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Jüdische Zeitung · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Zisleithanien. Daher vollzieht sich jenseits der Leithai' eben jetzt dasselbe, was wir seit 1879 erlebt haben und noch lange nicht zum Abschluß gelangt ist — der christlichsoziale Vormarsch. Dr. K. Eine Rede Franz Oppenheimers. Gelegentlich der Anwesenheit Dr. Franz Oppenheimers, der sich auf dem Wege nach Palästina befindet, veranstaltete am 20. März der zionistische Verein „Ahawath-Sion“ in Kairo eine große V rsammlung im Theatre Egyptien. Vor dem zahlreich erschienenen Publikum, das den Theaterraum füllte und den Redner mit lebhaftem Beifall begrüßte, führte Herr Dr. Oppenheimer etwa folgendes aus: Er fühle sich hier auf den Spuren Mosis wandelnd — auf dem Wege von Mizraim nach Palästina. Damals wie heute gelte es, aus einem zersprengten Volk von Wanderern ein geschlossenes Volk mit einer Heimat zu machen. Wenn zu den Zeiten der Pharaonen die Juden zu Sklaven gemacht worden seien, so würden sie heute in Rußland und Rumänien verfolgt und entrechtet. Es sind gewaltige Schwierigkeiten zu überwinden, um den zionistischen Plan zu verwirklichen, ln einem Lande, das bis heute eine Rechtsordnung im europäischen Sinne nicht kennt, wollen wir ein Volk von Handwerkern und Händlern zum Ackerbau zurückführen. Doch bietet gerade Aegypten ein Beispiel, wie man die Schwierigkeiten einer Massenansiedlung überwinden kann, denn durch rationelle Methoden ist es ermöglicht worden, auf den 20.000 bebauungsfähigen Quadratkilometern Aegyptens zwölf Millionen Menschen anzusiedeln. Unser Ziel ist, in Palästina eine jüdische Mehrheit zu schaffen, die unter freiheitlichen Gesetzen Selbstverwaltung haben wird. Dazu brauchen wir keine Autonomie und keine Sprengung der Türkei, vielmehr wünschen wir ihre Einheit zu erhalten. Der erste Satz, den wir uns einprägen müssen, lautet: Wer das Land beackert, gibt dem Lande seine Nationalität. Wir wollen nicht jüdische Plantagenbesitzer schaffen, sondern jüdische Kleinbauern, damit das Land jüdisch'wird, "und' well so "die höchste Dichtigkeit der Bevölkerung erreicht werden kann. Unser zweiter Hauptsatz lautet: Wer Städte gründen will, muß Bauern schaffen. Gewiß wollen wir die Förderung der Industrie im Auge behalten. Aber in erster Linie kommt für uns die landwirtschaftliche Kolonisation in Betracht, deren Ausdehnung ganz von selbst zur Bildung von Industrien führt. Es haben bereits Versuche stattgefunden, in Palästina zu kolonisieren (Rothschild, Ica), und aus diesen Versuchen hat sich ein gedeihender Keim jüdischer Kolonisation entwickelt. Wir wollen uns aber nicht damit begnügen, ein paar tausend Menschen zu helfen. Unser Ziel ist vielmehr die Hebung der jüdischen Masse. Hiefür reicht das bisher angewandte Wohltätigkeitssystem nicht aus, denn wir brauchen viele Hunderte von Millionen, die nur auf dem Wege der Anleihe, nicht durch Gaben einzelner Wohltäter, beschafft werden können. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Kreditbasis zu schaffen, die uns die Aufnahme großer Kapitalien ermöglicht. Diese Kreditbasis kann gewonnen werden, wenn mein vom IX. Zionistenkongreß akzeptierter Vorschlag realisiert wird, eine Siedlungsgenossenschaft zu errichten. Wir wissen heute, daß der Großbetrieb in der Landwirtschaft auf die Dauer unhaltbar ist. Seine Vorzüge gegenüber dem Kleinbetrieb sind zwar unbestreitbar, da im Großbetrieb alle modernen Fortschritte der Technik verwendet werden können, die Aufnahme neuer Kapitalien erleichtert ist und gewöhnlich intelligente Kräfte in der Leitung des Betriebes tätig sind. Das Grundübel liegt aber darin, daß im Großbetrieb der landwirtschaftliche Arbeiter kein Interesse an dem Gedeihen des Gutes hat und ■ durch die fortschreitende Industrialisierung vom Lande fortgezogen wird. Der kleine Besitzer dagegen steckt seine ganze Arbeitskraft in den Boden, so daß heute der Kleinbetrieb als die überlegene Form der Bewirtschaftung zu betrachten ist. Wenn es nun gelänge, die im Kleinbetrieb tätige interessierte Arbeitskraft des Bauern zu verbinden mit den höheren Formen der Bewirtschaftung im Großbetrieb, so wäre dies die glücklichste Lösung. Eine solche Verbindung ist in der Iandwirtschaftichen Genossenschaft möglich. Wir wollen jedoch :it tv: 1:' Genossenschaft in ihrer höchsten Form beginnen, sondern zunächst nur einen Großbetrieb einrichten, bei dem die Arbeiter starke Gewinnbeteiligung erhalten, — bis sie durch ihre Ersparnisse in der Lage sind, die nötigen Anzahlungen zu leisten und dann das Gut genossenschaftlich zu übernehmen. Die letzte Stufe der Entwicklung ist die Siedlungsgenossenschaft, die mit der Ansiedlung von Handwerkern und Vertretern freier Berufe bei ständig wachsender Intensivierung der Bewirtschaftung entsteht. Dies ist der Plan, der keine Utopie bedeutet, sondern die Anwendung längst erprobter Methoden. Ich bitte Sie, diesem Plan, dem der Zionistenkongreß, die Vertretung des ganzen jüdischen Volkes, zugestimmt hat, Ihr Interesse zuzuwenden. * * * „Frankfurter Zeitung“ und „Union“. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß im deutschen Reiche und — seit den gebesserten politischen Beziehungen — auch in Rußland jene publizistischen Stimmen sich mehren, welche die österreichischen Deutschen, respektive die österreichischen Slawen vor dem nationalen Chauvinismus warnen und zur nationalen Verständigung auf demokratischer Grundlage mahnen. Die Bildung des „Deutschen Nationalverband“ unter Ausschließung der jüdischen Abgeordneten Dr. Kuranda und Dr. Ofner veranlaßte nun auch die „Frankfurter Zeitung“ in einem Artikel, die österreichische Nationalitätenfrage, die deutschnationale Politik und deren Stellung zur Judenfrage su erörtern. Der Artikel, mit dein wir uns durchaus nicht in allen Einzelheiten identifizieren, konstatiert, daß die Juden in weit höherem Maße, als ihrem Anteil an der Bevölkerung zukäme, Träger der deutschen Kultur seien und gelangt zu folgendem Schlüsse: Wenn die gesamte österreichische Judenschaft sich einmal völlig auf sich zurückzöge oder gar dem Slawentum anschlöße, dann wäre es um das bißchen deutscher Präponderanz in Oestei reich bald geschehen. Aus diesen sehr richtigen Bemerkungen zieht freilich die „Frankfurter Zeitung“ nicht die allein richtige Konsequenz der Notwendigkeit einer jungjüdischen Politik. Als Gegenstück sei ein Artikel der Prager alttschechischen „Union“ erwähnt, der an den Aufsatz des reichsdeutschen demokratischen Organes anknüpfend, eine Lanze für die tschechischen Assimilanten bricht. Der erwähnte „Die Juden und das Deutschtum“ betitelte Artikel konstatiert, daß die reinen und unverfälschten Deutschen mit ihrer Aversion gegen das Deutschtum keineswegs so mutterseelenallein stehen, sonst wäre ja der „Saltomortale“ der deutschen Altliberalen in das Lager der antisemitischen Deutschnationalen nicht so leicht möglich gewesen. Auch diejenigen Deutschen, welche sonst den Nutzen der jüdischen Mitarbeit für das Deutschtum anerkennen, denken nicht daran, die Juden einfach als Deutsche mosaischer Konfession zu betrachten, sondern sehen sie nur als „Verbündete des Deutschtums“ an, für welche Dr. Schmeykal (der verstorbene liberale deutschböhmische Parteiführer) das bekannte Epitheton ornaus: Deutschfreundliche Israeliten geprägt hat. So richtig auch diese Ausführungen sind, sie gelten nicht minder für die Juden im tschechischen Lager. Auch diese werden nicht als Vollbluttschechen, sondern als tschechenfreundliche Israeliten angesehen trotzdem innerhalb jener Israeliten, welche in böhmischen (rekte tschechischen) Städten und Bezirken wohnen, in erfreulicher Weise immer entschiedener das Bestreben hervortritt, sich der böhmischen Nationalität rückhaltslos anzuschließen. Die Bemühungen der jüdischen Intelligenz können auf erfreuliche Resultate hinweisen. Am markantesten treten diese Erfolge in der Tatsache hervor, daß die jüdisch-deutschen Volksschulen in Böhmen, deren es zu Beginn der Geltung des gegenwärtigen Volksschulgesetzes über ICO gegeben hat, zum größten Teil verschwunden sind und die böhmischen Juden ihre Kinder den böhmischen Schulen anvertrauen. Hat aber dieser rückhaltslose Anschluß an die böhmische Nationalität den tschechisch-chauvinistischen Antisemitismus beseitigt? Haben etwa die erfreulichen assimilatorischen Erfolge der jüdischen Intelligenz den wirtschaftlichen Boykott der kleinen jüdischen Handwerker aus der Welt geschafft? Darauf muß die Antwort lauten: Nein! Daraus folgt für uns Jungjuden aber nicht etwa, daß die deutschjüdischen Assimilanten in Mähren eine kluge Politik verfolgen, die in zahlreichen Städten die Fiktion einer deutschen Minorität aufrechterhalten, deren Kern Juden sind. Wir verurteilen ebenfalls, daß die mährischen Juden sich die Behandlung der deutschnationalen Antisemiten ruhig gefallen lassen, sich an Akten der Feindseligkeit gegen das böhmische Volk beteiligen, ebensowie, daß in einigen Städten mit „Hilfe der Juden“ deutsche Gemeindevertretungen zustande gebracht werden. Wenn die Tschechen dies bedauern, dann müssen auch.sie die Assimilation bekämpfen. Das sind eben die Konsequenzen jener unseligen Assimilationspolitik, die wohl in erster Linie für das jüdische Volk als Antisemitismus sich fühlbar machen, in zweiter Linie eben auch für jene Völker, gegen die die jüdischen Assimilanten als Vorläufer und Nachläufer fremdnationaler Parteien Stellung nehmen. Darum bedeutet die Konstituierung der Juden als Nation auf Grund der nationalen Autonomie im gleichen Maße eine Notwendigkeit für die Juden wie für die anderen Nationen und nicht in letzter Linie für das österreichische Gesamtreich, das des nationalen Friedens so dringend bedarf. Dr. K. Böcke als Gärtner. Die getauften Juden Schmitz,Benno Meiseis etc. beschäftigen die Oeifentlichkeit durch übelriechende .Enthüllungen“. Selbst der Bürger von Noblesse, Wie sein Name immer sei, Hat ein reges Interesse Für Skandal und Schweinerei. Selbstverständlich und natürlich Hat es auch der kleine Mann, Der sich solcherart gebührlich Und mit Recht entrüsten kann. Diesen Schmutzbedarf zu decken Auf dem großen Wiener Platz, Ein Meschumed will’s bezwecken Mittels eines Wochenblatts. Dieses Blatt hat statutarisch Nur die einzige Tendenz: Es beleuchtet literarisch Das Gedärm der Residenz. Und die k. k. Trafikanten Schmücken gerne ihr Lokal Mit „Millionendefraudanten“ Und der „Doppelten Moral“. „Homosexuelle Lyrik“, „Diebstahl im Petroleumschacht!“ Und das Publikum kauft gierig Den gedruckten Topf der Nacht. Immer neue Pfeile schnitzen Die Historiker des Schweins, Wenn sie nicht gerade sitzen In der Alserstraße 1. Doch — das Blatt wird sich rentieren, Weil es jedermann behagt, Sich darob zu amüsieren, Wie die Laus die Läuse jagt! Beda. Jtidische Kunst im Künstlerhaus. Vor wenigen Tagen erst haben sich wieder die Pforten des Wiener Künstlerhauses zur XXXVI. Jahresausstellung geöffnet. Wie alljährlich läßt diese stets durch den Kaiser eröffnete Bilderausstellung auch heuer an Reichhaltigkeit nichts zu wünschen übrig, wenn auch diesmal die sonst exponierten großen, wanddeckenden Gemälde einer Unzahl kleiner, doch schöner Arbeiten gewichen sind. Bilder verschiedenster Technik bieten dem künstlerischen Auge eine reiche Auswahl und auch jeder Laie findet etwas nach seinem Geschmack. Spärlich wie stets aber ist auch diesmal wieder das jüdische Werk vertreten, das heißt jene Art von Gemälden, die Szenen aus dem jüdischen Leben zum Vorwurf haben. Denn jüdische Kunst im wei-

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