Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438285--1774-2441391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 der Präsident des EAC., Herr David Wolffsohn,_ anläßlich seiner Anwesenheit in Wien vor wenigen Tagen, sich mit den in Wien wohnhaften Mitgliedern des ZK. und anderen Leitern der westösterreichischen Organisation neuerlich in Verbindung gesetzt hat. Es fand eine Aussprache statt, welche die Hoffnung rechtfertigt, daß der Kontakt mit der Zentralleitung ein innigerer sein und die Wünsche der westösterreichischen Landesorganisation in Zukunft mehr Berücksichtigung finden werden. Mit dem galizischen Landeskomitee ist das ZB. wiederholt in schiiftlichen und mündlichen Verkehr getreten wegen der Schäftung einer österreichischen Gesamtorganisation, bisher aber ohne greifbares Resultat. Eine wesentliche und für die nächste Zeit kaum zu überwindende Schwierigkeit bietet dabei der Umstand, daß die galizische Organisation zugleich national-politisch ist, während ein Teil der Gg. in West Österreich und die Mehrheit der westösterreichischen Distriktsleitungen nach wie vor auf dem Standpunkte des Krakauer Parteitages steht, wonach die jüdisch-nationale politische Arbeit von einer besonderen Parteiorganisation — in VVestösterreich ist dies der Jüdische Nationalverein — zu leisten ist. Die Organisation in der Bukowina, welche gewissermaßen in der Luft schwebt, hat dem Wunsche Ausdruck gegeben, mit der Wiener Organisation in engen Kontakt zu treten. Ueberwachung der Verbandsorgane und Distriktkomitees. Die Sammelstelle des JNF. für Oesterreich ist laut Organisationsstatus dem ZB. angegliedert. Der Leiter der Sammelstelle, dzt. Gg. Dr. E. Zweig, wurde den Sitzungen des ZK. beigezogen und hat daselbst über die Tätigkeit der Sammelstelle jeweils Bericht erstattet. Das Mitglied des ZB. Gg. Adolf Böhm übt bei der Sammelstelle die Funktion eines Kontrollors aus. Ende 1908 wurde über Auftrag des Präsidenten des ZK. ein Distriktstag der innerösterreichischen Organisationen einberufen, zwecks Wähl einer arbeitsfähigen Distriktsleitung. Der Präsident des ZK. wohnte den Distriktstagen in Wien und Prag bei. Im Uebrigen war zu einer Ausübung eines Aufsichtsrechtes über die DK. kein Anlaß, da diese jetzt durchaus entsprechende Distriktsleitungen haben und insbesondere das früher oft vernachlässigte Prinzip der Kontinuität jetzt, zum Teil nicht ohne Einflußnahme des Präsidenten des ZK., gewahrt wird. Presse. Ein offizielles Organ hat die westösterreichische Organisation nicht. Die „Jüdische Zeitung“, welche einem aus Zionisten bestehenden Konsortium gehört, wird von einem Preßkomitee geleitet, welchem Vertreter des ZK., - des I.-Oe. DK., der Sammelstelle des JNF. und des Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich angehören. Außerdem gehören demselben noch drei Mitglieder des ZK. an. Die „Jüdische Zeitung“, welche den zionistischen Organisationen für ihre Publikationen vollständig zur Verfügung steht, entwickelt sich gegenwärtig in sehr befriedigender Weise. Auch manche Unstimmigkeiten, welche bezüglich derselben früher in zionistischen Kreisen vorhanden waren, sind jetzt vollständig geschwunden. Propaganda. Propagandistische Arbeit kann das ZK. im großen Ganzen nur indirekt und subsidiär leisten, da dieselbe vorläufig vor allem Sache der DK.-Leitungen ist. Das ZK. kann im allgemeinen nur anregend auf dieDKs. wirken, bzw. ihnen die Anregungen des AC.J übermitteln. Daneben hat sich das ZK. bemüht auf dem Gebiete der Propaganda einzelne selbstständige über die Leitungsfähigkeit der DK. hinausreichende Aktionen durchzuführen, bzw. vorzubereiten. Und Elli sah ihm mit aufgerisrenen Augen an und sagte wie zu sich: „Wer weiß, was mein Weib macht. . . Gar nicht umgeschaut hab ich mich nach ihr-nur gelaufen bin ich, als ichs bestimmt wußte. . . Wozu, weiß ich nicht. . . . Mitgenommen hab ich mir nichts — — und wenn auch, ich hätte nichts getan, denn wie du mir entgegengekommen bist-und meine Faust sich ballte, da wurde sie kraftlos und es rief in mir: Tod und Lebendas hängt von Einem ab!!! 1-Du hast recht: ich muß schauen, was mein Weib macht. Und der finstere Mann eilte nach Hause, zu sehen, ob seinem Weibe nichts geschehen sei. Sein Blick verlor sich in die hohen unergründlichen Welträume auf der Suche nach Gott. Wie eine goldene Schale voll zärtlicher Gluten hing die Sonne am Himmel, und keine Wolken trübten die Höhen. Elli aber lief dahin, schnell und atemlos, und es war ihm, als hörte er seine Frime flüstern: „Gott hats gegeben, Gott hats genommen.“ Schüchtern schlich er in die Stube und da er sein blasses Weib gewahrte, wie sie still und verlassen traurig aus den Kissen schaute, jauchzte er wie ein Kind: „Du lebst ja.“ Palästina-Broschüre. Der Zionistentag in Brünn hat die Herausgabe einer Palästina-Broschüre beschlossen, .mit deren Abfassung Gg. Adolf Böhm betraut wurde. Trotz des Beifalles, den dieselbe in maßgebenden Kreisen gefunden hat, ist der Absatz derselben doch kein befriedigender gewesen. Es muß auch leider konstatiert werden, daß das Hauptbureau in Köln es abgelehnt hat, für den Vertrieb der Broschüre außerhalb Oesterreichs Sorge zu tragen, mit der Begründung, daß es erst den Erfolg abwarten müsse. Den DKs. wurden vereinbarungsgemäß je 300 Exemplare zur Verfügung gestellt. Es wird sich empfehlen den noch vorhandenen Vorrat zu billigerem Preise abzugeben. Palästina-Bilder. Um den Vereinen die Agitation für die Palästinaarbeit zu erleichtern, hat das ZB. Palästina-Bilder samt einen dazu gehörigen Vortrag angeschafft. Leider haben die Vereine von diesen nur in äußerst geringem Maße Gebrauch gemacht. Palästina-Kurse. Dem ZB. wurde auch die Abhaltung von Palästina-Kursen aufgetragen; solche sind jedoch nur von lokalen Organisationen durchzuführen. In Wien hat sich der Studenten verein „Theodor Herzl“ um die mit gutem Erfolge durchgeführten Kurse Verdienste erworben. Wir haben uns mit dem Gedanken getragen, eine NF.-Broschüre herauszugeben. Da aber das Hauptbureau in Köln dies übernommen hat, sind wir davon abgestanden. Die Broschüre von Gg. Adolf Böhm verfaßt, ist bereits erschienen. Mit Unterstützung des ZK. hat der Verein „Bar-Kochba“ in Wien eine „Bezalel-Ausstellung“ veranstaltet, die einen großen Erfolg bedeutet. Auch in Prag fand eine „Bezalel-Ausstellung“ statt. Auf Veranlassung und unter Mitwirkung des ZB. ist in den letzten Tagen ein Komitee für Herausgabe j ü d i scher J irgend sch ri fte n gebildet worden, dessen Vorsitz Gg. Dr. Ke 11 n e r übernimmt. Das Komitee plant zunächst die Herausgabe eines Jugendbuches über Palästina von Dr. Müller. Es wird die Arbeiten des Komitees wesentlich fördern, wenn demselben ein kleiner Fonds zur Verfügung gestellt werden könnte. Wir fordern die Parteigenossen auf, für denselben zu zeichnen. Im Bewußtsein, daß für unsere Bewegung die Vertiefung der Probleme ebenso wichtig ist, als die Propaganda hat das ZB. darauf hingewirkt, daß in Wien ein „Freies zionistisches Seminar“ eröffnet wird. Es ist zu hoffen, daß dieser Boden für fruchtbare theoretische und prinzipielle Debatten abgeben wird, deren Publikation auch für weitere Kreise von Nutzen sein“wird. Von den Leitern des Heb>äischen Gymnasiumsin Jaffa und von Prof. Warburg wurde an das ZK. herangetreten, zwecks Propaganda für das Hebräische Gymnasium.in Wien ein Komitee, bzw.' einen Verein zu begründen.’ Das ZB. ist gegenwärtig mit der Abfassung eines Prospektes in deutscher Sprache beschäftigt. — Das ZB. ist aber der Ansicht, daß die Gründung je eines Vereines für jede palästinensische Institution schließlich zu einer Atomisierung der vorhandenen Kräfte führen wird. Das ZB. hat wiederholt Versuche^gemacht eine Anzahl von Gg. für eine Agitationstournee zu verpflichten. Leider sind alle Bemühungen erfolglos geblieben, namentlich auch wegen des Mangels an geeigneten Rednern. Palästina-Informationsbureau. Anfangs 1909 hat das ZB. veranlaßt durch zahlreiche Anfragen und dem Umstand, daß viele Auswanderer nach Palästina ihren Weg über Wien nehmen, ein Informations-Bureau für Palästina und die Türkei eingerichtet. Ein spezieller Bericht desselben liegt vor. Hier sei nur hervorgehoben, daß es sich um eine Schöpfung von Dauer handelt, deren Wert heute schon ein ganz bedeutenter ist. Die ungemein wichtige Tätigkeit des IFB. kann ausgestaltet werden, wenn genügende Mittel zur Verfügung stehen. Es empfiehlt sich, daß Erträgnisse von Vereinsveranstaltungen speziell diesem wichtigen Zwecke zngewiesesen werden; in dieser Richtung ist der Wiener Zionistische Frauenverein bereits mit gutem Beispiel vorausgegangen. Kongreß. Am IX. Zionistenkongreß hatte das ZK. die Leitung der Landsmannschaft inne. Es sei hier ausdrücklich hervorgehoben, daß die Beschlüsse der Landsmannschaft immer fast einstimmig erfolgten, ferner, daß diese Beschlüsse unter strenger Vermeidung aller persönlicher Momente rein sachliche Postulate enthielten. Diese; Postulate, welche vom Präsidenten des ZK., Dr. I. Margulies auch auf dem Kongreß vorgebracht wurden, waren: Einsetzung einer kollegialen Leitung mit mindestens drei an ein und demselben Orte wohnhaften Mitgliedern, Wahl des Präsidenten vom EAC., nicht vom Kongresse, Verlegung des Sitzes der Leitung nach einem Zentrum jüdischen Lebens, speziell Berlin. Organisation. Die zionistische Organisation hat sich in den letzten Jahren bedeutend entwickelt. Die Zahl der Vereine betiägt: Im Distrikte Mähren-Schlesien 24 (9 Bürgervereine, 3 Frauen- und Mädchenvereine,12 Studentenvereine) mit zusammen zirka 800 Mitgliedern. Im Distrikte Böhmen 28 (24 Bürgervereine, 3 Studentenvereine, 1 Frauenverein). Im Distrikte Innerösterreich 24 (3 Bürger- * vereine, 1 Frauenverein, 19 Studentenvereine). Die Zahl der eingezahlten Schekel ist im letzten Jahie erheblich gestiegen. Sie beträgt: In Böhmen.2216 In Mähren-Schlesien .1800 In Innerösterreich.1401 zusammen . . 3417 In allen Distrikten herrscht reges zionistisches Leben, der Einfluß der Zionisten ist in allen jüdischen Organisationen im Steigen begriffen, insbesondere sind Bemühungen und Kämpfe der Zionisten um eine entsprechende Vertretung der Kultusgemeinden von Erfolg begleitet. Zu erwähnen wäre noch, daß das ZK. 7 Sitzungen abgehalten bat und zwar: 4 in Wien, 1 in Brünn, 1 in Prag, 1 in Hamburg. Das ZB. hat in 2 Fällen als Schiedsgericht fungiert. Die Zahl der Geschäftsstücke (Ein- und Auslauf) beträgt zirka 1100. Aus dem Parlamente. Interpellation des Abg. Stand und Genossen an Seine Exzellenz den Kultus- und Unterrichtsminister H. Stürck: Am k. k. II. Staatsgymnasium in Tarnow ist als Professor der Geographie Herr Henryk H e i t zmann tätig, der trotzdem.' er selbst früher Jude war, es für richtig und angemessen findet, be jeder passenden und — was häufiger geschieht — bei jeder unpassenden Gelegenheit sich in der Schule mit antisemitischer Agitation zu befassen. So geschah es auch am 22. Februar 1910 von Herrn Heitzman während der Geographiestunde, die er von 12—1 Uhr mittags abhielt, daß er bei Gelegenheit des Vortrages über die Stämme, die Rußland bewohnen, die Juden verhöhnte. Dieser Vortrag wirkte auf die nichtjüdische Jugend in dem Maße, daß dieselbe laut schrie: „Massacres gegen die Juden! Haut ihnen die Köpfe ab!“ Professor Heitzmann hörte diese wilden, leidenschaftlichen Rufe, deren Urheber er doch war und tolerierte sie. Nach der Schulstunde überfielen die nichtjüdischen Kinder die Juden und es entstand eine regelrechte Prügelei, für die die öffentliche Meinung der Stadt nicht die Kinder, sondern den sonderbaren Pädagogen verantwortlich macht. Angesichts dieser Umstände fragen die Unterfertigten: 1. Ist Ew. Exzellenz das Verhalten des Prof. Heitzmann bekannt? 2. Was gedenken Ew. Exzellenz zu verfügen, daß sich diese Vorfälle nicht wiederholen? Wien, am 16. März 1910. Adolf Stand, Ernst Breiter, Dr. Heinrich Gabel, Dr. Arthur Mahler, Dr. Benno Straucher. Zeitschriften und Bücherschau. Diskussion über Oppenheimers Artikel „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein“. („Die Welt“, Nr. 7, 1910.) „Jüdische Rundschau“. In einer längeren, sehr lesenswerten Arbeit, die erst in der nächsten Nummer der „J. R.“ abgeschlossen wird, setzt sich Berthold F e i w e 1 mit Dr. Franz Oppenheimer auseinander. Wir zitieren zwei markante Stellen: „. . . Es ist hier nicht der Platz, die ganze Theorie des jüdischen Nationalismus aufzurollen. Es ist seit Moses Hess, Achad-Haam, Theodor Herzl, Max Nordau, seit dem Bestehen der jüdischnationalen Begegung überhaupt soviel darüber gesagt worden — wenngleich bei weitem nicht erschöpfend und in den feinsten Zuspitzungen aufgespürt — daß vieles auszuführen Gemeinplätze präsentieren hieße. Wie schematisch-einfach zerlegt sich für Oppenheimer die jüdische Psyche in die drei Grundgefühle! Wie beneidenswert gesund doch die Psyche des deutschen Juden ist, die in Selbstzufriedenheit, ja Behaglichkeit ihr Judentum kondensiert (oder soll ich sagen verflüchtigt) zu einem Stolz auf die Vergangenheit und zu einem altruistischen Idealismus Kr die „anderen“ Juden und sonst mit allen Kräften das Deutschtum umfängt, durch keinen Zweifel, durch keine Disharmonie gestört! Ist sie wirklich nur ein sentimentales Wahngebilde, die „seelische Judennot“, lebten sie nur in der Phantasie der Dichter, diese gequälten und zerrissenen, diese erlösungsdurstigen und prophetischen Menschen, die „den Weg ins Freie“ suchen? War es nur der Altruismus eines froh auf europäischer Scholle Wandelnden, der den Zionisten den „Judenstaat“ schenkte mit dem flammenden Wort: „Wir sind ein Volk. E in Volk?“ . . .“ „. . . Der auf jüdisches Stammesbewußtsein gegründete und zugleich deutschesiVoiksbewußtsein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.