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Jüdische Zeitung · 1910-04-15 · 15 (15.4.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
15 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 15 geleistet worden. Dagegen liege die Heranbildung der männlichen Jugend zum Handwerk und Kleingewerbe noch sehr im Argen. Hier sei kein Fortschritt zu verzeichnen und die Vereinsarbeit bewege sich noch immer im Rahmen der Experimente, weil es an einem Programme fehle. Vor allem wäre nötig, dieser Jugend den Gewerbeunterricht zugänglich zu machen, da in dieser Richtung weder von den kompetenten Faktoren des Landes, noch auch von den Kultusgemeinden irgend etwas unternommen werde. In seinen weiteren Ausführungen bemängelt Dr. Gabel, daß das Angebot des kräftigen deutschen Hilfsvereines, der mit dem galizischen Hilfsverein in dieser Frage gemeinsam wirken wollte, abschlagend beschieden worden sei. Er wünscht nachdrücklich, daß man das bezügliche vom deutschen Hilfsverein angeregte Projekt akzeptieren möge. Sekretär Dr. L ö w y entschuldigt den Rückstand der Arbeiten betreffend Zuführung der männlichen Judend zum Handwerk und Kleingewerbe mit dem Mangel an tüchtigen jüdischen Meistern in Galizien, die Lehrlinge entsprechend ausbilden könnten. Der Wiener „galizische Hilfsverein“ wäre gar nicht abgeneigt, mit dem Berliner „deutschen Hilfsverein“ zusammenzuarbeiten, wenn sich der „deutsche Hilfsverein“ nicht darauf steifen würde, daß die Zentrale der diesbezüglichen Aktion nach Lemberg verlegt werden müßte. Auch glaube er nicht, das der „deutsche Hilfsverein“ es ernst mit seinen Plänen meine, denn er sei bisher nur mit seinen Ratschlägen, aber nicht mit konkreten Taten hervorgetreten. Der Präsident der Lemberger Kultusgemeinde, Dr. Schaff, behauptete gegenüber den Ausführungen des Vorredners, daß in Galizien allenthalben auch sehr tüchtige Handwerker aller Gattungen vorhanden wären und daß aus der Schule dieser Meister sehr fähige Lehrlinge bervorgingen, die dann in vielen Städten einen brauchbaren Nachwuchs bildeten, wofür der Redner konkrete Beispiele anführt. Er führt des ferneren näher aus, wie sich das Feld der Erwerbstätigkeit erweitern lasse. Abg. Dr. Gabel ergreift nochmals das Wort um darzulegen, wie bei einigem guten Willen die Verständigung mit dem „Deutschen Hilfsverein“ herbeigeführt werden könnte. Um beiden Teilen gerecht zu werden, schlägt er folgenden Ausweg vor: Dem bereits in Lemberg bestehenden Beirat des Wiener „Galizischen Hilfsvereines“ sei die Leitung der Aktion betreffend Heranbildung der Jugend für Handwerk und Gewerbe völlig zu überlassen. Aufruf! Die Pessachfeiertage nahen. Den jüdischen Studenten, die gezwungen sind, hier zu bleiben, erwachsen dadurch größere Ausgaben. Es gibt aber unter ihnen solche, die keineswegs in der Lage sind, sich solche Ausgaben zu leisten. Der jüdische Verein „Einheit“, der ein eigenes Lokal für die „Mensa academica iudaica“ errichtet hat, gibt zwar die Speisen zu den möglichst billigen Preisen, doch unterscheiden sich auch diese von den gewöhnlichen, da bekanntlich die Anschaffung von Pessachspeisen mit großen Kosten verbunden ist Daher ergebt an die Juden die Bitte, Spenden für den Studentenfonds der jüdischen Mensa an die Administration dieses Blattes einzusenden. Der Studentenfonds wird dazu verwendet, ärmeren Kollegen bei der Beschaffung der Pessachmahlzeiten behilflich zu sein. Die Studentenvertretung. Bisher sind an die Studentenvertretung durch Sammelbogen an Spenden eingelaufen von den Herren: Oberrabbiner Dr. Güdemann K 10'—, Bernhard Hofbauer K 10—, Advokat Dr. Dagobert Rybaczewski K 10 —, Lucian Brunner K 10 —, Adolf Schramek K 10-—, M. Bondi K 10’—, Reichsratsabgeordneter Priv.-Doz. Dr. A. Mahler K 10—, zusammen K 70'—. An die jüdischen Studenten Wiens! Sonntag, den 17. d. M., findet im Lokale der „Mensa academica iudaica“ (II., Malzgasse 12) eine Vollversammlung der jüdischen Studenten statt. Im eigenen Interesse werden die Kollegen ersucht, möglichst zahlreich zu erscheinen, da sowohl für die bevorstehenden Pessachfeiertage, als auch in verschiedenen anderen Punkten wichtige Beschlüsse zu fassen sind. An der vom jüdischen Verein „Einheit“ erhaltenen Mensa academica soll die gesamte jüdische Studentenschaft speisen, wozu die zahlreichen Benefizien, in erster Linie der billige Preis (40 Heller per Mittagmahl, 30 Heller per Nachtmahl) zur Genüge beitragen. Kollegen! Erscheint zahlreich! Beginn 3/i8 Uhr abends. Die Studentenvertretung an der „Mensa acadamica iudaica“: Cand. theol. Bela Fischer, cand. med. Friedmann, stud. iur. K o b r i n, stud. exp. acad. H. Schärf, stud. S u ß nt a n n, med. Phöbus Tuttnauer, med. Jechiel Zeiger. Zeitschriften und Bücherschau. Sozialistische Monatshefte: Gerhard Hildebrand veröffentlicht in dieser Zeitschrift einen Artikel über Zionismus. Wir zitieren folgende markante Stellen: Unter den kolonisatorischen Bestrebungen nehmen die des Zionismus eine Sonderstellung ein. Alle anderen dienen in irgend einer Form der Ausdehnung, sie der Zusammenziehung. Die Juden, soweit sie dem Zionismus anhängen, wollen die Judenfrage lösen, indem sie, für das jüdische Volk ein eigenes Land erwerben: das jüdische Land. Ursachen des Zionismus sind auf der einen Seite das überlieferte Zusammengehörigkeitsbewußtsein, auf der anderen Judenverfolgungen und Antisemitismus. D i e her rsch e n de R i ch t u ng in ihm ist politisch, im Unterschied von dem religiösen Mystizismus der altjüdischen Orthodoxie und den philantropischwirtschaftlichen Motiven der mit den Namen Rothschild und Hirsch verbundenen judenkolonisation. . Nach einem historischen Rückblick über die Entwicklung des Zionismus seit Herzls „Judenstaat“ fährt der Artikel fort: Das bisher wichtigste Ergebnis ist, was H u b e r t A u h a g e n,' der 1907 als Sachverständiger der deutschen Regierüng Palästina bereiste, so formuliert hat: „Schon jetzt wächst in Palästina eine Generation jüdischer Landleute heran, die zu großen Hoffnungen berechtigt. Daß der jüdische Bauer, der als solcher aufgewachsen ist, ebenso leistungsfähig ist wie der beste andere Bauer, davon habe ich mich durch den Besuch zahlreicher jüdischer Kolonien überzeugen können. Der Beweis, daß der Jude in Palästina wjeder zum: echten Bauer werden kann, ist bereits e rbracht.“ Eine Anschauung von dem Wachstum der allgemeinen Produktivkraft Palästinas mögen folgende Ziffern der Ausfuhr von .Jaffa geben (in Mark): Jahr Gesamtausfuhr darunter Orangen 1902 4067 000 1730 000 1904 591,4000 2079000 1906 10000 000 3240000 1908 11 127 400 3378 9"’O Der Gesamtaußfenhandel der syrischen Häfen ist heute in Ein- und Ausfuhr auf mehr als 60 Mill. Mark zu schätzen. Die zionistische- Arbeit hat dafür zu sorgen, daß die schon jetzt regelmäßig von den Juden aller Länder nach Palästina^ gesandten Gelder produktiver als bisher angelegt werden. Es handelt sich dabei um rund 4 Mill. Mark jährlich, von denen mehr als die Hälfte auf die Chalukah, das heißt auf die Bettlerzüchtung, entfalt, dazu noch ein großer Teil auf Talmud-Thora-Schulen und dergleichen. In Jaffa und Jerusalem sind mit der besseren Verwendung der Chalukah schon Anfänge gemacht, obwohl auch die Besucher der Jaffaer Handwerkerschule noch einige Stunden des Tages mit dem Studium des Talmud und der Thora beschäftigt werden. ■ Es folgt eine objektive und klare Darlegung der zionistischen Institutionen und Instrumente. Der Artikel schließt mit den Worten: Aus allgemein r menschlichen Gründen und namentlich angesichts der überaus elenden Lage der Juden in Rußland, Rumänien, Galizien und auch vielfach anderwärts ist den zionistischen Kolonisationsbestrebungen voller Erfolg zu wünschen. Dr. Nathan Birnbaums (Mathias Achers) Ausgewählte Schriften zur Judenfrage erscheinen in der allernächsten Zeit Das so lange von so vielen sehnlich erwartete Werk wird aus zwei starken Bälden in Großoktav-Format bestehen und sehr schön ausgestattet sein. Preis jedes Bandes, deren erster ein ausgezeichnetes Bildnis des Autors enthält, K 4.—, gebunden K 5.—. Zionistisches Liederbuch. (Deutsch-jüdischhebräisch.) Neue große Ausgabe (Preis 1 Krone). Dieses vor einigen j Jahren vom Zionvereine in Nadvöma herausgegebene zionistische Liederbuch ist jetzt in erweiterter Ausgabe neuerschienen. Es enthält die bekanntesten jüdisch-nationalen Lieder. Neu hinzugekommen: ist außer einigen unbekannten Texten zu bekannten Melodien auch die deutsche Uebersetzung der hebräischen „Hatikwah“, welche sich wahrscheinlich Bald einbürgern wird. Besonders reichhaltig ist die Jargonliedersammlung. Von den unter die hebräischen Texte aufgenommenen Lieder wären besonders die Uebersetzungen der poalezionistischen „Schewuah“ und des Waschowski’schen „Alef-Bes“ zu erwähnen. Zum Liederbuche ist auch ein Musik-Album erschienen, welchem im Interesse des jüdischen Gesanges die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Vereins-u. Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Jüdischer Mädchenklub). Samstag, den 16. April 1910, 7 Uhr abends, findet im Damensalon „Cafe City,“ IX., Porzellangasse 1, ein Vortrag des Herrn Dr. Fritz Löhner über „Aufgaben jüdischer Mädchen- und Frauenvereine“ statt. Eintritt frei. Gäste willkommen. Wien. (Verband der jüdisch-nationalen Finken an den Wiener Hochschulen). Die III. ordentliche Generalversammlung findet Samstag, den 16. April im Saale des Zionistischen Zentralvereines IX. Türkenstraße 9, statt. Beginn präzise '/*S Uhr abends. Zahlreiches Erscheinen erwünscht. Gäste aus Finkenkreisen willkommen. Nähere Auskünfte und allfällige Anträge im Verbandslokale IX., Servitengasse 4, zu den gewöhnlichen Budenstunden. Wien. (Zionistischer Verein, Leopoldstadt- Praterstraße.) Dienstag, den 19. d. M. findet im Klublokal des „Cafe Orient“, II., Praterstraße 66, ein Vortrag des Herrn Dr. D. Rothblum über „Jehuda Halevy und sein Werk“. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Wien. (Jüdisch-akademischeVerbindung„Ivria“.) Donnerstag den 21. d. M. hält der Präsident des ZK., Herr Adolf Böhm, auf unserer Bude, IX., Glasergasse 4 a, einen Vortrag über „Die Siedlungsgenossenschaft in Palästina“ mit anschließender Diskussion. Beginn 7 Uhr abends. Gäste herzlich willkommen. Wien. (Humanitärer Geselligkeitsverein „Bne Zion“.) Sonntag den 17. d. M., 6 Uhr abends, findet im „Cafe Stefanie“, II., Stefaniestraße 2, eine außerordentliche Generalversammlung des Vereines statt. Anschließend gemütliche Unterhaltung mit Tanz. Gäste sind herzlich willkommen. Wien. (Verein der jüdischen Handels- und Privatangestellten „Achwah“.) Mittwoch den 20. d. M. im „Cafö Stefanie“, II., Stefaniestraße 2, Vereinsabend mit anschließender Diskussion. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Wien. Hebräischer Konversationsklub „Ivria“.) Im Cafe Brammer, IX., Liechtensteinstraße 1, findet am 16. d. M. um halb 8 Uhr abends ein Vortrag des Ing. Dr. agr. Eiieser Pickholz statt. Thema: „Ueber die landwirtschaftliche Arbeiterfrage mit Rücksicht auf Palästina“. Wien. (Neß Zionah.) Dienstag den 19. d. M. findet um 8 Uhr abends im Klublokal, „Cafe Mokka“, I., Schottenring 12, ein Vortrag des Herrn Dr. Leo Goldhammer über „Moses Heß’ sozialistische Anschauungen“ statt. Die Gesinnungsgenossen werden um zahlreiches und pünktliches Erscheinen gebeten. Gäste — auch Damen — herzlich willkommen. Wien. (Israelitischer Tempelverein für die Bezirke .Wieden und Margarethen in Wien.) Die feierliche Einweihung des neuerbauten Kaiser Franz Joseph Regierungs-Jubiläumstempels in Wien, V., Siebenbrunnengasse 1, findet am Donnerstag den 21. d. M. um 4 Uhr nachmittags statt. Der Eintritt ist nur gegen auf Namen lautende Eintrittskarten gestattet. Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien: Mittwoch den 20: d. M., halb 6 Uhr abends (I., Seitenstettengasse 4, 2. Stock). Gegenstand: Rechnungsabschluß über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und sämtlicher unter Gemeindeverwaltung stehender Fonde und Anstalten pro 1909. Berichte. Znaim. (Talmud-Thora-Verein). Vor 32 Jahren ins Leben gerufen, hat der Verein mit seinen edelsten Zielen bis jetzt den Schlaf des Gerechten geschlafen. Erst auf das Betreiben einiger Gesinnungsgenossen fand am 7. d. M. die erste Generalversammlung statt, dank der Einsicht und dem chevaleresken Entgegenkommen des hiesigen Kultusvorstehers Herrn Rudolf W o t z i 1 k a, welcher als Obmann des Vereines die Generalversammlung einberufen und einen friedlichen Verlauf derselben ermöglichte. Dieses Verdienst muß Herrn Vorsteher Wotzilka umso höher angerechnet werden, nicht nur, weil er nach 32 Jahren der erste Kultusvorsteher und Vereinsobmann ein Interesse für den Verein bekundet, sondern vor allem aus dem Grunde, daß er den Einflüsterungen einiger Mandatshungriger und nur dank der Indolenz der Massen in den Kultusausschuß hineingeschobener Mitglieder kein Gehör schenkte und sich der keimenden jüdischnationalen Bewegung nicht ganz verschließen will. Nichts darf wohl einem „Talmud-Thora-Vereine“ ferner liegen, als gemeine Tagespolitik zu treiben, oder gar politisch-agitatorisch zu wirken. Der Zweck des Vereines ist in seinen Statuten genau vorgezeichnet und nur an diese hat er sich zu halten. Bei der stattgefundenen Generalversammlung 'wurden die Statuten dem Zeitgeiste entsprechend ergänzt und unter anderen in den Ausschuß Gg. Arnold Zweigen t h a 1, Nationalkommissär in Znaim, gewählt, ein wegen seiner Religiosität und hohen jüdischen Idealen allgemein geachteter Mann. Möge der Verein rasch emporblühen und gedeihen! S.

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