. (Fortsetzung.) Nation und Religion im Judentum. Wer die Vorteile, welche der in These II enthaltene Plan verheißt, einmal erkannt hat, wird sich jegen das Schlagwort: „Trennung von Staat und <irche im Judentum“, das heißt des Religiösen und Nationalen, wenden müssen. Wer soll denn die nationalen Agenden, zu denen doch auch die wirtschaftlichen und politischen Aufgaben zählen, besorgen? Etwa auf freiwilligen Zusammenschluß gegründete Organisationen? Die müssen auf lange hinaus machtlos bleiben. Oder nationale Zwangsgenossenschaften, Nationalgemeinden? Die weiden wir von der Regierung nicht erhalten, zumindest nicht früher als die anderen Völker Oesterreichs — das scheinen mir unsere Erfahrungen mit der Landtagswahlreform in Mähren und der Bukowina, sowie jenes Urteil des Reichsgerichtes über die jüdische Sprache zu belegen. Und wäre schon die ersehnte Trennung durchgeführt, die Kultusgemeinde des Nationalen zum Großteil entledigt und ihr religiöser Charakter verstärkt, dann gäbe dies das Signal für eine weitere Spaltung innerhalb der Religionsgemeinden nach Orthodoxen, Reformern und Atheisten; die Atheisten könnten dann, ohne ein Odium auf sich zu laden, konfessionslos werden, während die Orthodoxen mit größerem Nachdruck als bisher nach dem Rezept der Schiffschufe für sich eigene Gemeinden, wie sie in Ungarn bestehen, fordern werden. Die propagierte Trennung brächte also eine Schwächung sowohl des nationalen als auch des religiösen Gedankens. Lassen wir jedoch die Judengemeinden nach unserem altbewährten Programm sich fortbilden, dann werden, wenn einst die nationale Autonomie den Völkern Oesterreichs gewährt wird, auch wir, auf das in unserem Gemeindeleben geschaffene Präjudiz pochend, die Anerkennung der jüdischen Nationalgemeinden fordern und durchsetzen können. Gegen die Vereinsmeierei. These II fährt fort: „Die Judengemeinden sollen die nötigen Einrichtungen organisieren, eventuell selbst verwalten und sich den schon bestehenden jüdischen Organisationen nach Möglichkeit angliedern, organisieren eventuell selbst verwalten.“ Oft wird die Idee einer wenngleich zweckdienlichen Einrichtung von vielen Gemeindemitgliedern bekämpt werden, weshalb ihr Sonderdasein sich für so lange empfiehlt, bis ihre Vorteile wenigstens der überwiegenden Mehrheit der Gemeindemitglieder einleuchten. Grundsätzlich bin ich für die Eingemeindung. Die vom Gemeindevorstand für irgen einem Institut bestimmte und durch Kooptierung verstärkte Kommission wird zumindest so ersprießlich wirken, wie ein Vereinsvorstand und es wäre die heute so verderblich grassierende Vereinsmeierei unterbunden. Gibt es doch in Wien allein über 200 jüdische Vereine, daunter 40 Bethausvereine, welch letztere doch gewiß der Kultusgemeinde gebührende Agenden besorgen! Unter „Angliederung der schon bestehenden jüdischen Organisationen“ verstehe ich sowohl deren Eingemeindung, als auch sonstige Maßnahmen, die eine wirksame Kontrolle seitens des Gemeindevorstandes ermöglichen. Es wurde an den Thesen ausgestellt, daß sie kein detailliertes Programm enthalten. Hiervon habe ich eben abgesehen, um die prinzipiellen Grundsätze desto schärfer hervorzuheben. Im Uebrigen sollten die Programmforderungen aufrecht bleiben, wie sie der Allgemeine österr. Parteitag vom Jahre 1903 normiert hat. Da viel zu ändern, schien mir nicht zweckmäßig, einesteils weil ich diese für WestundOst gemeinsame Plattform nicht gerne missen möchte und weil eine zu große Präzision des Detailprogramms den l okalen Verhältnissen bisweilen Zwang antäte. Unser Programm soll ja ein Rahmenprogramm sein. Das allgemeine gleiche Wahlrecht — unser Axiom. Und nun kehren wir zu These II zurück, deren Schlußabsatz wieder Anlaß zu einer grundsätzlichen Aussprache bietet: „Als Voraussetzung dieser Zentralisation fordern wir das allgemeine gleiche Wahlrecht mit Minderheitsvertretung.“ Die Macht, mit welcher wir die Judengemeinde ausstatten wollen, beschwört die Gefahr herauf, daß diese Macht noch mehr, als schon heute von herrschsüchtigen, rückständigen Cliquen oder selbst von der legalen Mehrheit mißbraucht werde. Da in der Judengemeinde die nationalen wertvollen Interessen aller Gemeindemitglieder gefördert werden sollen, müssen naturgemäß auch alle Gemeindemitglieder auf die Leitung der Gemeinde mittels des aktiven und passiven Wahlrechtes Einfluß nehmen können. Wir sehen also den Rechtstitel zum Wahlrecht nicht in der finanziellen Leistung des Einzelnen für die Gemeinde, sondern in seinem Interesse an der Gemeinde. Das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht war schon im alten Programm und galt seither als Axiom. Nun habe ich einige wenige Zionisten raunen gehört, diese unsere Programmforderung sei ein untaktischer Radikalismus. Denn einmal heiße es, unsere Bourgeoisie brüskieren, i