Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 13 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDE ZEnUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige **************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexetnplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. **•»■»**#****•:;-**-* Nr. 13. Wien, Freitag den 1. April 1910. IV. Jahrgang. Der II. westösterreichische Zionistentag. Wien 27. und 28. März 1910. Eröffnungsrede des Präsidenten Dr. Isidor Margulies. Es ist eine bedeutsame Tagung, welche zu eröffnen ich die Ehre habe: Zum ersten Male seit seiner Konstituierung vereinigt sich der westösterreichische Zionistentag, zum ersten Male seit sieben Jahren findet in Wien wieder ein Parteitag statt. Der lang gehegte Wunsch der Wiener Zionisten, wieder einmal eine größere zionistische Tagung in ihren Mauern zu sehen, geht damit in Erfüllung: Ist es noch kein Kongreß, so ist es doch ein Parteitag; und ist es erst wieder einmal ein Parteitag, so wird ns wohl noch einmal ein Kongreß. Sieben Jahre sind verstrichen, seit zum letzten Mal zionistische Delegierte aus Oesterreich — damals aus ganz Oesterreich — sich zu gemeinsamen Verhandlungen in Wien zusammenfanden. Da ist es wohl ganz unvermeidlich, daß wir den Blick in jene Tage zurückwenden und die ernsie Frage an uns richten, wie sich denn seit jener Zeit der Zionismus gestaltet, ob er sich nach vorwärts und aufwärts entwickelt hat oder zurückgegangen und eingeschrumpft ist. Werte Gesinnungsgenossen, viele von ihnen, namentlich von den Wiener Delegierten, haben ja an dem letzten Wiener Parteitag selbst teilgenommen — wie es denn überhaupt die Eigentümlichkeit der in Wien so gern den „Alten“ gegenübergestellten „Jungen“ ist, daß sie meistens schon die frühesten Anfänge der zionistischen Bewegung mitgemacht und seit den ersten Jahren in Reih und Glied gestanden sind — und da wird es vielleicht manchem scheinen, daß damals mehr Schwung und Begeisterung, mehr Glanz und Größe in der Bewegung herrschte. Nun, werte Gesinnungsgenossen, jene herzergreifende Stimmung, jener unvergleichliche Schimmer, welcher auf der ersten Jugend jeder idealistischen Bewegung ruht, der freilich ist auch bei uns unwiederbringlich dahin und gegenüber einer Epoche, welcher ein Herzl seinen Glanz geliehen hat, werden die späteren stets im Schatten liegen. Und dennoch, zu einer pessimistischen Betrachtung der Entwicklung haben wir nirgends und vollends in Oesterreich nicht den geringsten Grund. Damals, in der Jugendzeit des Zionismus, da breitete das Reich unserer Träume sich wohl weiter und höher aus, die Hoffnung spannte kühner ihre Flügel, mit einem Posaunenstoß glaubte man die Ghettomauern einreißen, mit der Kraft der begeisterten Rede die geistige und oft sittliche Verfassung der gesamten jüdischen [Bevölkerung — das Resultat von Jahrhunderten — umgießen, mit einem Schlage, eiijer großen Aktion Palästina gewinnen, zu können. Wir denken heute nüchterner, wir wissen heute, daß es auch auf dem moralischen und soziologischen Gebiete keine Wunder gibt, wir haben erkannt, daß wir nur in unendlich mühsamer, Generationen erfordernder Arbeit das Ghetto um uns und in unsStein für Stein abtragen können und wir haben erkannt, daß wir auch Palästina Stein für Stein neu aufbauen müssen und in dieser Weise — dem Dichterworte zufolge — unser Erbe erwerben müssen, um es zu besitzen. Wenn wir aber mit der ruhigen Willenskraft gereifter und geprüfter Männer entschlossen sind, diese Arbeit — wie mühselig sie auch sei und wie lange sie auch währe — unverdrossen zu Ende zu führen und ihr unser Leben, das unserer Kinder und Enkel zu widmen, bis der jahrhundertelange Fluch von unserem Volke genommen ist, wenn wir das ruhige unerschütterliche Vertrauen haben, daß dieses Ziel erreicht werden wird, erreicht werden muß, so ist dieser Wille, so ist diese Gesinnung der schwungvollen Begeisterung der ersten Jahre des Zionismus wohl gleichzuwerten. Und was die Hauptsache ist, diese ernste Arbeit hat begonnen und hat Früchte getragen. Ich sagte: das Reich der Träume spannte sich hoch und weit in den Jugendjahren des Zionismus. Die Wirklichkeiten, die wir seither errungen, sind dem gegenüber bescheiden, aber es sind Wirklichkeiten: wir haben begonnen zu wollen und schon ist es nicht mehr völlig ein Traum; schon zeigen sich in schwachen Umrissen die ersten Bilder der Erfüllung. Was war vor zehn, noch vor sieben Jahren den meisten von uns Palästina? Ein politischer Begriff, eine ideelle Vorstellung, etwas wie eine Parteifahne! Was aber ist es — durch die so lange bekämpfte und noch heute nicht überall rückhaltslos akzeptierte praktische Palästinaarbeit — uns heute geworden? Durch Jahrhunderte lang verödeter Boden beginnt sich allmählich wieder mit dem schönen und nützlichen Schmuck durch uns gepflanzter Waldungen zu bedecken, auf Gründen, dem jüdischen Volke gehörig, erheben sich, durch uns gestiftet, jüdische Schulen und Wohlfahrtsanstalten, Handel und Industrie, durch unsere Banken gestützt, fangen an, sich kräftiger zu regen, kunstgewerbliche Betriebe, durch uns ins Leben gerufen, beschäftigen in steigendem Maße bis dahin arbeitslose jüdische Hände und lassen zugleich die ersten Anfänge eines eigenartig palästinensischen Kunststils in die Erscheinung treten. Die jüdischen Dörfer wachsen an Zahl und Selbstständigkeit und auch für die Lösung des wichtigsten, des zentralen Problems — die Vorbereitung einer agrarischen Kolonisation einwandernder jüdischer Massen — zeigen sich verheißungsvolle Ansätze, während die Einführung verfassungsrechtlicher Zustände in der Türkei dieser fortschreitenden Entwicklung Dauer und Sicherheit zu garantieren scheint. Und was ganz besonders bedeutsam erscheint: dieses Palästina, indem es erwacht, indem es sich belebt und verjüngt, streckt gleichsam tausend Fangarme nach unseren Herzen, unseren Sinnen aus, immer stärker zieht es uns an sich, immer lebendiger werden die anfangs so schwachen und irrealen Beziehungen der Zionisten zu Palästina, immer intensiver das Wirken der Kräfte hinüber und herüber. Und es wird, glaube ich, bald die merkwürdige Tatsache zutage liegen, daß uns Palästina wird gewonnen haben müssen, bevor wir es gewinnen können. Was Oesterreich betrifft, so hat es in der Erkenntnis der heute doch schon fast selbstverständlichen Tatsache, daß der Zionismus vor allem Palästinaarbeit bedeutet, nie geschwankt, Oesterreich war stets durch und durch palästinensisch und so wird das Palästinareferat, welches Sie auf der Tagesordnung dieses Parteitages finden, wohl kaum zu Meinungskämpfen, sondern lediglich zu einer eindrucksvollen, einmütigen Kundgebung unserer Palästinatreue Anlaß geben. Aber wir sind keine Palästinafreunde alten Schlages, welche von der reorganisierten Arbeit einzelner und der dann von selbst sich vollziehenden Entwicklung die Lösung der jüdischen Frage erwarten. Wir sind politische Zionisten, wir wollen die Palästinaarbeit durch eine planmäßige und zielbewußte Politik geleitet und gesichert sehen.