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Jüdische Zeitung · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 14 worden. Draußen sprach man vom „Wiener Sumpf.“ in dieser Zeit des Verfalles übernahm Dr. Isidor Marguües die Führung des Distriktskomitees. Es läßt sich hier nicht im Einzelnen schildern, welcher Opfermut, welche Energie, welche beispiellose Zähigkeit dazu gehörten, unter solchen Verhältnissen und angesichts der offenen Gegnerschaft aller Zionisten von Namen Ordnung in das Chaos zu bringen und langsam Stein auf Stein aufzubauen. Dr. Marguües gründete den Zentralverein, welcher bald zu hoher Bedeutung gelangte, er hob die Zahl der Schekel und führte die Distriktstage wieder zu Bedeutung empor. Ansehen und Einfluß der Wiener Organisation stiegen zusehends und der böse Ruf, der ihr von früher anhaftete, schwand bald gänzlich. Wien unter seinem Distriktsobmann war bald auf den Oesterreichischen Parteitagen führend. Dr. Margulies hatte großen Anteil an der Schaffung der Nationalpartei, er war es, welcher 1907 mit Gg. Böhm die „J ü d i s c h e Z e i t u n g“ begründete, was damals als ein .Wagnis erschien, er hatte auch den Hauptanteil an der Schaffung des westösterreichischen Verbandes, dessen erster Präsident er gewesen ist Die glänzendste Aktion, die Dr. Marguües geführt hat war die Kultuskampagne 1906, wo wir es bis zur Stichwahl brachten. Bis zur völligen Aufopferung hat er damals den Kampf bis ins kleinste Detail organisiert, und der moralische Erfolg, der errungen wurde, war zum großen Teil ihm zu verdanken. Dr. Marguües ist nie stark aus sich herausgetreten und deshalb wußten viele, die nur nach dem äußeren Schein urteilen, nicht, wer er ist. Nur seine Mitarbeiter, bei denen er Schule gemacht hat wissen genau, daß er es war, welcher durch sein System der strengen Sachlichkeit der Heranziehung aller Kräfte, der stetigen, nicht neurasthenisch aufflackernden und dann erlöschenden Arbeit der unbedingten Festhaltung an Parteibeschlüssen und der Wahrung der Autorität der Leitungen den Hauptanteil daran hat, daß die westösterreichische Organisation so imposant und einmütig erscheinen konnte wie auf dem Wiener Parteitag. Auf diesem selbst -hat Dr. Marguües durch seine meisterhafte, in bestem Sinne staatsmännische Ansprache, die wir im Wortlaut abdruckten, auch jenen, welche seine Bedeutung noch nicht gekannt hatten, Bewunderung abgerungen. Wir wollen hoffen, daß diese Rede nicht sein politischer Schwanengesang war, sondern daß Dr. Isidor Marguües in unserer an politischen Talenten nicht übermäßig reichen Partei bald wieder eine führende Rolle spielen wird. Volkswirtschaft. Judaismus und Kapitalismus. Jüngst hat Professor S o m b a r t aus Berlin in einer Reihe von Großstädten einen Vortrag über obiges Thema gehalten und darin die Theorie aufgestellt, daß der Aufschwung des modernen Kapitalismus, bezw. der Bank- und Geld wirtschaft hauptsächlich den Juden zu verdanken sei, und daß sie somit eigentlich die Väter der Weltwirtschaft seien. Es ist dies sehr schmeichelhaft für uns Juden und entbehrt gewiß nicht einer Berechtigung, wenn es auch wahrscheinlich als allzuweit gehend betrachtet werden muß, wenn die Juden als die ausschließlichen Uiheber des modernen Bank- und Geldwesens bezeichnet werden. Professor Sombart hat hiebei allerdings nicht nur von denjenigen Juden gesprochen, welche ihrem Stamme und Volke treu geblieben, sondern auch diejenigen einbezogen, welche sich von ihrem Stamme abgewendet haben, nämlich die getauften Juden. Darin hat er offenbar nicht Recht gehabt, denn es zeigt sich doch, daß solche Abtrünnige, oder doch mindestens deren Deszendenten ein Gutteil der Fähigkeiten verlieren, welche durch lange Traditionen erworben worden' sind. Auch in unseren Baik- und Finanzkreisen fehlt es nicht an Exemplaren solcher Abtrünniger. Diese Leute glauben, vor der Welt ihre Abstammung verstecken zu können, wenn sie dieselbe verleugnen und ein Bekenntnis beschwören ohne jede innere Ueberzeugung. Bei dem heutigen Stande der Bildung und Wissenschaft werden gebildete Menschen aller Nationen klug genug sein, religiöse Ueberlieferungen einzig, allein nach ihrem kulturgeschichtlichen und wissenschaftlichen Werte zu beurteilen. Derartige Konvertierungen, um einen banktechnischen Ausdruck zu gebrauchen, müssen also vom Standpunkte der persönlichen Zuverlässigkeit und Charakterbeurteilt werden, denn mit Religion und Religiosität haben solche Dinge nichts zu tun. / Eine führende Stellung im Bank- und Finanzwesen stellt jedoch an den Inhaber große Anforderungen. Die Macht und der Einfluß einer leitenden Persönlichkeit, z. B. eines Bankdirektors oder eines führende^ Verwaltungsrates einer Aktiengesellschaft ist oft so groß und für viele tausende von Menschen von[ so großer Wichtigkeit, daß man diese Stellung: wohl mit der eines Staatsmannes vergleichen kann. Unser ganzes Geschäftsleben, am allermeisten das Finanzwesen, beruht auf Vertrauen und dabei spielt also die Zuverlässigkeit des Charakters die allererste Rolle. Wir glauben deshalb dem Herrn Pijofessor Sombart widersprechen zu sollen, wenn erj diese Sorte von reformierten Juden, wir wollen höflich sein, in die gleiche Kategorie mit denen stellt, welche trotz der in der großen Masse vorhandenen Vorurteile ihren Traditionen treu bleiben und sich zu dem bekennen, was sie sind. Wir kennen sehr viele bedeutende und ganz objektive' Persönlichkeiten, welche behaupten, daß man in, der Regel solche Konvertiten als zuverläßlich nicht bezeichnen kann. In Wirklichkeit sind diese Fälle auch ziemlich vereinzelt geblieben. Unter den jüdischen Finanziers, deren Namen in der Welt einen Klang hat, gibt-es sehr wenig derartige Fälle und sie werden mit Recht mit Mißtrauen verfolgt. Wie kann man erwarten, daß jemand der seine Ueberzeugung, wechselt, wie man eine andere Kleidung anzieht, zuverläßlich seil Wir möchten von solchen allgemeinen Erörterungen ab und zu auch auf einzelne Fälle zurückkommen. Die größte und bedeutendste Aktiengesellschaft unseres Reiches, was die Wichtigkeit der Interessen und Summe der investierten Kapitals anbelangt, ist die Oesterreichische Südbahri. Diese Gesellschaft wurde seinerzeit von dem ersten Welthause ins Leben gerufen und zwar von der Firma Rothschild. Diese Familie behauptet seit Generationen ihre Stellung als eine finanzielle Großmacht, wenn sie auch wenig aktiv ist, trotz aller amerikanischen Milliardäre ist der Name .Rothschild immer noch vom ersten Klang in der'Weit, und die Familie, welche in Europa als Typus des nobelsten und reichsten Bankhauses gilt, verdankt ihren Ruf nicht etwa bloß ihrem großen Besitze, sondern auch dem unerschütterlichen Festhalten an ihren kaufmännischen Traditionen und ihrer von jeher streng rechtlichen und einwandfreien Geschäftsgebahrung. Die Juden und Nichtjuden blicken deshalb mit Achtung, zum Teil mit Verehrung auf unser erstes Finanzhaus. Wohl hat die heutige Generation dieser Familie keine besonders hervorragenden Talente in ihrer Mitte, aber durch Festhalten an ihren Ueberlieferungen hat sie ihr Renomee bewahrt. Wir möchten dies ausdrücklich konstatieren gegenüber den oft von antisemitischen Seiten erfolgten Angriffen, welcher jeder Begründung entbehren. Natürlich sind es auch Menschen wie andere und Fehlern und Irrtümem, ausgesetzt. Einen solchen Mißgriff und hauptsächlich hervorgerufen durch unglückliche Hand in der Wahl ihrer Vertrauesmänner zeigt die Geschichte der Oesterreichischen Südbahn. (Fortsetzung folgt).' Deutsche Zionistenkonferenz in Berlin.*) (Von unserem Korrespondenten.) Zu einer Besprechung, respektive Aussprache, die nicht offiziellen Charakter tragen sollte, kamen am Ostersonntag die Führer der deutschen Zionisten zusammen. Zweck der Versammlung war, einen Modus zu finden, den Frieden auch in den Reihen der deutschen Zionisten herzustellen. Denn wenn auch in Hamburg der größte Teil der deutschen Zionisten nicht der Opposition beitrat, so waren doch viele derselben mit dem Gang der Ereignisse nichts weniger denn einverstanden. So sind z. B. die schlesischen, speziell die oberschlesischen Zionisten, sämtliche Mitglieder des KZV. (der zion. Verbindungen) mit ihren alten Herrn des Gruppenverbandes Dessau und viele geschlossene Einzelgruppen strikte *) Wegen Raummangels verspätet. gegen den Nordauschen Standpunkt des sogenannten Abwartens. Der neue Berliner Aufruf. der N e u n z e h n fand einen starken Wiederhall, so daß die wenigen Zufriedenen auf einmal einer großen, zum Teil bewußten Opposition gegenüber standen. Von den Führern der Opposition waren unter anderen erschienen: Berthold F e i,w e I, Rechtsanwalt Dr. A s c h e r, Dr. H a 1 p e r n, Dr. B e c k e r, Dr. Straus, Sokolow, Julius Simon, Wiener (Rakowitz), Dr. Teilhaber, Dr. Sandler, S c h a c h t e 1, die Vertreter der Verbindungen im Kartell zion. Verbindungen, die steten Anhänger des Palästina-Ressorts Berlin und viele andere, die ihre Stellung, wenn auch nicht so scharf, präzisierten und nur von Fall zu Fall Anschluß an Gruppe suchten. Ueber die Berliner Tagung unter dem Präsidium Dr. Bodenheimers darf ihrem intimen Charakter entsprechend nicht mit der sonst üblichen Ausführlichkeit, nicht einmal etwas eingehender berichtet werden, um den Präsidenten nicht den Vorwurf der Indiskretion zu zeihen. Zu erwähnen sind die drei Referate von Dr. Kollenscher über die Lage, Feiwe 1 über die Wünsche der Opposition und über die Aenderung der heutigen Taktik sowie das breit angelegte und allgemein beifällige Palästinareferat Dr. Sandlers. Sowohl die oppositionelle Linke wie auch die Richtung der offiziellen Leitung der Zionisten Deutschlands (Dr. Hantke, Friedemann, Gronemann u. a.) waren sich darüber einig, daß durch eine Uebersiedelung des Präsidenten nach Berlin nebst der Heranziehung eines oder mehrerer russischer Zionisten zur Leitung der zionistischen Agenden eine Ausgleichung der Gegensätze angebahnt werden könne. Die Forderungen der auf dieser Tagung sich zu einer festen, wenn auch namenlosen Gruppe sich konsolidierenden Oppositionellen: der Verlegung der JCT. nach dem Orient, der Inangriffnahme einer Siedelungsbank (unter Darlegung der Verhältnisse durch Dr. Sandler, Prof. Warburg, Dr. Bodenheimer u. a.) fanden allseitig Anerkennung, lediglich, die Berechtigung dieser Forderung für vergangene Zeiten wurde.bekämfjft;. pie^Sanierjyig^dei: pel^gUjjen Lage der Partei’ streifte Dr. Hantke, der das Defizit der zwei in Deutschland erscheinenden zionistischen Blätter für eine der wesentlichsten Belastungen unseres Budgets hält. Unwidersprochen besteht seit Jahr und Tag das Postulat die „Welt“ und die „Jüdische Rundschau“ zu vereinigen, wodurch der Partei und dem Nationalfond viele Tausende erspart blieben. Bemerkenswert waren die Ausführungen der Opposition, die einen genaueren Einblick in die Geschäftsführung tun ließen, als es in Hamburg am Kongreß möglich war. Von Begrüßungen wurden von der Versammlung an die versammelten österreichischen und galizischen Zionisten Telegramme äbgesandt. Diskussionsabend des „Jüdischen Nationalvereines f. Oesterreich“ Montag den 11. April im Souterrainlokal des Caf£ ^Marienbrucke“, I., Rotenturmstraße 31. Themen: 1. Unser volkswirtschaftliches Programm. 2. Die bevorstehende Volkszählung. Die p. t. Mitglieder werden ersucht, vollzählig zu erscheinen. Gäste willkommen! ' Beginn 8 Uhr abends. Bureau des Jüdischen Nationalvereines für politischen Rechtsschutz. Der „Jüdische Nationalverein “fürOester^ reich hat in der Erkenntnis der Notwendigkeit des Schutzes der politischen Rechte der Juden Oesterreichs beschlossen, ein Bureau für diesen Zweck ins Leben zu

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