Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 13 und dann zur Besichtigung verschiedener Wohlfahrtsinstitutionen eingeladen wurde. Hernach fand eine Besichtigung des jüdischen Studentenheims statt. Am Abend vereinigte ein Bankett alle hervorragenden Gesinnungsgenossen. Das Bankett nahm einen äußerst gelungenen Verlauf. Unsere Nationalsprache.*) Interview mit Dr. Nazim Bey. (Originalkorrespondenz der „Jüdischen Zeitung“.) Nach dem Interview des Unterrichtsministers wollte ich die Ansicht des Dr. Nazim Bey über die Nätionalsprache der Juden im ottomanischen Reiche gleichfalls erfahren. Dr. Nazim Bey ist eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten im Reiche und der eigentliche Leader des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt. Man sagte mir, daß er trotz seiner jüdischen Abstammung (er gehört zur Sekte der sogenannten „Döümes“, das sind die Abkömmlinge jener Anhänger von Gäbbethai Z’wi, welche zugleich mit dem falschen Propheten im 17. Jahrhundert zum Islam übertraten) ein intransigenter türkischer Nationalist sei. Auch wußte ich von ihm, daß er sich vor mehreren Wochen gegenüber einem Vertreter des „Journal de Salonique“ in entschiedener Weise gegen eine jüdische Konzentration in Palästina geäußert hatte. Gerade deshalb wollte ich ihn aber ausfragen, selbst auf die Gefahr hin, daß er sich entgegen der so aufrichtig liberalen Ansicht des Unterrichtsministers äußern und deren Wirkung vielleicht abschwächen könnte. Das durfte mich jedoch nicht abhalten; eine Enquete ist nur dann unparteiisch, wenn sie alle Meinungen gewissenhaft registriert, also auch solche, welche mit unserer eigenen Ueberzeugung nicht in Einklang stehen. Glücklicherweise waren jedoch meine Befürchtungen gänzlich unbegründet. Ohne die leiseste Spur einer vorgefaßten Meinung, frei von jedem Vorurteil gegen die nicht muselmanischen- Nationalitäten, bekundete Dr. Nazim Bey in der Sprachenfrage eine aufgeklärte und freimütige Gesinnung, welche ihm zur- Ehre gereicht. . ■ Ich wurde im Klublokal des Komitees für Einheit and-Fortschritt in Stamboul empfangen. Nachdem ich ihm die Veranlassung meines Besuches erklärt hatte, sagte mir Dr. Nazim Bey, daß seiner Ansicht nach die Frage der Nationalsprache für die hiesigen Juden eine Angelegenheit sei, die sie unter sich., selbst zu. entscheiden, gewissermaßen eine „Familiensache“, ein Problem, welches die Juden gelbst zu lösen hätten;. den Außenstehenden stehe eigentlich kein Recht -zu, in dieser. Frage milzureden. . — Jawohl, antwortete ich, aber es ist für die Juden doch von großer Wichtigkeit, die Meinung der leitenden Männer und intellektuellen Kreise unter den übrigen Nationalitäten des Reiches zu erfahren ... Nazim Bey sagte mir daraufhin: — Ich leugne nicht, daß ich es als ein großes Glück betrachten würde, wenn in der Türkei alle und jedermann, ohne Unterschied der Abstammung und Religion, eine einzige gemeinsame Sprache — selbstverständlich nur das Türkische — annehmen wollten. Nachdem die Nationalitäten jedoch auf dem Willen beharren, ihre eigenen Nationalsprachen beizubehalten, so werden wir uns diesem legitimen Verlangen in keiner Weise entgegenstellen und den Nationen diesbezüglich vollste Freiheit lassen, den Juden ebenso wie den Albanesen, Armeniern, Griechen etc. Wir stellen jedoch eine einzige Bedingung: Die türkische Sprache muß in allen Schulen des Reiches als obligatorischer Gegenstand gelehrt werden, und alle Staatsbürger ohne Ausnahme müssen sie lernen. Unter dieser einzigen conditio sine qua non können die Juden:selbstverständlich das Hebräische unbehindert als Unterrichtssprache einführen. Ich achte die Gesinnung der nationalen Juden, wie ich übrigens die Liebe für die eigene Nationalität bei jedermann ohne Unterschied achte. Wenn die ottomanischen Juden glauben, daß sie mit. dem Hebräischen die Bande zwischen sich und den. Juden des Westens noch mehr zu festigen . *) inv-Anschluß an das in mehreren jüdischen Blättern veröffentlichte Interview des Herrn J. Cohen mit dem ottomanischen Unterrichtsminister erhallen, wir von .-Herrn Cohen vorstehenden Bericht über eine zwischen Dr, Nazim Bey und ihm stattgehabte Unterredung. vermögen, dann umso besser, und wir würden sie aufrichtig dazu beglückwünschen... Ich hatte jedoch wiederholt Gelegenheit, mit einigen unter ihren Glaubensgenossen in Frankreich und England zu verkehren und bezweifle es sehr stark, daß die hebräische Sprache auf jene Juden die Wirkung haben wird, welche die Nationaljuden zu erhoffen scheinen . . . Auf meine Einwendung, daß es sich vorderhand ganz speziell um die ottomanischen Juden und um die Sprache handle, für welche die Juden der Türkei optieren sollen, erklärte mir Dr. Nazim Bey wörtlich folgendes: Ich wiederhole, daß es den ottomanischen Juden freisteht, das Hebräische als ihre Nationalsprache wieder einzuführen, ohne daß ein Mensch den geringsten Anstoß daran nehmen wird, vorausgesetzt, daß sie gleichzeitig auch das Türkische gehörig erlernen. Letzteres liegt vor allem in ihrem eigenen Interesse, denn nur dann werden ihnen alle Aemter, alle Stellungen im Zivil- und Militärdienst zugänglich sein. Ich für meine Person fühle mich soweit frei von jedem Vorurteil gegen die Juden, daß ich die Ansiedlung in derTürkei von Millionen ausländischen Juden freudig begrüßen würde. Vorausgesetzt, daß sie ottomanische Staatsbürger werden und die offizielle Sprache des Staates erlernen, wäre eine große jüdische Immigration von hohemWert für unser Vaterland. Wir sprachen noch von der Lage der Juden in Rußland und Rumänien, vom Schulwesen der Alliance Israelite Universelle, von der „Gesinnungstüchtigkeit“ unserer Glaubensgenossen in gewissen anderen Ländern, usw. Dannverabschiedete ich mich von Dr. Nazim Bey mit dem Ausdruck aufrichtigen Dankes für seinen äußerst liebenswürdigen Empfang. Konstantinopel, 17. März 1910. J_ M. J. Cohen. Zeitschriften und Bücherschau. Diskussion über Oppenheimers Artikel „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein“. (Siehe Ni\ 12 der „Jüd. Ztg.“) Im „Israelitischen Gemeindeblatt“, Köln, nimmt F. S. (Fabius Schach) zu Oppenheimers Artikel Stellung und meint in der Einleitung, daß der Aufsatz Oppenheimers die tiefe Kluft zwischen Ost- und Westjuden dargetan habe. Er fährt folgendermaßen fort: „Die jüdische Psyche im Osten ist anders geartet als die im Westen. Die Lebensbedingungen, das Milieu und das Temperament sind anders und es entwickelt sich daraus eine Lebensanschauung, die der des Westens, diametral entgegengesetzt ist. Es gibt nur wenige Juden im Westen, die in die Psyche des Ostens einzudringen vermögen. Die meisten stehen dem inneren Problem des Ostens verständnislos gegenüber. Und das ist durch den Zionismus nicht besser geworden. Ja, vielleicht noch schlimmer, weil hohle Worte das Problem nur verdunkelten und nicht weiter führten. Will man diese Gegensätze kurz ausdrücken, dann wird man wohl sagen dürfen: Der Jude des Ostens ist, wenn er eine ehrliche und ernste Natur ist, Nationaljude, der Jude des Westens ist der Religion, vielleicht auch dem Herzen nach Jude; der Kultur, der Nationalität und dem Temperament nach ist er nicht mehr jüdisch. Das ist ganz natürlich. Die Rasse ist ein dunkler Begriff, mit dem wir nichts anzufangen wissen, das Milieu ist im Kultur- und Nationalleben alles. Nun lebt der Jude des Ostens im jüdischen Milieu und er ist im' Grunde nie etwas anderes gewesen als Jude. Auch dann, wenn er sich zu einer hohen Kulturstufe emporgerungen hat, hat er es wohl verstanden,. diese Kultur mit seiner jüdischen Psyche zu verschmelzen und sie ist ihm, in der Form und in der Färbung wenigstens, eine jüdische Kultur geworden. Der Jude des Westens lebte selten im jüdischen Milieu, der Kulturmensch in ihm ist nicht jüdisch. Er ist wohl daneben noch Jude, aber seine Kultur hat mit seinem Judentum nicht viel gemein. Der Jude des Ostens ist im Judentum zu Hause, der des Westens nur zu Gast. Der Jude des Ostens sucht seine Kultur in sein Judentum hineinzutragen, der des Westens will sein Judentum in die westeuropäische Kultur hineinbringen. Daher ist die Psyche des Ostens geschlossen, einheitlich, ■ die des Westens voller Zerfahrenheit und gequält von Dualismen. Der Jude des Ostens hat eine innere Heimat. Ja, er ist seelisch nie heimatlos, weil er seine Heimat mit sich trägt. Die Psyche des Juden des Westens flattert meistens heimatlos in der Luft umher. Daher können sich diese heterogenen Elemente wohl vorübergehend zu irgend einer Tat vereinigen, zu einer inneren Einheit aber werden sie nie verschmelzen, weil Temperament und Lebensanschauung sie immer wieder trennen wird.“ Er führt dann des längeren aus, daß die deutschen Juden ganz entnationalisiert seien und zieht dann daraus nachstehende Folgerungen: „Gesteht man die Wahrheit ein, daß die westeuropäischen Zionisten keine Nationaljuden sind, dann muß man auch den Mut haben, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Hat ein Zionismus ohne Nationaljudentum noch einen inneren Wert? Der Zionismus will doch eine jüdische Weltanschauung sein und diese Weltanschauung steht uud fällt mit dem nationalen Element. Man kann für die westeuropäischen Zionisten keinen neuen Zionismus künstlich konstruieren. Der entnationalisierte Zionismus mag praktisch leisten, so viel er wolle, er bleibt wertlos, weil ihm die innere Kraft fehlt. Die JCA., der Hilfsverein und die AJU. haben zweifellos praktisch viel mehr geleistet, aber darum sind sie noch immer keine erlösenden nationaljüdischen Taten. Wenn der Zionismus nicht mehr innerlich befreiend, wie eine Religion wirken kann, dann ist er bankerott, mag er es zugeben oder nicht. Haben die westeuropäischen Zionisten erkannt, daß sie keine Nationaljuden sind, dann bleibt immer noch für sie ein großes Feld der.Tätigkeit auf kulturellem und sozialem Gebiete übrig, aber Zionisten sind sie dann nicht mehr. Daran ändern alle Phrasen und alle Philosophien nichts. Kulturell und sozial kann man wohl für andere arbeiten, ohne selbst mit der Seele und mit der ganzen Persönlichkeit daran beteiligt zu sein. National aber arbeitet man immer für sich und nicht für andere, man muß mit seinem ganzen Innern dabei sein. Diese Konsequenz werden die ehrlichen Männer ziehen müssen. Je früher, desto besser — für sie und den Zionismus. Die deutschen Zionisten können nur noch eine Partei, aber keine Richtung, keine Bewegung bilden.“ Zum Schlüsse bemüht sich der Autor, den Irrtum, als ob die ostjüdische Kultur minderwertig sei, aufzudecken, indem er auf die fatale Verwechslung der Begriffe Kultur und Zivilisation hinweist. Für die „Jednosc“ war der Artikel Oppenheimers ein gefundenes Fressen. Der Redakteur Herr B. M. freut sich, daß „die konventionelle Lüge des jüdischen Nationalismus aufgedeckt ist. Die Freude der „Jednosc“ ist verfrüht, denn Oppenheimer hat doch die Existenz des jüdischen Nationalismus nicht in Abrede gestellt. Uebrigens kann jeder rechtlich Denkende den Ver-r such, die von Ehrlichkeit diktierten, in schweren Seelenkämpfen erworbenen Ansichten eines Oppenheimer als Rechtfertigung für die gemeine Moschkopolitik zu verwenden, richtig einschätzen und wird sich davor hüten, die Namen der galizischen Assimilanten und des Dr. Oppenheimer in einem Atemr zuge zu nennen. Statistik der Auswanderung nach Palästina für die Zeit vom l.März bis zum 31.Dezember 1909 (10 Monate). (Erstattet vom Informationsbureau für Palästina in Wien.) Aus den Fragebogen unseres Bureaus, welches am 1. März 1909 gegründet wurde, entnehmen wir folgende Daten: Während der Berichtszeit haben den Wegüber Wien nach Palästina 333 Personen genommen, hievon gaben als Herkunftsland 257 Europa und 76 Palästina an. Von diesen waren aus: Galizien i ..... 85 Russisch-Polen ... 84 übrigen Rußland ... 69 Rumänien.10 Ungarn. 5 Bukowina. 4 Von den Palästinensischen haben sich während kurzer Zeit krankheitshalber 41, geschäftlich 17, um das Hebammenfach zu lernen 4, aus anderen Motiven 14 in den Golusländern aufgehalten. Was das Alter betrifft, waren: unter 15 Jahren 31 Personen von 15-30 „ 180 tf n 30-50 „ 58 n über 50 „ 64 n Wenn wir also das Alter zwischen 15—50 Jahren als das produktive annehmen, so ergibt sich die erfreuliche Tatsache, daß mehr als 70 Perzent arbeitskräftige Leute hingewandert sind. Noch deutlicher tritt das zutage, wenn man erwägt, daß mehr als die Hälfte der Auswanderer im Alter von 15—30 Jahren stehen und daß es meistenteils ledige Leute sind, welche sich also eher mit einem kleinen Arbeitslohn zufriedenstellen können. Dieser Prozentsatz würde sich noch erhöhen, wenn wir die meistens int vorgerückten Alter stehenden palästinensischen Juden in Abzug bringen würden. Nach dem Geschlechte waren249Männer, davon 148 ledig, und 84 Frauen, davon 31 ledig. — Die Zahl der Familien betrug 31, darunter 18 mit insgesamt 26 Kindern; hingegen bestanden 13 Familien nur aus Mann und Frau; letztere begaben sich nach Palästina, um die letzten Lebensjahre dort zu verbringen. 2 Frauen fuhren mit 7 Kindern zu ihre Männern, die schon längere Zeit in Palästina weilten. Von den 333 Personen waren bis nun 238 in verschiedenen Berufen tätig, 33 Kinder und 56 Frauen ohne selbständige Beschäftigung, welch