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Jüdische Zeitung · 1910-03-25 · 12 (25.3.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
12 (25.3.1910)
Date
1910-03-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 „Die israelitische Kultusgemeinde von Wien hat sich natürlich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, um sich wieder einmal öffentlich zu kompromittieren. Sie richtete an das Gemeinderatspräsidium ein Beileidsschreiben, in dem es heißt: „Möge die heilige Friedensstimmung, wie sie in letzter Zeit die Kundgebungen des Dahingeschiedenen durchleuchtete, auch seinem Gedenken unserer Vaterstadt dauernd gewahrt sein, so wie auch unsere Glaubensbrüder sich beugend der Macht des Todes mit allen unseren Mitbürgern tiefbewegt an dieser Bahre stehen.“ Ja, tiefbewegt stehen wir an dieser Bahre. Aber nicht, weil wir um den Toten trauern, dazu haben wir auch nicht die geringste Ursache, und das kann niemand von uns auch nur erwarten, sondern weil wir uns schämen, daß derartige Speichelleckereien in unserem Namen von denen ausgehen, die unsere Führer sein wollen, von denen, die das Judentum repräsentieren wollen und - sollten . . .“ Unser Zentralorgan die „Welt“ findet für den Wiener Kultusvorstand folgende Worte: „Die politische Perversität der Führer der Wiener Judenschaft, die sich dem verstorbenen Dr. Lueger immer an die Rockschöße hängten, hat jetzt zwei neue Blüten gezeitigt. In einer Synagoge fand während der letzten Stunden Luegers ein Bittgottesdienst statt und sofort nach dem Tode des Bürgermeisters beeilte sich die Kultusgemeinde mit ihrerKondolenz. Der von Loyalität triefende Brief enthält unter anderem folgende Stelle: „Möge die heilige Friedensstimmung, wie sie in letzter Zeit die Kundgebungen des Dahingeschiedenen durchleuchtete, zu seinem ehrenden Gedenken in unserer Vaterstadt dauernd walten, so wie auch unsere Glaubensbrüder, sich beugend vor der Majestät des Todes, vereint mit allen unseren Mitbürgern tiefbewegt an dieser Bahre stehen.“ Diese würdelose Kriecherei, die es vollkommen vergißt, daß Lueger nur Friedensstimmung fand, wenn er am Grabe von Juden stand, kann überall, wo Juden wohnen, nur das Gefühl bitterster Verachtung wecken und das tiefste Beileid für die jüdische Bevölkerung Wiens auslösen, die von solchen Führern geleitet wird. Denn bei aller objektiven Wertung des Luegerschen Verwaltungsgenies kann man Oesterreich nur wünschen, daß die christlichsoziale Partei ihrem Schöpfer bald ins Grab nachfolge. Die Aufrichtigkeit der Gefühle der Juden gerade in dem jetzigen Moment kann durch die Schritte der Herren in der Seitenstettengasse nicht beeinträchtigt werden.“ Das „Lemberger Tagblatt“ befaßt sich mit der Heldentat der Wiener Gemeinderepräsentanz und knüpft daran folgende Bemerkungen: „Das Gefühl für Ehre ist bei ihnen (den assimilierten Kultusgewaltigen) vollständig abhanden gekommen. Sie bücken sich bis in den Staub, wenn’s nur darum geht, ein Geschäft zu machen. Doch glaubten wir, daß nur unsere galizischen Kahalniks so ehrlos sind. Die Wiener Kultusherren stellte man sich garz anders vor Wohl wußten wir, daß sie assimilert sind, doch hielten wir sie für Menschen mit Ehrgefühl. Nennen sie doch jeden galizischen Juden „Polnisches Schwein.“ Nun sehen wir, daß die Wiener die Knute verehren. Der galizische Moschko lächelt süßlich und schmeichelt dem Herrn, um nur der Knute auszuweichen, der Wiener aber jammert, wenn er nicht geprügelt wird. Der Wiener Assimilant ist ein „gerader Michel,“ seine Sklavengeberde ist ehrlich gemeint.“ „ . . . Wie kann man Achtung von den Juden verlangen, wenn an ihrer Spitze Menschen stehen, die jedes Ehrgefühles bar sind?“ Diese Proben genügen wohl. Der Wiener Kultusvorstand hat es nie verstanden eine solche Einmütigkeit in der Beurteilung seiner Handlungen zu erzielen, wie diesmal. Der neue Kurs. Das Wablkomitee der Freiheitlichen im I. Bezirk hat die Kandidatur eines getauften Juden unter Vorhalt dieses Umstandes abgelehnt. Herr Neumann ist ein Mann der Tat — Das braucht man im Gemeinderat! Nicht Geist, Gesittung und Manieren, Nur Schneidigkeit kann imponieren! Elastisch, jung und respektabel. Die Brust heraus, retour den Nabel, Damit man wieder Eindruck mache — Wie sagt man? — für der guten Sache! Darum wußte jeder ganz genau: Das ist der Mann des D. D. V.! Was braucht man lange zu beraten Bezüglich dieses Kandidaten? Der Mann war Saazer Burschenschafter — Was soll der Streit? Wir sagten Mafter Und schließen die Debatte! Wache Mein Volk, nun für der deutschen Sache! Nanu? Was ist das? Der Teuton Hofbauer fängt zu reden on: „Der Kandidat, wo vorgeschlagen, Ist — Sie verzeihn! — wie soll ich sagen? (Die deutsche Hörerschaft verstummt . . .) Wie Korytowsky sagt: Meschumed! Und das — ich bin doch von dem Fache! — Ist schädlich für der guten Sache! Da wurden alle ringsherum Gedankentief und äußerst stumm; Herr Türk tät rasch zum Gehn sich wenden, Kuranda nickte mit den Händen, Nur Dr. Hein lacht fein-politisch Weil er noch immer israelitisch — — So wird die Sude im neuen Lichte Ein wichtiger Abschnitt der Freiheitsgeschichte! Beda. seinen Chauvinismus, Antisemitismus und Klassenegoismus alle Nichtdeutschen und die großen Massen des deutschen Volkes abstoßt. * * * Die jüdische Presse über den Wiener Kultusvorstand. Der würdelose Schritt der Wiener Kultusgemeinde, die es für geziemend hielt, in Gesellschaft aller Antisemiten der Welt, „tiefbewegt an der Bahre“ des gestorbenen Antisemitenhäuptlings Lueger zu stehen, fand in allen jüdischen Kreisen, die noch etwas auf Ehre und Selbstbewußtsein halten, die verdiente Aufnahme. Nur zwei Wiener jüdische Zeitungen haben aus wohlweislichen Gründen die ganze Affäre in Stillschweigen zu ersticken versucht. „Die Wahrheit“, aus der wir in der letzten Zeit manch gesunde Ansicht zitieren konnten, begnügte sich mit der Wiedergabe des famosen Schreibens, ohne daran irgend ein Wort zu knüpfen. Da sie den löblichen Kultusvorstand nicht tadeln durfte, schwieg sie. Die „Österreichische Wochenschrift“, das Organ für die gesamten Interessen des Rabbi Bloch, unterschlug die Nachricht von der Heldentat des Wiener Kahals. Es ist nicht das erstemal, daß sie offizielle Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde der Oeffentlichkeit vorenthält. Sie wußte ja vor einigen Monaten auch nichts davon, daß die Erzeugnisse der bei ihr inserierenden Wurstfabriken von dem Rabbinate des Wiener Kahals als trefe bezeichnet und die Juden vor ihrem Genüsse gewarnt wuiden. Im Nachfolgenden seien einige Blätterstimmen über den unwürdigen Streich der Herren aus der Seitenstettengasse wiedergegeben. Das „Frankfurter israelitische Familienblatt“ schreibt: „ . . . der Tod des modernen Haman, der Tod Bürgermeisters Lueger in Wien aber ändert nichts an dem Hamanssystem und was noch schlimmer: er zeigt Israel in seiner ganzen Schmach. Denn wahrlich, niedriger kann das jüdische Ehrgefühl nicht mehr sinken, als bei der Vertretung der 180.000 Juden Wiens. Ein Beileidsschreiben haben diese Edlen, die „mit allen ihren Mitbürgern tiefbewegt an der Bahre Luegers stehen“, an das Gemeinderatspräsidium gerichtet, ein Beileidsschreiben bei dem Tode des Mannes, der noch vor vier Jahren den Juden seiner Stadt mit einem Pogrom nach russischem Muster drohte und der von den Juden gesagt hat, sie hätten die Pest nach Wien gebracht. Ratlos sinnt man nach einer Erklärung, denn diese Tat ist mehr als Mangel an jüdischem Ehrgefühl. Nur eine Antwort ist möglich — und diese Antwort gibt die „Frankfurter Zeitung“, indem sie sagt: Der alteingesessene Wiener Jude ist selber Antisemit.“ Die Berliner „Jüdische Rundschau“ beurteilt die Tat des Wiener Kahals folgendermaßen: Manche lachten, einige aßen und tranken, einige nahmen von der Hausfrau Almosen in Empfang, dankten und gingen. Während Frime vom Lebkuchen ein Stückchen spielend zerbröckelte, stierte sie der als Ahasver verkleidete Bachur an, als wollte er sie verschlingen. Es war der erste Belfer aus dem Nachbar- , Städtchen. Frime und er hatten als Kinder miteinander gespielt, dann hatten sie die ersten Jugendjahre zusammen verträumt, bis eines Tages der gutgestellte Schaffer das folgsame Mädchen heimführte. Der Belfer trug von diesem Tage an eine brennende Sehnsucht im Herzen. Und diese Sehnsucht lag in seinen Blicken, mit denen er Frime umschlang. Neid auf den glücklichen Elli erfüllte ihn. Ein Schaffer galt in dieser Gegend als ein gemachter Mann. Was war ein Belfer dagegen? Auch imponierte es ihm, daß ein Jude sich auf die Bewirtschaftung eines Gutes verstand. Im stillen sagte er sich freilich: Er ist doch ein Bauer. Kann er denn Tora lernen? Und dieser Mensch hatte Frime in seiner Macht! Der Schaffer murrte und fletschte seine raubtierartigen Zähne, da ihm die Zudringlichkeit des „Königs Ahasver“ nicht sonderlich behagte. Endlich näherte er sich seinem Weibe, beugte sich herab und flüsterte: „Frimeleben, verschau dich nicht, die Masken sind häßlich und rot, du weißt ja, du mußt vorsichtig sein.“ Frime errötete, was den unverwandt starrenden „König“ noch mehr lockte und reizte. „Schaffer, der Herr Verwalter ruft“, ertönte es aus dem anstoßenden Zimmer. Nie war der Schaffer unwilliger von seinem Weibe fortgegangen. Jetzt hat Ahasver freien Spielraum, klirrte mit den Sporen, gierte mit den Augen und goß in sich den Wein unablässig und hastig, als wollte er ein inneres Feuer löschen. Doch glich er einem brennenden Hause, in das man ganze Ströme Wasser spritzt und aus dessen Winkeln und Räumen trotz alledem die Flammen immer wilder hervorlodern. Die Sehnsucht schrie: „Geh, nimm, was dir gehört, nimm, und sei es auch nur auf einen Augenblick.“ Als die Aufmerksamkeit der Anwesenden in eine andere Richtung gewendet war, sprang er blitzartig an die begehrenswerte Frau heran, um sie zu umarmen. . . . Sie schnellte empor, eilte, wie verwirrt, zur Tür, noch ehe es jemand bemerken konnte, und lief hinaus in Frost und Wind; der Lehrer ihr nach, keuchend und glühend. . . . „Schafier, Ihr Weib lauft nach Haus,“ rief ein Bauer. Gleich einem verwundeten Eber stürmte der Schaffer hinaus, durchs Dorf dem Hause zu, über den glitschigen Weg, wo eine Gestalt die andere jagte. Seine Augen rollten, seine Schläfen schwollen an, seine Mundwinkei bebten, feucht vor Schaum der Wut. -- „Ich erschlage dich,“ schrie er wie besessen „Lump, ich erschlage dich! .... Frime, lauf nicht! . . . . Da rutschte sie aus, sank mit einem Aufschrei um und lag auf dem kalten schneebedeckten Weg. Der Belfer aber lief und hastete an ihr vorbei und rannte wie wahnsinnig weiter. — „Ich erschlag dich, wenn was geschieht,“ donnerte ihm der Schaffer nach. Aengstlich hob er sein Weib empor und trug es besorgt, auf seinen Händen ins Haus. Sein Blick verlor sich in dem hohen Raum, wo die Nachmittagssonne wie ein kalter Silberschild lag. Wie, wenn etwas geschähe . . .?. . . In der warmen Stube legte er seine Gattin sanft auf das graue Sofa. Es war an ihr keine Spur vom Fall zu finden, sie fühlte sich nur erschöpft und traurig. Weshalb sie-weggelaufen war, konnte

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