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Jüdische Zeitung · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite ö jenen zu erwarten haben.“ Immerhin könne der erste Punkt im Sinne der Anschauung des Dr. Kohn geändert werden, wofür Redner eine entsprechende Fassung vorschlägt. Zu einer Aenderung des zweiten Punktes könne sich Redner aber nicht entschließen. Wir wollen die Notabein, welche gegenwärtig in der Kultusgemeinde nur wegen der großen Wohltätigkeitsinstitute sitzen, nicht draußen haben. Sie mögen drinnen bleiben. Und wenn es uns gelingt, die Kültusgeineinde mit unserem nationalen Geiste zu erfüllen, dann werden wir mit diesem Geiste allmählich auch an diese Leute herankommen, welche wir auch durchaus brauchen. Es ist kein Zweifel, daß, wenn diese Leute nicht im Vorstande sitzen, sie auch von der Kultusgemeinde nichts werden wissen wollen. Allmählich würden sie auch das Interesse an den Wohlfahrtseinrichtungen verlieren, was nicht in unserem Interesse liegen kann. Redner wünscht schließlich eine möglichst einheitliche Beschlußfassung über die gestellten Anträge. Gg. Bechert („Zion“, Teplitz) erklärt sich im Prinzip für die „Trennung von Staat und Kirche“. Immerhin verschließe er sich nicht der Tatsache, daß es heute unmöglich sei, für die Kultusgemeinde eine solche Parole mit Aussicht auf Erfolg zu verkünden. Wir müssen nun deshalb auf die Kultusgemeinden Einfluß gewinnen, um aus ihnen eine demokratisch-nationale Volksinstitution zu machen. Um das zu erreichen, ist das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts eine unumgängliche Forderung. Trotzdem gehe es. nicht an, nur denjenigen als Zionisten zu erklären — wie Herr Dr. Zweig dies tue — der für diese Forderung eintritt, da hiedurch wieder Tausende von der Bewegung abgestoßen würden. Auch sei es für uns weitaus wichtiger, in die Kultusgemeinde zu gelangen, dann erst könne man an die Aufstellung des Programmes und seine Erfüllung schreiten. Redner beantragt eine Aenderung der zweiten These und die gänzliche Streichung des letzten Punktes aus lokalen Gründen. Gg. Markus (Wien) erklärt, daß bei den Verhältnissen in Wien das Programm nicht nur nicht genügend radikal sei, sondern daß noch andere Mittel geschaffen werden müssen, um die Kultusgemeinde zu bekämpfen. Redner bespricht die Mißstände bei der Besteuerung und bringt konkrete Beispiele für die unhaltbaren Zustände im Armenwesen. Die zionistische Partei habe zwar keinen Kultusvorstand in der Kultusgemeinde sitzen, gleichwohl habe sie zahlreiche moralische und auch konkrete Erfolge errungen, wie Anlegung der Liste der Ueberläufer, Eröffnung einer Volksbibliothek, Abhaltung von Vorträgen aus jüdischer Geschichte und dergleichen. Redner wendet sich gegen den Vorschlag des Dr. Kohn, Privatpersonen die Wohlfahrtseinrichtungen' anzuvertraaen. Die Kultussteuer könne man pfänden, aber Mitgliedsbeiträgc müsse man nicht zahlen. Mit dem freien Willlen allein aber können Wohlfahrtsinstitute nicht erhalten werden. Redner empfiehlt die Annahme der Thesen des Dr. Zweig. Gg. Birnbaum (Barissia, Prag) stimmt den Thesen zu, fürchtet aber, daß der in ihnen enthaltene Radikalismus nicht werde befolgt werden können. Gg. Samuel Strauß (Zionistischer Zentralverein, Wien) sieht es für einen Grundfehler der Diskussion an, daß fast ausschließlich vom Wahlkampf gesprochen wurde, von dem in den Thesen gar nicht die Rede sei. Redner glaubt, daß das Prinzip, wie es Herr Dr. Kohn vorschlägt, unakzeptabel sei, da die Gemeinde über eine Anzahl von Mitteln, die Steuern verfüge, aus denen sie die Wohltätigkeitsinstitutionen erhafte. Es sei zwar richtig, daß das Gebarungsdefizit der Wiener Kultusgemeinde lediglich einer Ueberlastung durch die Wohlfahrtseinrichtungen entspringe. Allein der Weg des Herrn Dr. Kohn ist nicht der richtige. Man kann die Existenz einer Wohlfahrtsinstitution, wie es z. B. das Rothschildspital ist, nicht von der zufälligen Wahl eines Vereinspräsidenten abhängig machen. Außerdem unterliegen alle diese Institutionen heute der Aufsicht der Kultusgemeinde und selbst nach der Lostrennung müßte man als Aufsichtsorgan wieder die Kultusgemeinde bestellen. Solche Institutionen können nicht in der Luft hängen. Hingegen sei der Antrag des Herrn Dr. Qustav Zweijg empfehlenswert. Die Kultusgemeinden sollen die sozialen Hilfsinstitute formell aus ihrem Wirkungskreise ausscheiden, sich aber den maßgebenden Einfluß auf diese Institutionen sichern. Gg. Dr. Jakob Kohn (Zionistischer Zentralverein, Wien) findet eine Kritik des mangelhaften Erfolges des Wahlkampfes für vollkommen berechtigt, allein es liege hiebei eine Verkennung der Anschauungen vor. „Sie haben den im schweren Erwerbskampf stehenden Juden, die jüdischen Massen vor Augen gehabt und aus Ihrem Gesichtspunkte heraus, aus dem Gesichtspunkte des Westjuden gegenüber der Masse der Ostjuden haben Sie Ihre Anschauungsweise diesen Massen supponiert und haben gesagt, diesen Massen tut vor allem das Brot not und wir wollen versuchen, ihnen nach Tunlichkeit dieses Brot zu verschaffen. Ich glaube darin liegt der Irrtum. Denn nicht aus wutschaftlichen Sorgen wenden sich die Massen speziell im Wes en an uns und nicht in der Erwartung, daß wir ihnen ihre wirtschaftliche Sorge im Momente werden beseitigen können, können sie zu uns Vertrauen fassen, sondern aus dem ewigen, dem jahrtausendelangen Idealismus heraus, daß wir imstande sein werden, ihnen ihr Judentum zu erhalten, ihnen die Kinder, die ihnen aus den Händen gleiten, wieder zurückzubringen. Und nur aus diesem Gesichtspunkte heraus können wir ihnen ein Zutrauen in die Zukunft schaffen und wenn wir eingesehen haben werden, wo unsere Stärke liegt, dann werden wir tatsächlich einen Zusammenhang mit den bt eiten Massen gewinnen können, dann erst können wir an einen Egoismus der Massen appellieren in dem Sinne, daß die Massen fordern werden: wir wollen Tagesfragen, wir wollen Gegenwartsarbeit, aber nur mit dem idealen Streben, unsere Existenz als Juden und die unserer Kinder und Nachkommen zu erhalten. Ich glaube, daß sich in diesem Sinne heute ein Umschwung der Gesinnungen vollzogen hat und ich begrüße es als ein günstiges Anzeichen, daß es gelungen ist, die Gegensätze, die zweifellos vorhanden waren, zu überbrücken. Ich hoffe, daß es der organisatorischen Kraft des Zionismus gelingen wird, auch sämtliche scheinbar unüberbrüexbare Gegensätze der gesamten Judenheit zu überbrücken, und auf daß dies geschehe, das möge unsere Hoffnung und unsere Zukunft sein. Hierauf werden die in der iet-ten Nummer abgedruckten Thesen angenommen. Gg. Gewitsch (Zionist. Zentralverein, Wien) spricht sich auf Grund seiner Erfahrungen als ehemaliger Kultusvorstand gegen die Trennung der Wohlfahrtsinstitutionen von der Gemeinde aus, da die Partei hiedurch jede Ingerenz auf die Gemeinde verlieren würde. Das Programm sei in allen Punkten empfehlenswert. Der Kampf gegen die Kultusgemeinden habe nur infolge mangelhafter Vorbereitung und nicht gehöriger Beachtung der Macht der Gemeinde mit einer Niederlage geendet. Redner wünscht für die Zukunft eine bessere Vorbereitung des Wahlkampfes und empfielt die Thesen des Dr. Zweig zur Annahme. Gg. Dr. Egon Zweig gibt in seinem Schlußworte bekannt, daß er sich mit Dr. Kohn hinsichtlich der Abfassung der Thesen geeinigt habe, weshalb ihm jeder Anlaß fehle, zu dessen Vorschlägen Stellung zu nehmen. Den letzten Punkt, dessen Streichung von mancher Seite beantragt worden sei, bittet Redner unbedingt zu belassen. Die These diene nicht der Scharfmacherei, sondern solle nur einer eventuellen Korruption Vorbeugen. Redner erklärt, daß sich die Wiener Gesinnungsgenossen jederzeit an die Thesen halten wollen, wie sie hier beschlossen werden. Kultusreferat des Dr. Zweig. (Fortsetzung.) Nun schreiten wir zu These II. Der Kern dieser These fordert die Ausgestaltung der israelitischen Kultusgemeinden zu jüdischen Volksgemeinden, ein Grundsatz, der seit seiner Normierung im alten Programm sich uns Zionisten als innige Ueberzeugung tief eingeprägt hat und fast zur banalen Selbstverständlichkeit geworden schien. Da nun aber aus unserer Mitte eine Stimme gegen diese Ausgestaltung der Kultusgemeinden laut geworden ist, wollen wir die Stichhältigkeit unseres Grundsatzes überprüfen. Das Baseler Programm schreibt bekanntlich als Mittel zur Erreichung unseres Zieles unter- Punkt III vor: „Die Gliederung und Zusammenfassung der Judenheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach den Landesgesetzen.“ Dieses Mittel war nicht einseitig dahin zu deuten, daß wir uns auf die Gründung zionistischer Vereine beschränken, vielmehr gilt es, auch die schon bestehenden jüdischen Organisationen unseren Zwecken dienstbar zu machen. Das Gegenteil wäre Kraftverschwendung. Dabei zeichnen sich die Kultusgemeinden — dies kann nicht stark genug betont werden — vor allen durch uns neu geschaffenen oder neu zu schaffenden Organisationen dadurch aus, daß sie vom Gesetze anerkannte und über den weltlichen Arm verfügende Zwangsgenossenschaften sind, denen jeder Jude angehören und die er, wenn schon nicht anders, so doch durch Erfüllung seiner Steuerpflicht fördern muß. Auch wenn die zionistische Organisation mustergiltig ausgebaut und ihre durch höchste Begeisterung ausgelöste Werbekraft aufs äußerste angespannt sein wird, muß sie mit der natürlichen Indolenz der Masse rechnen, die selbst durch Fürsorge für ihre wirtschaftlichen Interessen, wie das Beispiel der sozialdemokratischen Partei zeigt, erst in harter, jahrzehntelanger Arbeit allmählich zu freiwilligem Zusammenschluß gebracht werden kann. Den Wert gerade der Zwangsgenossenschaft für die Stärkung des Judentums haben die Antisemiten vorausgesehen und sich darum 1890 im Abgeordnetenhaus gegen das Werden des Judengesetzes gewehrt. Und ihre Furcht war berechtigt, denn zweifellos hat die Organisationsform der Kultusgemeinde das Judentum gestärkt. Dabei hat sie noch nicht jenen Gehalt, der uns nötig dünkt; denn die religiösen Bedürfnisse, deren Befriedigung § 1 des Judengesetzes den Kuftusgemeinden als ausschließliche Aufgabe zuweist, sind im schier unaufhaltsamen Schwinden begriffen. Wir müssen daher der Kultusgemeinde eine breite Basis geben, eben die nationale, auf welche die verschiedenartigsten Interessen der Juden ihre Befriedigung finden. Wir müssen uns an den Spruch halten: „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen!“ Durch die vielseitige Betätigung der Judengemeinde werden ihr auch von allen Seiten her die Geförderten als Gegenwert Interesse, Mitarbeit und Liebe entgegenbringen und so wird die Macht und damit die Autorität und Anziehungskraft der Gemeinde in unaufhörlicher Progression wachsen. In einer starken Gemeinde soll und wird auch der Ehrgeiz, welcher heute die tüchtigsten Kräftj des Judentums über dessen Grenzen hinausschielen und hinausstreben läßt, auf seine Rechnung kommen. Auch für die Intelligenz, wie Aerzte, Advokaten, Ingenieure, Schriftsteller und Gelehrte soll die Judengemeinde ein Feld der Betätigung bieten. Ich stehe nicht an, die Losung der Römer: panem et circenses! in der Umformung „Brot und Ehre!“ für die Juden aufzunehmen und unseren Gemeinden als Richtschnur zu geben. Selbstredend soll die Kultusgemeinde die ihr ersterteilte Aufgabe: Befriedigung der religiösen Bedürfnisse beibehaiten, was meine These durch das Wort „Die Kultusgemeindyn sind ...auszugestalten“, besagen will. Der Einwand, als ob die Regierung eine solche Ausgestalltung nicht dulden und auf dem Scheinendes Gesetzes, daß nur von den religiösen Bedürfnissen spricht, beharren werde, schreckt mich nicht. Denn einmal haben ja schon heute die meisten Kultusgemeinden durch ihre so manigfaltigen Institutionen ungehindert den Rahmen dessen, was man landläufig religiös nennt, gesprengt und dann wird uns anhand der jüd. Gesetzeslehre der Nachweis nicht schwer feilen, daß unsere Religion eben eine Religion eigener Art, eine nationale Religion ist, welche die Erhaltung und Förderung der jüd. Nation geradezu zur religiösen Pflicht macht. Und sollen wir da die C h a n c e ungenützt lassen, welche die Gesinnung einer hohen Regierung uns darbietet? Diese ist schon heute klerikal und wird gemäß der Machtverhältnisse in den konstitutionellen Vertretungskörpern durch künftige Dezennien offenbar noch klerikaler sein. Ein dichtes Netz katholischer Schul- und Wohlfahrtsanstalten aller Art breitet sich, von der Regierung sorgsam gehütet, über Oesterreich aus. Auf, tun wir desgleichen, lassen wir von unseren Kultusgemeinden reiigiösetikettierte Anstalten gründen die unseren nationalen Zwecken dienen. Dabei brauchen die Frommen ja nicht fürchten, daß die Pflege der Religiosität in einer so ausgestalteten Judengemeinde von den anderen Aufgaben überwuchert und erstickt werde. Im Gegenteil bin ich davon überzeugt, daß die Blüte der Gemeinden und des jüdischen Selbstbewußtseins auch eine religiöse Renaissance unter uns zeitigen wird, ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Denn der Nationaljude, auch wenn er selbst nicht religiös gesinnt ist, weiß aus der jüdischen Geschichte zu genau, wie die Religion im Golus unsere Nationalität bis heute erhallen hat, um diese erprobten Impulse nicht auch für die Zukunft sichern zu wollen. Lassen wir uns von den Polen lehren, wie bei denen selbst auch ausgesprochene Atheisten die katholische Kirche, als Schützerin des Polentums gegen Russen und Deutsche, nach Kräften fördern. Und hat die serbische, die armenische Kirche und die der Siebenbürger Sachsen nicht aus sich heraus wahren Nationalstaaten im Staate das Leben geschenkt? Kurzum, ich sehe in der Ausgestaltung der Kultusgemeinde zur Volksgemeinde, also im Anknüpfen an das Bestehende und in der Wahrung des engen Zusammenhanges zwischen Religion und Nation im Judentume unser Heil, weil nur so eine organische Entwicklung nach den von uns ersehnten Zielen möglich ist. (Fortsetzung folgt.) Parteinachrichten. Dr. Isidor Margulies. Der frühere Präsident des westösterr. Zentralkomitees, Gg. Dr. Isidor Margulies, hat wegen privatei Ueberbürdung resigniert und sich für einige Zeit von der Parteileitung zurückgezogen, was der Zionistentag nur mit großem Bedauern zur Kenntnis nehmen konnte. Es ist im Interesse der Partei zu wünschen, daß es Dr. Margulies bald wieder ermöglicht werde, aktiv und leitend zu wirken. Wenn es heute glücklicherweise noch nicht an der Zeit ist, eine abschließende Würdigung der Parteitätigkeit des Dr. Margulies zu geben, so können wir seinen temporären Rücktritt nicht vorübergehen lassen, ohne einen kurzen Blick auf das Stück Parteigeschichte zu werfen, mit dem sein Name untrennbar verknüpft ist. Dr. Isidor Margulies, der dem intimen Kreise Herzls angehörte, welcher noch vor dem Kongreß Besprechungen abhielt, trat erst nach seiner definitiven Niederlassung in Wien im Jahre 1906 in die Parteileitung ein. Damals herrschten hier krisenhafte Zustände. Es gab überhaupt kein Distriktskomitee. Die „Einzelvereine“ waren fast alle eingeschlafen und auf dem Trümmerfelde der Organisation war ein unbeschreiblicher Markt der Eitelkeit etabliert

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