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Jüdische Zeitung · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG NflTIDNFIL -JUDI5EHE5 ORGAN. ■ ■■■■■■■■■■■*■■■■■■■■■■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: tx., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *■«■****■»■»•»■*■**■*** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. & ■»*■»*** Nr. 14. Wien, Freitag den 8. April 1910. IV. Jahrgang. An die Zionisten Westösterreichs! Der zweite westöstferreichische Zionistentag ist vorüber. Sein Verlauf war ein erhebender Beweis des hohen sachlichen Ernstes, der unsere Gesinnungsgenossen beseelt, ihres Arbeitseifers und der weitgehenden Uebereinstiinmung ihrer Ansichten in allen wichtigen Fragen. Der Parteitag hat siCh im Besonderen vornehmlich mit der Beratung der Mittel und Wege befaßt, wie die jüdischen Kultusgemeinden zu wahrhaften jüdischen Volksgemeinden ausgestaltet werden können, und den einmütigen unerschütterlichen Willen der Zionisten Westösterreichs bekundet, mit unbeugsamer Energie an der Demokratisierung der Kultusgemeinden zu arbeiten, ihren Leitungen den Geist eines modernen, nationalbewußten und zukunftsfrohen Judentums einzuflfißen und dafür zu sorgen, daß die Jugend von den der Gemeinde unterstehenden Lehrern in diesem Geiste erzogen wird. In derFrage der Gesamtorganisation sprach derParteitag seine Meinung dahin aus, daß bei dem Anwachsen der Aufgaben unserer Bewegung die Last der Arbeit und die Schwere der Verantwortung von einer Leitung getragen werden soll, welcher durch ihre Zusammensetzung eine ständige kollegiale Beratung ermöglicht ist, daß ferner dem großen Aktionskomitee die ihm gebührende Stellung als integrierender Bestandteil der Leitung wiedergegeben werden möge. Der Parteitag gab dem Wunsche Ausdruck, daß den Vertretern der jüdischen Massen im Osten wieder ein maßgebender Einfluß auf die oberste Führung der Partei eingeräumt werde. Erhebende Einmütigkeit erwies der Parteitag in der Palästinafrage. Er bekundete die Anschauung, daß eine von Initiative erfüllte großzügige umfassende wirtschaftliche 'und kulturpolitische Arbeit in Palästina im Mittelpunkte jeder zionistischen Tätigkeit stehen müsse, daß die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes in Palästina die unbedingte Voraussetzung der Erfüllung des zionistischen Ideales sei. Er -zeigte den festen Würcn, tüt 'allem -für -jene fnstttutrenen -zu wirken, welche, wie Nationalfond, Development Company, Siedelungsgenossenschaft und Agrarbank, zur Förderung dieser schwierigen Aufgabe bestimmt sind. Der Parteitag begrüßte mit hoher Freude die ersten Ansätze einer jüdischen Kulturrenaissance, die in überraschend kurzer Zeit auf dem Boden Palästinas aufblühten und erkannte die Erstehung neuer jüdischer Werte als jene Tatsache an, welche die Zionisierung der Goiusjudenschaft am stärksten zu fördern geeignet ist. Bezüglich der westösterreichischen Organisation gab der Parteitag dem Wunsche Ausdruck, daß der Zusammenhang der Distrikte, der durch den Verband Westösterreichs angebahnt wurde, ein immer engerer werden und das leitende Zentralkomitee mit mehr Autorität und finanziellen Mitteln ausgestattet werden möge. Die Schaffung eines jüdischen Tagblattesin Wien und die Errichtung eines Parteisekretariates wurden als notwendig erklärt. Gesinnungsgenossen! Dies sind in großen Umrissen die am Parteitag zu Tage getretenen Willenskundgebungen Euerer Delegierten. Wir haben als das vom Zionistentag gewählte Zentralkomitee die Aufgabe übernommen die Leitung nach diesen Grundsätzen zu führen. Wir treten unser Amt an im Bewußtsein, daß nur durch kollegiale einverständliche Behandlung aller wichtigen Fragen und eine rein sachliche Führung der Geschäfte, wie sie durch das frühere Zentralkomitee und seinen hochverdienten Präsidenten AUS DEM INHALTE: Aufruf. „Teutsche, Deutsche und Daitsche.“ Christlichsozialer Vormarsch. Eine Rede Franz Oppenheimers. „Frankfurter Zeitung“ und „Union». Böcke .als Gärtner. Gedicht von Beda. Der Zweite westösterreichische Zionistentag. Martin Buber über chassidische Mythen. Deutsche Zionistenkonferenz in Berlin. Vereinsnachrichten. Sport. Jüdischer Nationalverein fUr Oesterreich Montag den 18. April, 8 Uhr abends findet im HOTEL POST I-, Postgasse eine öffentliche TAGESORDNUNG : Die Juden und die Gemeinderatswahlen im ersten Bezirk. Referenten: Reichsrats-Abg. Dr. Benno Straucher, Ingenieur Robert Stricker. JEDERMANN HAT ZUTRITT. c—n———^11— Martin Buber über chassidische Mythen. Mittwoch, den 30. März 1910 sprach Martin Buber vor einem aufmerksamen und dankbaren, Publikum im Kunstsalon Heller über chassidische Mythen, und las mit genialer Einfachheit vier Erzählungen vor. Es ist das kein geringes literarisches Ereignis, denn der großen Mehrzahl sind die ungeheuren Schöpfungen der jüdischen Mystik, die hier aufgezeigt, oder besser offenbart wurden, durchaus unbekannt. Und doch überragen diese Mythen an Schönheit und Tiefe weit alle Produktionen des Tages. Man fühlt sich wie in ungeahnten, unterirdischen Schlössern, wenn man diese Dokumente der unterirdischen Geschichte des jüdischen Volkes gewahrt. Martin Buber nimmt in der Geschichte des Judentums eine bedeutende Stelle ein, da es ihm in unvergleichbarer Weise gelingt, gerade die wesentlichsten, wenn auch den Meisten unsichtbaren, treibenden Kräfte des Judentums zusamt seinen Schöpfungen ans Licht zu bringen. Buber selbst stellte Mittwoch das Vorlesen der vier Legenden, die er dazu ausgewählt hatte, in den Vordergrund; uns aber fällt es schwer zu entscheiden, ob nicht seinen einleitenden Worten die größere Bedeutung beizumessen ist. Folgendes ist der Sinn der einleitenden Worte: Die Stoffe der Erzählungen bedürfen einer Erläuterung, weil es mythische Stoffe einer unfemen Vergangenheit sind. Man pflegt als Mythen nur die Schöpfungen der Urzeit zu bezeichnen, wiewohl das Wesen der Mythenbiidung mit derZeit in gar keinem Zusammenhang steht. Es gibt zu allen Zeiten große Gestalten, die auf die mythenbildende Kraft der Menschenseele einen gewaltigen Einfluß ausüben. Diese Gestalten werden dann mit einem Geflechte von Erzählungen umwoben, in denen die hohe Spannung und Intensität des Erlebens zum Ausdruck gelangt. Das Wesentlichste ist, daß in allen diesen Geschichten ein Geschehen mit zentralem Sinn dargestelit wird. Dies aber ist nicht ein abstraktes Prinzip, das zur Darstellung gelangt, sondern Wirklichkeit. Alles einzelne Geschehen wird als Faktor in dieses Prinzip eingestellt. Unter den mythenbildenden Völkern nehmen die Juden eine bedeutende Stelle ein. Dies ist nicht genügend gewürdigt worden, weil viele Momente Zusammenwirken, um selbst den unparteiischesten Rassenpsychologen zu täuschen. Vornehmlich von der Bibel, der Schrift, die aus der Urzeit stammt, wird behauptet, sie enthalte keine Mythen. Es ist aber zu beachten, daß die Bibel fortwährend einer mythenfeindlichen Zensur unterstand, die alles Mystische für religionsgefährlich hielt. Nimmt man aber alles zusammen, so sieht man, daß sich in der Bibel trotz aller Eiiminationsarbeit Mythen erhalten haben. Auch aus der späteren Geschichte der Juden ersehen wir, daß sich die inythenbildende Kraft dieses Volkes niemals erschöpft bat. Immer neue Gestalten gaben diesem Sehen eine Stütze. Unter allen Blüten dieser Kraft ragt die Legende der Chassidim hervor. Durch ungewöhnliches Geschehen sind die Chassidim im Golus förmlich erwacht Sie haben die Stimme des Höchsten in sich rufen gehört und haben ein Herz bekommen zu wissen; und sie haben gewußt, daß das Göttliche in den Dingen selbst liegt, und gewußt, daß Gott sich aus den Dingen ihnen offenbart, wenn sie die Dinge wahrhaft lieben. Und ihre Auserwählten haben im rechten Dienst den Sinn aller Dinge und alles Geschehens erfahren und standen ineinander mit Gott. Und sie haben erkannt die Weihe jeder Handlung und sie haben geschaut, wie alle Handlung gleich jedem Ding Gott in sich trage und wie jede Handlung zu erlösen vermag. Und dieses Wissen haben sie durch ihre Sagen auf uns vererbt. Der Hohepriester dieser Liebe war Rabbi Israäl ben Eliäser, genannt der Baal-Schem. Die

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