Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Kraftanspannung für die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und für die Umgestaltung der israelitischen Kultusgemeinden in wahrhaft jüdische Volksgemeinden gewirkt werden müsse. Von großer Bedeutung für die Entwicklung unserer Bewegung ist die einmütige Stellungnahme des Zionistentages zur Palästinafrage. Den Ausführungen des Gg. Adolf Böhm (Wien) wurde begeistert zugestimmt. Die Anschauung, daß Palästina verdient, erarbeitet werden müsse und daß daher vor allem die Schaffung eines palästinensischen jüdischen Bauernstandes nottue, sind nunmehr Gemeingut der westösterreichischen Zionisten. Das Referat des Gg. Dr. Emil Marg u 1 i e s (Prag) über die Situation nach dem IX. Kongresse war eine glänzende Rechtfertigung für die Haltung unserer Landsmannschaft auf dem Hamburger Kongresse. Die von ihm entwickelten Grundsätze werden auch über die Grenzen unseres Wirkungskreises hinaus Zustimmung finden. Die Annahme seiner Thesen macht dem Parteitage alle Ehre und sichert unserer Tagung im gewissen Sinne historischen Wert. Auch in Fragen der Organisation wurde durchaus Vernünftiges beschlossen. Das Zentralkomitee wurde zu einer weit größeren Ingerenznahme bevollmächtigt. Es wurde bezüglich der höheren Behörden nachdrücklich gewünscht, daß dem Großen Aktionskomitee der ihm gebührende Einfluß auf die Leitung eingeräumt werde und klar ausgesprochen, daß der große jüdische Osten, der Kern unserer Partei, unbedingt in der obersten Kollegialbehörde vertreten sein müsse. Zählt man die Berichte des „Informationsbureaus“ und „Nationalfonds“ -hiezu, die Gg. Beigel (Wien) erstattete, so ist der Kern der Tagung herausgeschält. Der zweite österreichische Zionistentag hat alle Teilnehmer erfrischt und zu neuer Arbeit gestählt. Möge er vollen Widerklang in den Herzen aller bewußten Juden wecken! Die Verhandlungen. Erster Tag. Vormittagssitzung (Sonntag). Anwesend sind 83 Delegierte. Nach der Eröffnungsrede des Präsidenten, die wir an leitender Stelle wiedergeben und die nicht endenwollenden Beifall auslöste, begrüßte Dr. M e i s e 1 namens des innerösterreichischen Distriktskomitees den Zionistentag aufs herzlichste. Die Wahlen in das Präsidium hatten folgendes Ergebnis: Ernst Bechert (Teplitz) als Präsident, Fritz Löw (Proßnitz) und Dr. Pollak (Wien) als Vizepräsidenten. Das Schriftführeramt übernahmen Steiner (Teplitz) und Ing. Köppl (Wien). Gg. Dr. M a r g u 1 i e s schlägt vor, an den gleichzeitig tagenden Zionistentag in Lemberg und den dort weilenden Präsidenten W o 1 f f s o h n eine Begrüßungsdepesche abzusenden. (Lebhafter Beifall.) Gg. Bechert (lebhaft begrüßt) dankte für seine Wahl und versprach vollste Objektivität. „Es werden sich gewiß Gegensätze ergeben, diese beweisen aber nur, daß die Partei lebt.“ Er begrüßt die anwesenden Ehrengäste: (Prof. Dr. Kellner, Obmann des Bukowinaer DK., Gg. Singer und S’chulhof, Vertreter der südslavischen zionistischen Organisationen und die Witwe PereczSmoienski’s.) Hierauf erstattet Präsident Dr.Isidor Margu- I i e s den Kassabericht und Rechenschaftsbericht des ZK., der in der jüngsten Nummer unseres Blattes erschien. Der Kassabericht ergibt einen Ueberschuß von K 741.— Del. Franz Steiner (Prag): Das finanzielle Ergebnis ist nicht befriedigend. Es sind größere finanzielle Mittel zu beschaffen und es muß ein Parteisekretär angestellt werden. Ueber Antrag des Revisor Ludw. Steiner (Prag) wird der Kassabericht genehmigt. Unter gespannter Aufmerksamkeit des Zionistentages verliest Del. Beigel den Bericht des Informationsbureaus für Palästina und die Türkei, den wir in einer der nächsten Nummern wiedergeben werden. Der Bericht, wurde mit großem Beifall anfgenommen. Debatte. Gg. Weißkopf (Pilsen): Das Zentralbureau möge dahin wirken, daß die Reden der Abgeordneten des „Jüdischen Klubs“ in den meisten von Juden gelesenen liberalen Blättern ausführlich und wahrheitsgemäß wiedergegeben werden. Gg. Dr. Jakob Kohn (Zentralverein, Wien): Der Bericht dos ZK. kann befriedigen, wenn man erwägt, daß das ZK. eine junge Institution ist und bei der weitgehenden Autonomie der Distrikte die Leistung größerer Arbeit nicht möglich war. — Er regt ferner die Umgestaltung der „Jüdischen Zeitung“ in ein Tagblatt an. Solange wir kein Tagblatt haben, kann unser Einfluß auf die Oeffentlichkeit kein bedeutender sein. Es wäre Aufgabe des ZK. für diese Umgestaltung einzutreten. Gg. Böhm (ZK.): Das ZK. war bereits in dieser Richtung tätig. Das Tagblatt schwebte schon den Gründern der „Jüdischen Zeitung“ vor und wird auch gerade jetzt in ernste Erwägung gezogen. Doch ist zu bedenken, ob man ein gutes Wochenblatt, durch ein kleines Tagblatt ersetzen möge. Die „Jüdische Zeitung“ ist zwar kein offizielles Organ, stehe aber vollkommen unter der Kontrolle und dem Einfluß der zionistischen Partei. Die Schaffung eines offiziellen Blattes neben der „Jüdischen Zeitung“ sei überflüssig. Gg. Rabbiner Dr. Friedmann („Jeschurun“, Troppau) schlägt die Herausgabe monatlich erscheinender offizieller Mitteilungen des ZK. vor, welche allen Parteiangehörigen zugesendet werden mögen. Das mähr.-schles. Distriktskomitee hat in dieser Richtung einen erfolgreichen Versuch gemacht. Gg- Strauß (Zentralverein, Wien.) Das ZK. war infolge der geringen Mittel nicht in der Lage mehr zu leisten. Das Budget müsse auf eine andere Basis gestellt und die Frage des Sekretariates endlich gelöst werden. Dieses werde das organische Bindeglied zwischen den einzelnen Distrikten bilden. Bezüglich der Schaffung eines jüdischen Tagblattes bemerkt Redner, daß ein schlechtes Tagblatt doch wertvoller sei, als ein gutes Wochenblatt, da es immerhin eine Informationsquelle, speziell auf dem Gebiete der Politik ist. Gg. Ernst Frischer („Veritas“, Brünn) findet den Bericht des ZK. nicht befriedigend. Das freie zionistische Seminar habe nur für Wien Bedeutung Der einzige reale Punkt sei der Bericht des Informationsbureaus. Speziell die Initiative und Agitation seitens des ZK. habe gefehlt. Er bemängelt die Nichtveröffentlichung der Thesen der Referate des Parteitages. Gg. Redakteur Franz Steiner (Freie zionistische Vereinigung, Prag), verurteilt die Angriffe der westösterreichischen Landsmannschaft, insbesondere der Wiener Gesinnungsgenossen gegen die Kölner Leitung, zumal sie selbst nicht viel geleistet hätten. Redner wirft dem ZK. ungenügende Vorbereitung des Parteitages vor. Er tritt für die Schaffung eines tüchtigen Beamtenkörpers, eines Parteisekretariates und Regelung der Finanzen ein. Für die Wiener sei die wichtigste Aufgabe die Vermehrung der Anhänger. Durch den daselbst herrschenden Radikalismus werden viele abgestoßen. Redner verweist auf den großen Aufschwung der zionistischen Organisationen in Böhmen. Dort sei es gelungen in ein freundschaftliches Verhältnis zur nichtjüdischen Presse zu treten. Die „Jüdische Zeitung“ führe eine zu radikale Sprache. Redner stellt schließlich den Antrag auf Gründung eines offiziellen Parteiorganes. Die Schaffung eines Tagblattes sei verfrüht. Gg. Dr. Emil Margulies (Obmann des böhmischen DK., Prag): Es ist hier das Zentralkomitee von verschiedenen Seiten angegriffen worden und ich habe von keiner Seite den Versuch gehört, auch nur ein günstiges Wort für das Zentralkomitte zu sagen. Es ist wie beim Kongreß. Es ist von einer Seite der Versuch gemacht worden, zwischen den anderen Mitgliedern des ZK. und mir einen Unterschied zu machen. Ich fühle mich aber mit den übrigen Mitgliedern solidarisch und nehme jeden,* Teil der Verantwortung auf mich. Ich will versuchen, das, was hier gegen das ZK. gesagt wurde, historisch zu erklären und verständlich zu machen. Ich habe nie in Innerösterreich gelebt, auch nicht in Wien an der Bewegung aktiv teilgenommen. Es hat sicherlich Vorgänge gegeben, die meinen Beifall nicht finden konnten. Aber es geht nicht an, eine Organisation einer Millionenstadt, in einer Stadt mit 180.000 Juden mit der Bewegung in der Provinz zu vergleichen. Es ist ganz etwas anderes in kleineren Gemeinden Anhänger zu finden als in einer ' Großstadt mit ihrer Menge von Interessen, mit ihrem Trubel und ihren Ablenkungen sie organisch zusammenzufassen. Ich habe aber die Ueberzeugung, daß wenn auch die Zahl der organisierten Zionisten vielleicht geringer ist, als zur Zeit, da eine solche Persönlichkeit wie Theodor Herzl an der Spitze stand, wir keinen Anlaß haben, zu glauben, daß die Bewegung zurückgegangen ist. Es ist hier eine gewisse krisenhafte Entwicklung zu konstatieren. Jede Bewegung muß zeitweilig diese Entwicklung durchmachen. Es gibt Momente, wo einzelne Elemente abgestoßen werden müssen, weil sie nicht die entsprechende Anpassungsfähigkeit haben. Aber eine politische Bewegung muß gelegentlich grausam und undankbar sein, wenn es im Interesse der Bewegung liegt. Ich für meine Person habe die feste Ueberzeugung, daß es auch in Wien nunmehr nach Ueberwindung der Krise langsam aber organisch aufwärtsgeht und wir alle Ursache haben, zu sagen, daß wenn auch die Zahl der Schekelzahler nicht so groß ist, wie wir es nach der Zahl der Bevölkerung arwarten können, der zionistische Gedanke innerlich weiterlebt und vielleicht wird der Tag kommen, wo es nicht so schwer sein wird, mit dem Blasen einer Posaune die Mauern der Gegner zum Einsturz zu bringen. Bezüglich der Anwürfe gegen das ZK. bemerkt Redner, daß das ZK. von vorneherein als eine Leitung geschaffen wurde, wie es sonst die anderen Leitungen nicht sind. Es ist nicht zu vergessen, daß wir mit dem früheren Landeskomitee sozusagen auf den Nullpunkt gekommen sind, indem die galizischen Zionisten abgeschwenkt sind und eine eigene Organisation im Osten gebildet haben, daß zu dieser Zeit gewisse tiefgreifende Differenzen in den einzelnen Distrikten vorhanden waren und daß diese Distrikte den Niedergang der Landeskomitees benützt haben, um ihre Arbeiten autonom und selbstständig zu leiten. Damals traten wir zusammen, weil wir uns sagten, durch eine gewaltsame Zusammenfassung können wir die Einheit der Bewegung nicht herstellen, wir wollen ein loses Gefüge schaffen und die Autonomie der Distrikte in der Aibeit nicht beschneiden. Wir wollen einen Ausschuß zusammensetzen, damit wir die Möglichkeit haben, zusammenzu kommen und zusammenzuarbeiten, und haben die Ansicht gehabt: Durch ein organisches Zusammenwachsen der Distrikte werde eine Organisation entstehen, die wir als das Ideal einer Organisation in Oesterreich ansehen können. Sie haben zum erstenmal den Bericht eines ZK. gehört und wenn sie sich den vor Augen halten, müssen sie sagen, das ZK. hat unter den gegenwärtigen Verhältnissen das geleistet, was es leisten konnte. (Beifall.) Sie dürfen aber nicht sagen, daß nur das in unserer Bewegung geleistet wurde, was das ZK. geleistet hat. Die wirkliche Arbeit ist von den Distrikten in ihrer Autonomie geleistet worden. Ich bin überzeugt, daß das ZK. einen Schritt in der Richtung weiter machen wird, die wirkliche zionistische Arbeit konnte nicht in diesem Berichte stehen. Die wirklichen zionistischen Arbeiten stehen in den Berichten, die in den Distrikten erscheinen. Und dann können wir sagen, daß die Arbeit so vorgeschritten ist, daß wir alle Ursache haben, nicht übermütig, aber hoffnungsfreudig zu sein. Und darum glaube ich, daß das, was die Herren vorgebracht haben, als Wunsch aufzufassen sei, daß es zu einer festgefügten Organisation komme, nicht aber als Tadel erscheint. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Gg. Birnbaum (Barissia, Prag) erklärt sich mit den Ausführungen des Gg. Dr. E. Margulies einverstanden. Dem neuen ZK. müsse die Richtungslinie für die künftige Arbeit gegeben werden. Und diese Arbeit sei einzig und allein die Arbeit der Distrikte. Er wünscht die Zentralisierung nach innen und die Repräsentation nach außen. Aufgabe des ZK. sei es, die Divergenz in den Meinungen zwischen Wien und der Provinz zu beseitigen, mit Hilfe der Presse. (Beifall.) Gg. Böhm: Die meisten Redner haben nicht berücksichtigt, unter welchen schwierigen Verhältnissen das ZK. geschaffen wurde. Eine der wertvollsten Aufgaben ist die der Ueberbrückung der Gegensätze gewesen, die, namentlich in Bezug auf die innere Politik und die „Jüdische Zeitung“, oft unter Verzicht der persönlichen Anschauungen durchgeführt wurde. Nach außen waren wir deshalb gehemmt, weil die Distrikte vollkommen autonom waren. Man hat uns vorgeworfen, wir hätten keine Propaganda getrieben. Das ist nicht richtig. Wir haben ein wichtiges Propagandamittel, die Paiästina- Broschüre, geschaffen, und auch das für die Provinz notwendige Rednerbureau einzuführen versucht. Daß uns das nicht gelungen ist, dafür sind alle jene Parteigenossen verantwortlich, die hier in Betracht kommen. Dieser Bericht wird vielleicht auch deshalb zu scharf kritisiert, weil wir eine ziemlich bescheidene Sprache führen. Man kann das alles, was hier steht, auch viel pompöser mitteilen. Geschehen denn sonst irgendwo so großartige Aktionen, daß sie uns sagen können, daß eine Aktion, wie das Infcrmationsbureau, nichts sei? Es ist dies eine ganz bedeutende Sache, deren Schaffung ungeheuer viel Anstrengung gekostet hat. Jede einzelne Leistung bei unseren ungemein schwachen Kräften ist mit Schwierigkeiten verbunden, die ich gar nicht beschreiben kann. Darum erzählen wir ihnen hier nichts, und wenn wir davon nicht reden, glauben sie, es sei nichts geleistet worden. Wenn man gesagt hat, das Informationsbureau verdankt seine Existenz nicht dem Zentralbureau, so sage ich ihnen, daß das Zentralbureau nicht die Ideenfabrik des Zionismus ist, sondern Anregungen von allen seiten aufnimmt. Wir haben in den letzten Tagen z. B. die Sache der Jugendschriften in die Hand genommen. Man könnte sich hier stark in die Brust werfen; die isr. Kultusgemeinde hat seit drei Jahren Komitees eingesetzt und Fachleute berufen und trotzdem ist dort nichts geleistet worden. Und ich kann ihnen nur sagen, aus dieser Sache, die wir jetzt in Angriff genommen haben, wird etwas werden. Die Gewinnung der Jugend erscheint uns als eine der vornehmsten Aufgaben. Es ist uns ferner entgegengehalten worden, daß wir keinen Sekretär angestellt haben. Meine Herren, glauben sie, daß das eine neue Idee ist? Wir haben uns schon seit vier Jahren damit herumgeplagt, daß es nicht dazu gekommen ist, daran sind vor allem die Finanzen schuld. Wir haben nicht