Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 14 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 14 geübt wurden, jene Harmonie zu erreichen ist, welche am zweiten westösterreichischen Zionistentag zutage getreten ist, Wir wollen dies kostbare Erbe bewahren und mehren. In der Arbeit werden wir den Grundsatz festhalten, daß die Sorge um die Verbreitung unserer Ideen, die Gewinnung neuer Anhänger und Mittel, sowie die Vertiefung des Zionismus gleich wichtige Aufgaben der Parteileitung sind. Wir zählen dabei auf die eifrige Mitarbeit der Distrikte und Vereinsleitungen, sowie jedes einzelnen Zionisten und werden bemüht sein, den lebendigen Zusammenhang zwischen Leitung und Parteiangehörigen zu schaffen, der Voraussetzung einer fruchtbringenden Arbeit ist Gesinnungsgenossen! Im Bewußtsein unserer Aufgaben werden wir unsere Pflicht voll und ganz erfüllen; tut Ihr die Eure! Das zionistische Zentralkomitee für Westösterreich: Der Präsident: Adolf Böhm (Wien); Emil Stein, Mitglied des Zentralbureaus; Dr. Robert Lichtwitz (Troppau), Obmann des Distriktskomitees für Mähren-Schlesien; Dr. Emil Margulies (Prag), Obmann des Distriktskomitees für Böhmen; Dr. Leopold Meisei (Wien), Obmann des Distriktskomitees für Innerösterreich; Dr. Otto Abeies (Wien); Fritz Löw (Proßnitz); Dr. Hugo Rappoport (Trautenau); Dr. Ludwig Singer (Prag); Josef Sussmandl (Mähr.-Ostrau); Dr. Gustav Zweig (Proßnitz). Von der Woche. „Teutsche, Deutsche und Daitsche.“ Mit diesen Schlagworten kennzeichnet Hofrat Dr. Hueppe aus Prag in der Sonniagsnummer der „Zeit“ die Zusammensetzung der deutschen Nationalpartei. Er verwirft diesen „Trialismus“, weil eine Partei heute nur auf rein nationaler Grundlage bestehen könne, überschüttet diejenigen mit Hohn, die gegen ihren eigenen guten Glauben die Ansicht verbreiteten, daß die deutsche Nationalpartei auf liberaler Basis zustande gekommen sei und plädiert zum Schlüße für den engsten Anschluß an die vereinigten Klerikalen und Christlichsozialen, um den Stock der künftigen Parlamentsmehrheit zu bilden. Uns Nationaljuden sind ja diese offenherzigen Bekenntnisse weder neu noch unerwünscht Uns ist unser Volk eine Familie im Großen und wir finden es ganz selbstverständlich, daß auch andere Familien zuerst ihre eigenen Angelegenheiten unter sich besorgen, ehe sie an das Gesamtwobl denken. Die höhnische Bezeichnung der bewußten Herren vom Franz Josefs-Quai als „Daitsche“ trifft uns nicht; letztere aber haben schon so viele Hinauswürfe mit stoischer Ruhe ertragen, daß ihnen dieser neuerliche Faustsdilag nicht mehr weh tun wird. Allein der Herr Hofrat macht in seiner Arbeit auch historische Ausflüge, in denen er uns Juden als Gesamtheit angreift und dieser Teil fordert uns direkt heraus. „Bei dieser Umwertung der überlieferten Werte, besonders bei ihrer Ueberstürzung (durch den österreichischen Liberalismus) und dem schroffen Gegensatz, in den sie dadurch vielfach zu dem überlieferten Volksempfinden führte, hat das Judentum in Oesterreich eine etwas größere Rolle gespielt als anderswo . . ., trotzdem die juden für sich national und kulturell konservativ sind und diese Zersetzungstendenz gegenüber dem Bestehenden mehr bei anderen Völkern zur Geltung bringen. Das Anregende und Betrachtende neuer Ideen kann schon an sich zu Gegensätzen, zu ererbten und liebgewordenen Werten führen und hat es dazu gebracht, daß bei uns mehr als in anderen Ländern der Liberalismus philosemitisch, seine Gegnerschaft stärker antisemitisch wurde, trotzdem gerade das deutsche folgenden Erzählungen sind Legenden dieses Baal- Schem und seiner Schüler. „Zu diesen Stoffen“, sagte Martin Buber, „habe ich mich so frei gestellt, wie man sich zu solchen Mythen, die formlos und einem engen Milieu angepaßt vor uns liegen, stellen muß. Ich habe sie mit wahrhafter Treue wiedergegeben, denn die Treue des Nachgeborenen ist es, die Form zu beleben und das Milieu zu erweitern, denn der Nachgeborene hat fortzusetzen. Die ausgewähiten Erzählungen handeln von dem Geheimnis der Kawwana, welches das Mysterium der Gewalt der Seele ist, die all ihr Wollen und Sehnen nach einem Ziele spannt. Alles vermag die Seele, die sich zur Kawwana gesammelt hat, denn diese äußerste Spannung ist der innere Sinn der Wirklichkeit In den ersten beiden Mythen steht das messianiscbe Ideal als Ziel der Kawwana. So erscheint in der ersten Jerusalem in seinem fordernden Rufen. Emst und schwer wägt die zweite die Reife der Zeit für den Messias, der auch in der Gegenwart in uns sein kann. Die beiden andern Legenden sagen von der Ewigkeit der Gegenwart Wie groß der Dienst ist der sich unmittelbar auf die Dinge richtet Wie ganz falsch die Ekstase ist, die die Dinge allegori- Volk den eingebornen Juden gegenüber eigentlich nie feindselig (???) war und ihre guten Eigenschaften zu schätzen wußte.“ Also die konservativen Juden sind an den Ausschreitungen der Börse und Presse schuld! Wir können nicht leugnen, daß unsere Massen konservativ sind; kann man aber diese für die Schwindeleien einzelner Börsenmänner, die den Judenhaß aufgefrischt haben, verantwortlich machen? Nicht die Judenblätter sind der Volkswut zum Opfer gefallen, sondern gerade solche liberaler Arier, wie die alte „Presse“ von Zang. Wir können dokumentarisch nachweisen, daß der Jude Daniel Spitzer in den Jahren 1872 und 1873 vor dem Börsenschwindel gewarnt hat. Welcher Jude hat im Ofenheim-Prozeß . eine den gerechten Zorn des Volkes erregende Rolle gespielt? Etwa der Verteidiger Dr. Neuda? Wir weisen also die Beschuldigung der Konservativen, ihrem Stamme treu gebliebenen Juden, irgendwelche idealen Güter anderer Völker zersetzt zu haben, entschieden zurück. Was nun die Freundlichkeit des deutschen Volkes „den eingeborenen Juden“ gegenüber betrifft, hat der Herr Hofrat die Geschichtskenntnisse der Leser der „Zeit“ sehr gering bewertet, Die Judenbrennerei in deutschen Städten ist selbst in unseren Familiennamen zu gut verewigt, um abgeleugnet zu werden. Der ganze Rhein lebt in jüdischen Familien bis in den fernsten Osten fort, die Spira, Schapira (Speier), Bacharach, Günzburg, Menz, Münz (Mainz), jede Stadt ein nomen et omen! Wir brauchen übrigens nicht soweit zurückzugehen. Vor 30 Jahren hat Bismark seinen Kampf gegen den Juden Lasker mit der Judenhetze in Neustettin unterstützt. Georg Schönerer hat seinen Groll gegen die großen Wiener Blätter, die seine endlosen Telegramme nicht aufnahmen, in Hetzen gegen das gesamte Judentum Luft gemacht. Damals war aber der Arier Etienne Herausgeber des maßgebenden Blattes. Wer weiß heute noch von den zahllosen Abenteurern, die vor 30 Jahren den Antisemitismus in Wien mit den lumpigsten Mitteln in die Höhe brachten? Also die deutsche Judenfreundlichkeit gegen die „Eingeborenen“ reicht höchstens soweit, als diese ihre Abstammung verleugnen, die anderen sind ihnen nur gut genug, siert und wie viel die Einfalt vermag, die sich bloß der Dinge freut. Wie denn überhaupt die Einfalt ein chassidisches Ideal ist. Die erste Legende die Buber las, war „Jerusalem“ aus dem Buche: „Die Legende des Baal- Schem“; aus demselben Buche das „Rufen“. Die beiden andern Legenden sind im Druck noch nicht erschienen. Sie werden unter anderen im Buche. „Die Erzählungen der Schüler“ erscheinen. Da wir das wissen, warten wir mit großer Gespanntheit darauf. Die beiden Erzählungen „Das Hohelied“ und „Der Seder des Rabbi Levy“, die Buber vorlas, standen in keiner Weise hinter den Legenden des Baal-Schem zurück. Eine Inhaltswiedergabe wäre sinnlos, da es bei diesen Erzählungen so sehr auf die poetische Form, in der sie gebracht werden und die intimen Einzelheiten ankommt, daß jedes kurze Wiedergeben wie Parodie klingt. Während der einzelnen Erzählungen machte Buber kleine Pausen, gleichsam als wollte er den Seejen, die er in seine Erzählungen gebunden hatte, wieder Zeit geben zu entkommen, um sie von neuem zu binden. Das Publikum horchte mit wahrhaft andächtiger Gespanntheit auf die Worte unseres wenn sie unter nichtdeutschen Völkern zersetzend wirken. Noch in einem Punkte müssen wir dem Herrn Hofrat entgegentreten. Er schreibt weiter: „Der Gegensatz mußte in die Erscheinung treten mit dem Moment, als auch bei uns der kleine Mann, der Handwerker, Industriearbeiter. politische Bedeutung gewann.“ Bezüglich des Industriearbeiters hat sich der Herr Hofrat stark geschnitten, was wohl keines Beweises bedarf. Christlichsozialer Vormarsch. Während gewisse Kreise ununterbrochen vom Zerfall der christlichsozialen Partei faseln, gewinnt dieselbe immer mehr unter allen Nationalitäten der Monarchie an Boden. ln den letzten Tagen vollzog sich in Prag die Bildung einer tschechischen christlichsozialen Partei, in Pest die Konstituierung einer „christlichen magyarischen Unabhängigkeitspartei“, zwei für die Juden beachtenswerte Symptome. Abgeordneter Dr. M y s 1 i v e c, bekanntlich einer der antisemitischen Wortführer der ersteren Partei, verkündete unter anderem auf ihrer Prager Tagung, daß, wenn es zum nationalen Frieden zwischen Deutschen und Tschechen komme, könne und werdediesnurdasWerkderChristlichsozialenbeiderZungen sein. Wenn man nun berücksichtigt, daß dieser Ausspruch in einer Zeitperiode vor Wiederbeginn der deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen und vor Wiedereröffnung des böhmischen Landtages fällt und daß die Auspizien zur Verständigung beider Nationen und für produktive Arbeit unter „freisinniger“ Aegide äußerst traurige sind, dann begreift man die ganze Bedeutung des tschechischen christlich-sozialen Parteitages und dieses Ausspruches. Ein nationaler Ausgleich auf klerikal-antisemitischer Basis rückt also immer näher, infolge der verkehrten Nationalitätenpolitik der Pseudoliberalen aller Zungen und ihres jüdisch-assimilatorischen Anhanges. Diese verkennen auch in Ungarn vollkommen die Situation, wenn sie sich einbiiden, daß infolge des Zusammenbruches der magyarischen Koalition eine Neuauflage eines Regime Tiszas des alten feudalkapitalistischen „Juden“liberalismus möglich ist. Was sich in Ungarn jetzt vorbereitet, das ist eine Aera Taaffe und der ungarische Ta affe heißt — K h u e n. Jetzt beginnt in Ungarn genau, so wie seinerzeit in Zisieithanien im Jahre 1879 der Nationalitätenkampf akut zu werden und der Antisemitismus feste Parteiformen anzunehmen. Die neue christliche magyarische Unabhängigkeitspartei ist die Kopie der österreichischen Deutschnationalen, ebenso wie die magyarische Volkspartei und die magyarischen Christlichsozialen . vollkommen ihren zisleithanischen Gesinnungsgenossen in Organisation, Programm und Taktik gleichen. Aber auch das Unverständnis für den Ernst der politischen Situation ist bei den assimilatorischen Juden in Transleithanien genau so groß, wie in Zaddik und selbst während der kurzen Pausen war nur ein verhaltenes Flüstern vernehmbar. Es ist auch kaum noch in einem literarischen Vortrag ein Publikum so ganz befriedigt worden. Die Auswahl der Legenden war keineswegs etwas Zufälliges, denn die Stimmung der einen harmonierte immer so vollständig zu den andern als hätten nur diese vier Legenden gewählt werden können, wie vier Fugen einer Sonate. Zwischen tiefster Tragik und höchster Komik waren alle Schattierungen enthalten. Und alles an den Erzählungen ist ganz einfältig und nichts banal. Unwägbare Schätze hat uns Buber aus dem Dunkel gehoben. Die Wirkung, die bei diesem Vortrag die Persönlichkeit Bubers übte, ist schwerer zu schildern. Schon sein Erscheinen wirkte beruhigend. In seinem ganzen Wesen meertiefe Rühe; nichts Fremdes und dennoch eine Unnahbarkeit in seinen Bewegungen. Keine Spur von Nervosität. Nicht der geringste Zwang in seinem Tun. Aus seinen Augen spricht bei jedem Wort ein unzweideutiger Kommentar. Ernst Rappaport.