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Jüdische Zeitung · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 14 teren Sinne ist im Künstlerhaus immer vertreten: Bilder jüdischer Maler finden sich viele, doch — und vielleicht entspringt dies dem Glauben, daß „j üdische“ Bilder nicht mehr gekauft werden — haben diese das allgemeine Landschaftliche oder das Porträt dem jüdischen Milieu vorgezogen. Nur fünf Bilder befinden sich in der großen Masse (über 400) der Gemälde, die Gestalten aus dem jüdischen Leben in greifbarer Wirklichkeit schildern, Göthe’s Wort beherzigen und in das Leben ihres Volkes greifen: „ . . . und wo ihr’s packt, da ist es interessant!“ Vier von den ausgestellten Bildern sind Arbeiten Isidor Kaufmanns. Dieses Malers Kunst hat bereits Weltruf erlangt. Trotzdem hat Kaufmann bisher eine einzige Auszeichnung erhalten, im Jahre 1891 die kleine goldene Staatsmedaille. Sein Genre sind Szenen oder Gestalten aus dem chassidischen Leben Ungarns und Polens, aber diese stellt er in son heimlich anmutender Lebenswahrheit dar, daß die Personen auf Kaufmanns Bilder uns stets alte Bekannte dünken. Die vier Bilder der heurigen Ausstellung zeugen wieder von der Meisterschaft dieser jüdischen Kunst. Es sind keine großen Gemälde, keine weiten Farbenflächen in auffallenden und kostbaren Rahmen, wie sie da und dort die großen Wände schmücken. Auch haben sie ihren Platz nicht in einem der großen Säle des Künstlerhauses, sondern in den kleinen Abteilungen (Saal VI. und VIII.), bescheiden und anspruchslos, wie sie selbst es sind; doch für ihre Bedeutung und Anmnt spricht die Tatsache, daß kein Besucher ohne längeren Aufenthalt an ihnen vorübergeht. Der „Rabbinatskandidat“ (217) und der „Kabbalist“ (221) bilden Gegenstücke. Beide Porträts weisen als Hintergrund in den feinsten Details ausgearbeitete, mit hebräischen Inschriften versehene Thoravorhänge auf. Der Rabbinatskandidat, ein junger polnischer Jude, mit bartumrahmtem Antlitz, blickt mit versonnenen Augen in die Ferne. Und doch spricht aus diesen glanzvollen Blicken Leben, wenn auch der chassidische Ernst und die würdevolle Zurückhaltung ihnen gleichsam gezwungene Ruhe verleiht. Diesem „Rabbinatskandidaten“ sind wir oft und oft schon begegnet. Mehr Originaltypus bildet der „Kabbalist“. Es ist uns nicht bekannt, woher dieses Modell Kaufmanns stammt. Ein unschönes breitgezogenes Antlitz, mit kleinen und doch weit geöffneten Schlitzaugen und vorstehenden Backenknochen, die ein struppiger Bart zum Teile verdeckt. Der Kabbalist steht in dem Sabbatstaat angetan da, ein Buch in der Rechten. Ueber den kleinen Augen liegt geradezu der geheimnisvolle Schleier der Kabbala gebreitet, die verträumten Blicke verraten das unausgesetzte Grübeln und Denken, die Haltung ist aufrecht, voll verborgenen Stolzes. Aeußerst stimmungsvoll ist das dritte Bildchen von der Hand Isidor Kaufmanns. „Sinnend“ hat der Künstler das packende kleine Werk genannt. Der Chederschüler, ein kleiner Junge mit blondem Kraushaar, das zum Teil die schwarze Samtmütze bedeckt, sitzt zurückgelehnt auf dem primitiven Holzstuhl. Den Kaftan hat er abgelegt und so sind die niedlichen Röhrenstiefel, die kurze Hose und das Hemd sichtbar, über welches das Brustteil des großen „Zadickls“ weit herabhängt. Es herrscht Sabbatnachmittagstimmung. Auf dem mit einem aus bunten Flecken zusammengesetzten Tuche bedeckten Tische stehen noch die beiden Messingleuchter in friedlichem Stilleben neben zerschlissenen Gebetbüchern, einer Schüssel und einem Apfel. Er selbst hat die Hand mit dem Buche, aus dem er wohl gerade „lernte“, sinken lassen, der kleine Finger der Linken liegt an den Lippen und der Blick des Knaben ist zumeist zu Boden gerichtet. Was für eine schwere Frage wird es wohl sein, über die der Kleine nachdenkt? Sinnt er über Gott und Menschen? Unwillkürlich „sinnt“ man mit dem Chedeijungen. „Am Sabbat“, das vierte Bild Kaufmanns, stellt einen betenden oder „lernenden“ Bochur am Sabbat im „Beth Hachneses“ dar. Die Gestalt, ein junger Jude mit Bart, Pejoth und Tallith, ist dem oberungarischen chassidischen Leben entnommen. Der kleine Raum, von dem man nur rechts einen Teil der Bundeslade, die wurmstichige Bank, mit dem Tefillimsacke und einem Buche belegt, hinter dem Betenden und ein Fenster oberhalb derselben das Betpult, an das der Mann gelehnt steht, einen Messingkerzenbehälter und die hebräische Erinnerungstafel an der Wand rückwärts sieht, ist von gedämpftem Sonnenlicht durchflutet. Es wirft matte Schatten an die Wand und auf die holprigen Ziegelfließen. Die Situation atmet heilige Sabbathstille. Ein seliger Frieden ist über den Raum gebreitet und über das Antlitz des Lesenden, dessen Linke das Haupt stützt. Lazar K r e s t i n, ehemaliger Professor der Kunstgewerbeschule in Jerusalem, ist der zweite Vertreter jüdischer, Kunst im Künstlerhaus. Sein prachtvolles Gemälde „Bibelexegese“ ist voll Leben und Wahrheit. Auch die Gestalten dieses Bildes sind uns wohlvertraut: friedlich blickende, chassidische Greise, Talmudgelehrte, lernende Jünger, bis zum Chederknaben, der aufmerksam den Worten der Aelteren lauscht. Ein geräumiges „Beth Hamidrasch“, Messingluster an der Decke, in der Mitte der Almemor; von Säulen ist der Raum getragen, in dem bis zu den Fenstern hin kaftangekleidete oder mit dem weiten Tallith umhüllte Gestalten, langbärtige alte und junge an Tischen oder zwischen Bänken stehen, teils zu mehreren beisammen, teils allein. Im Vordergründe auf Bänken um einen kleinen Tisch sitzen die acht Gestalten der „Bibelexegeten“. Mit dem Rücken zum Beschauer sitzt der Sprecher, der junge „Row“; mit eifrigen Gebärden begleitet er seine Erklärungen. Der junge Bochur und ein alter „Chossid“ lesen verständnisinnig im Folianten mit, der zweite Greis blickt sinnend vor sich hin — er hört vielleicht gar nicht zu — er denkt an die Vergangenheit, da er auch einmal so begeistert und gar noch beredter den „Possik“ zu erklären wußte. Den Mienen der andern ist die gespannte Aufmerksamkeit abzulesen, nur der bärtige Jude, der neben dem Erklärer sitzt, scheint nicht bloß zuzuhören. Denn er blickt den jungen Gelehrten von der Seite bewundernd an, als priese er im Herzen die Fähigkeiten des Talmudisten. Als Zuhörer aus der Ferne hat ein anderer Bochur sich lauschend dem Tische zugeneigt — Das ist jenes zauberhaft wirkende Leben der Ostjuden, welches noch mit dem heiligen Glanze der BibelTimwolDen“iSt.' '... Es sind noch andere Werke jüdischer Maler und Bildhauer (Leop. H o r o w i t z, David K o h n, Liebermann, Gold, Grünhut, Friedländer, Rothberger, Schwarz, Löwith, etc.) in der Ausstellung zu sehen. Insbesondere zwei Porträts von Horowitz (Nr. 150 und Nr. 262) werden viel bewundert. Hier sollte aber nur von den Werken erzählt werden, die jüdisches Leben zum Gegenstände haben und uns deshalb so wunderbar nahe gehen. Friedrich Porges. Der Zweite westösterreichische Zionistentag. Die Debatte über „Unsere Stellung zu den Kultusgemeinden“. Wie wir schon in der jüngsten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ berichteten, hat sich an die Referate über „Unsere Stellung zu den Kultusgemeinden“ eine sehr angeregte und lehrreiche Debatte geknüpft. Wir geben die Reden auszugsweise nachstehend wieder: Gg. Prof. Weirtheimer (Prag): Der Niedergang des Judentums ist lediglich der schlechten Führung der Kultusgemeinden zuzuschreiben. Die Zusammenfassung unseres jüdischen Lebens spielt sich der Oeffentlichkeit gegenüber in der Kultusgemeinde ab. Die heiligste Pflicht der. Zionisten ist es, sich mehr um diese Judengemeinden zu kümmern. Wir müssen sie gewinnen, nicht erobern. Redner wies darauf hin, daß in den Provinzkultusgemeinden sehr gute Juden sind, welche erzogen werden müssen. Auf das Referat des Gg. Dr. Lichtwitz zurückkommend, erklärt er, daß die Einzelheiten des vorgelegten Programms nicht auf alle Kultusgemeinden passen. Es müsse jedem Distrikte überlassen bleiben, das Richtige zu verfügen. Wir sind wohl Demokraten, doch dürfe man nicht von dieser Stelle aus dekretieren, daß das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht in den Judengemeinden sofort eingeführt werde. Sache der Distrikte müsse es sein, dies allmählich durchzuführen. Die Ursache der Massentaufen erblickt Redner in der unjüdischen Erziehung in Schule und Haus. Hier sei der Hebel anzusetzen. Redner beantragt im Sinne seiner Ausführungen einige Aenderungen der Thesen Dr. Zweigs. Die Ausführungen des Delegierten Dr. Jakob Kohn sind unseren Lesern aus der vorigen Nummer unseres Blattes bekannt. Delegierter Prof. Dr. M. Berkowicz („Zion“, Iglau) beschäftigt sich sehr eingehend mit der Spezialfrage des jüdischen Geschichts-, Sprach- und Religionsunterrichtes. Nachdem er die vorhandenen Lehrbücher, die er als höchst unzweckmäßig bezeichnet, kritisiert und erläutert hat, in welcher Richtung Lehrmittel und Unterricht reformiert werden müßten, führt er den Nachweis, daß vor allem die Kultusgemeinden an dem kläglichen Zustande des jüdischen Unterrichtes schuldig wären, weil sie ihn als etwas Nebensächliches behandeln und von der Regierung nicht die entsprechenden Maßnahmen fordern. Die Rabbiner seien nicht zum Unterrichte heranzuziehen, weil sie zu stark beschäftigt wären, sondern eigene Lehrkräfte. Gg. Rappaport („Jung-Juda“, Wien) tritt für das aktive und passive Wahlrecht der Frauen ein. Gg. Rabb. Dr. Friedmann („Jeschurun“, Troppau) legt eine Resolution des mährisch-schlesischen D.-K. vor, welche die Schaffung einer Zentralstelle zwecks Erforschung der Ursachen und der Bekämpfung der Taufseuche verlangt. Redner beantragt Streichung des letzten Punktes der Thesen, daß Wahlkompromisse nur mit Genehmigung des D.-K. abgeschlossen werden dürfen, da dies in der Provinz aus lokalen Gründen eine Sache der Unmöglichkeit sei. Ein Kontakt zwischen Kultusvorständen und dem Volke bestehe nicht. -Er beantragt eine Resolution, nach welcher die Kultusvorstände öfter Versammlungen zwecks Fühlungnahme mit den Gemeindemitgliedern einzuberufen haben. Er spricht sich entschieden für das allgemeine Wahlrecht aus. Gg. Dr. Gustav Zweig (Kultusvorsteher und Bürgermeister der politischen Judengemeinde P r o ß n i t z) hält eine Ditferenzierung zwischen Groß- und Kleingemeinde für unrichtig und nicht für opportun. Der Parteitag habe die Aufgabe, ein großzügiges Programm auszuarbeiten und da halte er es für völlig unrichtig, wenn man zwar ausspreche, daß das allgemeine und direkte Wahlrecht unbedingt nötig wäre, gleichzeitig aber erkläre, daß man vorläufig mit einem schlechteren Wahlrecht zufrieden sein müsse. Es gehe nicht an, einem Antrag von vornherein die Möglichkeit seiner Durchführung abzusprechen. Wenn ein Wahlrecht nur für die beitragleistenden Mitglieder verlangt wurde, so müsse er erklären, daß dieses Wahlrecht, welches die nicht zahlende Bevölkerung ausschließt, hinter dem schlechtesten Wahlrecht zurückbleibe. Es wurde auch davon gesprochen, daß die Wahlkörper beibehalten werden sollen. Hiebei könne aber von einem gleichen Wahlrecht nicht die Rede sein. Wenn dann :rtöch fünf Kronen Mindestbeitrag'verlangt werden, schließe man die große Masse aus. Auch den Passus bezüglich der Steuerrückstände wünscht Redner gestrichen. Redner führt weiterhin aus, daß sich die Kultusgemeinden nicht als Verwaltungskörper fühlen dürfen. Er stimmt den Thesen des Wiener Referenten bedingungslos zu. (Wir werden die Ausführungen des Gg. Dr. Gustav Zweig in der nächsten Nummer wörtlich wiedergeben.) Gg. Grünspan („Zephira“, Wien) wendet sich gegen den Passus: „Die Taktik bleibt den lokalen Organisationen überlassen . . .“, da dieser Punkt, die Annahme begründen könnte, daß wir den radikalen Kampf gegen die Kultusgemeinden fortsetzen wollen. Unsere Aufgabe sei es vielmehr, in Würde und Mäßigung den Kampf fortzuführen. Gg/Dr. Isidor Margulies (ZK., Wien) spricht sich gegen die vom Vorredner vertretene Fassung der These aus. Man könne nicht von vornherein eine Friedensmethode proklamieren. Die Ausführungen des Dr. Kohn erregen nach der Richtung einen Widerspruch, als es nicht richtig ist, daß die Erfolglosigkeit unseres Kultuswahlkampfes auf ein falsches Programm zurückzuführen sei. Das Programm hat überall gefallen und ist tatsächlich sehr gut. Auch auf einen Rückgang der Bewegung dürfe man hieraus nicht schließen. Die Wahl ist vielleicht deshalb schlechter ausgefallen, weil die wachsende Macht der Zionisten bei den Assimilanten Besorgnis ausgelöst hat, welche sie zur Aufbietung aller verfügbaren Kräfte veranlaßte. Ja, unsere Gegner haben mit unserem Programm Agitation zu treiben gesucht. Es sei daher kein Grund vorhanden, an dem Programme eine Revision vorzunehmen. Die Kultusgemeinde müsse auch ein wichtiges Vertretungsmittel nach außen sein. Wenn Herr Dr. Kohn glaubt, daß wir dadurch dem jüdischen Klub eine Konkurrenz machen wollen, so irrt er sich. Denn die Kultusgemeinde als jüdischer Vertretungskörper hat in ganz anderen Fragen und in ganz anderer Weise Stellung zu nehmen, als eine kleine Fraktion im Parlament. Die Bedenken gegen die erste These sind eigentlich auch nicht begründet. Wir sagen in dieser These nicht, wir lieben die Kultusgemeinde nicht, aber wir wollen sie doch als Machtmittel haben. „Vergessen Sie nicht, meine Herren, daß wir nicht zur Kultusgemeinde, sondern zum Volke reden. Dem Volke sagen wir: Das sind Volksfeinde, wir lieben euch, gebt uns die Macht in die Hand, damit wir für euch wirken! (Beifall.) Und die Wähler, die zu unterscheiden haben zwischen uns und jenen — sie werden natürlich auch das Programm berücksichtigen müssen — sie werden aber in der Hauptfrage nach der Gesinnung unterscheiden, was sie von uns und was sie von

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