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Jüdische Zeitung · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 12 und Kulturbewußtsein in sich schließende Zionismus Oppenheimers, der, altruistisch gestimmt, helfen will, dessen Existenz also mit dem Ende oder der Ueberflüssigkeit der Hilfe abgeschlossen ist, der für das Individuum eine andere Zukunft setzt als für das Volksganze, ist kein Zionismus. Eine solche Gedanken- und Gefühlskombination kann zur Förderung des Zionismus führen, sie kann den Zionismus eventuell auf dem praktischen Wege stellenweise ohne Widersprüche begleiten — aber sie ist nicht Zionismus. Beweis durch das einfachste Experiment: Denkt nur das Oppenheimersche Stammesbewußtsein in einer. Menge von Individuen wirksam und nehmt an, es gäbe noch keine zionistische Bewegung — was ist dieses Stammesbewußtsein, dessen Träger ihre indivuelle Zukunft mit der eines nichtjüdiscben Volksganzen verknüpfen? Was als Voraussetzung für seine Wirksamkeit erst des Zionismus bedarf, kann nicht selbst Zionismus sein. Und denken wir doch einen Augenblick nach, wohin in aller Welt dieses Stammesbewußtsein führen kann. Es ist nach Oppenheimer ein Stolz auf die Abstammung, der dazu drängt, den guten Namen des alten Stammes wiederherzustellen, der verbünden mit dem Gefühl für Freiheit, Recht, Menschlichkeit die Juden gegen ungerechte Barbarei zum Siege führen soll. Es war einmal ein Jude, der hieß Disraeli und später, als er scbon anglikanisch war, Lord Beaconsfield. Wenn je von einem, muß man von ihm sagen, daß er Stolz auf seine Abstammung nicht nur im Herzen trug, sondern nach außen dokumentierte. Nicht nur sein Wappen führte jüdische Embleme, er kämpfte in seinem Altruismus für Freiheit und Recht der Juden in Wort, Schrift und Tat, er reiste nach Palästina und verewigte seine Gefühle für das Ahnenland in seinem Tanered-Buche. er ließ seinen politischen Einfluß, was ihm nicht wenig Widerstand brachte, zugunsten der Juden spielen, er unterstützte die Pforte usw. Nehmen wir eine Fülle solcher Disraelis und wir haben das groteske Bild einer jüdisch-stammesbewußten, englisch-anglikanischen Adels-Gesellschaft . . In unserem Zentralorgane »Die Wett“ erschien in Nummer 9 aus der Feder unseres Hamburger Gesinnungsgenossen D. Huldschiner eine Entgegnung auf den Oppenheimer Artikel, dem wir folgende Stellen entnehmen: Es kann folgende Frage gestellt werden, ob es zweckmäßig war, diese schwierige Dinge gerade jetzt zu erörtern; da aber nun einmal der Anfang gemacht ist erscheint es notwendig, sich weiter damit zu beschäftigen, umsomehr als der Rufer im Streit ein Mann ist, der mit allen Wassern deutscher Kultur gefärbt, dennoch den Weg zum Zionismus gefunden hat. ich bin in der nämlichen Lage, komme aber zu anderen Resultaten als er; denn ich weiß, daß Kultur nicht etwas ist, was man lernen kann, sondern daß Kultur mit uns geboren wird und einen wesentlichen Bestandteil unserer Persönlichkeit ausmacht. Wenn ich die Untersuchung der Frage auf uns deutsche Juden beschränke, so habe ich zu erörtern, ob wir deutsches Kulturbewußtsein im Sinne Oppenheimers haben können; denn das wäre es ja, was uns von den Ostjuden unterschiede. Was ist Kultur? Kultur ist die Summe aller geistigen Strebungen eines Volkes, das durch objektive Stammeseigenschaften und Sprache zusainmengehalten wird. Das gilt für große wie für kleine, für hochwie für tiefstehende Kulturen. Demgegenüber spielt das Stammesgefübl eine untergeordnete Rolle. Auf die deutschen Juden angewandt, würde das bedeuten, daß sie der deutschen Kultur durch Erziehung, Umgangssprache, Einfluß von Klima und Landschaft so nahe stehen als möglich, daß aber das Bestimmende ihres Wesens ihre jüdische Stammesgrundlage und ihre heimatliche Sprache ist, die, durch die Ungunst der Verhältnisse dann auf den Kult zurückgedrängt, nichtsdestoweniger ihre einigende Kraft bewahrt hat. Somit stehen die deutschen Juden den Ostjuden viel näher als den Deutschen, und ihre Kultur ist im letzten Sinne die jüdische. Neben der Kultur steht die Zivilisation. Sie ist viel mehr als die Kultur an Aeußeriiches gebunden, sie ist erlernbar und übertragbar, da sie ihre Wurzeln nicht in den allerwesentlichsten Elementen der Persönlichkeit hat. In diesem Sinne würde ich es für verfehlt halten, z. B. von einer amerikanischen Kultur zu sprechen. Es gibt in Amerika nur deutsche, holländische, französische Kultur im Rahmen gemeinsamer, amerikanisch differenzierter Zivilisation. Die Juden aber, als Bürger aller Länder der Welt, nehmen wohl an deren Zivilisationsformen Anteil, aber ihre Kultur, ihre Stammeskultur, ist überall die nämliche, und das ist für uns bei der Betrachtung der durch den Zionismus erstrebten Einigung das Wesentliche. Was uns von den Oestlern angeblich trennt, ist auf dem letzten Kongreß und in Zeitungsartikeln zur Genüge erörtert worden. Das Wesentliche für West wie Ost ist die seelische Pein, die den mehr oder weniger freundlich geduldeten Gast nach der Heimat auszuschauen zwingL Deutscher zu sein, ist mehr, als Russe zu sein; wir westlichen Juden verzichten auf Größeres als die im Osten; unsere Not ist so groß wie die ihre und vielleicht größer. Aber das ist sie nur, solange wir uns noch nicht zum Zionismus durchgerungen haben. Die Ideen der jüdischen Renaissance — ohne oder mit Judenstaat, das gebe ich Herrn Dr. Oppenheimer zu — ist die Befreiung von aller Not. Denn sie bringt unsere Kultur mit unserem Stammesgefühl in Einklang und hindert niemanden daran, alles das von der Zivilisation seiner Umgebung sich ganz zu eigen zu machen, was ihm lieb geworden ist. Nicht nur für diejenigen, welche „sozusagen schon zur Reise nach Palästina gepackt haben“, sondern auch für uns andere, deren theoretisches Eindringen in deutsche Kultur ein stärkeres ist, ist der Zionismus die Befreiung aus Zwiespalt zur Einheit. (Wird fortgesetzt.) Das russische zionistische Komitee über die Lage. Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation in Rußland versendet ein Rundschreiben, das wir seines großen Umfanges halber nur in den Hauptzügen wiedergeben können. Stand der Bewegung. Das Zirkular weist auf das Anwachsen der Schekelzahlen hin. Sie betrug 1906: 67.300, 1907: 88.077 und 1909: 106.200. Die finanziellen Mittel der Bewegung sind auf 7’/2 Millionen Mark gestiegen. DieVorgänge in derTürkei. Der Kongreß habe die Unhaltbarkeit der Verdächtigungen dargetan, nach welchen der Zionismus Palästina vom türkischen Reiche losreißen wolle. Von Nordau wurde die Idee des Charters aufgegeben, so daß es jetzt keinerlei prinzipiellen Unterschied in der Auffassung zwischen „östlichen“ und „westlichen“ Zionisten gebe. D i e Arbeit in Palästina. Ueber diese gibt es keine Meinungsdifferenzenzen mehr, wie der Kongreß dargetan hat. Ohne Debatte und einstimmig wurde der Antrag angenommen, ein Kommission zu wählen, welche nach Erlangung einer diesbezüglichen Konzession an die Schaffung einer Agrarbank herantret eh soll. Oppenheimer gelang es, fürsein wichtiges Projekt einer Siediungsgenossenschaft am Kongreß sofort 70.000 Franks zu sammeln. Der Antrag Simons, die Geschäfte der Bank zu liquidieren und ihre Kapitalien in Palästina zu konzentrieren, wurde nur hinsichtlich der Formulierung und der Frage, ob er zeitgemäß sei, bekämpft, nicht aber seinem Inhalt nach. Das Engere Aktionskomitee wurde am Kongreß schärfer kritisiert als je. Die Opposition suchte zu beweisen, daß das EAC. in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht imstande ist, die weitgehenden Aufgaben der Bewegung zu erfüllen. Die Wahl des Dreierkomitees im Haag führte dazu, daß das politische Zentrum der Bewegung sich faktisch in ein Bureau des Präsidenten verwandelte. Der Hauptfehler bestand darin, daß die Bewegung jeder politischen Leitung ermangelte und es in ernsten Momenten z. B. nach der Umwälzung in der Türkei unmöglich war, das Zentialorgan zu einer Meinungsäußerung zu veranlassen. Die Organe der Bewegung blieben ohne Instruktion. Das leitende Organ hörte auf, die ideelle und politische Leitung in Händen zu halten. Das System der Leitung hieß abwarten, bis das ganze jüdische Volk für den Zionismus gewonnen sei. Die Delegierten aus Palästina schlossen sich der strengen Kritik an und beklagten das geringe Interesse der Leitung für kulturelle und Arbeiterfragen. Wolffsohn verteidigte sich sehr energisch, antwortete aber nichts auf den Vorwurf, daß die Bewegung ihren lebendigen Geist eingebüßt habe. Er suchte auch durch einseitige DarstellungWarburg zü diskreditieren. DerKampf um die Leitung. Der Permanenzausschuß operierte anfangs glücklich und es gelang ihm, die Trennung des Kongreßpräsidiums von jenem des EAC. durchzusetzen. In der Frage der Leitung hörte ei die Meinung aller Mitglieder, sowie jene der Herren des EAC. und ihrer Hauptmitarbeiter an und beschloß, daß das EAC. aus einem Kollegium von 5—7 Personen bestehen und in Berlin seinen Sitz haben soll. Daselbst müssen mindestens drei Mitglieder des EAC. ihren Sitz haben. Der Präsident wird nicht vom Kongreß, sondern vom EAC. gewählt Der Permanenzausschuß blieb zum erstenmal in der Kongreßgeschichte in der Minorität. Die gegenwärtige Lage. Die Frage der Zusammensetzung der Leitung und der Aenderung der Organisation muß verschoben werden, bis der X. Kongreß herannaht. Inzwischen müssen wir mi Eifer und Energie an der Befestigung und Entwicklung unserer Organisation arbeiten. Wir müssen das zionistische Denken vertiefen, unsere Anschauungen revidieren und verhindern, daß die Bewegung nicht in geschäftliche Unternehmungen versinkt. Wir müssen unseren Einfluß auf die jüdische Gesellschaft zu heben suchen und an allen Fragen, die unser Leben im Golus zeitigt, Anteil nehmen. Unsere Idee muß eine schaffende, bewegende Kraft werden, welche die jüdische Qeffentlichkeit nach vorwäits, nach Zion treibt. Die Bedingungen für unsere Arbeit hier und in Palästina sind nicht schlechter geworden. Es hängt nur vjn uns selbst ab, diese Arbeit zu einer immer fruchtbringenderen zu machen. Alle Genossen müssen den zentralen Institutionen zu Hilfe kommen und jeder muß an seinem Platze seine Pflicht erfüllen. V ereinsu .V ersammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. (Verein der jüdischen Handels- und Privatangestellten „Achwah“). Mittwoch, den 30. d. Vortrag des Obmannes Samuel Strauß über Morris Rosenfeld. Vortrag neuer Gedichte. Lokal „Cafe Dohan“, II., Untere Augartenstraße 26. Beginn um 8 Uhr. Gäste willkommen! Wien. (Hebräischer Konversationsklub „Ivriah“.) Samstag, den 26. d. um halb 8 Uhr abends findet im Cafe Brammer, IX., Liechtensteinstraße 1, ein Vortrag des Herrn Dr. K. Kupfer über „Das Buch Esther“ statt. Gäste herzlichst willkommen! Wien. (Neß Zionah.) Dienstag, den 29. d. M., 8 Uhr abends, findet im Klublokale „Cafe Mokka“, I., Schottenring 12, ein Vortrag des Schriftstellers Friedrich Porges über „Theodor Herzl, der Dichter“ statt. Die Gesinnungsgenossen werden gebeten, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Gäste (auch Damen) herzlich willkommen! Wien. (Humanitärer Geselligkeitsverein „Bnei- Zion“ [zur Bekleidung armer Schulkinder des 2. und 20. Bezirkes], Sitz: II., Stefaniestraße 2.) Sonntag, den 27. d. M. findet im großen Souterrainsaal des Cafe „Konkordia“, I., Konkordiaplatz 4 (Salzgries 21) eine Purim-Feier unter Mitwirkung beliebter Kunstkräfte mit Festrede, ernsten und heiteren Rezitationen, Gesangs- und Musikvorträgen und anschließendem Tanzkränzchen statt. Entree im Vorverkauf 60 h, an der Kassa 80 h (für Mitglieder. 40 h. Beginn präzise 9 Uhr abends. Gäste herzlich willkommen! Eintrittskarten sind im Vorverkauf zu haben im Cafe „Konkordia“, sowie bei allen Ausschußmitgliedern des Vereines „Bnei-Zion“. Wien. (Klub zionistischer Arbeiter in Wien.) Einladung zu der am Samstag, den 26. d. M. im Saale des zionistischen Zentralvereines stattfindenden Esther-Feier. Programm: Eröffnung: Herr Temer. Festrede: Herr Dr. Zuckermann. Rezitation: Herr Donath (Rosenfeldsche Gedichte). Violinvortrag: Violinvirtuose Herr Engländer. Rezitation: Herr Goldscbmidt (Bedasche Gedichte). Pause. Rezitation: Herr Donath (Rosenfeldsche Gedichte). Violinvortrag: Violinvirtuose Herr Engländer. Rezitation: Herr Goldschmidt (Bedasche Gedichte). Schlußwort: Terner. Anfang 8 Uhr abends. — Karten ä 50 h sind im Vorverkauf zu haben-..Theaterkartehbureau Spielmann, II., Praterstraße 14; Theaterkartenbureau Schwarz, IX., Servitengasse 2; Theaterkartenbureau Flamm, IX., Währingerstraße 6; Cafe Jägemhof, IX., Porzellangasse 22; Cafe Neugröschl, II., Kleine Sperlgasse 6; Graveur Wolfensohn, II., Kleine Sperlgasse 3, ferner bei allen Klubmitgliedern, am Abend an der Kassa. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othma - gasse 46.) Das Wochenprogramm für die Schlußwoche der diesjährigen Toynbee-Hallen-Saison wurde wie folgt festgesetzt: Samstag, den 26. d. M.: „Palästina“. Mit Lichtbildern. Dr. Ernst. Müller. Sonntag, den 27. d. M.: Konzert. Arrangement Herr L. Kieschner. Montag, den 28. d. M.: „Aus der jüdischen Geschichte“. Oberlehrer L. Riesenfeld. Dienstag, den 29. d. M.: Rabbinatskandidat Bela Fischer. Thema Vorbehalten. Mittwoch, den 30.d.M.: „Ueber Wohnungswesen und Wohnungspolitik“. Mag.-Sekretär d. R. Dr. Wilhelm Löwy. Donnerstag, den 31. d. M.: „Ueber Optimismus“. Univ.-Prof. Dr. Josef Pollak. Freitag, den 1. April d. j.: Bibeivortrag. Lehrer H. Löw-Vogel. Samstag, den 2. April d. J.: Schlußkonzert. Wien. (Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein.) Samstag, den 26. d. M. um 8 Uhr abends im Cafe Stephanie, II., Stephaniesiraße 2, Vortrag des Herrn cand phil. Gustav Kohn über „Die Märztage des Jahres 1848“. Gäste willkommen! Erscheinen der Mitglieder Pflicht! Wien. Wie bereits mitgeteilt, findet am 27. d. M. (Ostersonntag) vom „Humanitären Verein der Mattersdorfer in Wien“ in den Prachtsälen des Hotels „Bayerischer Hof“, II., Taborstraße, ein Purimfest (Wohltätigkeits-Akademie mit Tanzkränzchen) statt. Beginn präzise 9 Uhr. Es sind seitens des rührigen Komitees alle Vorbereitungen getroffen, daß der Festabend sehr animiert verlaufen werde. Für die Wohltätigkeitsakademie wurden gewonnen:

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