Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 13 Auf diese Politik Einfluß zu gewinnen, zu den Organen, durch welche sie bestimmt wird, Steilung zu nehmen, ist das Recht und die Pflicht unserer Landesorganisation wie aller andern. Sie finden daher auf der Tagesordnung dieses Parteitages einen Punkt: Lage des Zionismus nach dem IX. Kongreß, weicher sicher zu lebhafter Debatte führen wird, .ln den Hauptprinzipien zwar wird eine Verschiedenheit der Meinungen wohl kaum auftauchen können. Daß die von uns gewählte Leitung auch mit der nötigen Autorität umkleidet und diese nicht ohne zwingenden Grund gefährdet werden soll, darüber werden wir wohl alle einig sein und gegen dieses Prinzip ist auch in Oesterreich nie verstoßen worden. Aber auch andererseits wird keiner von uns das demokratische Prinzip des Zionismus — welches das Lebensprinzip dieser Volksbewegung ist — preisgeben und daran rütteln lassen wollen, daß unsere Leiter die verantwortlichen Ausführungsorgane des Willens des jüdischen Volkes sind und sich nicht über denselben stellen dürfen. Ich glaube, daß die Stimme der österreichischen Organisation in dieser Frage umso mehr wird gehört werden müssen, als vielleicht in keinem Lande die zionistische Idee in den letzten Jahren so an Boden gewonnen und in keinem Lande eine so machtvolle Entwicklung für die nächste Zeit zu erwarten ist, wie in dem unseren, wo die Vereinigung der Massenansiedlung von Juden wie in Rußland mit einer politischen Freiheit wie in den westlichen Ländern und der Umstand, daß Oesterreich der providentielle Boden für die Lösung des Problems der kleinen Nationalitäten ist, besonders günstige Verhältnisse schaffen. Organisatorisch ist diese Entwicklung bisher noch nicht im vollen Maß zum Ausdruck gekommen, obwohl auch die Zahl der‘organisierten Zionisten in den letzten Jahren bedeutend gestiegen ist und namentlich in der Provinz schon einen ganz respektablen Perzentsatz der Bevölkerung umfaßt. Aber, wer wollte verkennen, daß heute der Einfluß und die Machtsphäre der zionistischen Partei über die Reihen ihrer organisierten Anhänger weit hinausreicht. Durch die politische Organisation, welche sie ins Leben gerufen hat, durch die Institutionen, welche sie begründet hat, durch, die jüdische Jugend, welche sie führt und all die jüdischen Körperschaften, auf welche sie wirkt, hat sie es erreicht, daß heute fast kein Jude mehr in Oesterreich, der noch den geringsten Zusammenhang mit dem Judentum hat, dem zionistischen Gefühls¬ und Gedankenkreis mehr fremd gegenübersteht. Man kann sagen: Die ganze jüdische Atmosphäre ist bei uns vom Zionismus erfüllt und durch die kleinsten Ritzen und Fugen dringt er immer stärker auch in die verschlossensten Assimilantenhäuser und Assimilantenherzen. Mag die in Assimilantenkreisen bei manchen Gelegenheiten plötzlich auftretende Palästinaliebe auch nicht immer ganz ehrlich gemeint sein, sie ist darum nur umso bezeichnender für das, was immer populärer wird und wenn die Heuchelei ein Kompliment für die Tugend ist, so ist dieser Pseudozionismus ein Kompliment für den wirklichen und ein Vorbote der gänzlichen Kapitulation. (Beifall.) Wessen Blick nicht an der Oberfläche haftet, wer auch das werdende Leben spürt, das die umhüllenden Schalen zu sprengen sucht, kann sich unmöglich des Eindruckes erwehren, daß — bei uns in Oesterreich wenigstens — die volksfremde und volksfeindliche Assimilation in ihren Grundrissen. erschüttert ist und in absehbarer Zeit vollständig zusammenbrechen muß. Was zum Teil diesen Prozeß aufhält, zum Teil den bereits erzielten Fortschritt verschleiert, ist die Tatsache, daß in den einzigen staatliche anerkannten und in diesem Sinn offiziellen jüdischen Vertretungskörpern, unseren .Kultusgemeindevertretungen, vielfach und namentlich in Wien die assimilatorischen Schichten des Judentums, gestützt auf ein . hartnäckig verteidigtes reaktionäres Wahlrecht und den rücksichtslos ausgenützten .,Machtapparat, welcher einer herrschenden Partei zur Verfügung steht, es bisher dprchzusetzen verstanden haben, daß den Zionisten nicht einmal jene Teilnahme an der Gemeindeverwaltung gewährt wird, welche ihnen nach ihrer numerischen Stärke gebührte, geschweige denn, daß ihnen die Stellung eingeräumt würde, welche ihrem Antpil an der gesamten lebendigen Kraft des Judentums entspicht. Wo dieser intransigente Geist in den Kultusvertretungen herrscht, muß Kampf die Parole auch des Friedliebendsten sein. Wir wollen und wir müssen in die Kultusgemeinden gelangen und ihre Verfassung und Verwaltung zu einer modernen und bewußt-jüdischen machen, weil es eine Schande für das Judentum ist, wenn wir in unserem eigenen Hause eine reaktionäre Verfassung und rückständige Verwaltung dulden, während wir von den Nichtjuden für uns Liberalismus und demokratische Gesinnung verlangen, (Sehr richtig!) weil es der Gerechtigkeit und politischen Vernunft widerspricht,: daß ein großer, lebendiger und kraftvoller Teil des Judentums, wie der Zionismus ihn darstellt, im jüdischen Gemeindeleben unvertreten bleiben soll und weil. wir von einer entjudeten, rein assimilatorischen Gemeindevertretung nichts für die Erhaltung des Judentums und insbesondere die nationale ErziehungderJugend zu gewärtigen und bei jedem Hinaustreten nach außen eine peinliche Bloßstellung der Würde des jüdischen Namens zu besorgen haben (Beifall). Wir wollen schließlich in der Gemeindevertretung unsere^jS.timme erheben können, damit — wenn über!, lokale und territoriale- Interessen hinaus — Schi cksaisfragen des jüdischen Volkes auftauchen werden, die Macht und das Gewicht" der bislang einzigen offiziellen jüdischen Repräsentanz f ü r und n i c h t gegen das jüdische Volk in die Wagschale geworfen werde. Dieses Ziel suchen wir überall zu erreichen: im Frieden, wenn es sein kann, im Kampfe, wenn [es sein muß. Hier in Wien mußte bisher immer der Weg des Kampfes betreten werden, wahrlich nicht aus Streitlust, sondern weil hier die Kultusgemeiade die reaktionärste Verfassung, die rückständigste Verwaltung und die würdeloseste Vertretung hach außen besitzt und hier zugleich der " Widerstand gegen die Gewährung auch nur des geringsten Einflusses an die --Zionisten am allerhartnäckigsten und eigensinnigsten ist. Der Lärm dieses Kampfes mag manchem Frieden und Ruheliebenden unserer Gesinnungsgenossen Vielleicht rauh in die Ohren klingen, seihe Notwendigkeit steht darum nicht mindeir fest. Theodor Hdrzl hat uns dieses Schwert geschmiedet, blank und scharf, wie er es hinterließ, [wurde es geführt, und nicht eher kann es in die Scheide gesteckt werden, bis der Kampf durch Sifeg oder einen ehrenvollen Frieden beendet ist. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Nichts ist übrigens bezeichnender für die Gerechtigkeit unserer Sache und den unaufhaltsamen Fortschritt des Zionismus, daß bei den letzten großen Wahlkämpfen unsere Gegner weder gegen den Zionismus, noch gegen das zionistische Gemeindewahlprogramm aufzutreten den Mut fanden, sondern die Taktik verfolgten, den Kampf als isolierte, mit der zionistischen Partei gar nicht zusammenhängenden Campagne einzelner Exaltados mit persönlichen Ambitionen darzustellen. Der Parteitag, der auf seiner Tagesordnung das Referat: „Unser Verhältnis zu den Kultusgemeinden“ findet, wird darauf die entsprechende Antwort geben. Sie wird um so mehr ins Gewicht fallen, als es gerade Wien, dieser heiße Kampfplatz ist, wohin ein Zionistentag mit dieser Tagesordnung einberufen wurde. Daß dies möglich war, läßt zugleich deutlich erkennen, daß manche Spannungen und Mißverständnisse, welchefrüherzwischen Wien und der Provinz bestanden, erfreulicherweise im Schwinden begriffen sind. Das Werk der gegenseitigen Annäherung wurde durch das aus Delegierten der verschiedensten Länderteile bestehende Zentralkomitee begonnen, am Kongreß wurde es fortgesetzt und wenn es dieser Tagung gelingt, das Band noch fester zu schlingen, so wird sie dadurch allein schon Großes geleistet haben. Denn Oesterreich ist eine hervorragende Stellung in der Geschichte des Zionismus sicher, wenn die reichen hier wirkenden oder noch ruhenden Kräfte zu einem starken einheitlichen Ganzen zusammengeschlossen werden. Möchten die bevorstehenden Verhandlungen von diesem Gedanken und dem daraus fließenden Gefühl der Verantwortlichkeit getragen sein. Möchte — bei aller Schärfe der Meinungs- und Willenskämpfe — stets die Vorstellung herrschend bleiben, daß wir alle brüderliche Mitarbeiter an einem und demselben Werke der Menschlichkeit, Kultur und Gesittung sind, dann werden wir alle diese Verhandlungen — mögen ihre Beschlüsse welche immer sein — innerlich erhoben und gestärkt für unsere weitere Arbeit verlassen. Der zweite westösterreichische Zionistentag ist eröffnet. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen, der Präsident wird beglückwünscht.) Die Bedeutung der Tagung^ Der zweite österreichische Zionistentag, der an der Wirkungsstätte Theodor H e r z 1 s stattfand, nahm einen überaus erfreulichen Verlauf. Man darf ruhig sagen: Er hat nicht nur den engen Landesverband zu froher Arbeitsgemeinschaft vereinigt, er hat für die Gesamtpartei Vorzügliches geleistet und — was noch mehr bedeutet — der zionistischen Bewegung, die uns allen über der Partei steht, neue Impulse gegeben. Es ist bezeichnend für den Ernst und den Gehalt dieser Tagung, daß sich sämtliche Referate und ein Gutteil der Diskussion auf dem hohen Niveau der Eröffnungsansprache erhielten und daß alle gefaßten Beschlüsse von dem Geiste beseelt waren, der das bedeutsame Expose des Präsidenten durchwehte. Diese glückliche Harmonie ist umso höher anzuschlagen, als die Gesinnungsgenossen aus den verschiedenen Gauen Westösterreichs keineswegs in allen Dingen gleicher Meinung waren und — was nur gesund und natürlich ist — wohl auch weiterhin nicht sein werden. In den Kardinalpunkten herrscht aber völlige Einmütigkeit. Vor allem hat die Beratung über die jüdischen Kultusgemeinden die besten Früchte getragen. An die Referate der Gesinnungsgenossen Dr. E. M. Z w e i g (Wien), dem Schüler Herzls in Sachen der Kultusgemeinde, Dr. L i c h t w i t z (Troppau) und Dr. Jakob K o h n (Wien), knüpfte sich eine förmliche Enquete, an der sich langjährig wirkende Kultusvorstände, jüdische Lehrer, Theologen, Juristen und Vertreter der verschiedensten Interessenverbände und Stände beteiligten. Die sehr bedeutenden Ausführungen des Proßnitzer Kultusvorstehers, Gg. Dr. Gustav Zweig, seien ganz besonders hervorgehoben. Die gewissenhaften Erwägungen ergaben, daß mit unerschütterlicher