Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 außerstande zu sein, eine Wahl in das ZK. anzunehmen. Zum Präsidenten wurde unter lebhaften Beifallskundgebungen Gg. ‘ Adolf Böhm (Wien) gewählt: Ferner als Mitglieder des Zentralkomitees. Dr. Otto A b e 1 e s, Staatsbahnbeamter (Wien). Dr. Emil Margulies, Advokat, (Prag) Dr. HugoRappaport,Advokat,(Trautenau) Dr. Ludwig Singer, Advokat, (Prag). Josef S ü ß m a n n, Prokurist, (Mähr.-Ostrau). E. Stern. Dr. Siegmund Werner, Zahnarzt, (Iglau). Dr. Gustav Zweig, Advokat, Bürgermeister der politischen Gemeinde Proßnitz. Ferner als Ersatzmänner. Dr. Friedrich Kuh, (Prag). Fritz L ö w, (Proßnitz). Dr. Karl Pollak. Hierauf wird in der Verhandlung über den Punkt der Tagesordnung „Unsere Stellung zu den Kultusgemeinden und das zionistische Kultusgemeindeprogramm“ eingegangen. Gg. Dr. Egon ZweigJ(Wien) erdattet, von lebhaftem Beifall begrüßt, das Referat, dessen Thesen wir in der vorletztem Nummer veröffentlicht haben. Hoher Parteitag! Das mir zugewiesene Referat über „Das Verhältnis der zionistischen Organisation zu den Kultusgemeinden und das zionistische Programm“ behandelt ein uns altvertrautes Thema. Nicht geringer ist deshalb das Verdienst unseres ZK., daß es die neuerliche Beratung angeordnet hat, denn das Wahrwort: „Du mußt es dreimal sagen!“ gilt nicht zuletzt in politicis- Uns Zionisten, deren Weltanschauung im Historischen wurzelt, ziemt zunächst ein Rückblick auf die Geschichte auch unseres Themas. Am II. Zionistenkongreß war es, als Nord au, Herzls Vertrauter, die markvolle Parole „Zionisten, erobert die jüdischen Gemeinden!“ unter die Delegierten warf und jubelnd Beifall weckte. Wir Zionisten in Oesterreich haben es mit der Verwirklichung des Kampfrufes von Basel ernst genommen. Schon im Herbst 1893/schuf Herzl in Wien, dessen beispielgebende Bedeutung er klar erfaßt hatte, gegen den Kultusvorstand ein Wahlbündnis oppositioneller Vereine, das aber durch den Verrat der Verbündeten noch vor der Wahl wieder zerfiel. Doch schon 1900 bei der nächsten Kultuswahl nahm Herzl, nach einer seitens der „Welt“ scharf und andauernd geführten Kritik des Alten und auf Grund eines Wahlaufrufes, der auch schon programmatische Ansätze enthielt, den Kampf wieder auf, überrumpelte den Feind und brachte in der Stichwahl zwei Oppositionelle in den Vorstand. Um die gleiche Zeit wagten auch die Zionisten in einigen Provinzstädten Mährens undSchlesiens den ersten Sturm und errangen auch wirklich einige Mandate. Der l. österreichische Parteitag zu 01 m ü t z Ende März 1901 hat dann bei Beratung jenes, von Berthold Feiwel verfaßten, zionistischen Gegenwartsprogrammes bei vielen Punkten die Glosse. hinzugefügt: „Hiezu sind in erster Reihe die Kultusgemeinden heranzuziehen.“ Am II. Parteitag in Bielitz, Ende Mai 1902, hatte sich unter dem Eindruck der Referate Weißbergers und Dr. Goldwassers über die praktischen Aufgaben der zionistischen Organisation, die Ueberzeugung vertieft, daß trotz sorgfältiger Auswahl noch immer ein Zuviel an Agenden auf der Partei laste. Da wurde daß LK. vom Parteitag beauftragt, baldigst ein für ganz Oesterreich gütiges, zionistisches Gemeindeprogramm auszuarbeiten und die „Stellung der Zionisten zur Kultusgemeinde“ als eigenen Punkt auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen. Das LK. hat nun im Herbste 1902,als die Kultuswahlen inWien neuerlich bevorstanden zunächst das in Nr. 41 der „Welt“ vom 10/X 1902 veriautbarte „Gemeindeprogramm der Wiener Zionisten“ verfaßt. Es schlug ein und zwang unsere koalierten Gegner zu heuchlerischen Beteuerung, fast alle unsere Postulate seien längst auch die ihren. Die Zionisten unterlagen in diesem beiderseits erbittert geführten Wahlkampf und Herzl veranlaßte den noch verbliebenen zionistischen Kultusvorsteher zum Austritt. Keineswegs entmutigt, griffen nun auch neben den mährischen Zionisten, jene Galiziens in den Kampf ein, jedoch nur teilweise mit Erfolg. Der III. Parteitag zu Wien brachte auf Grund der Referate Dr. Zweig, Dr. Goldwasser und Bondy am 29. Juni 1903 die Beschlußfassung eines für ganz Oesterreich gütigen Programmes, das ich fortab das alte nennen werde, und gewisser taktischer Grundsätze, beides im „Zion“ Nr. 1 und 4 abgedruckt. Treu diesem Programm, das eine demokratische Gemeindeverfassung fordert, setzten die Wiener Zionisten, als das AK. sie Ende 1904 zu einem Kompromiß drängte, wenigstens durch, daß im gemeinsamen Wahlaufrufe auch von den Offiziellen die Ausdehnung des Wahlrechtes durch Herabsetzung des Mindest-Zensus von 20 auf 10 Kronen verbürgt wurde. Der Bruch dieses Versprechens führte zum Wahlkampf 1906, der uns erst in der Stichwahl zu Fall brachte. Doch schon 1903 griffen die Wiener Zionisten auf Grund eines vom Abgeordneten Mahler mitredigierten Gemeindeprogrammes, abgedruckt in Nr. 44 der „Jüdischen Zeitung“ vom 30/X 1908, wieder an, schnitten jedoch, weil desorganisiert, relativ schlechter ab, als je zuvor. Das kampffrohe Beispiel Wiens wirkte vielfach auf die Provinz zurück, doch konnten auch dort die Zionisten wohl mit ihren Ideen, doch nicht auch mit ihren Mandataren in die Gemeindestube eindringen. Erst in neuerer Zeit scheint sich eine friedlichere Entwicklung in der Provinz anzubahnen. So gewannen die Zionisten in Trnppau Einfluß und so schlossen sie in T e p 1 i tz-Schönau nach heißen Kämpfen, schließlich gleichwie in Iglau Kompromisse ab, die nicht bloß Parteigenossen in den Vorstand, sondern auch sachliche Zugeständnisse, wie Subventionierung des „Bezalel“, brachten. Die Verhältnisse im Osten Oesterreichs sind trotz der Ende 1907 leider erfolgten Loslösung der zionistischen Organisation Galiziens und somit auch der Bukowina vom Westen, naturgemäß von Interesse für uns geblieben. Hatte doch die erste These des alten Programmes eine Reichsorganisation der Judenschaft ganz Oesterreichs verlangt und dem LK. auferlegt, den Zusammentritt eines von allen Kultusgemeinden zu beschickenden Judentages zu veranlassen. Das LK. hat diesen Auftrag nicht erfüllt oder nicht erfüllen können, so daß dem „Allg. österr. isr. Gemeindebund“ der Ruhm zufiel, den Judentag vom 27. und 28. April 1908 einzuberufen und so als Schöpfer der Idee zu gelten. Tatsächlich aber stammt sie von unserem Parteitag her; sie wurde nämlich bei Friedenskonferenzen, die unser Schalit nach dem Wiener Wahlkampf 1906 einberief, zum Beschluß gestellt und dann von den B’ne Berith dem zögernden Gemeindebund zur Ausführung aufgenötigt. Der von den Zionisten beherrschte Judentag wählte zur Redigierung eines Entwurfes für die Reichsorganisation ein Komitee, dem nebst anderen Parteifreunden die Mitglieder des Jüdischen Klub angehörten. Diese konnten leider nicht hindern, daß das Vertretungsrecht für den nächsten Judentag widerrechtlich auf Kultusvorsteher eingeschränkt und so der zionistische Einfluß dort gelähmt wurde. Dennoch ist es unseren paar Delegierten zu danken, daß dieser fast nur aus dem Westen beschickte Judentag vom 4. und 5. Mai 1909 nicht vonvomeher Ostösterreich aus der geplanten Gesamtorganisation ausschloß, wie die Macher dies vorschlugen, und daß der Osten bei Aufteilung der Mandate für die künftige Leitung nicht ganz an die Wand gedrückt wurde. Hingegen blieb der von uns hartbekämpfte Grundsatz des Entwurfes aufrecht, wonach die Delegierung in die künftigen Landesverbandsleitungen durch die Kultusvorstände erfolgen soll. Das Gemeindebund-Präsidium hat seither, unkontrolliert von der Oeffentlichkeit, die Beschlüsse des zweiten Judentages redigiert und zur Genehmigung dem Ministerium überreicht, wo indeß zugleich eine Verwahrung der orthodoxen Gemeinden Galiziens eingelangt ist. In solcher Zeit nun hat unser Zentralkomitee sich entschlossen, das Interesse, welches die Parteigenossen für die Kultusgemeinden zweifellos hegen, durch eine ernste Aussprache zu beleben und durch autoritative Beschlußfassung in geregelte Bahnen zu lenken. Als Grundlage unserer Beratung sollen die in der „Jüdischen Zeitung“ verlautbarten Thesen dienen, deren erste lautet: „Wir erstreben die Gewinnung der Kultusgemeinden, weil wir in ihnen ein wichtiges Machtmittel erkennen, unser auf die Erhaltung und Förderung des jüdischen Volkes in seiner Eigenart gerichtetes Programm zu verwirklichen.“ Hier schon begegne ich dem Einwurf, die These sei teils überflüssig, teils sogar untaktisch, überflüssig, weil seit Nordaus Parole die Eroberung der Judengemeinde als zionistische Pflicht feststehe, und untaktisch, weil wir nicht verraten sollen, daß wir nach Macht streben. Dem ersten Einwand sei erwidert, daß die heutigen Beschlüsse über unser „Verhältnis zu den Kultusgemeinden“ ein logisches Ganze bilden sollen und daher den Grundsatz, daß und warum wir die Gemeinden gewinnen wollen, füglich voranstellen müssen. Ferner ist es doch eine gegenüber Nordaus Wort von der „Eroberung der Gemeinden“ nicht unwesentliche Reform, wenn es nun „Gewinnung der Gemeinden“ heißen und so der Weg zur kampflichen oder zur friedlichen Gewinnung offen bleiben soll. Noch klarer tritt dieser Unterschied zutage, wenn Sie die neue Fassung mit der bisher geltenden These 111 des alten Programmes vergleichen: „Wo die Verwirklichung dieser für unser Volkstum einzig heilsamen Forderungen von den gegenwärtigen Machthabern der Kultusgemeinden nicht zu erwarten steht, ist es unabweisliche zionistische Pflicht, die Macht in den jüdischen Gemeinden durch offenen Kampf zu erringen.“ Auch der zweite Einwurf scheint mir, obgleich sich ihm der Herr Korreferent anschließt, nicht richtig. Denn daß wir nach Macht streben, liegt in unserem Wesen als lebender Organismus, ist auch kein Geheimnis und halte ich hier, wie stets, Offenheit für die beste Taktik einer ehrlichen Volkspolitik. Uebrigens sagt ja die These sofort, daß wir die Macht nicht etwa für egoistische Zwecke, sondern „für die Erhaltung und Förderung des jüdischen Volkes und seiner Eigenart“ verwerten wollen. Durch diese Formulierung unseres Programmes will die Arbeit für Palästina und die sogenannte Gegenwartsarbeit zu einer höheren Einheit zusammengefaßt sein. Selbst wer jedoch das Wesen unseres Programmes auf die unmittelbare Förderung des Palästinawerkes beschränkt sieht, braucht darum vor meiner Thesenfassung nicht opportunistisch zurückschrecken,* haben doch sogar die Kultusvorstände von Wien und Prag den „BezaleP subventioniert und so ihre Pflichten gegen Palästina selbst einbekannt. Abgesehen von dem moralischen Muß, heimatlosen Brüdern zu helfen, dem bei fast allen Juden wirkenden Gefühl der Pietät für das Ahnenland zu entsprechen